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Full text of "Denkschrift zur Feier seines 50 jährigen Bestehens 1854-1904 [microform]"

NEGATIVE 
NO. 94-8201 7 




COPYRIGHT STATEMENT 



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copylng order if. m its judgement, fulfillment of the order would involve 

violatlon of the Copyright law. 



Author: 

Bieter 



3 




Title. 



Denkschrift zur feier 
seines 50jährigen... 

Place: 

Winterthur 

Date: 

1904 



Q4- 9,70/1-1 

MASTER NEGATIVE # 



COLUMBiA UNIVERSmr LIBRARIES 
PRESERVATION DIVISION 



BIBLIOGRAPHIC MICROFOR 



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Handwerks- und gevferbeverein des kantons Zürioh- 
..• Denkschrift zur feier seines 50jährigen 

bestehens, 1854-1904, im auftrage des Vorstandes 

bearb. vom verein saktuar J. Biefer ... V/interthur^ 

Binkert, 1904. 

viii, 223 p. 23 cm. 



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Im Auftrag des Vorstandes 
bearbeitet Dom Vereinsaktuar 

sn D. Biefer rzs 

SekuDdarlebrer in Bülacb 



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School of Business 







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Handwerks- und Gewerbeverein 

des Kantons Zürich. 



Denkschrift 



zur 



Feier seines 50jährigen Bestehens 



1854-1904 



Im Auftrage des Vorstandes bearbeitet vom Vereinsaktuar 

J. BIEFER 

Sekundarlehrer in Bülach. 




WINTERTHUR 
Buchdrucl<erei Wintertliur vorm. G. Binkert 

1904. 



Inhaltsverzeichnis. 



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Vorwort. 

A. Geschichtlicher Rückblick 

Die Zunftzeit bis 1798 ........ 

Die Susj^ension des Zunftwesens zur Zeit der Helvetik 1798 — 1803 
Umkehr zum Zunftwesen 1803 — 1832 ..... 

Übergang zur vollständigen Gewerbefreiheit, 1832 — 1837 

Kampf zwischen Altem und Neuem, 1838 — 1849 

In neuen Bahnen .......... 

B. Gründung des kantonalen Handwerks- und Gewerbevereins 

C. Vereinstätigkeit 

a) Chronologische Übersicht der Vereinstätigkeit 

Bis und mit den sechziger Jahren 

Siebziger Jahre .... 

Achtziger Jahre .... 

Die letzten 1 4 Jahre 
h) Innere Vereinsangelegenheiten . 

c) Gewerbliche und gesetzgeberische Fragen 

1. Berufliche Ausbildung 
a) Allgemeine Volksschule, Fortbildungs- und Gewerbeschulen 

Werkstattlehre und Lehrwerkstätten, Lehrlingsprüfungen 
ß) Technikum in Winlerihur 
Y) Landesmuseum .... 
8) Gewerbemuseen, Pachkurse . 

2. Gewerbehalle der Kantonalbank 

3. Ausstellungen ..... 

4. Kraftbeschafifung für den Kleinbetrieb 

5. Gewerbegesetz .... 

6. Gesetz betrefFend das Lehrlingswesen und das berufliche Fort 
bildungsschulwesen . 

7. Das Submissionswesen 

8. Grundjifandrccht der Bauhand werker 

9. Unlauterer Wettbewerb 

10. Publikation ausgeschätzter Schuldner 

11. Fabrik- und Haftpflichtgesetze . 

12. Kranken- und Unfallversicherung 

13. Zollgesetzgebung ... 



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D. Schlusswort 

Anhang. 

Zuschrift an den grossen Rat, datiert den 12. Februar 1831 
Verzeichnis der Ehrenmitj^lieder von 1859 — 1904 . . . . 

„ Vorstandsmitglieder von 1854 — 1904 
„ Verbandssektionen und ihrer Vorstände 1903 . 
„ „ Vorträge und Referate ...... 

Tabellarische Zusammenstellungen betrefTend die Gewerbchalle der 
Kantonalbank .......... 

Gesetzentwurf des kantonalen Gewerbevereins über das I.ehrlings- 

wesen und das berufliche Fortbildungsschulwcsen 
Postulate des kantonalen Gewerbevereins betrefTend die Publikation 
ausgeschälzter Schuldner ........ 

Formular zur Berichterstattung der Sektionen ..... 

Statuten ............ 





Seite 


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Vorwort. 



Der Unterzeichnete hat vor ungeflihr Jaliresfrist vom Vorstande 
des kantonalen Handwerks- und Gewerbevereins den ehren- 
vollen Auftrag erhalten, auf das Jubiläum des fünfzigjährigen Bestandes 
des Vereins eine Festschrift zu verfassen, die den Mitgliedern zugestellt 
werden soll. 

Am Ostermontag des Jahres 1854 wurde nämlich in Horgen 
von den beiden Gewerbevereinen Horgen und Zürich die Gründung 
eines Handwerks- und Gewerbevereins für den Kanton Zürich be- 
schlossen; es sind also seit jenem Zeitpunkte fünfzig Jahre Vereins- 
leben vollendet. 

Der Verein hat eine reiche Arbeit auf ü:ewerblichem Gebiete 
hinter sich und es lohnt sich wohl, einen etwas umfassenderen Rück- 
blick auf seine Wirksamkeit zu werfen. Wir erfüllen damit nicht 
nur eine Pflicht der Pietät gegenüber denen, die an dieser Arbeit 
mitgeholfen, sondern ziehen auch nützliche Lehren für uns selber 
aus all dem Erstrebten und Erreichten. 

Der Verein legt damit zugleich auch Rechnung ab gegenüber 
den obersten Landesbehörden, die ihm durch moralische und öko- 
nomische Unterstützung eine wirksame Tätigkeit ermöglichten. 

Durch die vorliegende Arbeit hofl'en wir den Beweis zu erbringen, 
dass der Verein die Aufgabe treu und redUch erfüllte, die er sich in 
seinem Programm und seinen Statuten vor fünfzig Jahren selbst stellte. 



— VI 



Wir lassen dem eii^^entliclien Bericht über die Vereinstätigkeit 
einen kurzen geschichtlichen Rückblick vorangehen, der uns not- 
wendiiT erschien, um die Ursachen des Zusammenschlusses der Hand- 
werker und Gewerbetreibenden zu einem Verein nachzuweisen. Übrigens 
ist die Zeit vor der Gründung an sich schon interessant, bricht doch 
die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit fiist allen Traditionen 
auf gewerblichem Gebiete so gewaltig, dass der ganze Stand des 
Handwerks in seinem innersten Wesen erschüttert wird. Wie müh- 
sam sich der Handwerkerstand aus all den Stürmen hinausrettet aufs 
sichere Land, zeigt dieser geschichtliche Abschnitt, der freilich manchem 
etwas wenig interessant erscheinen mag, macht er doch aut uns 
den Kindruck, als wären die Handwerker jener Zeiten all zu ängst- 
lich am Alten i^ehani2:en und hätten sich nicht loswinden können von 
^tx-x Privilegien, die ihnen die früheren Zeiten garantiert hatten. Doch 
ist dem nicht so; die Handwerker jener Tage zählten mit zu den 
fortschrittlichen Hlementen, sie bildeten auch damals noch den Kern 
der Burgerschaft, wie jene Wackern in Gottfried Kellers «Fähnlein 
der sieben z\ufrechten ». Die Handwerker waren immer dabei, wenn 
es galt, den wahren Fortschritt zu verteidigen, sei es aut dem Ge- 
biete der Politik, der Schule, der Wohlfahrtseinrichtungen überhaupt. 
Und wenn dem Handwerkerstand etwa der Vorwurf gemacht werden 
will, er sei gar sehr aufsein Interesse bedacht, so trifft das nur insofern 
zu, als er wie jeder andere Stand darauf achten muss, sich seiner 
Existenz zu wehren. 

Im Abschnitt über die Vereinstätigkeit sind wir zwei Wege ge- 
gangen, einmal den chronologischen und dann den allgemeinen, nach 
gewerblichen Gebieten geordneten. 

Im chronologischen Teil betrachten wir die Tätigkeit in Gruppen, 
nach Zeitabschnitten fortschreitend, zunächst in '\<:\\ sechs ersten 
und den sechziger Jahren, dann in den siebziger, in den achtziger 
Jahren und endlich in den letzten anderthalb Jahrzehnten bis heute. 
Diese Einteilung ist eine ganz willkürliche, aber sie bietet den Vor- 



— VII 



teil, dass die verwandten Gebiete nicht zu stark auseinander gerissen 
werden; es lassen sich die Bestrebungen übersichtlicher betrachten, 
als wenn streng chronologisch verfahren würde. 

In einem zweiten Teil werden sodann die gewerblichen und ge- 
setzgeberischen Fragen zusammenhängend betrachtet und nach der 
Wichtigkeit mehr oder weniger einlässlich besprochen. Besondere 
Aufmerksamkeit wird dem Abschnitt über berufliche Bildung der 
Lehrlinge und der Meister gewidmet und, weil auch dahin gehörend, 
den Anstalten, die zur Belehrung dienen sollen, so den Gewerbe- 
museen und den damit verbundenen Lehrwerkstätten und Fachkursen, 
dem Landesmuseum, ferner den Einrichtungen, die neben der Beleh- 
rung auch praktische Vorteile zu schafl'en geeignet sind : den Aus- 
stellungen, der Gewerbehalle. Ausführlicher behandelt ist auch das 
Gebiet der Gesetzgebung auf gewerblichem Boden; die Gesetzes- 
vorlagen bezwecken ja, dem Gewerbestande Beistand und Schutz an- 
gedeihen zu lassen. Wir versuchten jeweilig, die Ursachen zu be- 
gründen, die ein Gesetz notwendig erscheinen Hessen; wir nennen 
die bezüglichen Wünsche des Handwerkerstandes und sprechen auch 
von seiner Mitarbeit. 

In einem Anhang geben wir zunächst eine Eingabe der Hand- 
werker aus den dreissiger Jahren, jener Zeit, die dem Handwerker- 
stande seine Vorrechte nahm ; sie schien uns doch wxrt, als eine Er- 
gänzung zum geschichtlichen Teile aufgenommen zu werden, weil 
sie ein getreues Bild der Anschauung und Denkweise der Meister 
jener Tage gibt. Dann finden sich Tabellen, die nicht gut in den 
eigentlichen Textteil gepasst hätten, wie Persönhches, die Ehren- 
mitglieder und \'orstände des kantonalen Vereins und seine Sektionen 
betreff'end, ferner statistische Zusammenstellungen über die Gewerbe- 
halle der Kantonalbank, die nicht ganz wertlos sein dürften, weil sie 
ein getreues Abbild der Verhältnisse der früher so stark angefochtenen 
Anstalt geben. Wir nahmen auch die Vereinstatuten auf und endlich 
fügten wir die noch pendenten, vom Verein ausgearbeiteten Gesetzes- 



y 



— VIII — 

vorlagen bei über das Lehrlings- und das berufliche Rildungswesen und 
den unlautern Wettbewerb, weil diese Vorlagen den Verein gegen- 
wärtig am meisten beschäftigen und wahrscheinlich noch längere Zeit 
in Arbeit erhalten werden. 

Wir haben auch die Quellen zu nennen, aus denen wir haupt- 
sächlich schöpften, und wir gestehen offen, sehr ergiebig schöpften; 
wir erlaubten uns oft wörtliche Anführungen. In erster Linie be- 
nutzten wir natürlich die Protokolle des Vereins; bequemer und über- 
sichtlicher war der Stoff geordnet in den Jahresberichten, die seit 
1883 gedruckt vorliegen; für den geschichtlichen Teil benutzten wir 
Esslingers vorzügliches Gutachten ; reichen Stofl' boten die Hefte des 
schweizerischen Gewerbevereins über gewerbHche Zeitfragen und viele 
andere Schriften des Zcntralvorstandes dieses Vereins, ferner die Hefte 
über «Schweizer Zeitfragen», das Werk W^uimanns über das Zollwesen, 
die Ausstellungsberichte, die Preisschriften der Herren Weber, Hug 
und Boos-Jegher, die schweizerische Enquete vom Jahre 1883, die 
gedruckten Vorträge und Gutachten über Kraft beschaflung u. a. m. 

Zu grossem Danke sind wir unserm frühern, langjährigen Vereins- 
präsidenten, Herrn Nationalrat Berchtold in Thalwil, und dem der- 
zeitigen Präsidenten, Herrn Sekundarlehrer Gustav Weber in Zürich V, 
verpflichtet für ihre wertvollen Mitteilungen und trefliichen Ratschläge, 
und letztem! ganz besonders für die gütige Durchsicht des Manu- 
skriptes vor der Drucklegung. 

Der Aktuar 
des Handwerks- und Gewerbevereins des Kantons Zürich : 

J. Bieter, Sekundarlehrer. 
BüJach, den 9. August 1904. 




A. Geschichtlicher Rückblick. 



Wenn wir die innere Veranlassung zur Gründung unseres \'er- 
eins und auch seine Bestrebungen besonders am Anfang 
seines Bestehens recht verstehen wollen, müssen war vorerst einen 
Rückblick in die Vergangenheit werfen. Die Errungenschaften einer 
Zeit kommen ja nicht unvermittelt, sie sind die nur langsam reifenden 
Früchte früherer Perioden. 

Wir w^erden sehen, wie das Handwerk sich langsam entwickelt, 
w^ie es rasch aufsteigt zu einer glänzenden Blütezeit, dann lange still- 
steht und vom alten Ruhme zehrt, sich sträubt und wehrt gegen 
neue Anschauungen und andere Verhältnisse, bis es endlich die Kraft 
findet, sich der geänderten Lage anzupassen und sich auf eigene 
Füsse zu stellen. 

Die Zeit vor der Gründung unseres Vereins teilt sich natur- 
gemäss in sechs Abschnitte: 

1. Die Zunft:(eit bis 1798, 

2. Die Suspension des Zunftwesens zur Zeit der Helvetik 1 798 — 1 803, 

3. Umkehr :^mn Zunftzuesen 1803 — 1832, 

4. Übergang :^ur vollständigen Geiuerbefreiheit 1832 — 37, 

5. Kampf :^u'ischen Altem und Neuem 1838 — 1849, 

6. In neuen Bahnen. 



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1. Die Zunftzeit bis 1798. 

Bei iinscrn alemannischen Voiiahren gab es lange Zeit keine 
eigentlichen Handwerker; die gewerblichen Dinge, die sie für die 
Bestellung ihrer Äcker, für Wohnung und Kleidung, für Jagd und 
Krieg brauchten, wurden durch den eigenen Haushalt geliefert. Den 
orössten Teil der Arbeit überliessen die Männer ihren Frauen, den 
Knechten und Mägden. Die Hausfrau spann und wob, die männ- 
lichen Hörigen oder die Knechte verrichteten die schweren handwerks- 
mässigen Arbeiten; aber sie waren keine Handwerker, sondern Land- 
arbeiter, denen das Handwerk nur ein von der Landwirtschaft un- 
trennbarer Nebenberuf war. 

Nach und nach vermehrten sich die Bedürfnisse des Volkes, und 
einzelne Nebenberufe wurden zur selbständigen Erwerbstätigkeit, zum 
Handwerk. Zuerst bildeten sich das Schmiedehandwerk, die Töpferei 
und die Weberei zu eigentlichen Gewerben aus. 

Besonders wichtig wurden die Klöster für die Ausbildung des 
Handwerks. Sie können als Hauptstätten mittelalterlicher Industrie 
bezeichnet werden. In Alemannien ragte vor allen geistlichen Stiften 
St. Gallen hervor. Der uns erhaltene Grundriss zeigt besondere 
Werkstätten für l^ötticher, Drechsler, Barbiere, Schuster, Sattler, 
Schwertfeger, Schleifer, Schildmacher, Metalldreher, Gerber, Gold- 
arbeiter, Grobschmiede und Walker. — Das Kunsthandwerk l^md 
durch die Mönche ebentalls eifrige Pflege. Eiserne Kronleuchter, 
kupferne und eiserne Weihrauchgefässe, silberne und goldene Kelche, 
zierliche Schreine und Kästchen, kostbare Buchbeschläge und Schliessen 
zeugen von der klösterlichen Kunst jener Zeiten. 

Auch ausserhalb der geistlichen Stätten machte das Handwerk 
Fortschritte; es hatte aufgehört, blosser landwirtschaftlicher Neben- 
bedarf zu sein, wodurch es sich in technischer Beziehung vervoll- 
kommnete. 

Aber das gewerbliche Leben entbehrte zur rechten Entfaltung 
noch einer Hauptbedingung, es fehlte an richtigen Mittelpunkten des 
Handels und Verkehrs. Erst als das städtische Leben sich entwickelte, 
waren die Bedingungen für ein Aufblühen des Handwerks gegeben. 



Seit den Zeiten der Ungarneinfälle und des häufigen Fehdewesens 
bci^^mn man, grössere Orte durch Wall und Graben zu schützen, es 
enLanden die Städte. Sie wurden Marktorte und gewährten schon 
deshalb dem Plandwerk nicht nur eine sichere Heimstätte, sondern 
auch einen guten Nährboden. Die Handwerkszweige entwickelten 
sich hier zu immer höherer technischer Vollkommenheit und die 
Klosterwerkstatt wurde nach und nach ersetzt durch die bürgerlichen 

Werkstätten der Städte. 

Ursprünglich waren alle Städte unfrei, weltlichen oder geistlichen 
Herren Untertan. Zürich z. B. gehörte dem Kloster zum Fraumünster. 
Aber im Laufe der Zeit erlangten die Bürger immer mehr Rechte 
und Freiheiten, bis sie meist unabhängig wurden. Sie standen jetzt 
als kleine Freistaaten da, die sich rasch vergrösserten. Scharen 
f von Landbewohnern drängten sich in die Stadtmauern, die ihnen 
Schutz vor Willkür und Bedrückung sicherten. 

Der Handwerkerstand gedieh in der Freiheit so gut, dass er 
bald zu Wohlhabenheit und Reichtum und damit zu ökonomischer 
Selbständigkeit gelangte. Politisch war er aber immer noch rechtlos. 
Waren die Patrizier allein regimentsfähig? Sollte die Arbeit nicht zu 
ihrem Rechte gelangen? So fragten die Handwerker voll Selbst- . 
bewusstsein. Sie verbanden sich, sie bildeten Zünfte, und als starke 
Vereinicuni: erzwangen sie sich Gleichberechtigung und Mitregent- 
Schaft. Diese Entwicklung ging in Zürich nicht ohne leidenschafthche 
Kämpfe vor sich. Die Aristokratie, die Gefahr für den eigenen 
Stand witternd, suchte die Bildung der Zünfte mit allen Mitteln 
darnieder zu halten. Aber das herrschende Regiment wurde gestürzt 
und den Zünften gleich starke Vertretung in den Räten gegeben 
wie der Konstaffel, die aus den Rittern und ^^ornehmen, zu denen 
auch die grössten Kaufleute zählten, bestand. Diese Einteilung der 
Bürc^erschaft der Stadt Zürich ist dann im allgemeinen geblieben bis 
zum Untertjang des alten Zürich am Ende des i8. Jahrhunderts (1798)- 

Unter Waldmann mehrten sich noch die Rechte der Zünfte auf 
Unkosten der Vornehmen, so dass von da an, wenigstens dem Namen 
nach, von einem Bürgerregiment gesprochen werden kann. Die Yer- 
flissuncjsarundsätze Zürichs erlaubten eben die Entwicklung eines 



— 4 — 

freien, gleichberechtii^ten Bürgertums, im Gegensatz zu etlichen andern 
Städten der Eidgenossenschaft im Westen. 

Die Zünfte gewannen neben politischen auch sehr bedeutende 
wirtschaftliche Rechte, die der Ausübung ihrer Gewerbetätigkeit sehr 
zugute kamen. Unter den sog. Zwangsrechten war das wichtigste der 
Ztmft-zLWii:. Jeder, der das betreffende Gewerbe innerhalb der Stadt 
betrieb, war zum Hintritt in die zugehörige Zunft verpflichtet. Die 
Zunft konnte die Aufnahme neuer Mitglieder versagen und so die 
Zahl der Berufsgenossen auf ein gewisses Mass beschränken. Von neu 
aufzunehmenden Meistern wurde ein Befähigungsnachweis verlangt; 
auch musste der Jungmeister redlich und ohne Makel sein. Allge- 
mein verlangte man den Nachweis, dass der Aufzunehmende eine 
bestimmte Zeit bei einem zünftigen Meister gelernt hatte. Später ent- 
wickelte sich auch der Gescllenzwang und der Wanderzwang. Wer 
seine Befähigung durch ein sauber gearbeitetes Meisterstück erwiesen 
hatte, dem pflegte man in der Blütezeit des Zunftwesens keine weitern 
Schwierigkeiten zu bereiten; die Stümper jedoch wollte man fern halten. 
Die Interessen ihrer Mitglieder suchte die Zunft durch eine Ge- 
werbeordnung zu fördern. Das Zunftwesen des Mittelalters wollte 
vor allem ein Übergewicht des Kapitals verhüten: «Was zwei 
ernähren kann, soll nicht einer treiben,« war einer ihrer Hauptgrund- 
sätze. Das Gewerbe sollte sich in den Schranken des Kleinbetriebes 
halten. Die Zahl der Gehilfen, die Dauer der Arbeitszeit wurde 
durch die Zunft festgesetzt. Gewisse Rohstoff"e wurden gemeinsam 
eingekauft. Die Zunft regelte auch den Arbeitslohn, sogar den 
Verkaufspreis. Durch alle diese Einschränkungen wurde bezweckt, 
allen Zunftgenossen das Recht auf Arbeit so viel als möglich zu 
wahren, die Bedingungen des wirtschaftlichen Daseins für alle möglichst 
gleichmässig zu gestalten. 

Die Zunft bildete eine enge Lebensgemeinschaft. Ihre Genossen 
gelobten, «mit der Zunft Liebe und Leid zu tragen.» Gemeinsam 
feierten sie die Hochzeit des Genossen auf dem Zunfthause; sie 
aaben dem verstorbenen Handwerksbruder, den das gemeinsame 
Bahrtuch deckte, das letzte Geleit. Aus den Zunfteinnahmen unter- 
stützte man die Schwachen und Kranken, die Armen und Siechen. 






— 5 -- 

Als städtische Wehrkörper lernten die Zünfte erst recht ihre 
Kraft kennen. Sie bildeten im Kriege in der Regel besondere Ab- 
teilungen, Schlachthaufen, denen das Zunftpanner voranwehte, und 
wahrlich, sie schlugen tapfer drein! Sie haben ein Hauptverdienst 
daran, dass die Schweiz über so stolze Heere siegen und sich dadurch 
die Unabhängigkeit bewahren konnte. 

Aber auch die Erzeugnisse des Handwerks, das im 15. und 
16. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte, nötigen uns eine hohe 
Achtung ab. (Wir sind seit einigen Jahren in der glücklichen Lage, 
die gewerblichen Produkte jener Zeiten in unserm Schweiz. Landes- 
museum in Zürich gründlich kennen zu lernen. Möge der Leser 
später, in einem besondern Abschnitt, mit uns einen raschen Gang 
durch die reichen Säle machen, wo vor unsern Augen die Zeiten 
sich entrollen von den fern hinter uns liegenden vorgeschichtlichen 
Tagen bis zur Gegenwart.) 

Im 17. Jahrhundert begann die Bedeutung der Zünfte nach und 
nach zu sinken. Dabei wirkten verschiedene Ursachen mit. 

Das Geistesleben zeigt nicht mehr die Frische und Freiheit des 
16. Jahrhunderts. Eine gewisse Beschränktheit haftet dem Ideenkreis 
des 17. Jahrhunderts an; ein schwerer Bann hemmte jeden freien Auf- 
schwung. Zwischen den Vornehmen und der übrigen Bürgerschaft 
der Städte waren nach und nach allerlei Schranken gesetzt worden. 
So förderten in Zürich Bildung und Reichtum nach und nach eine 
Bevorzugung weniger Familien, die sich denn auch beinahe immer 
in den Ämtern zu erhalten wussten. Unter diesen Umständen 
nahmen die Handwerker an Bedeutung mehr ab. Den Verlust an 
äusserer Macht suchten sie nun durch festes, starres Zusammenhalten 
gut zu machen. Allein gerade dieses Abschliessen von fremden 
Elementen hemmte die freie Ausbildung der Kräfte, sie verknöcherten 
im beschränkten engen Kreise ihrer eigenen Interessen. 

Diesem augenfälligen Niedergang glaubten die Zünfte in grosser 
Selbstverblendung durch noch starreres Festhalten an alten Formen 
und Einrichtungen begegnen zu können. Dass diese sich überlebt 
hatten, dass sie mit den Zeitverhähnissen im Widerspruche standen, 
wollten sie nicht glauben. Man fing im Gegenteil an, die Be- 



6 — 



stimmuniien und Einrichtunc^en des alten Zunftzwanges einseitig im 
Interesse des Gewerbestandes auszunützen, indem man sie in unnötiger 
Weise verschärfte. In erster Linie galt es, die Konkurrenz zu ver- 
mindern. Man suchte zu diesem Zwecke die Bedingungen der 
Aufnahme in die Zunft, die Erlangung des Meisterrechtes nach 
Möglichkeit zu erschweren. Die von Lehrlingen und Gesellen zu 
entrichtenden Aufnahme- und Einschreibegebühren wurden erhöht, 
die Lehrzeit unbillig verlängert. Der Lehrling wurde von der Meisterin 
zu allerhand Hilfeleistungen im Haushalte missbraucht. Das Züchti- 
gungsrecht wurde vom Meister in unverantwortlicher Weise ange- 
wendet. Bei der Anfertigung des Meisterstückes war es darauf 
abi^esehen, dem Gesellen die Erwerbung des Meisterrechtes durch 
allerlei Ränke und Kniffe zu verleiden. Der Wanderzwang wurde 
nach und nach ganz allgemein; nur wer die vorgeschriebene Reihe 
von Jahren auf der Wanderschaft gewesen war, wurde zur Meister- 
prüfung zugelassen. Diese lange Wanderzeit machte trotz des 
«Geschenkes» aus manchem ursprünglich tüchtigen Burschen einen 
Eechtbruder und Tagdieb. — Die Zeit war längst vorüber, wo die 
Zunftmitglieder jeden tüchtigen Genossen als willkommenen Zuwachs 
begrüssten. Die Schliessung der Zunft, das heisst die Festsetzung 
der zulässigen Meisterzahl wurde als erstrebenswertes Vorrecht erachtet. 

Alle diese verschiedenen Einschränkungen erschienen um so 
gehässiger, je weniger die Söhne, die Schwiegersöhne und Witwen 
der zünftigen Meister davon betroffen wurden. 

Ein unerquickliches Verhältnis jener Zeiten darf nicht unerwähnt 
gelassen werden, es betrifft das der Gesellen zum Meister. Die 
Gesellenverbände, die als zu Recht bestehend von den Zünften schon 
längst hatten anerkannt werden müssen, gerieten mit den Genossen- 
schaften ihrer Meister in immer schärferen Widerspruch. Unter der 
engherzigen Handhabung des Zunftzwanges hatte ja niemand mehr 
zu leiden als der Geselle, der sich vorgenommen hatte, auch Meister 
zu werden. Je mehr die Möglichkeit schwand, selbständig zu werden, 
um so izrösser ward natürlich die Erbitterung. Nichts war mehr dazu 
angetan, die Unzufriedenheit zu steigern, als jene schamlose Be- 
günstigung der Söhne und Schwiegersöhne der zünftigen Meister. 



So wurde durch offenbare Unbilligkeit manch Tüchtiger und Würdiger 
zeitlebens darniedergehalten. In den guten Zeiten des Zunftwesens 
waren die Interessen des Gesellen die des Meisters gewesen, jetzt 
brachten die Verhältnisse es mit sich, dass die Gesellen sich als 
eigenen Stand absonderten und ihre eigenen Interessen verfochten. 

Sie strebten nach Mitwirkung bei der Regelung der Arbeits- 
bedingungen, nach einer Vertretung im Gewerbegericht und nach 
grösserem Einfluss auf das Lehrlingswesen. Sie suchten sich so 
vorteilhafte Arbeitsbedingungen zu sichern als möglich, die Löhne 
zu steigern und die Arbeitszeit zu kürzen. Je karger und unter- 
drückungssüchtiger die Meister, um so begehrlicher und unver- 
schämter wurden die Gesellen. Oft griffen die Gesellen zur Selbst- 
hilfe. Das Mittel war kein anderes als heute : Verruf und Ausstand, 
«Boykott» und «Streik». Bei allgemeinen Klagen gegen die Meister 
schritt man zum «Aufstand». Die Gesellen standen mit einem Male 
von der Arbeit auf und taten damit den Meistern empfindlichen 
Schaden. Arbeitswillige, die sich dem Aufstand nicht sofort an- 
schlössen, galten als Verräter, und wo man sie erwischen konnte, 
wurden sie gebeutelt, also misshandeh. Man nahm durch geeignete 
Massnahmen den Meistern die Mittel, den Ausfall von Gehilfen von 
aussen her zu ersetzen. Also genau wie heute! 

Viel gehässigen Streit verursachten die Übergriffe eines Hand- 
werks in das andere. Die Konkurrenz wollte ferngehalten werden 
durch möglichst scharfe und peinliche Abgrenzung der Arbeitsgebiete. 
StreniJ achtete der Glaser darauf, dass der Rahmenmacher keine 
Scheiben einzöge, und dieser, dass der Glaser keine Fensterrahmen 
verfertige, und beide mussten sich mit Rücksicht auf den Schreiner 
hüten, die Fensterbekleidung zu liefern. Innungsstreitigkeiten Hessen 
eine Menge von Vorschriften entstehen, die das Arbeitsgebiet genau 
abzugrenzen suchten. 

Die fortschreitende Technik, das Aufkommen zahlreicher neuer 
Gewerbe, die freiere Entfaltung des Verkehrs im i8. Jahrhundert 
mussten endlich zur Erkenntnis führen, dass dem Gewerbe das alte 
Gewand zu eng geworden sei, dass dieses die Bewegungsfreiheit 
hindere. 



8 - 



— 9 



2. Die Suspension des Zunftwesens zur Zeit der Helvetik 

1798—1803. 

Nirgends mehr als im wandelbaren Gebiete des Gewerbewesens 
ist es nötig, dass seine Formen sich der Entwicklung der Zeit an- 
schliessen, sonst werden sie zu lästigen Fesseln und um so schneller 
durchbrochen, je entschiedener dem Grundsatze gehuldigt wird, dass 
die gewerbliche Tätigkeit ein Ausfluss der Rechte aller Bürger ist. 
So wandelte der wohltätige Einfluss der Zünfte sich zum schäd- 
lichen Auswüchse um, als sie darauf ausgingen, den mühelosen, be- 
quemen Erwerb gegen eine rege freiere Tätigkeit zu verteidigen, 
1'ausende vom Gewerbebetrieb auszuschliessen, damit einer be- 
schränkten Zahl zünftiger Handwerksmeister der Besitz des Gewerbe- 
ertraiies unverkümmert gesichert bleibe. Es war ein Kampf der 
Mittelmässigkeit mit dem Talente. Der Ausgang konnte nicht un- 
gewiss sein. Er führte in den einen Staaten zur unbedingten Ge- 
werbefreiheit und mit ihr zu grösserer Entfaltung des Gewerbelebens, 
in den andern zu Reformen, welche eine ähnliche Entwicklung mehr 
oder weniger rasch vermittelten. 

Das 1 8. Jahrhundert brach mit dem starren, verknöcherten Wesen 
und schuf Wandel in den Anschauungen, ^'on England und Fmnk- 
reich her zog der Geist der Aufklärung auch in die Schweiz ein. 
Mit diesem neuen, frischen Geistesleben erwachte auch der Sinn tür 
den Fortschritt, die W^besserung des Bestehenden. 

Schon längst hatte der Handel die engen Schranken durch- 
brochen; der Absatz in die Ferne nahm zu, fremde Märkte wurden 
erschlossen, grosse Unternehmungen gegründet. Mit der EinRihrung 
neuer Arbeitsmethoden, arbeitsparender Maschinen ging man zur 
Massenproduktion über. 

In Zürich blühten seit lange schon hauptsächlich BaumwoU- und 
Seidenindustrie. Die vertriebenen gewerbefleissigen Hugenotten 
brachten am Ende des 17. Jahrhunderts die Fabrikation der Musse- 
line; schliesslich kam die Färberei auf. Die Seidenverarbeitung wurde 
durch die ihres Glaubens wegen flüchtig gewordenen Locarneseii 



wieder ins Leben gerufen. Aus dem unscheinbaren Handwerk ent- 
wickelte sich nach und nach eine weltberühmte Industrie. 

Das Spinnen und Weben wurde im ganzen Lande betrieben; 
aber aller Rohstoff musste von den Bürgern der Stadt Zürich be- 
zoizvu und viel Fabrikat durfte nur an diese verkauft werden. Nur 
Winterthur war es erlaubt, mit Baumwolltüchern einen beschränkten 
Handel zu treiben. Mit dem Überhandnehmen der Baumwollindustrie 
verschwanden nach und nach zwei Industrieen, die in früheren Zeiten 
eine grosse Bedeutung für Zürich gehabt hatten, die Wollen- und 
Leinenindustrie. Da die entstandenen Fabriken vom Zunftzwange 
völlig verschont blieben, gesellte zu den \'orrechten des haupt- 
städtischen Handwerkers sich also noch das des Kapitals. 

So gaben diese Verhältnisse besonders im Landvolk Anlass zu 
berechtigten Klagen. Am lebhaftesten empfand man die Fesseln 
des alten Staatswesens am Zürichsee, wo die Bewohner in Hinsicht 
auf Gewerbsamkeit der übrigen Landbevölkerung weit voranstanden. 
Hier musste man besonders jene Schranken hassen lernen, die in 
Form des Zunftzwanges der Kulturtätigkeit des Landvolkes hin- 
dernd im Wege standen. Männer von Stäfa beschlossen, eine Ein- 
c:abe an die Reoieruns: zu machen. Dieses Memorial enthielt u. a. 
folgende Beschwerden über den Gewerbedespotismus: «Es ist kein 
Fleck in Europa, wo der Erwerb unter einem solchen Zwange 
liegt; wo der grösste Despotismus herrscht, darf das Genie Hand- 
werk, Gewerbe und Handelschaft treiben; aber hier, in dem Lande 
der Freiheit, kann der geschickteste Kopf mehr nicht als Taglöhner 
sein.» Als die Regierung von der Bewegung Kunde erhielt, schritt 
sie mit den äussersten Massregeln ein ; sie hielt die Pläne für höchst 
staatsgefährlich und strafte die Urheber exemplarisch. Das Patrioten- 
denkmal in Stäfa erinnert an jenen Versuch des Volkes, die lästigen 
Ketten zu sprengen. 

Im Jahre 1798 wurde dann plötzlich den alten Zuständen ein 
Ende gemacht; französische Waffen zertrümmerten die morsche, alte 
Eidgenossenschaft und brachten «Freiheit, Gleichheit und Brüderlich- 
keit». Die Verfassung der helvetischen Republik (1798 — 1803) hob 
alle Vorrechte von Orten, Bürgerklassen und Personen auf. In dieser 






10 — 

Zeit o,h es also auch keine Zünfte mehr. Aber tatsächlich war vor- 
l-iufr^ damit nicht viel gev.-onnen, xveil andauernde Kriegsnöte das 
SchNveizervolk nicht zum richtigen Genuss der neuen Freiheit kommen 
Hessen. Erst mit dem Erlass der Mediationsakte vom Jahre 1805 
kehrte einige Ruhe und Sicherheit wieder. 

3. Umkehr zum Zunftwesen, 1803—1832. 

Infolge der Mediationsverfassung wurde 1804 das Handwerks- 
wesen so%ordnet, wie es sich bis .832 erhalten hat. .\lle Hand- 
werksmeister mussten sich an die Zünfte der Städte Zürich und 
Winterthur anschliessen. Die Handwerksordnungen dieser \ erbin- 
dungen bezogen sich hauptsächlich auf die Einrichtung der Innung 
die Erlangung des Meisterrechtes, die Verhältnisse der Gesellen und 
Lehrlin-e^ In den meisten Handwerken war die gleichzeitige An- 
nahme '^mehrerer Lehrlinge untersagt; die Lehr- und Gesellenzeit 
war vorgeschrieben; drei bis vier Jahre Lehrzeit und ebensoviel 
Gesellenzeit war das gewöhnliche; meistens war auch eine Wander- 
zeit festgesetzt und ein Meisterstück vorgeschrieben. Meistersöhne 
genossen jedoch bei vielen Handwerkern bedeutende Vorrechte, sie 
waren z. B. vom Wandern befreit. 

Der zünftige Handwerksbetrieb war durch die Poli;eiverordnmg 
von ,S04 besonders begünstigt durcli das demselben ausschliesslich 
zugeteilte Verkaufsrecht der Handwerksartikel. Der zünltige Hand- 
werker war dadurch, die Zeit der Jahrmärkte ausgenommen, vor 
jeder Konkurrenz gesichert. Dieses Monopol sicherte den, Hand- 
werker ein reichliches Einkommen, bis der sich immer stärker ent- 
wickelnde Fabrikbetrieb, dessen Erzeugnisse man dem freien \ erkehr 
zu entziehen nicht gewagt hatte, das Vorrecht gewaltig erschütterte, 
noch bevor es durch das Gesetz abgeschafft wurde. 

Jene helvetische Periode (.798--. 803) der Gleichheit und der 
Menschenrechte war nur das «Wetterleuchten der Freiheit» gewesen. 
Die Mediationsverfassung Napoleons gab der Stadt wieder die 
Mittel in die Hand, ein Übergewicht gegenüber dem Landvolk zii 
erlangen. Und gar die \'erfassung von 1804 trug ganz den Stempel 
der Wiederherstellung der alten Zustände. Es ist weder von Press- 



— II — 

freiheit, noch von Vereinsrecht, Religionsfreiheit oder Gewerbefreiheit 
die Rede. Gewerbe und Industrie waren schwer gehemmt durch 
Gebühren und Zölle. Bei Einfuhr in die Stadt mussten wieder wie 
früher Waren verzollt werden. Man konnte z. B. nicht einmal eine 
neue «Gelte» in die Stadt tragen, ohne eine Abgabe dafür entrichten 
zu müssen. Die Brückenzölle in Eglisau, Andelfingen u. s. w. be- 
standen immer noch und zudem war der Verkehr sehr erschwert 
durch schlechte Strassen. Damals gab es im Kanton Zürich nur 
18' '2 Stunden Staatsstrassen (heute über 400 Stunden; 1,3 km per 
knr; Bern hat nur 0,31, Aargau 0,35 per km^). 

4. Übergang zur vollständigen Oewerbefreiheit 

1832—1837. 

Aber auf die Dauer Hessen sich die Ideen der Volksbefreiung 
nicht darnieder halten. Eine Reihe von Stadtzürchern selber arbeiteten 
an der Regeneration und stemmten sich mit Macht gegen den Rück- 
schritt. Schon vor 1830 wurden Versuche zur Umgestaltung ge- 
macht und die Freiheit der Presse erkämpft, auch Reformen im 
Volksschulwesen wurden versucht und andere Neuerungen. Doch 
man erreichte nur Halbes. Der Anstoss zu gründlichen Umge- 
staltungen kam vom Lande her. 

Als 1830 die französische Revolution ihre gewaltigen Wellen 
warf, fühlten sich auch die Liberalen im Kanton Zürich mächtig 
crehoben. Die Volksversammlung zu Uster, am 22. November 1830, 
verlangte eine Revision der Staatsverfassung, Abschaffung des Zensus, 
Öffentlichkeit der Staatsverwaltung, Unabhängigkeit der Gerichte, 
Freiheit der Presse, das Petitionsrecht und vor allem eine durch- 
greifende Reform des Schulwesens. Die neue Verfassung wurde in 
diesem Sinne ausgearbeitet und vom Zürcher Volk fast einstimmig 

angenommen. 

Auch die Handwerker wurden von der Zeitströmung ergriffen 
und sie verzichteten aus freien Stücken auf viele ihrer ahen Rechte. 
In drei Versammlungen, den 9. und 22. Christmonat 1830 und 
6. Januar 183 1, berieten die Abgeordneten aller Handwerke der Stadt 
und einiger vom Lande über die Einflüsse der neuen A^rhältnisse 



.imniniiiiiiii— 'U.««!!!— WPW 



auf ihren Stand. In einem Memorial vom 6. Januar 183 1 gelang- 
ten sie an die \'erfassungskümmission. Sie gaben darin often zu, 
dass das Zunftwesen mit den Zeitideen in Widerspruch geraten 
sei und dass gewisse Übelstände beseitigt werden müssten, baten 
jedoch dringend, von der lunführung einer unbedingten Gewerbe- 
freiheit abziLsehen, da dies den Untergang des Handwerks bedeuten 

würde. 

Unterzeichnet ist das Memorial von J. H. Müller, Obmann der 
Zeugschmiede und Mitglied des Grossen Rates. Hs fand nicht die 
oewünschte Beachtung von Seiten der \'erfassungskommission, die 
folgenden ^>rfassungsartikel vorschlug : 

«Der Grundsatz der Gewerbe- und Handelsfreiheit ist ausdrück- 
lich anerkannt. Die bestehenden Handwerkszünfte und Innungen, 
deren Ordnungen im Laufe des Jahres 1831 durch den Gesetzgeber 
zu revidieren sind, sollen einzig zur Handhabung der Ordnung er- 
halten bleiben, niemals aber zur Hemmung der Gewerbefreiheit an- 

2[ewendet werden.» 

In einer Zuschrift, datiert 29. Januar 1831, an sämtliche Freunde 
und Mitgenossen des Handwerksstandes protestieren die 1 5 Mitglieder 
jener Kommission, die das Memorial vom 6. Januar verhisst hatten, 
gegen diese Hinführung der unbedingten Gewerbefreiheit; der ein- 
fache, erste und unumgänglich notwendige Grundsatz, das Haupt- 
prinzip aller Gewerbeordnungen: «es soll keiner ein Handwerk 
treiben, d. h. keine Gesellen eines Handwerkes einstellen dürfen, 
das er 'nicht gelernt hat,» liege nicht in dem vorgeschlagenen Artikel. 
Es sei deshalb unbedingt nötig, mit allen Kräften dagegen zu wirken. 
Die Kommission ladet namentlich die Handwerker vom Lande ein, 
bei den \^ertretern der höchsten Behörde, bei den Herren Kantons- 
räten, durch würdige Darstellung der Sache für das Wohl des viel- 
fach angefeindeten Handwerkerstandes zu wirken. 

An'' den Grossen Rat selber richtet sie am 12. Februar 1831 
eine Zuschrift, in der sie zugleich ihre Grundsätze für ein neues 
Gewerbegesetz klar legt.*) 



13 



*) Das bezügliche Memorial findet sich im Anhange abgedruckt. 



Unterzeichnet ist das Schriftstück für 34 Handwerke von 56 
Meistern zu Stadt und Land. Der Zuschrift ist beigegeben eine 
approximative Übersicht des ganzen Handwerksstandes des Kantons 
Zürich, geordnet nach Handwerken, in den Städten Zürich und 
Winterthur und in Eglisau, Elgg und Andelfingen. Sie kommt auf 
eine Gesamtzahl von 10,483 Personen, Meister, Gesellen und Lehr- 
jungen, nämlich 

an etablierten Meistern und Uneinverleibten 7170 

)) Gesellen und Lehrjungen 33^ 

Summa 10,483 
Auf jeden Meister Frau und zwei Kinder gerechnet 21,510 

In diesem Stand befinden sich also Menschen 3^993 

Diese Eingabe zeichnet sich aus durch würdige Haltung und 
besonnenes Eingehen auf den Gegenstand. Die Handwerker, den 
unnützen Widerstand gegen die herrschende Zeitströmung wohl ein- 
sehend, opfern freiwillig viel eigenes Interesse; sie verlangen sogar 
selber die Aufhebung des Zunftzw^anges, der sich überlebt habe und 
nicht mehr im Sinne der Zeit liege; sie geben freiwillig preis eine 
Festsetzung der Wartezeit, ferner die Ausscheidung der Handwerke, 
die zu so viel berechtigten Klagen Veranlassung gegeben hatte; 
ferner verzichten sie auf die festgesetzten Preisbestimmungen, auf 
die frühere Gesellenordnung und die eigene, allerdings beschränkte 
Gerichtsbarkeit. Sie glauben aber festhalten zu müssen an einer 
Organisation des Handwerkerstandes, denn periodische Zusammen- 
tritte der Meister zur gegenseitigen Belehrung und Unterstützung in 
Berufsangelegenheiten seien unumgänglich notw^endig; ferner halten 
sie mit allem Nachdrucke auch fest am Verlangen eines Beweises 
der Berufsfähigkeit, wollen aber nicht mehr das Recht für sich be- 
anspruchen, die Prüfungen selber vorzunehmen, sondern legen es 
vertrauensvoll in die Hände der Regierung zurück, endlich verlangen 
sie Schutz vor ausländischer Konkurrenz. 

Die Eingabe hatte den Erfolg, dass der zunächst beanstandete 
Verfassungsartikel eine Fassung bekam, die die Wünsche der Hand- 
werker wenigstens zum Teil berücksichtigte; er lautete nunmehr: 



I 



— 14 — 

«Dif 1-reiliclt des HaiiJcls uiul der Gewerbe ist ausdrücklich 
gewälirlcistet, soweit sie mit dem Wohl der Gesamtbürgerschaft und 
demjenigen der liandel-, gewerbe- und handwerktreibenden Klassen 
vereinb.n- ist. In diesem Sinne sollen die Handwerksordnungen be- 
torderliclist durch die Gesetzgebung revidiert werden.» 

Jni '■). Mai iS}2 u'iirde ioihum ein neues dwibe^esel;^ erhisseii. 
Das Handwerkswesen wurde dadurch neu konstituiert. Viele 
der in oben erwähnter T-ingabe des Handwerkerstandes geäusserten 
Wünsche waren dabei berücksichtigt worden. Die 1-reigebung der 
Gewerbe war grundsätzlich aufgestellt, jedoch, nachdem lür Metzger 
und Müller besondere gesetzliche Bestimmungen vorbehalten worden 
waren, folgende 21 Handwerke gesetzlich «anerkannt», al.so als noch 
züniti'' erUärt: Bäcker (nur iür die Städte Zürich und Winterthur), 
BuchHnder, Büchsenmacher, Drechsler, Gold- und Silberarbe.ter, 
Hainer, Hufschmiede, Hutmacher (Verfertiger von 1-ilzhüten), Instru- 
mentenmacher (bisher Degen- und Messerschmiede), Küter (mit 
Inbegriff der Kubier), Kupferschmiede, Maurer (mit Inbegntl der 
Steinhauer), Rotgerber, Sattler, Schlosser (mit Zuteilung der Feilen- 
hauer, Nagekschmiede , Zeugschmiede und Sporer), Schneider, 
Schuhmacher, Tischler (inbegriffen die Gla.ser), Wagner, Zimmer- 
leute, Zinngiesser. 

Dagegen wurden folgende 1 8 Handwerke für freie Gewerbe erklart : 
Bümenbinder, Färber, Gürtler, Kammmacher, Knopfmacher 
(Posamenter), Kürschner, Leineweber, Maler, Kadler, Presser und 
Tuchscherer, Schleifer, Seiler, Seckler, Siebmacher, Spengler, Uhren- 
macher, X'ergolder, Zuckerbäcker. 

Die freien Handwerke umfassten ungefähr den zehnten Teil des 
zürcherischen Handwerksstandes. 

Schon beim Erscheinen des Gesetzesentwurfes protestierten viele 
Meister gegen das \'erlahren des frei Erklärens so vieler Handwerke 
und am 28^ März 18^2, also noch vor Annahme des Entwurfes durch 
den Kantonsrat, versammelten sich in Zürich Ausschüsse aller Hand- 
werke und beschlossen die Abhaltung eines Generalgebotes. Jeder 
Angehörige des Handwerkerstandes wurde nun dringend eingeladen, 
sich Sonmag den 8. April auf den Mittag in Bassersdorf einzuhnden. 



— 15 — 

Diese Versammlung protestierte bei dem Grossen Rate gegen 
die Aufhebung der Handwerksgesellschaften. Sie erblickte in der 
Freigebung der Handwerke den Untergang des Handwerkerstandes 
und hoffte, der Rat werde das Begehren um Fortbestand der ver- 
bindenden Handwerksgesellschaften für begründet erklären. Es wurde 
hervorgehoben, dass die Freigebung der zum Teil sehr viel Geschick- 
lichkeit erfordernden Berufsarten mit dem rechten Betriebe derselben 
und daher auch mit den Interessen des Publikums unverträglich sei, 
und es scheine um so ungerechter, als man viele andere, mit den 
ihri"en "leiche Verhältnisse teilende Handwerke fortbestehen lasse. 
Man solle alle Handwerke autheben oder keines; die Verfassung 
wolle aber Revision, nicht Aufhebung der Handwerksordnungen., 

Die ^'orstellungen blieben indessen unberücksichtigt; dagegen 
wurde durch einen besondern Gesetzesparagraphen zum voraus dafür 
<resor^n dass die \^ereinigung oder die Aufhebung der Handwerke 
weiter fortgesetzt werden konnte, nur sollte dies auf dem Wege der 
Gesetzgebung geschehen. 

Sehen wir uns nun den Hauptinhalt des neuen Gewerbef^eset-es 
etwas näher an. Tür die noch anerkannten Handwerke gelten folgende 
Bestimmungen: hi jedem Bezirk bilden die Meister des nämlichen 
Handwerks, oder wenn deren Zahl weniger als zwölf beträgt, die 
Meister verschiedener Handwerke zusammen eine Gesellschaft oder 
Lade, welche ihre Handwerksordnungen zu entwerfen und der 
Regierung zur Genehmigung vorzulegen haben. Ohne männliches 
Gesinde darf jeder Kantonsbürger Handwerksartikel verfertigen; zu 
diesem Zwecke Gesellen und Lehrlinge und zwar in beliebiger Zahl 
zu halten, ist dagegen nur der Meister berechtigt. Die Erlangung 
des Meisterrechtes ist bedingt durch den Antritt des zwanzigsten 
Altersjahrs, guten Leumund und den Nachweis erworbener Kunst- 
fertigkeit vermittelst einer Meisterprobe. Fremde dürfen jedoch das 
Meisterrecht nur ausüben, wenn ihre Heimatskantone oder Staaten 
das Gecxenrecht dartun. Eine Wander- oder Wartezeit wird für die 
Gesellen nicht mehr vorgeschrieben, und mit Beziehung auf die 
Lehrlin^'-e festgesetzt, dass sie zum Eintritte bei einem xMeister der 
AUtaasschule entlassen sein müssen und dass die Dauer der Lehrzeit 



I 



— i6 — 

und die Entschädigung des Meisters in jedem einzelnen Falle durch 
schriftlichen Vertrag geordnet werden solle. — Die gleichzeitige 
Erwerhung des Meisterrechtes in mehreren Handwerken wurde ge- 
stattet, dagegen die unbefugte Betreibung von Handwerksarbeiten 
mit starker Busse belegt. 

Aus dem beleuchtenden Berichte der Gewerbegesetzkommission 
und den Voten im Grossen Rat ergeben sich für die Schaffung des 
neuen Gesetzes folgende leitende Gesichtspunkte: 

Die Macht der Umstände treibt zur Gewerbefreiheit hin; das 
Gesetz soll daher nur einen Zwischenstand begründen, der dem 
Handwerksstande den Übergang vom Zunftzwange zur Gewerbefrei- 
, heit erleichtert. — Die Ausscheidung der Handwerke, die in Zukunft 
der Zahl der freien Gewerbe angehören sollen, ist im beleuchtenden 
Bericht der Kommission für Handwerke und Gewerbe folgender- 
massen begründet: «Mehrere früher als Handwerke behandelte 
Gewerbe finden sich nun nicht mehr als solche aufgeführt, teils 
weil das Gewerbe durch die Konkurrenz der ausländischen Fabrikation 
seine frühere Bedeutung verloren hat, wie bei Leinewebern, Nadlern, 
Bürstenbindern, Knopfmachern, Gürtlern, Sporern, Secklern, oder 
weil unter der Firma des Handwerks meist nur Handel mit fremden 
Fabrikaten getrieben wurde, wie bei den Seilern; teils weil der 
Beruf ohnehin an eine obrigkeitliche Bewilligung geknüpft ist, wie 
bei den Müllern und Metzgern; teils weil diese Gewerbe auf dem 
Lande nie zünftig waren, wie die Uhrenmacher, Spengler, Pasteten- 
und Zuckerbäcker; teils weil sich keine bestimmte Ausscheidung 
vornehmen lässt, wie bei den Flachmalern; teils endlich, weil infolge 
der Entwicklung der Industrie solche Gewerbe gleich den Fabriken 
nicht mehr auf den Lokalkonsum beschränkt, sondern an den Weh- 
handel geknüpft sind, wie das Gewerbe der Färber und Presser.» 

Bei der Einfühnincr des Gesetzes ergab sich das Schwankende 
dieser Grundlagen gar bald; es war in vielen Fällen einfach nicht 
möglich, den Unterschied zwischen Handwerks- und Fabrikerzeugnis 
zu bestimmen und es wurde nicht ohne Grund hervorgehoben, dass 
die Freigebung der Arbeiten der Maler, Spengler, Seiler, Färber 
u. s. w. gegenüber der Beschränkung derjenigen der Dreher, Schlosser, 






- 17 - 

Hutmacher und anderer sich nicht befriedigend begründen lasse, und 
dass die Befugnis, von den letztern den Nachweis persönlicher Tüchtig- 
keit zu verlangen, ihnen dagegen den erstem zu erlassen, in keiner 
Weise gerechtfertigt werden könne. 

Mit diesem Gesetz verloren die Handwerker auch das Alleinrecht 
des Handels mit den Handwerksartikeln. Indem aber gleichzeitig die 
fabrikmässige Produktion von Handwerksartikeln durch das Gesetz 
verboten w^urde, in der guten Meinung, das Handwerk zu schützen, 
«begünstigte man den ausländischen Gewerbsfleiss auf Kosten der 
produktiven Kräfte des eigenen Landes», mit andern Worten : man 
versperrte dem inländischen Produzenten den zürcherischen Markt 
und öffnete ihn dem fremden Kaufmann und Fabrikanten und zwar 
ohne dass dem Stande der Handwerker daraus wesentlicher Vorteil 
erwachsen konnte. 

Schon bei seiner Einführung traten diesem Gesetze mancherlei 
Schwierigkeiten von selten der Handwerker selbst entgegen. Wie es im 
Grossen Rate vorausgesehen worden war, veranlasste die Bestimmung, 
welche die Meister eines Handwerks, sobald ihre Zahl in einem Be- 
zirke unter zwölf blieb, nötigte, sich mit den Meistern eines andern 
Handwerks zur Bildung einer Gesellschaft zu vereinigen, viele Be- 
schwerden; die Handwerker behaupteten, dass bei einer solchen Ver- 
bindung die speziellen Interessen der betreffenden Handwerke keine 
Berücksichtii^ung finden können. Das Gesetz erlaubte aber nicht, 
\>ränderun£:en z. B. in der Weise eintreten zu lassen, dass die Meister 
eines Handwerks sich mit den Meistern desselben Handwerks aus 
einem andern Bezirk hätten verbinden können. — Sodann zeigten sich 
viele Handwerksgesellschaften sehr lässig, ja abgeneigt, die vom Ge- 
setze geforderten Handwerksordnungen zu entwerfen, und die Meister 
mehrerer Handwerke, Hafner, Schlosser, Feilenhauer, Nagelschmiede, 
Zeugschmiede und Instrumentenmacher (Messerschmiede) des Bezirkes 
Winterthur erklärten, wenige Monate nach Erlass des Gesetzes, dass, 
da der Handel mit Handwerksartikeln freigegeben sei, das Gesetz 
nicht den geringsten Wert für sie habe, daher sie sich nicht ent- 
schliessen können, sich zu konstituieren, sondern vielmehr bei der 
Regierung darum einkommen müssen, dass ihre Gewerbe aus der 

2 



— i8 — 



— 19 



Reihe der Handwerke gestrichen und freigegeben werden möchten. 
Die Bittsteller wurden vom Regierungsrate auf eine schon damals 
vorgesehene Revision des Gesetzes verwiesen. Ferner enthielten viele 
der eingereichten Handwerksordnungen ungesetzliche Bestimmungen, 
meistens im Sinne des alten Zunftwesens. 

Als es sich sodann darum handelte, gemäss Gesetz über das 
Gewerbewesen Einleitungen zur Festsetzung der Handwerksarbeiten 
zu treffen, wurden sämtliche Handwerke eingeladen, ihre Haupt- und 
Nebenarbeiten, sowie diejenigen Arbeiten, die ihnen gemeinschaftlich 
mit andern Handwerken zufallen möchten, zu bezeichnen. Bei diesem 
Anlasse kamen dann die eingewurzelten Missverhältnisse zwischen 
den Genossen verschiedener Handwerke wieder zu Tage; die Zimmer- 
leute brachten ihre langjährigen Streite mit den Schreinern wieder in 
Erinnerung und beklagten sich über das Urteil der damaligen Regie- 
rung, w^odurch ihnen der Gebrauch des Leimes abgesprochen und 
als ausschliessliches Recht der Schreiner bezeichnet wurde. Die Dreher 
frischten den Sieg wieder auf, den sie über die Zinngiesser errungen, 
welche sich die ausschliessliche Verfertigung der Klystierspritzen an- 
gemasst hatten, und wiesen auf ihre grössere Befähigung für diese 
Arbeit hin ; die Küfer verlangten, dass ihnen das Recht, Weine ein- 
zumessen, als ihr wichtigster Broterwerb, ohne welchen sie gar nicht 
fortkommen könnten, ausschliesslich gesichert werde u. s. w. Die 
kleinliche Eifersucht und der Ausschliessungsgeist des Zunftwesens 
traten noch einmal in ihrer traurigen Blosse hervor. 

Endlich wurde durch das Geset:^ vom 2j.Mm\ iS}} die Aiisscheidiing 
der Handwerke geregelt und damit dem Gesetz vom 9. März 1832 
die unerlässliche Vervollständigung gegeben. Die Handwerksarbeiten 
waren nun im Gegensatze zu den freien Arbeiten bezeichnet, ebenso 
die jedem Handwerk zukommenden Hauptarbeiten bestimmt. Über- 
dies enthielt das Gesetz nähere Bestimmunjzen betreffend die Meister- 
probe oder den Ausweis erlangter »Kunstfertigkeit«. 

Es war auf den letztern Punkt schon beim Erlass des Gesetzes 
von 1832 grosser Wert gelegt worden. Indessen zeigte auch hier 
die Erfahrung, dass gesetzliche Bestimmungen tiefer wurzelnde Übel- 
stände selten zu heben vermögen. Das Streben, die Zahl der Meister, 



welche kein Gesetz mehr beschränkte, auf andern Wegen zu ver- 
mindern, rüstige Mitbewerber zu beseitigen und dadurch so viel wie 
möglich die innere Konkurrenz zu schwächen, trat mannigfach und 
mitunter so grell hervor, dass von den Behörden mit Strafen gedroht 
werden musste. Die meisten Streitfälle, welche auf dem Wege des 
Rekurses an die Behörden gelangten, endigten damit, dass den Pe- 
tenten doch das Meisterrecht erteilt werden musste, wobei wiederholt 
der Fall eintrat, dass man keinen andern Ausweg sah, als es auf das 
Zeugnis dessen, für den die Arbeit gemacht worden war, ankommen 
zu lassen. Ein nicht minder willkürliches Verfahren trat auch sehr 
oft im entgegengesetzen Sinne hervor, indem auf den Antrag der 
Experten das Meisterrecht erteilt werden musste, obgleich das Gut- 
achten dahin ging, dass durch die betreffenden Arbeiten den Anfor- 
derungen nicht Genüge geleistet worden sei. Auch Fälle, in denen 
das Meisterrecht erteilt wurde, obgleich bekannt w^ar, dass der Be- 
werber nur mit fremder Hilfe das Meisterstück zu stände bringen 
konnte, sind vorgekommen. 

Hierzu kamen nun noch Beschwerden wegen Eingriffen eines 
Meisters in die, Arbeiten eines andern Handwerks, ferner die stets 
wiederkehrenden Begehren um Abänderungen im Gesetze oder in 
den Handwerksordnungen, welche sich in den verschiedensten Rich- 
tungen kreuzten. Kein Wunder, wenn vielen Handwerkern selbst 
das ganze Innungswesen, das ohnehin durch Aufhebung des Handels- 
monopols den besten Teil seiner Bedeutung für sie verloren hatte, 
völlig entleidete und zahlreiche Petitionen in den Jahren 1832 bis 
1837 die Freigebung der Handwerke verlangten. Die petitionierenden 
Handwerker hoben namentlich den nachteiligen Einfluss hervor, den 
korporative Beschränkungen und der aus ihnen hervorgehende Geist 
auf die gedeihliche Entwicklung der Gewerbe ausüben; sie machten 
geltend, dass heutzutage der ungeschickte und nachlässige Arbeiter 
sich trotz aller Innungen nicht mehr halten könne, sondern alles auf 
Geschicklichkeit und Fleiss ankomme, und dass die bestehenden Hand- 
werksgesellschaften ihnen keinerlei Nutzen, sondern nur Zeitverlust 
und unnötige Kosten gebracht haben. 

«Die Gewerbesektion des zürcherischen Rates des Innern», welche 



\ 



— 20 — 

sich in, April des jaiu-cs ,837 nm der Frngc der Freigcln.n. der 
H.ndwcrkc zu belassen hatte, überzeugte sich, dass ähnHche Ansichten 
be, e,„en> grossen Teile der Handwerksgesellschaften vorherrschend 
geworden seien, und dass dalier der geeignete Zeitpunkt eingetreten 
sein durfte, um die 1-reigebung der Gewerbe in, Interesse des Ge- 
samt Wohles zu begünstigen und zu diesem linde hin § •'^ des Ge 
setzes vom 9. Mai ,832, welches die Umwandlung ein'es oder meh- 
rerer Handwerke in freie Gewerbe gestattet, in Anwendung zu brin-cn 
Die Behörde beantragte demzufolge die Freigebung sämtlicher Ihxnd- 
werke, mit einziger Ausnahme derjenigen, welche dem Baufache an- 
geboren, sowie des Handwerks der Hufschmiede. Die ersten "lu.bte 
man mit Rücksicht auf die öffentliche .Sicherheit ausnehmen zu nUissen 
welche erheische, dass die Bauleute wenigstens einstweilen noch deii 
bisherigen Prüfungsvorschriften unterworfen bleiben. In die.sem .Sinne 
wurde dann auch vom Regierungsrate ein Gesetzesentwurf vor den 
Grossen Rat gebracht, nach welchem nur noch für die ,selbständi..e 
Betreibung der Arbeiten der Zimmerleute, Maurer, Büchsenn,acher 
und Hufschmiede Prüfungen fe.stgesetzt, dagegen alle übrigen Hand- 
werksarbeiten freigegeben werden .sollten. Zugleich wurde die Ordnun.- 
der Verhältnisse der Lehrlinge und Gehülfen dem Reglement vorbelialten" 
Allein auch diese Einschränkung zu Gunsten der vier Handwerke 
misshel. Die meisten Voten verlangten laut die vollständige Gewerbe- 
freiheit. SelKst Männer, welche sich noch vor sechs Jahren in Wort 
und .Schrift entschieden für das Innungswesen ausgesprochen h.itten 
gaben gerne das letzte Bollwerk, die Mei.sterprüfung, auf, indem sie' 
ge.standen, dass wenn sie damals eine Leben.sfrage für den Hand- 
werker darin erblickten, sie sich getäuscht und an einen blos.sen 
Schatten gehalten hätten. So kam es denn, dass die vom Regierunas- 
rate vorgeschlagenen Beschränkungen nicht einmal zum Antrage ge- 
langten, sondern durch einstimmigen Beschluss des Grossen'^Rates 
das Gesetz vom 26. Herbstmonat 1837 erlassen wurde, welches mit 
I.Januar 183 8 in Kraft trat, und wodurch Mc Aiisiibimi; aller Hand- 
werke völlig freigegeben wnrde. Die angemessene Regulierung der 
\ erhältnisse und Pflichten von Lehrlingen und Gehülfen blieb dem 
Regierungsrate überlassen. 



— 21 



5. Kampf zwischen Altem und Neuem (838—1849. 

Durch die Einführung der vollständigen Gewerbefreiheit, durch 
die mächtig anschwellende fabrikmä.ssige Produktion und den täglich 
grö.ssere Au.sdehnung gewinnenden Handel wurde die Konkurrenz 
so seiir vermehrt, dass der Handwerkerstand driiiycnd nacli Alnvebr 
rief. In diesem Sinne haben denn auch die Behörden in den Jahren 
1840, 1842 und 1844 verschiedene Ge.setze und Verfügungen er- 
lassen, die alle dem Begehren der Handwerker entgegenkamen; das 
Niederlassungsgesetz von 1840, das Gesetz über Erwerbung des 
Bürgerrechtes von 1842, das Gesetz über den Markt- und Hausier- 
handel und das Polizeigesetz für Handwerksgesellschaften, Lehrlinge 
u. s. w. von 1844. 

Am 10. April 1S40 wurde ein Gesetz erlassen, welches die 
Niederlassung überhaupt bedeutend erschwerte, indem es den Ausweis 
genügender Subsistenzmittel verlangte, und Kantonsfremden, die ohne 
vertragsmässiges Recht auf Niederlassung waren, den Nachweis 
auferlegte, dass sie nie in Konkurs geraten seien, oder gerichtlich 
akkordiert haben, und ihnen überdies die Ausübunir eines Handwerks 
auf eigene Rechnung nur gestattete, wenn sie den Beweis leisteten, 
dass in ihrer Heimat den Bürgern des Kantons Zürich, die ein Hand- 
werk beständig betreiben wollen, weder die Erwerbuns: des Bürger- 
rechts, noch die Erwerbung des Meisterrechts, noch sonst irgend eine 
erschwerende Leistung, von der die Einheimischen befreit sind, auf- 
erlegt werde. 

Da infolge dieses Niederlassungsgesetzes und der zu seiner Voll- 
iiiehung getroffenen Massnahmen viele Niedergelassene das Bürger- 
recht kauften, sah der petitionierende Handwerksstand die günstigen 
Wirkungen desselben teilweise aufgehoben und er verlangte neue 
erschwerende Bestimmungen für die Bürgerrechtserwerbung. Darauf 
N\urde am 28. Herbstmonat 1S42 das Geset::^ über Erwerbung des 
Bürgerrechts erlassen, welches von NichtSchweizern eine fünfjährige 
Niederlassung im Kanton und den Nachweis eines Vermögens von 
1600 Franken verlano^te. 

In demselben Jahre und zwar schon am 8. April erschien auch 



— 22 — 

das neue Gesetz betreffend den Markt- und Hausierhandel und den 
Verkehr durch Handelsreisende^ worin ebenfalls mehrfachen Begehren 
petitionierender Handwerker Genüge geschieht. In diesem sehr um- 
fassenden Gesetze werden Gold- und Silberwaren, sowie die dem 
Normalgehalt unterworfenen Zinnwaren vom Hausierhandel i^änzlich 
ausgeschlossen. Nicht niedergelassenen Kantonsfremden dürfen Hau- 
sierpatente nur für eine gewisse Anzahl von Artikeln (als Sämereien, 
Glarnerthee, Schreibtafeln, Harz, hölzerne Rechen, Gabeln u. s. w.), 
sowie tür solche Landesprodukte erteilt werden, mit denen Einwohnern 
des eigenen oder Nachbarkantons ohne Patent zu hausieren bestattet 
ist. Den Juden wird das Hausieren gänzlich untersagt. 

Das Gesetz für Freigebung der Handwerke vom Jahre 1837 
hatte die Regulierung der Verhältnisse und Pflichten von Lehrlingen 
und Gehilfen, sowie gewisse polizeiliche Vorschriften vorbehalten. 
Im Poli-eigeset:;^ für Handwerksgesellen, Lehrlinge u. s. w. von 1844 
werden nun diese Verhältnisse vermittelst eines sehr umfassenden Ge- 
setzes geordnet und dadurch zugleich die wesentlichsten Punkte der 
frühem Handwerksordnungen ersetzt. Namentlich werden die Be- 
dingungen, welche Gesellen und Lehrlinge zum Aufenthalt in einer 
Gemeinde oder im Kanton zu erfüllen haben, festgesetzt; die den 
kantonsfremden Gesellen nötigen Ausweisschriften und das damit zu 
beobachtende Verfahren werden bezeichnet; Aus- und Eintritt bei 
Meistern sind geordnet; dem unbefugten Verlassen der Arbeit wird 
begegnet; Verbindungen von Gesellen, welche zum Zwecke haben, 
Zugeständnisse irgend welcher Art zu ertrotzen, die Meister in ihren 
Rechten zu beeinträchtigen, oder ihnen Schaden zuzufügen, sind bei 
strenger Ahndung untersagt; kantonsfremde Gesellen werden zur 
Teilnahme an Kranken- und Unterstützungskassen verpflichtet; ferner 
werden die gegenseitigen Rechte und Verbindlichkeiten der Meister 
und Lehrlinge in zweckmässiger Weise geordnet und der Verwen- 
dung der Lehrlinge zu ausserberuflichen Arbeiten, sowie der Miss- 
handlung entgegengewirkt durch die Befugnis, das Lehrverhältnis 
aufzuheben. 

Mit diesen den Wünschen des Handwerks doch so entireeen- 
kommenden Gesetzen und Verfugungen war ein Teil der Handwerker 



23 



wieder nicht zufrieden. In den Jahren 1844 — 1846 wurden ver- 
schiedene Petitionen an die Behörden gerichtet, in denen Wieder- 
einführung von Hand Werks Verbindungen, Einrichtung von Schutz- 
zöllen, weitere Erschwerung der Niederlassung und der Erwerbung 
des Bürgerrechtes oder strengere Handhabung der hierauf bezüglichen 
Gesetze und Verordnungen, endlich Beschränkung des Verkehrs mit 
Handwerksartikeln im allgemeinen und besonders des Marktverkehrs, 
Hausierhandels und Hausiergewerbes verlangt wurde. 

Nicht alle Handwerker gingen mit diesen Forderungen einig; 
viele hatten sich bereits in die neue Lage gefunden und konnten das 
Heil nicht mehr in der Rückkehr zu veralteten Zuständen erblicken. 

Alle diese Petitionen wurden vom Grossen Rate dem Regierungs- 
rate, von diesem dem Rate des Innern und von dieser Behörde einer 
ihrer Abteilungen, der Gewerbesektion, zur Prüfung^ und Bes^utachtuni^ 
überwiesen, in deren Namen Regierungsrat M. Esslinger einen um- 
fassenden, sehr interessanten, gedruckten Bericht abfasste, der vom 
27. September 1847 datiert ist. Die Gewerbesektion sprach darin 
ihre Ansicht entschieden dahin aus, dass von der Rückkehr zu 
frühern Innungs Verhältnissen nicht nur nichts zu hoffen wäre, son- 
dern gegenüber der industriellen Tätigkeit unserer Zeit daraus nur 
Nachteil für den Handwerker hervorginge, dass man die Behörden 
nicht ermuntern könne, rückwärts zu reformieren, dass man da- 
gegen hinwieder ebensoweit entfernt sei, zu verkennen, dass für die 
Hebung des Handwerkerstandes und sein gedeihliches und erfreu- 
liches Fortkommen viel getan werden könnte, und zwar ohne die 
Bahn gewagter Experimente zu betreten. 

Als solche Ratschläge zur Hebung des Handwerksstandes werden 
bezeichnet: eine länger dauernde und umfassendere Bildung desselben 
mittelst Handwerksschulen; periodische Wiederkehr von Industrieaus- 
stellungen des einheimischen Gewerbsfleisses ; eine Art permanente 
Ausstellung desselben durch Einrichtung von Industriehallen; Gesellen- 
vereine zur Hebung der Geistes- und Gemütsbildung ihrer Mitglieder; 
freie Handwerksvereine zur Förderung ihrer Tätigkeit und verständigen 
Ordnung ihrer Angelegenheiten ; Vorschusskassen für Handwerker, ver- 
mittelst welcher dieselben auf ihre fertigen Fabrikate Gelder erheben 



24 



25 



und in Zeiten der Not oder zur Erwerbung unerlässlicher Werk 
zeuge, xMaterialien u. s. w. sich helfen können, ohne wucherhatte 
Zinse zahlen zu müssen. 

Der Bericht endigt mit folgenden Schlussworten : «Die alte Zeit 
ist vorbei, im Gewerbsleben wie überall, sie kann nicht wieder zu- 
rückgerufen werden, sie soll es auch nicht. An die Stelle der Aus- 
schliessung vieler zu Gunsten weniger tritt die gleiche Berechtigung 
aller; an der Stelle des Zwanges, der die Kräfte in feindliche Scharen 
trennte, ringt sich die freie Association empor, die die Kräfte zu 
verbinden, zu einigen strebt. Tausend und tausend Erscheinungen 
des gewerblichen Lebens, alle Fortschritte der Industrie, der Technik 
tragen diesen Charakter, geben der gewerblichen Gegenwart dieses 
Gepräge. Aber noch sind wir erst im Beginne dieser neuen, weiterer 
Entwicklung bedürftigen Epoche, und vielleicht, ja wahrscheinlich, 
ist auch sie nur eine Übergangszeit. Wir aber leben in der Gegen- 
wart. Sie erkennen, die Wege, die sie gehen will, erleichtern, die 
Übel, die sie mit sich bringt, mildern und ertraizen lernen, heisst 
auch für die Zukunft wirken, heisst, sie sicherer vorbereiten als 
durch das Zusammenfügen einzelner Bruchstücke der \^ergangenheit 
oder durch das Haschen nach Luftgebilden einer geträumten künftigen 
Zeit.» 

Die Regierung adoptierte diese Ansichten vollständig und der 
Grosse Rat beschloss am 23. Oktober 18^9, den Petitionen keine 
weitere Fols^e zu izeben. 

6. In neuen Bahnen. 

So war das Handwerk auf eigene Füsse gestellt, die Krücken 
des Zunftzwanges mit all den vermeintlichen \\irteilen waren ihm 
weggenommen. Wie es sich auch dagegen wehrte, die Zeit schritt 
unerbittlich über seine Restaurationsgelüste weg. Indessen brachen 
bald bessere Zeiten an. Der Horizont des Vaterlandes weitete sich. 
Nach dem politischen Hader der vierziger Jahre und der gewalt- 
samen Lösung durch den Sonderbundskrieg war endlich die Zeit 
gekommen, aus dem schwächlichen Staatenbunde der Eidijenossen- 
Schaft ein stärkeres Ganzes, einen Bundesstaat zu gestalten. Die 



Verfassung vom Jahre 1848 gab dem Bunde Festigkeit nach innen 
und aussen. Der nationale Sinn des Volkes gewann an Kraft; es 
lernte für vaterländische Fragen sich erwärmen und eidgenössisch 
denken. Mit der Stärke des Bundes wuchs auch das Selbstbewusst- 
sein seiner Bürger und man wagte, nach aussen hin entschlossener 
aufzutreten. 

Mit der Sorge des Bundes für die öffentliche Wohlfahrt wurden 
Handel und Gewerbe mächtig gehoben. Das Zollwesen wurde als 
Sache des Bundes erklärt und diesem das Recht zugesprochen, alle 
innern Zölle, ^^'eg- und Brückengelder u. s. w. aufzuheben. Jetzt 
bekam er das Recht, an den Grenzen Zölle zu erheben, wobei die 
vaterländische Industrie, ebenso die zum Lebensunterhah erforder- 
lichen Gegenstände möglichst gering belastet werden sollten. Völlige 
Zentralisation erfolgte auch in Münze, Mass und Gewicht. Dem 
Bunde wurde ferner das Recht zugeteilt, im Interesse der Eidgenossen- 
schaft oder eines grossen Teiles derselben öffentliche Werke zu er- 
richten oder die Einrichtung derselben zu unterstützen. Damit erhielt 
er die Befugnis, Strassen, Wege, Verkehrseinrichtungen, Flusskor- 
rektionen, Bauten u. s. w. zu fördern oder selber herzustellen. 

Durch die neuen A'erkchrsmittel der Dampfschifte, Eisenbahnen 
und Telegraphen hatte sich bereits Handel und A'erkehr mächtig 
gehoben. Mit Anfang der fünfziger Jahre kam ein grosser Eifer 
in den Eisenbahnbau; die drei Hauptlinien des grossen schweizeri- 
schen Eisenbahnnetzes wurden fertig gebaut. 

In solche Zeiten gewaltigen Aufschwunges unseres Landes fällt 
nun die Gründung einer \^ereinigung der Handwerker und Gewerbe- 
treibenden unseres Kantons. 




27 - 








B. Gründung. 



Regierungsrat Esslinger hat in seinem vorzüglichen Gutachten 
von 1847 ausgezeichnete Vorschläge zur Hebung des Hand- 
werksstandes gemacht. Es weist mit ScharfbHck auf die Schäden 
im Handwerk hin und gibt vortreffHche Winke zur Abhülfe. Wir 
glauben nicht fehlzugehen, wenn wir annehmen, das Gutachten Ess- 
lingers — es zählt 150 Druckseiten — habe grossen Eindruck beim 
Handwerkerstand gemacht und. seine Ratschläge seien lange Jahre 
zur Richtschnur genommen worden. 

Esslinger verlangt eine bessere Bihiiino^ des Handwerkers; was 
er über den Mangel derselben sagt, ist leider heute nach 60 Jahren 
noch fast ebensowahr. Besonders fehle es an Fertigkeit in der 
Muttersprache; noch mangelhafter sei die (theoretische) Fachbildung 
(Mathematik, Physik, Chemie) und ganz böse sei es bestellt in bezug 
auf seine kauhiiännischen Kenntnisse, von denen er doch einige be- 
sitzen sollte. Höchst interessant spricht sich der Bericht über die 
Kostenberechnungen aus, man glaubt die Stimmen der Gegenwart 
zu vernehmen. «X'or allem aus sollte er imstande sein, die Kosten 
der verschiedenen Arbeiten, die er ausführt, gegenüber den verwen- 
deten MateriaHen und Arbeitskräften genau zu berechnen; er sollte 
sich nicht in Arbeiten einlassen, die ihn durch die Grösse des Be- 
trages locken, ihm aber der Niedrigkeit des Preises wegen nur 
Schaden bringen können. Wie sehr es den meisten Handwerkern 



hierin an der nötigen Einsicht und Berufsbildung gebricht, davon 
kann sich jeder überzeugen, der während einiger Zeit die Eingaben 
des Handwerksstandes für ausgeschriebene Arbeiten beobachtet hat. 
Hier nimmt man täglich wahr, dass selbst tüchtige Arbeiter in ihren 
Angeboten für ganz genau beschriebene Arbeiten mannigfach, ja bis 
auf hundert Prozent variieren, also in einem Grade, welcher not- 
wendig den Minderverlangenden Verlust bringen muss.» Der Ver- 
fasser ruft dann der Einrichtung von Handwerksschulen, allerdings 
ohne recht klar zu sagen, was unter solchen Schulen zu verstehen 
sei und wie sie eingerichtet werden müssten. Die Industrieschulen, 
die in Zürich und Winterthur bestanden, leisteten damals schon 
Vortreffliches, aber sie dienten dem gewöhnlichen Handwerkslehrling 
nicht, sie waren zu teuer und gingen zu weit. 

Esslinger empfiehlt Reisestipendien für tüchtige Handwerker an 
Stelle des frühern Wanderns, das er im allgemeinen nicht empfiehlt, 
weil es «zum Vagabundieren verleite». 

Ferner wünscht er, weil doch jeglicher Befähigungsausweis ab- 
geschafft worden sei, einen andern Wertmesser und Sporn zum Fort- 
schreiten, periodisch luiedcrhehrende Industrieausstellungen und gleichsam 
im Anschluss daran die Errichtung von Industrieballen, welche «die 
mannigfachen Erzeugnisse des einheimischen Gewerbsfleisses und damit 
die für den innern Markt bestimmten Gegenstände in einem Lokal 
vereinist und dem Konsumenten auf leichte und die Auswahl för- 
dernde Weise vor die Augen bringt.» Für ein dringendes Bedürfnis 
erachtet es der Verfasser, dass für den Handwerker Vorschusskassen 
errichtet werden, mittelst welcher er auf seine fertigen Fabrikate und 
auch ohne Pfand auf seinen moralischen Kredit hin Gelder erheben 
und sich helfen kann, ohne wucherische Zinsen zu bezahlen. Es 
schwebten Esslinger also unsere heutigen Gewerbehallen und Ge- 
werbekassen vor. 

Endlich empfahl der für das Handwerk so warm fühlende hoch- 
stehende Mann die Bildung von freien Handwerksvereinen, «welche 
der Handwerkerstand und namentlich die selbständig arbeitenden 
Mitglieder desselben zur Förderung ihrer Tätigkeit, zur verständigen 
Ordnung: ihrer Anojelei^enheiten bilden könnten und sollten j) Das 



— 28 — 

Zusammentreten ihr Meister luerde im Gegensatz zu dem früheren 
Zunftzwange kollci^ialische Be:;^iehnngen und den Sinn ~// gemeinsamer 
Förderung venuandter Interessen luecken und nähren. 

Als \'orläufer des kantonalen \'ereines können die gemeinsam 
gepflegten gewerblichen Bestrebungen der beiden Bezirksvereine 
Zürich und Winterthur betrachtet werden. In bezug auf die Gründung 
und Tätigkeit dieser beiden \'ereine lassen uns allerdings die Proto- 
kolle von Zürich und Winterthur völlig im Stiche.*) 

Voiiel schreibt über die Gründung des Gewerbevereins im Be- 
zirk Zürich: «Im Mai 1839 gründeten einige Schreinermeister und 
andere Handwerker aus Zürich und der Umgegend , veranlasst durch 
den heftigen und gefährlichen Streit eines Meisters mit seinen Gesellen, 
im Schützenhaus eine Handwerksgesellschaft, deren Zweck vorerst 
dahin ging, auf die Regulierung der \'erhähnisse der Gesellen 
gegenüber den Meistern einzuwirken. Schon anfangs September 1839 
erliess der \'erein eine Petition an den Grossen Rat, worin auf die 
Nachteile der Gewerbefreiheit, die Leichtigkeit der Niederlassung 
Fremder aufmerksam gemacht und die Bitte ausgesprochen wurde 
um strengere Durchführung des Grundsatzes der Reziprozität und 
• Ausschluss der Juden von der Niederlassung. Später wurde wegen 



*) Trotz eifrigen Nachforschens konnten wir nichts anderes in Erfahrung bringen, 
als was in «Vogels Memorabilia Tigurina oder Chronik der Denkwürdigkeiten des 
Kantons Zürich von 1840— 1850» enthalten ist. Auch der frühere Aktuar des Ge- 
werbevereines Winterthur, Herr Weiss, teilt darüber folgendes mit : « Leider kann 
ich mit den Protokollen von 1849 bis 1854 nicht dienen. Ich habe im Gewerbe- 
museum darnach gesucht und als ich dort nichts fand, die noch in Winterthur woh- 
nenden früheren Aktuare angefragt, überall ohne Erfolg. Jedenfalls hat einmal ein 
wenig gewissenhafter Aktuar die wertvollen Dokumente weggeschafft. 

Ob der Gewerbeverein Winterthur in der Zeit von 1849—1854 überhaupt 
bestanden hat, d. h. ob er dazumal Mitglieder hatte, ist nicht sicher. In gewissen 
Jahren, welchen weiss ich nicht, bestand kein geordnetes Vereinsleben. Das Interesse 
für die Sache war ein schwaches und es konnte vorkommen, dass jahrelang keine 
Versammlungen abgehalten wurden, bis sich wieder einige Handwerker zusammen- 
taten (vielleicht durch äussere Einflüsse dazu gedrängt), die fanden, ein Gewerbe verein 
müsse da sein, der ihre Interessen nach aussen vertreten könne. 

Mit obigem will ich die Wahrscheinlichkeit aussprechen, dass in den betreffen- 
den Jahren überhaupt keine Protokolle geführt worden sind; und doch könnte man 
es nach Vogel glauben.) 



— 29 — 

des Hausierhandels petitioniert. Am 5. Juli 1841 gab sich die Ge- 
sellschaft Statuten und nahm den Namen Gewerbsverein des Bezirks 
Zürich an. Er setzte sich als Zweck vor, in seinen Versammlungen 
die Interessen des Gewerbsstandes in ihrem ganzen Umfange zu 
besprechen und sich über allfäUig nötig werdende öffentliche Schritte 
zu beraten. Es w^urden jährlich zwei Generalversammlungen, und 
der Jahresbeitrag der Mitglieder auf 25 ß (ungeföhr i^/g Fr. n. W.) 
angesetzt. An die Spitze des Vereins wurde eine Vorsteherschaft 
■^ von 13 Mitgliedern gestellt und dieser hauptsächhch zur Aufgabe 
gemacht, über die Mittel zur Hebung des Gewerbestandes Beratungen 
zu pflegen, geeignete Vorschläge zu hinterbringen und auf die Hand- 
habung der den Gewerbestand schützenden Gesetze und Verordnungen 
ein wachsames Auge zu haben. — Zu dieser Zeit zählte der Verein 
64 Mitglieder, im Jahre 1843 schon 254. — Als sich der Grosse 
, Rat im Jahre 1842 damit beschäftigte, neue Gesetze über die Erwerbung 
des Bürgerrechtes, den Markt- und Hausierverkehr zu erlassen, wurde 
von dem Gewerbsverein und dem Handwerksstand massenhaft für 
möglichste diesfällige Beschränkungen petitioniert. Der Grosse Rat 
.) entsprach namentlich darin, dass der Erwerb des Bürgerrechtes durch 
' Fremde erschwert und dass die Juden von dem Hausierhandel aus- 
geschlossen wurden. 

Im Jahre 1844 gründete der Verein in Verbindung mit demjenigen 
von Winterthur ein Gewerbeblatt. 

Am 26. September 1845 beschloss der Gewerbsverein mit Ein- 
mut, dem Grossen Rat eine Petition einzureichen (von welcher wir 
im Abschnitt 5 des geschichtlichen Rückblickes bereits gesprochen 
haben; sie wurde von Regierungsrat Esslinger in ablehnendem Sinne 
einlässlich begutachtet). Im Jahre 1846 leitete ein Ausschuss des 
Vereines die Industrieausstellung, 1847 beteiligte sich derselbe bei 
der Brotausteilung. Am 21. Februar 1848 richtete der Gewerbeverein 
eine Petition an die Bundesrevisionskommission in Bern wegen der 
Handelspolitik, mit der Bitte, nichts unversucht zu lassen, damit auch 
in diesen Zweig des Staatslebens zeitgemässe Verbesserungen gebracht 
werden, und am 17. Juli verfügte sich eine Abordnung des Vereins 
zu den zürcherischen Tagsatzungsgesandten, den Herren Dr. Furrer und 



— ^o — 



31 



Rüttimann, um ihnen fiir ihr Wirken zu Gunsten des Handels- und 
Gevverbswesens den Dank auszusprechen. Am 27. November 1848 
beschloss der Verein den Anschluss an eine Vorstellung der 
schweizerischen Handwerker und Freunde vaterländischen Gewerbs- 
fleisses an die Bundesversammlung in Bern, mit der Bitte, dass 
gegenüber dem Auslande unserer vaterländischen Arbeit der für ihren 
Fonbestand und für ihre Wiederbelebung so nötige zeitgemässe Schutz 
durch beförderliche Aufstellung eines Grenz- und Schutzzollsystems 
gewährt und zu dem Ende die Grundsätze des Gegenrechtes in Grenz- 
und Schutzzollsachen in volle Anwendung gebracht werden möchten.» 
Über die gewerblichen Bestrebungen Winterthurs berichtet uns 

Vogel folgendes: 

^ «Am 23. Juni 1844 wurde ein Gewerbsverein für den Bezirk 
Winterthur gegründet. Der in den Statuten angegebene Zweck war: 
die Interessen ^des Handels- und Gewerbsstandes in seinem ganzen 
Umfange zu wahren und zu befördern. Der Vorsteherschaft des 
Vereins wurde zur Aufgabe gemacht , über die Mittel zur Hebung des 
Handels- und Gewerbsstandes Beratung zu pflegen, Vorschläge zu 
hinterbringen und auf die Handhabung der den Handels- und Ge- 
werbsstand schützenden Gesetze und W^rordnungen ein wachsames 

Auge zu halten.» 

^ Über die von beiden crewerblichen Vereinen oemeinsam gepflogenen 
Beratun-en berichtet uns der Chronikschreiber: «Im Dezember 1844 
traten m Tagelschwangen Ausschüsse von den beiden Vereinen 
Zürich und Winterthur zusammen, um sich über eine Industrieaus- 
stellung, ein Gewerbeblatt und eine an den Grossen Rat zu erlassende 
Petition' zu beraten. Die Petition wurde 1845 eingereicht, die Aus- 
stellung flmd 1846 statt und auch das Gewerbeblatt erschien, brachte 
es aber nur auf 12 Seiten. Erst 5 J^i^i'e später wurde wieder eine 
Generalversammlung abgehalten wegen der Petition an die Bundes- 
versammlung (die oben erwähnt ist). Es waren grössere politische 
eidgenössische Fragen dazwischen getreten; bevor die gelöst waren, 
unterdrückte man kleinere Wünsche.» 

Nun macht Vogel die merkwürdige Notiz: «Am 26. Februar 1849 
wurde ein schweizerischer Gewerbsverein gegründet, am 21. Mai 



die Statuten revidiert und ein Handwerker- und Gewerbsverein des 
Kantons Zürich gestiftet. Zweck desselben ist: Vereinigung des 
Handwerks- und Gewerbsstandes des Kantons zur Hebung und 
Beförderung, sowie zum Schutze der Industrie, der Gewerbe und 
der vaterländischen Arbeit. Der Verein besteht aus einzelnen Be- 
zirksvereinen. Der Kantonal verein versammelt sich ordentlicher- 
weise einmal im Jahr abwechselnd in einem der teilnehmenden 
Bezirke. Jahresbeitrag 8 Batzen.» 

Über diese Gründung eines kantonalen Vereines ist sonst nirgends 
etwas zu finden. Die Protokolle der beiden Gew-erbe vereine Zürich 
und Winterthur enthalten keine bezüglichen Angaben. Wahrschein- 
lich ist der Verein zu keiner Tätigkeit gekommen. Es ging ihm 
also einmal wie dem schweizerischen Gewerbeverein dreimal, er fiel 
wieder zusammen. 

Die definitive Gründung des kantonalen Handwerks- und Ge- 
werbevereines müssen wir fünf Jahre später ansetzen, ins Jahr 1854. 
Über diese Gründung haben wir in unserem ersten Protokoll eine 
hübsch geschriebene Urkunde (der Aktuar w^ar von Beruf Lithograph). 

Wir lassen sie im Wortlaute folgen: 

Urkunde 
der Gründung des kantonalen Handwerks- und Gewerbsvereins. 

Der Kantonalverein dankt seine Entstehung dem freundschaft- 
lichen Verhältnis der beiden Gew^erbsvereine Zürich und Horgen, 
die dessen Gründung als eine dringende Notwendigkeit erkannten. 
Die Freunde von Horgen hatten den Gewerbsverein Zürich auf den 
Ostermontag 1854 zu sich eingeladen, wobei folgendes vorläufige 
Programm für den Kantonalverein bezüglich der zu verfolgenden 
Zwecke angenommen wurde : 

1. Herstellung eines innigem Zusammenhaltens und Zusammen- 
wirkens unter allen Handwerkern des Kantons. 

2. AV^ranstaltung regelmässiger Besammlung des \^ereins in den 
Bezirken oder durch Abordnungen nach Zürich. 

3. Aufstellung einer kantonalen Gewerbeordnung, resp. Prüfung 
des diesfälligen Projektes des hohen Rates des Innern. 



32 — 






4. Beratung derjenigen Massregeln, die zu besserem Schutze 
der inlandischen Produkte getroffen werden können. 

5. Gründung einer Vorschusskasse zur Unterstützung von Ver- 
einsmitgliedern. 

6. ^'ersuch der Bildung von Assoziationen für gemeinsamen 

Ankauf von Rohmaterial. 

7. Gründung von Gewerbeschulen. 

8. Vornahme regelmässiger Industrieausstellungen durch den 

Verein. 

9. Allfälliger Anschluss an den schweizerischen Handwerks- 
und Gewerbeverein. 

Am iS. Juni iSj4 erfolgte sodann der Gegenbesuch des Horgener 
Gewerbsvereins, bei welchem Anlass definitiv festgesetzt wurde: 

Die Versammlung heschliesst die Gri'indung eines kantonalen Hand- 
werks- und Gewerbsvereines. 

Zu dem Ende soll ein Komitee von 25 Mitgliedern bestellt werden, 
in welchem jeder Bezirk durch mindestens ein Mitglied vertreten 
sein muss, die übrigen aber durch freie Wahl aus sämtlichen An- 
wesenden zu bestellen sind. 

Diese Kommission hat den Auftrag, Statuten auszuarbeiten, 
welche den zu errichtenden Bezirks- oder Lokalvereinen mitzuteilen 
sind. Diese haben zur Beratung der ihnen vorgelegten Statuten eine 
Abordnung von je zwei Mitgliedern zu bestellen, welche einer von 
dem provisorischen Komitee zu veranstaltenden Generalversammlung 
anzuwohnen haben, die diese Statuten endgültig zu beraten und den 
Verein vollständig zu konstituieren hat. 

Sodann fand die Wahl der 25er Kommission statt, wobei zu 
bemerken ist, dass die mit der Industrieausstellung stark beschäftigten 
Mitglieder des Gewerbevereins Zürich sich die Wahl zum vorneherein 

verbaten. 

Die bestellte grosse Kommission, in der alle Bezirke ihre 

Vertreter hatten, beendigte ihre Aufgabe, einen Statutenentwurf 

auszuarbeiten, bis zu Ende des Jahres und am 17. Dezember 1854 

fand wieder in Morgen eine Versammlung statt, in der die Statuten 

durchberaten und festgesetzt wurden. 



Die Mission der 25 er Kommission war damit zu Ende und 
cTcmäss Statuten trat ein Vorstand von 7 Mitgliedern in Tätigkeit; 

diese hiessen: 

Gemeindeschreiber Leuthold von Horgen ; 
Worz, Kaufmann in Zürich; 

Götschi-Horner, Kreisgerichtspräsident von Horgen; 
Widmer, Lithograph in Zürich ; 
Hauser, Kreisgerichtspräsident von Wädenswil; 
Zwingli, BuchJ^inder, Pfäffikon ; 
Pfenninger, Bezirksrichter, Unterstrass. 
Erster Präsident wurde Gemeindeschreiber Leuthold von Horgen; 
Vizepräsident: Worz, Kaufmann von Zürich; 
Quästor: Götschi-Horner, Präsident von Horgen; 
Aktuar: \Vidmer, Lithograph von Zürich. 




35 — 




C. Tätigkeit des Vereins. 



a) Chronologische Übersicht der Vereinstätigkeit. 

Bis und mit den sechziger Jahren. 

Von den Aufgaben, die sich der \>rein im Programm gestellt 
hatte, war zuerst die zu lösen, Sektionen zu gründen, damit ein 
inneres Zusammenhalten und Zusammenwirken unter allen Hand- 
werkern des Kantons möglich werde. Die Bemühungen des \'or- 
standes blieben nicht ohne Erfolg; doch mehrte sich die Zahl der 
Sektionen nur langsam. Im zweiten Jahre des Bestandes, 1855, ge- 
hörten dem kantonalen Wn'bande folgende Vereine an : 

Zürich mit 130 Mitgliedern 

51 



Horiien 

Oberrieden 

Pfäftikon 

Küsnacht 

Uster 

R Uschi ikon 



im ganzen 



ly 



j> 



>) 



)5 



48 

40 

108 

14 
40^^ 



in 7 Sektionen 

in 30 Sektionen, die 



Heute zählen wir 2015 
über alle Bezirke verteilt sind. 

Eine andere schöne und fruchtbringende Aufgabe war im 7. Pro- 
grammpunkt gestellt : Gründung von Gewerbeschulen. \'on Anfang an 



bis heute betrachtete es der kantonale Gewerbeverein als eine seiner 
höchsten Aufgaben, für eine gute Bildung der Jugend, insbesondere 
der des angehenden Handwerkers allezeit warm einzustehen. Auf 
Antrag der rührigen Sektion Pfäftikon beschloss 1855 der Kantonal- 
verein, eine Petition an den hohen Erziehungsrat einzureichen, in 
welcher Errichtung und staatliche Unterstützung von Gewerbeschulen 
cTewünscht wird. Für das Land, heisst es in der Eingabe, sei eine 
Verbindung mit den Sekundärschulen in Aussicht zu nehmen, wie 
das im Kanton Thurgau bereits geschehe. Die Petition hatte Er- 
folg; im Jahre 1858 bewilligte der Grosse Rat dem Regierungsrate 
einen Kredit von 5000 Franken zur Förderung des Handwerkswesens, 
namentlich um Unternehmungen und Anstalten zu unterstützen, welche 
von einem zweckmässig organisierten Handwerks- und Gewerbeverein 

ausgehen. 

Nicht so rasch sollte ein anderer Programmpunkt sich verwirk- 
lichen, die Aufstellung einer kantonalen Gewerbeordnung oder eines 
Geiuerhegcset:^es. Erst nach Jahrzehnten, im Jahre 1881, gelangte ein 
bezüglicher Gesetzesentwurf zur Volksabstimmung (er wurde ver- 
worfen; eine zweite Vorlage vom Jahre 1899 fand wiederum nicht 
die Zustimmung des ^'olkes, und so gelten denn wenigstens dem 
Kamen nach noch heute auf gewerblichem Gebiete die Bestimmungen 
aus den dreissiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts). 

Esslinger hatte seinerzeit die Einrichtung von IndiistriehaUen em- 
pfohlen und darauf hingewiesen, wie sie anderwärts gerade in den 
Städten, die früher der Sitz eines blühenden Handwerksstandes ge- 
wesen waren, zur Hebung des Gewerbsfleisses errichtet worden seien, 
und zwar durchgehends mit sichtbarem Erfolge. Diesem wohlge- 
meinten Rate w^ollten nun die Handwerker der Stadt Zürich nach- 
leben; sie beantragten Errichtung einer permanenten Ausstellung in 
Zürich. Die Fraije wurde wiederholt und oft sehr lebhaft erörtert; 
ja die verschiedenen Meinungen wurden so leidenschaftlich verfochten, 
dass leider Zerwürfnis eintrat. Der Sektion Zürich wurde von den 
Landsektionen Opposition gemacht; diese hätten Heber die Einrichtung 
einer Verkaufshalle mit Vorschusskasse gesehen; sie erblickten für sich 
keinen Nutzen in einer permanenten Ausstellung, weil für den Land- 



.1.1** 



- 3^ - 

handwerker die Beschickung der Ausstellung zu umständlich und zu 
teuer sei. Die Stadthandwerker wollten aher von solchen Wn'kaufs- 
hallen durchaus nichts wissen, weil sie «die Konkurrenz der See- 
bewohner fürchteten». In der ausserordentlichen \'ersammlung in 
Usteri858 wurde die Beratung hierüber «etwas scharf» geführt und 
die ganze Angelegenheit abgelehnt. Die lolge davon war der Aus- 
tritt Zürichs und ein unliebsamer /.eitungskrieg. Die ersten Nummern 
des 1859 gegründeten Vereinsorganes, des «Gewerbeblattes», beschät- 
tigen sich sehr eingehend mit den unerquicklichen \\M-hältnissen. 

In einer Pclilkm au den Grossen Rat, datiert vom 2cV. September 
iSj6, suchte der Verein um tatkräftige Untersliit:^iini: des Handwerker- 
standes von seilen des Staates nach. Die Staatshilfe sollte hauptsächlich 
Verwendung finden für Prämien für ausgezeichnet schöne, solide Ar- 
beiten, für Erfindungen, zur Unterstützung bei Industrieausstellungen, 
zur Organisation von Gewerbeschulen in Verbindung mit den \o\ks- 
schulen auf dem Lande. Hin weiteres Verlangen war grössere Er- 
schwerung der Ausübung von Handwerken und Gewerben für solche 
Ausländer, in deren Heimat kein Gegenrecht gehalten wurde; ferner 
wünschte der Verein Einführung einer Art Handwerksjury in Streitig- 
keiten zwischen Meister, Gesellen oder Lehrlingen, und endlich Ein- 
führunij einer zeit^^emässen Handwerks- und Gewerbeordnung. 

Die Petition tand in keinem einzigen Punkte die Zustimmung 
des damaligen Departementschefs des Innern, des Herrn Regierungs- 
rates Wild; er ist zum vorneherein ziemlich gereizt darüber, dass über 
ihn hinweg die Petenten sich an den Grossen Rat gewendet haben 
und nicht zuerst an die Direktion des Innern, und er gibt seinem 
Unwillen im Bericht vom 6. Juni 1857 offen Ausdruck. 

Am unbegreiflichsten scheint uns heute seine ablehnende Haltung 
in bezug auf die Organisation von Gewerbeschulen; er will nicht an- 
erkennen, dass im Schulwesen eine Lücke für die Knaben bestehe; 
die Sekundärschulen, meint er, können allen Bedürfnissen genügen. 
In bezuii auf Einführuni,^ einer Art Handwerksjurv bezweifelt er sehr, 
dass damit für den Gewerbestand irgend etwas gewonnen würde, 
und hält vielmehr dafür, der Gewerbestand selbst im grossen ganzen 
würde einerseits sich für die Teilnahme an einer solchen Jury bestens 



— 37 - 

bedanken, anderseits das ordentliche, gerichtliche Urteil dem Entscheid 
einer solchen Jury vorziehen. 

Zu ihrem Verlangen nach einer zeitgemässen Handwerks- und 
Gewerbeordnung bemerken die Petenten, die Gesetzgebung sei im 
Drange nach Gewerbefreiheit zu weit gegangen und habe dadurch 
dem alten Sprichwort vom goldenen Boden des Handwerks den 
Todesstoss gegeben. Infolge der unbeschränkten Gewerbefreiheit 
treten hin und wieder halb herangebildete Handwerker auf, die keine 
gehörige Lehrzeit durchgemacht haben, ihren Beruf daher nicht ge- 
nügend verstehen, den ehrlichen Meister verdrängen und dadurch 
sich und andere ruinieren. Hierin liege ein Hauptgrund der X^^r- 
armun": eines Teils des Handwerkerstandes. Ohne den heilsamen 
EinBuss einer tüchtigen Konkurrenz zu verkennen, fordern die Pe- 
tenten Bestimmungen über die Stellung von Meistern, Gesellen und 
Lehrlingen. 

Wild weist auch dieses Verlangen kurzerhand von sich; er 
hält die Aufstellung einer Gewerbeordnung für unmöglich, da ein 
abgeschlossener Handwerkerstand nicht mehr bestehe; auch zweifelt 
er, dass ein Pfuscher einem tüchtigen Meister erhebliche Konkurrenz 
machen könne. 

Die Direktion kommt mit der ihr beigeordneten Kommission 
für das Gewerbewesen zu dem Schlüsse, es entsprechen die zurzeit 
in Kraft bestehenden Gesetzesvorschriften über das Gewerbewesen 
sowohl dem durch die Staatsverfassung schon ausgesprochenen Grund- 
satze der Gewerbefreiheit, als auch den W-rhältnissen, wie sie sich 
im Gewerbewesen im alliremeinen und im Handwerkswesen im be- 
sondern allmählich gebildet haben und noch weiter ausbilden werden. 
Die Handwerker bekommen den leeren Trost: «Indem die bestehenden 
Vorschriften mit diesen beiden Richtungen im Einklang stehen, indem 
sie die Tätigkeit jedes einzelnen in jeder Art von Handwerk und 
Gewerbe frei sich entwickeln lassen, bieten sie auch den Petenten 
die Mittel zur Abhülfe in denjenigen Punkten dar, auf welche ge- 
stützt andere Gesetzesvorschriften gewünscht wurden; denn jedem 
steht der Weii deich offen, sich zu einem tüchtigen Handwerker 
oder Gewerbsmann auszubilden und so sich ein anständiges Aus- 



- 38 - 



39 — 



kommen zu sichern; es besteht kein anderes Vorrecht als dasjenige 
der Intelligenz und der Beharrlichkeit.» 

Höchst unbefriedigt und geradezu erzürnt über eine solche Ab- 
fertigung beschloss der kantonale Verein darauf eine zweite Eingabe 
an dai Grossen Rat, in der die Petition gegen den Bericht der Direk- 
tion des Innern verteidigt wird. Und diese Eingabe hatte Erfolg, 
wie wir oben gesehen haben. 

1859 wird die Gründung eines Vereinshlattes beschlossen. Es 
trägt den Titel «Monatliches Gewerbeblatt, Organ des Handwerks- 
und Gewerbevereins des Kantons Zürich». Es erschien bis 1876 bei 
Arnold Rüegg, zum «Florahof» in Wädenswil. Obgleich es nirgends 
gesagt ist, muss man doch annehmen, dass der Vereinspräsident 
Rüegg während der ganzen Zeit des Erscheinens auch die Redaktion 

besorgt habe. 

Den Handwerhrsdmkn wurde fortgesetzt eine besondere Auf- 
merksamkeit von Seiten des Vereines zu teil; 1859 hielten in Küs- 
nacht Professor Kronauer und Seminardirektor Fries Referate über 
Handvverkerschulen, Lehrmittel u. s. w.; die Vorträge orientierten 
über die Ziele dieser Schulen, die sich seit der 1858 beschlossenen 
kräftigen Staatsunterstützung rasch mehrten : 1854 eine Schule (Zürich), 
1864 schon 38 Schulen. Stark wurde der Mangel eines geeigneten 
Zeichenwerkes empfunden; es wurden deshalb mit Herrn Professor 
Kronauer und der Buchhandlung Meyer & Zeller Unterhandlungen 
betreffend Erstellung eines solchen angeknüpft; der Verein konnte 
mangels einer Kasse keinen Beitrag versprechen. Das Werk kam 
dennoch zu stände und leistete lange recht gute Dienste (Kronauer, 
«Anfangsgründe des geometrischen Zeichnens») ; später ist noch eni 
zweiter Teil erschienen, welcher das Maschinenzeichnen und die Ele- 
mente des Bauzeichnens behandelt. 

Schon in jener Zeit wurde die Notwendigkeit einer bessern Aus- 
bildung auch der Töchter erkannt ; die Begründung derselben ist recht 
originell: «Man braucht nur den Namen Töchtergewerbeschule aus- 
zusprechen, um die Wichtigkeit derselben zu erfassen. Und in der 
Tat, was kann es für den Handwerks- und kleinen Gewerbsmann 
Fördernderes und Lohnenderes geben, als wenn seine Gattin ihm in 



schriftlichen Arbeiten, sei es in der ganzen oder teilweisen Buch- 
führung und Korrespondenz, oder in der Ausstellung von Rechnungen, 
Abfassung von Verträgen, Inseraten und Empfehlungen etc., helfend 
zur Seite stehen, diese Obliegenheiten schnell und zu einer Zeit er- 
ledigen kann, wo er selbst beim Amboss stehen oder bei der Arbeit 
ausser dem Hause sein muss oder überhaupt durch anderweitige Ge- 
schäfte verhindert oder aufgehalten wird? 

Wie oft hat man's erfahren, dass eine bewanderte und «geord- 
nete» Hausfrau die zunächstliegende (!) Ursache zum Wohlstand des 
Hauses geworden, und wie oft, dass der Mangel einer solchen das 
Emporkommen verunmöglichte oder gar zum Untergang führte?» — 
Töchterfortbildungsschulen sind seitdem eine grosse Zahl entstanden, 
wenn auch erst in den letzten Jahrzehnten und noch nicht ganz im Sinne 
obiget Sätze. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit der Anleitung 
zu häuslichen Arbeiten, besonders Nähen. Dass daneben ein Unter- 
richt in der einfachen Rechnungsführung überall eingeführt werden 
sollte, ist schon längst als Bedürfnis anerkannt worden. 

«Mit gutem Takt hatte der Verein vor einigen Jahren seine 
einstigen materiellen, auf Geschäftsschutz berechneten Bestrebungen 
verlassen und sich mehr an das geistige Gebiet gehalten, nämlich 
auf Bildung durch Wort und Schrift und durch die ins Leben ge- 
führten Gewerbeschulen hingewirkt. (Aus der Eröffnungsrede des 
Präsidenten, 1861.) Jetzt galt es, dem Handwerkerstand auch einmal 
einen greifbaren Vorteil zu verschaffen und den glaubte man ihm 
durch Einrichtung von Leihkassen bieten zu können. Diese neuen 
Institute sollten nicht nur dem Handwerker, sondern auch dem Mittel- 
stand im ganzen dienen. «Wie die grossen Banken die Tätigkeit des 
Kaufmanns und des Fabrikanten erleichtern und unterstützen, so sollen 
und können auch jene kleinern Institute dem ganzen Mittelstand 
zum Heil und Segen gereichen.» Die Gründe für die Wünschbar- 
keit und Notwendigkeit solcher Vorschusskassen wurden von Re- 
gierungsrat Huber im «Gewerbeblatt» vorgelegt, und im Herbst 1862 
hielt Institutsvorsteher Meier von Küsnacht ein bezügliches Referat 
vor der Generalversammlung in Thalwil. Wie ernst es dem kan- 
tonalen Vorstande mit der Verwirklichung dieser neuen Idee war, 



— 40 - 



41 



sehen wir aus folgenden Sätzen eines Aufrufes des Präsidenten an 
die lokalen Handwerks- und Gewerbsvereine : «Ich fordere Euch auf, 
mutig und vertrauensvoll zur Iirrichtung von Volksbanken zu schreiten. 
Sehen die betreffenden ^'orsteherschaften nur vor, dass auch gemein- 
nützige und einflussreiche Männer ausserhalb des Vereines dabei mit 
ihnen Hand in Hand gehen, zum Zeichen, dass das Werk der Ge- 
samtheit zu i^ute kommen soll. Mit den Handwerksschulen haben 
wir nach langem Ringen gesiegt — und neue sind im Entstehen! 
Verhelfen wir auch unserer zweiten, ebenso folgenreichen Aufgabe, 
der Errichtung von X'olksbanken, zum Siege!» Die Hoffnungen 
wurden nicht getäuscht; an der Generalversammlung in Mettmen- 
stetten, Oktober 1864, konnte der Bestand von 15 Leihbanken kon- 
statiert werden; 1865 waren es schon ihrer 19. 

Grosse Befriedigung erzeugte in der Generalversammlung zu 
Meilen 1863 die Mitteilung des regierungsrätlichen Beschlusses, es 
sei dem kantonalen Handwerks- und Gewerbeverein zum Zwecke der i 
Unterstützung für Unternehmungen und Anstalten zur Hebung und 
1-orderung des Handwerkswesens für das Jahr 1862 ein Staalshciliag 
von 400 Fr. aus dem hiefür bestimmten gesetzlichen Kredit zu ver- 
abreichen. (In den folgenden Jahren bis 1880 war der Staatsbeitrag 
konstant 250 It.; im Jahre 1881 stieg er infolge vermehrter Aus- 
gaben zur Unterstützung der damals eingeführten Lehrlingsprütungen 
auf 500 Fr., im Jahre 1903 betrug er 2000 Fr. (Davon gab der 
Verein für die Lehrlingsprüfungen über 1300 Fr. aus.) 

Die frühere Frage betreffend GewerhehaUe wurde 1864 wieder auf- 
gerollt und der Kantonalverein beschloss 1866 in Uster, wo er vor 
^j Jahren das gleiche 'Fraktandum bachab geschickt hatte, im Prinzip 
die Errichtung einer kantonalen Gewerbehalle in Zürich mit dem Zu- 
satz, es sei die Unterstützung des Staates und der Stadt Zürich zur 
Verwirklichung des Unternehmens, besonders in Beziehung auf An- 
weisung oder Überlassung einer geeigneten Lokalität oder eines ge- 
eigneten Bauplatzes, nachzusuchen. Eben diese Klausel verunmög- 
lichte für die nächsten Jahre die Verwirklichung. Es war nämlich 
der Ankauf des alten Kornhauses geplant gewesen ; allein die Ton- 
halleijesellschaft war zuvorgekommen und hatte das Gebäude er- 



worben. Aus xMangel an einer geeigneten Lokalität musste man 
wiederum auf den Bau einer Gewerbehalle verzichten. 

Die Frage der Errichtung eines Muslerhi^ers beschäftigte den 
\'erein auch jahrelang. Eine grössere Kommission kam zu dem 
Schluss, dass die Errichtung eines Musterlagers, inbegriffen eine 
Ansammlung aller neuen gewerblichen Erscheinungen im Auslande, 
namentlich kleinerer Maschinen für den Handwerker, eher Sache des 
Staates sein dürfte. Mehrere Mitglieder der Kommission besuchten 
das Musterlager in Stuttgart und sie kamen mit der vollständigen 
Überzeugung heim, dass die Einrichtung eines solchen die Kräfte 
des Gewerbevereines weit übersteige. Die Frage, die damals so 
schwierig erschien, fand 1874 ihre Erledigung darin, dass zwei solcher 
Musterlager im Kanton gegründet wurden, die Gewerbemuseen in 
Zürich und Winterthur. 

Schon 1866 wiiwkn dk Halbjabrsredminioen ^m den Handwerker 
als zweckdienlich und nützlich erachtet; aber nur durch das Vor- 
ijehen in grösseren Kreisen könne geholfen werden, hiess es, da ein- 
zelne riskierten, ihre Kunden zu verlieren. In einem Aufruf in sämt- 
lichen Zeitungen des Kantons wurden alle Handwerker und Gewerbe- 
treibenden des Kantons eingeladen, statt der Jahresrechnungen Halb- 
jahresrechnungen auszustellen. 

Im Jahre 1868 war der Vorstand des Vereines sehr stark durch 
die drille haiitonaJe Industrie- iiud Gewerbeaiisstellnui^ in Anspruch ge- 
nommen. Präsident der Ausstellungskommission war das Präsidium 
des kantonalen Gewerbevereins, Arnold Rüegg in Wädenswil. Spezial- 
komitees wairden nicht aufgestellt, dafür hatte der Vereinsvorstand 
28 Sitzungen. Als Ausstellungslokal diente die Tonhalle. Die An- 
meldungen waren nicht so zahlreich, wie man erwartet hatte (nur 
476 Aussteller), die Gegenstände gingen äusserst langsam ein. Doch 
erhielt die Ausstellung den allgemeinen Beifall des Publikums; die 
Besuchszif^er betrug 50,000. In einem Punkte wurden die Erwar- 
tungen getäuscht, es konnten weit weniger Ausstellungsgegenstände 
verkauft werden, als man erwartet hatte. Die einen schoben die 
Schuld auf Rechnun«: der schlimmen Zeiten und die Verdienstlosig- 
keit, die andern wölken die politische Bewegung und den Missmut 



- 42 - 



43 



des ((Systems)) dafür anklagen, wieder andere vermissten die richtige 
Lösimg der Aufgabe bei der Mehrzahl der Ausstellungsgegenstände 
so wurde gesagt, dass neben prachtvollen Schreinerarbeiten vieles da 
war, das in Beziehung auf Eleganz und Ausarbeitung nicht auf der 
Höhe der Zeit stand und doch keineswegs billig angesetzt war. — 
An Stelle der früheren Verlosung war die Prämierung getreten. 

Zur Erleichterung des Besuches auslmuüscher AussteUiiugen ver- 
abreichte der Kanton Subventionen, so für London 1862, Paris 1867, 
Wien 1873 (20 Subventionierte), Philadelphia 1876 und spätere, wie 
wir aus besondern Abschnitten über Ausstellungen noch sehen werden. 
Die Berichterstattung der Subventionierten über die gemachten Be- 
obachtunijen an der Ausstellung in London war eine sehr lücken- 
hafte, so dass sich der \'orstand des kantonalen Handwerks- und Ge- 
werbsvereines im Jahr 1866 mit folgendem Gesuch an die Direktion 
des Innern wandte : « Zum Besuch der Londoner Weltausstellung 
von Seiten der Handwerker und Gewerbeleute hiesigen Kantons hat 
seinerzeit die hohe Regierung Unterstützungsgelder verteilt, und da 
nächstes Jahr in Paris eine ähnliche Ausstellung stattfindet, so wird 
das gleiche wohl wieder geschehen. Der Handwerks- und Gewerbe- 
stand anerkennt dankbar dieses Streben und möchte beizeiten die 
Sache wieder angeregt haben, damit der allseitig gehoffte Nutzen 
daraus entstehe. Von den seinerzeit nach London abgeordneten, 
mit Staatsbeiträgen unterstützten Handwerkern hat ein einziger seine 
dort gemachten Anschauungen und Beobachtungen einem grössern 
Publikum mitgeteilt, während wir erachten, der Staatsbeitrag werde 
nicht sowohl der betreffenden Person für sich erteilt, sondern nur 
an dieselbe zur Verwertung für den ganzen Stand, den ganzen 
Kanton. Und so sollte vor allem aus von dem mit Staatsbeitrag 
Bedachten verlangt werden, dass er bei seiner Zurückkunft diejenigen 
Erfahrungen und Lehren, die er selbst genossen, mehr oder weniger 
ausführlich, zum Nutzen seiner Standesgenossen zu Papier trage und 
veröffentliche. Noch besser dürfte es sein, wenn diese Ausgesteuerten 
gemeinsam unter einer zweckmässigen Leitung die Ausstellung be- 
suchen und dann auch einen gemeinsamen Bericht abfassen und 
veröffentlichen würden.)) 



Die Anmeldungen der Handwerker für Subvention nach Wien 
(1873) gehen zum erstenmal durch die Vermittlung des kantonalen 
Handwerks- und Gewerbevereins. Es erschienen dann auch im 
((Gewerbeblatt)) mehrere Fachberichte von Handwerkern; gesammelt 
wurden sie nicht. 

Siebziger Jahre. 

In den siebziger Jahren war die Wirksamkeit des Vereines 
während der ganzen fünfzigjährigen Periode verhältnismässig am 
wenigsten hervortretend; es scheint, als ob ihm die damalige äusserst 
fruchtbare gesetzgeberische Tätigkeit der obersten kantonalen Behörde 
(Tcnüirt hätte; wurden doch vom Kanton eine Reihe von Instituten 
(beschaffen, die in hervorragender Weise auch dem Gewerbestande 
zu gute kamen: die Kantonalbank (1870), die Gewerbehalle der 
Kantonalbank (1877), das Technikum in Winterthur (1873). Ferner 
entstanden in den beiden Städten Zürich und Winterthur zur gleichen 
Zeit (1874) Gewerbemuseen. Immerhin beschäftigte sich der kanto- 
nale Verein mit einigen Fragen recht eingehend, so mit dem ge- 
werblichen Bildungswesen, der Einführung von Wandervorträgen, 
der Neugründung eines schweizerischen Gewerbevereines ; besprochen 
wurden auch die Gesetzesvorlagen betreffend Hausierhandel, die Ein- 
richtung gewerblicher Schiedsgerichte und die Ausschreibung von 
Preisaufgaben. 

Für die Hebung der gewerblichen Fortbildungsschulen glaubte 
man ein vorzügliches Mittel in der Ausstellung von Seh id er arbeiten 
gefunden zu haben; solche Ausstellungen wurden veranstaltet 1870 
bis 1876, je das zweite Jahr. An die Ausstellungen, die in den 
Zeichensälen des Polytechnikums stattfanden, schlössen sich gewöhn- 
lich belehrende Besprechungen. Allein man musste von weiteren 
\'eranstaltungen absehen, weil der Nutzen nicht der erhoffte war. 
Einmal stellten bei weitem nicht alle Gewerbeschulen aus, 1874 z- ß- 
von 56 vom Staate subventionierten Schulen bloss 31; dann wurde 
der Wert derselben als problematisch bezeichnet. Das eigentliche 
Fachzeichnen wurde, nach den Ausstellungen zu schliessen, ganz 
un2:enü2:end betrieben, so dass die Handwerker den Wert des da- 



— 44 — 

maliircn Zeichenunterrichts als gerine; bezeichneten. Es wurde deshalb 
die Schajfiin^^ eines Vorlüi^ewerkes in Aussicht genommen und zugleich, 
was noch nötiger war, die Heranbildung von Lehrkräften, die im- 
stande sein sollten, einen erspriesslichen Unterricht zu erteilen. Nach 
den bezüglichen Vorträgen der Herren Architekt Bosch und Lehrer 
Huiz in Winterthur wurden 1879 folgende Beschlüsse geiasst : die 
Fortbildungsschulen sind einheithch zu organisieren; für die Lehr- 
mittel ist ein Programm aufzustellen; unpassender Stoff ist auszu- 
scheiden; es soll ein Vorlagewerk geschahen werden. 

Für eine solche Vorlagesammlung wurden \'orarbeiten ge- 
troffen; aber zur Ausfülirung kam sie nicht, hauptsächlich der zu 
grossen Kosten wegen. (Das Werk hätte im Verlag etwa 100 Fr. 
gekostet.) 

Die bessere Ausbildung für den Fachunterricht hingegen war 
nun möiilich und zwar durch das Technikum in IVinlerlhitr. — Die 
wohltätii:en Folizen desselben zeigten sich bald. Schon bei der Lr- 
Öffnung, 1873, beschloss der Verein, es möchte bei der Anlage von 
Sammhingen für das Teclinikum in Winterthur nicht nur Rücksicht 
genommen werden auf die Schulen, sondern auf den ganzen Hand- 
werker- und Gewerbestand überhaupt ; ferner wurde gewünscht, dass 
alUallige Separatkurse für schwierige Zweige des Handwerkes und 
Gewerbes eingerichtet werden, wobei auch älteren Berufsleuten Ge- 
Wenheit iieboten werde, sich auf der Höhe der Anforderungen des 
Berufes zu halten. Jetzt war es endlich auch möglich, die Lehrer- 
schaft der gewerblichen Fortbildungsschulen durch besondere längere 
Kurse am Technikum für einen fruchtbringenderen, den praktischen 
Anforderungen besser Genüge leistenden Zeichenunterricht auszu- 
bilden. Die früheren Kurse unter Professor Kronauer und Sekundar- 
lehrer Rvtfel waren viel zu kurz gewesen, als dass sie die grossen 
Lücken hätten ausfüllen können. 

Der Gedanke, ^^n Handwerkerstand durch sogenannte Wander- 
vorlriioe zu belehren, bekam nun ebentalls festere Gestalt. Die Lehrer 
des Technikums schienen ja als Wanderlehrer die gegebenen Per- 
sönlichkeiten zu sein. Und wirklich erklärten sich sämtliche bereit, 
\'orträge im Lande herum zu halten. 1877 wurden die ^'orträge 



t 

1 



- 45 - 

•iiisr'eschrieheii ; allein es meldete sich noch keine Sektion. Erst als 

im folgenden Jahre der Kantonalverein beschloss, alle bezüglichen 
Kosten auf sich nehmen zu wollen, liefen viele Anmeldungen ein. 
Gegen Ende des Jahrzehntes erlosch der Eifer aber wieder. 

Bald nach der Eröffnung der Gewerhehalle der Kantoualbank be- 
ainnen auch die Klagen über das Institut, es leiste dem Handwerker- 
stand auf dem Lande nur wenig Nutzen, weshalb es von dort aus 
auch wenig beschickt werde. Eine Untersuchung (1879) ergab, 
dass die Klagen zum Teil berechtigt waren. Auf Wunsch der be- 
treffenden Kommission wurde angeordnet, dass in Zukunft an allen 
Verkaufsijeizenständen der Name des Ausstellers, der Preis und das 
Datum der Einlieferung anzubringen seien. 

Auch über die Konhirrcn:^^ der Strafanstalt wird geklagt. Nach 
bezüglichen Unterhandlungen des Vorstandes kam man jedoch 
zu der Erkenntnis, der Schaden sei für die Gewerbetreibenden 
nicht so gross, wie es geschienen habe, und man sah von weiteren 
Schritten ab. 

Ins jähr 1879 fällt die Neugründung des scbwei:;^eriscben Ge- 
werhevereins. Schon 1863 erging an den kantonalen Verein eine 
Einladung des schweizerischen Gewerbevereines zum Beitritt. Sie 
wurde vom Vorstande rund abgewiesen, w^eil es schon schwer halte, 
Mitglieder der Lokalvereine zum Beitritt in den kantonalen Verein 
zu bewegen; es würde sich das Resultat nicht lohnen, sie zum 
Eintritt in einen schweizerischen zu behelligen. 1868 strebte dann 
der Handwerker- und Gewerbeverein Glarus bei den übrigen Ge- 
werbevereinen die Gründung eines schweizerischen Gewerbevereines 
an. Der Zürcher Kantonalverein beschloss den Beitritt zu dem neu 
zu organisierenden schweizerischen Verein. Der Vorstand übernahm 
die Anordnung zu einer Delegiertenversammlung nach Zürich, in 
welcher die Statuten für den schweizerischen Verein entworfen werden 
sollten. Es erschienen 17 Vereine, 6 Hessen sich entschuldigen, 
einige rieten ab weeen der grossen Schwierigkeiten. Ein Programm 
wurde aufgestellt, das den frühern in der Hauptsache glich. 

Am II. September 1870 beschloss die Delegiertenversammlung 
eine Eingabe betreffend Bundesverfassungsrevision. Die Postulate, von 



46 



47 — 



denen nunmehr einige verwirklicht sind, waren: Unterstützunii: der 
gewerbhchen Bildungsanstalten, insbesondere auch Schatking eines 
eidizenössischen Technikums neben dem Polvtechnikum, Abscbaffinio 
der KcifilonalsonveräniliU über Geiuerhe^^eset:^^ebiin^^, VereiuheilJicbuuo; 
derselben durch eine schiuei::^erische Geiuerbeordtiiino, namentlich auch 
einheitliches Betreibungs- und Konkursgesetz, freie Niederlassung der 
Schweizerbürger, eidgenössische Zivilprozessordnung, Obligationen- 
recht, Haftpflicht der Iiisenbahnen, Reziprozität bei den Xieder- 
lassungs- und Handelsverträgen, Mitwirkung des Gewerbe- und 
Handelsstandes bei der Abfassung von Handelsverträgen. 

Es verijinijen jedoch noch volle lo lahre, bis der schweize- 
rische Gewerbeverein sich reorganisieren konnte. Als Gründe der 
Verschiebung werden u. a. angeführt: Wirren durch den deutsch- 
französischen Krieg und Verwerfung der ersten Bundesrevision. 1879 
wird der kantonale Verein nach Luzern zur definitiven Gründung 
eines schweizerischen Gewerbevereines eingeladen und 1880 treten 
sämtliche Sektionen des kantonalen Verbandes in den schweizerischen 
Verein ein; die Kasse des kantonalen Vereines zahlte im ersten 
lahre die Beiträge für alle. Mit 1879 datiert die definitive Gründung 
des schweizerischen Gewerbevereines, der fortan so befruchtend auf 
den kantonalen Verein einwirkte. 

In den siebziger Jahren lag ein Gesetz betreffend den Markt - 
und Hausierverkehr zur Ik^atung vor dem Kantonsrat ; der \'orstand 
des kantonalen \'ereines richtete eine bezügliche Eingabe an die 
Behörden, die die Auswüchse des Hausierhandels und des Liqui- 
dationswesens, das damals besonders in der Stadt Zürich seine 
erregten Wellen warf, grell beleuchtete; im Jahre 1880 bekam der 
bezügliche Entwurf Gesetzeskraft. (Im Jahre 1894 ^vurde das Gesetz 

geändert.) 

In dieser Zeit tauchte wie früher wieder das Verlangen auf, bei 
Streitigkeiten orewerblicher Natur den Friedensrichtern jeweilen Fach- 
männer als Experten beizustellen, und schliesslich wird geradezu ge- 
fordert, dass ^^eiverbliche Schieds^^erichte eingeführt werden. Im fol- 
genden Jahrzehnt beschäftigte diese Frage den Verein sehr stark, sie 
harrt heute noch der Lösung. 



Achtziger Jahre. 

Die achtziger Jahre waren reich an Arbeit und fruchtbringenden 
Ideen. Der kantonale \'erein nahm stark teil an der Gewerbegesetz- 
i^ebung, er wies dem gewerblichen Bildungswesen neue Bahnen durch 
Einführung der Lehrlingsprüfungen, unterstützte, so viel in seiner 
Macht lag, die verschiedenen Bestrebungen, die Fortbildungsschulen 
obli<'atorisch zu machen, hatte trefflichen Erfolg mit den Ausschrei- 
bungen von Preisaufgaben, diskutierte lebhaft die Aufgaben und 
tTcgenseitigen Beziehungen der Gewerbemuseen und Gewerbehallen, 
förderte die Errichtung von Lehrwerkstätten und interessierte sich 
auch stärker als früher für die Zollfragen; auch das Ausstellungs- 
wesen wurde durch ihn gefördert, er schickte seine Vertreter an die 
verschiedenen ausländischen Ausstellungen und sah mit Genugtuung, 
wie an der ersten schweizerischen Landesausstellung in Zürich der 
zürcherische Gewerbestand die Konkurrenz mit allen Ehren bestand. 
Alte Postulate, wie die Einführung gewerblicher Fachgerichte, der 
Bau eines permanenten Ausstellungsgebäudes, wurden erneuert und 
neue Ziele aufgesteckt, wie die Regelung des Submissionswesens, 
die staatliche Unfallversicherung. 

Schon durch das Programm des Jahres 1854 und die ersten 
Statuten hatte sich der kantonale Verein die Pflicht auferlegt, für 
das Zustandekommen eines Gewerbeiiesei:^es zu wirken. In § 4 jener 
Statuten heisst es: «Insbesondere wird sich der Verein die Aufgabe 
stellen, auf die Gesetzgebung im Interesse des Handwerks- und Ge- 
werbestandes einzuwirken. » 

1855 wünschte die Sektion Pfäfflkon, dass eine den Bedürf- 
nissen der Zeit entsprechende Gewerbeordnung erlassen werde. In 
der Petition des Vereins an den Grossen Rat 1856 forderte der 
Handwerkerstand die Einführung einer zeitgemässen Handwerks- und 
Gewerbeordnun»:. Wir haben vernommen, wie barsch er von der 
Regierung abgewiesen wurde. 

In den sechziger Jahren blieb die Gewerbegesetzgebung ganz 
liegen; erst im Jahre 1873 ^vurde ein Entwurf des Regierungsrates 
für ein neues Gewerbegesetz ausgearbeitet. 1879 klagt der \'orstand, 
dass die Beratunir desselben vom Kantonsrat schon seit langem von 



^8 - 



49 



einer Sitzung auf die andere verschoben werde. Der \^orstand des 
kantonalen W^reines leitete indes den Entwurf an die Sektionen zur 
Vernehmlassung ihrer Wünsche. Nach Sichtung derselben wurden 
fohlende Postulate aufgestellt: «Zwang des Besuches der Hand- 
Werkerschulen, resp. die Gründung und Erhaltung der letztern durch 
den Staat; /.uweisung der Sorge für den Eintritt in die Kranken- 
vereine an die Ortspolizei; Präzisierung der Gründe, welche die 
plötzliche Lösung eines Arbeitsverhältnisses zulassen ; Streichung des 
Maximalansatzes der Entschädigung, welche Lehrlingen für Kontrakt- 
bruch aufzuerlegen ist; Obligatorium der Probearbeiten nach vol- 
lendeter Lehrzeit, Einführung von gewerblichen Schiedsgerichten.» 
Nur ein Teil dieser Forderungen wurde im Gewerbegesetzesentwurt 
vom Kantonsrat berücksichtigt; dessenungeachtet trat der Gewerbe- 
stand für das neue Gesetz ein, das aber keine Gnade vor dem 
Souverän fand; es war zu weitausgreifend und zu viel umtassend, 
wodurch ihm Gegner in allen Bevölkerungsschichten erwuchsen ; 
es wurde darum am 12. Juni 1881 mit 22,000 gegen 19,000 Stimmen 
verworfen. Die Beratung über ein neues Gewerbegesetz ist erst 
Ende der neunziger jalu-e wieder aufgenommen worden. 

Anfangs der achtziger Jahre wurden durch die Initiative des 
kantonalen Handwerks- und Gewerbevereins im Kanton Zürich 
die Lehrliii^irsprüfmi^ren eingeführt, nachdem allen Kantonen Basel- 
stadt vorausgegangen war. 1881 wurde, nach einem bezüglichen 
Vortraize von alt Lehrer Dübendorfer, der Einführung grundsätzlich 
zuiiestimmt und sodann 1882 folgende Beschlüsse gefasst (etwas 

gekürzt) : 

a) Der Kantonalverein in WM'bindung mit einzelnen Lokal- 
vereinen oder Verbänden ordnet alljährlich Lehrlingsprüfungen, ver- 
bunden mit Erteilung von Diplomen, Ausw^eiskarten und Prämien, an. 

/;) Zu den Diplomen und Ausweiskarten werden die Formulare 
des schweizerischen Gewerbevereines benutzt. 

c) Die Kosten dieser Prüfungen werden bestritten aus Beiträgen 
des kantonalen Vereins, seiner Sektionen, anderer gemeinnütziger 
Vereine und Privater und des Staates. 

(/) Vereine, welche den Anordnungen des kantonalen Vereines 



nicht nachkommen, gehen der Mitwirkung desselben, sowie seiner 
Beiträge und derjenigen des Staates verlustig. 

e) Der kantonale Verein verfasst ein Reglement für die Lehr- 
lingsprüfungen. 

/) Es ist Aufgabe des kantonalen Vorstandes, dafür zu sorgen, 
dass der Staat die Prüfungen der Lehrlinge an Hand nimmt. 

Später, 1882, wurde ein kantonales Reglement vorgelegt und 
angenonniien und von der Direktion des Einern genehmigt. Aber 
bald zeigte es sich, dass dasselbe nicht « wörtlich durchgeführt werden 
kcMine.» Daher beschloss man, einstweilen auf der strikten Durch- 
führung nicht zu beharren, sondern dasselbe auf i — 2 Jahre als 
Begleitung dienen zu lassen. 1887 wurde dasselbe revidiert. 

Die achtziger Jahre brachten nicht weniger als zwei hiilialiven 
für die ohli^^atorische Fortbihimigsscbulc, die Andelfinger vom Jahre 
1885 und die Winterthurer von 1887. 

Durch den Andelfinger Liitiativvorschlag, der auch vom Kantons- 
rat zur Annahme empfohlen wurde, war beabsichtigt, eine dreijährige 
obligatorische Fortbildungsschule für die männliche Jugend vom 
16.— 19. Altersjahre zu schaffen. Der Unterricht sollte nur während 
des Winterhalbjahres in vier wöchentlichen Stunden erteilt werden. 
Man war verschiedener Ansicht über die Zweckmässigkeit eines 
solchen Ausbaues unserer Schule. Die Spaltung war dem Liitiativ- 
vorschlag verderblich; er wurde verworfen. Schon zwei Jahre 
später, 1887, beschritten eine Anzahl Vereine in Winterthur den 
Weg zur Initiative zum zweitenmal. Eine für die männliche Jugend 
vom 17. — 19. Jahre obligatorische Schule sollte nur zwei Winter- 
kurse mit vier wöchentlichen Stunden umfassen. Der Kantonsrat, 
der sich inzwischen auch an die Ausarbeitung eines Gesetzes für das 
gesamte Schulwesen gemacht hatte, sah sich in seiner Arbeit ge- 
stört und beantragte dem \'olke die Verwerfung des Winterthurer 
^'orschlages, welche auch wirklich erfolgte. Der kantonsrätliche 
Schulgesetzesentwurf, der im folgenden Jahre zur Abstimmung ge- 
langte, wurde aber auch mit einem Mehr von nur einigen hundert 
Stimmen verworfen, indem die I^esiegten vom vorigen Jahre dieser 
Vorlage zu einem grossen Teil die Bestätigung versagten. 



« r. 



— 50 — 

In der zweiten Hälfte des siebenten Jahrzehntes hatte die Zahl 
der Fortbildungsschulen mit Zeichenunterricht auffallend rasch abge- 
nommen ; in den achtziger Jahren stieg sie wieder stetig. Der Be- 
stand der eigentlichen <rrcv erblichen Foyihildinn::sschiikn Nvar nun eben 
gesichert durch die von den eidgenössischen Räten gewährte Bundes- 
subvention. Die schweizerische Bundesversammlung hatte nämlich 
1882 das Postulat aufgestellt: 

«Der Bundesrat ist eingeladen, eine Untersuchung über die 
Lage derjenigen Industrien und Gewerbe zu veranstalten, welche 
sich über die Ihmdelsverhältnisse beschweren, und zu prüfen, in 
welchem Masse zur Hebung dieser Industrien und des Handwerks 
beigetragen werden könnte, es sei durch die Umarbeitung des Zoll- 
tariles, es sei durch Unterstützung von Handwerker- und Kunst- 
gewerbeschulen, es sei durch andere Mittel.« 

Auch die seit 1882 eingeführten Lehrlingsprüfungen geben nun 
den I-ortbildungsschulen einen festeren Halt. Wurde doch von jedem 
Prüfling verlangt, dass er mindestens zwei Halbjahre eine Fortbildungs- 
schule besucht haben müsse. 

Hinen glücklichen Griff machte der \^orstand mit der Aus- 
schreibung.^ der Preisaui]iahc über onverbUchc Berufsbildung:. Die zu 
beantwortende allgemeine Frage lautete: «Leistet der zürcherische 
Schulorganismus das Nötige in bezug auf die gewerbliche Bildung, 
oder aber nicht? Wenn nicht, wie kann geholfen werden?» Es 
rei^nen sich sofort fleissige Hände, die Frist war kurz bemessen, nur 
vier Monate Zeit war zur Lösung gegeben. Das Preisgericht bestand 
aus folgenden Herren : Baumeister Locher in Zürich, Architekt Bosch 
in Winterthur und Seminardirektor Wettstein in Küsnacht. 

Im September 1882 wurde das Urteil über die- lünf einge- 
gangenen Schritten eröffnet. Als Sieger waren hervorgegangen: Herr 
Gustav Weber, Sekundarlehrer in Rickenbach (unser heutiger Vereins- 
präsident) und Herr Gottlieb Hug, Lehrer in Winterthur (jetzt Ehren- 
mitglied des kantonalen Gewerbevereins). 

Die beiden Arbeiten wurden gedruckt und innert weniger Mo- 
nate waren 700 Exemplare abgesetzt. Sie haben nicht wenig dazu 
beioetra^jen, das Interesse für das gewerbliche Bildungswesen zu wecken. 



I 



4 



— 51 — 

Wir wollen ganz kurz die springenden Punkte aus beiden Ar- 
beiten herauslesen. Weber wünscht eine Erweiterung der damaligen 
Er<ninzungsschule mit besonderer Berücksichtigung des Rechnens, 
der Geometrie und des Zeichnens ; er spricht ferner der Obligatorisch- 
erklärung der sogenannten Zivilschule für die reifere Jugend das 
Wort, und will speziell für Handwerk und Gewerbe Schulen ein- 
richten, die für das berufliche Leben vorbereiten. In den gewerb- 
lichen Fortbildungsschulen sei auf das berufliche Zeichnen ein Haupt- 
gewicht zu verlegen. Deshalb sei die Lehrerschaft, wo keine eigent- 
lichen Berufsleute für die Erteilung dieses Unterrichtes genommen 
werden können, in mindestens halbjährigen Kursen für das Berufs- 
zeichnen besonders vorzubilden. Herr Hug bezeichnet auch als 
Hauptmangel im Schulorganismus das Fehlen eines ausgiebigen 
Unterrichtes für eine grosse Zahl von Schülern im Alter von 12 — 15 
jähren; auch er verlangt einen richtigen Ausbau der Handwerker- 
schulen. 

Neben der erwähnten allgemeinen Frage waren in der Preis- 
aufgabe noch spezielle Fragen gestellt. In bezug auf die erste 
derselben, «Handfertigkeit», verhält sich der erste Bearbeiter eher 
ablehnend, während der zweite Verfasser auf einem andern Stand- 
punkte steht; er befürwortet den Handfertigkeitsunterricht und will 
ihn sogar in den Kreis des Schulunterrichtes einführen. 

In bezug auf die Stellung der Handwerkerschule verlangen beide 
Bearbeiter tüchtig geschulte Lehrkräfte, ferner eine Fachinspektion 
und eine staatliche Lehrmittel- und Modellsammlung, damit den 
Schulen die Prüfuns: und richtige Auswahl für ihre Zwecke er- 
leichtert werde. 

In bezug auf die Werkstattlehre verlangt Weber gesetzliche ^'or- 
schriften über die Beziehungen zwischen Lehrmeister und Lehrling 
und die obligatorische Einführung von Lehrlingsprüfungen als Kon- 
trolle, ob Meister und Lehrling ihre Pflicht getan. Hug empfiehlt 
Förderung der Werkstattlehre durch \'erabreichung von Prämien an 
gute Meister, die weder Mühe noch Zeit scheuen, Lehrlinge tüchtig 
heranzubilden. 

Beide W'rfasser sprechen der Einführung von Lehrwerkstätten 



52 



I 



53 



das Wort; diese sollten die ungenügende Werkstattlehre zum Teil 
weniizstens ersetzen. Ausserdem wird die Einrichtung von IVauen- 
arbeitsschulen und Fachschulen empfohlen. 

Eine andere Schritt, iilTahl eines Beruf es^^, von Herrn Lehrer 
G. Hug in Winterthur, wurde vom kantonalen Gewerbeverein 1886 
erworben und gemeinsam mit dem schweizerischen Gewerbeverein 
heraus^'eeeben. Hier sei auch noch auf zwei andere Preisschriften 
hingewiesen, die vom schweizerischen Gewerbeverein schon 1881 ver- 
anlasst und von Herrn G. Hug und Herrn E. Boos, dem heutigen 
schweizerischen Gewerbesekretär, gelöst worden waren; sie trugen 
den Titel: «Das gewerbliche Lehrlingswesen». — Durch eine Em- 
pfehlung beider Vereine wurden sowohl die schweizerischen Ge- 
werbevereine als auch die Sekundarschulptiegen und ähnliche Schul- 
behörden zum Bezug der ersten Schrift eingeladen. Später erschien 
noch ein ganz billiger Auszug als Weglcitung für Eltern-, Schul- 
und Waisenbehörden, herausgegeben von der Zentralprüfungskom- 
mission des schweizerischen Gewerbe Vereins. 

Auch diese Arbeit hat grossen Beifall gefunden und viel Gutes 
gestiftet. Als Hauptzweck bezeichnet der Verfasser, die Aufmerk- 
samkeit der Eltern wieder auf das Handwerk zu lenken. Er spricht 
zunächst über die \'orbedingungen zur Erlernung eines Berufes, über 
die beste Art der Lehre und die weitere Ausbildung, über allfällige 
Schädlichkeiten, die mit dem Berufe verbunden sein können, und 
auch über die Aussichten zum selbständigen Betriebe; dann stellt er 
die einzelnen Handwerke dar und gibt im Anschlüsse daran der Wahl 
eines irewerblichen Berufes den Vorzu<j: vor der des Bureaudienstes; 
er zeichnet in einem weiteren Abschnitt aber auch die schwierige 
Lage des Handwerkes und gibt gute Ratschläge zur Hebung des- 
selben: Bei der Auswahl eines Berufes wird oft nicht mit der nötigen 
Einsicht zu Werk gegangen, Neigung und Befähigung werden oft 
gar nicht berücksichtigt. Einen grossen Teil der besser vorgebildeten 
Knaben hält man für das Handwerk zu gut; man bestimmt sie für 
das Gelehrtenstudium oder die Schreibstuben des Handels oder Ver- 
kehrs. Für lernbegierige, fähige Knaben ärmerer Familien dagegen 
sind oft die Kosten der Erlernung eines Handwerkes zu gross; dafür 



wcrden ihm viele junge Kräfte zugeführt, die sich für keine der 
übrigen Berufsarten eignen. So leidet die Handwerkslehre; die Folge 
davon ist weniger ein Mangel an gewerblichen Arbeitskräften als an 
tüchtigen Arbeitern. — Mit Unrecht wird fast überall jetzt noch die 
Laufbahn eines Angestellten in den Bureaux bevorzugt. Hunderte 
und Hunderte drängen sich zu den Lehrlingsstellen, werden drei 
Jahre beschäftigt und dann entlassen, weil ihr Lehrherr sie um Lohn 
nicht beschäftigen will. Die Zahl der gut besoldeten Stellen ist eine 
kleine, die Aussicht auf Selbständigkeit sehr beschränkt. Mit Recht 
darf man die gewerbliche Tätigkeit, körperliche und geistige Schulung 
vorausgesetzt, als empfehlenswerter bezeichnen. Dem jungen Hand- 
werker fällt es leicht, überall sein Brot zu verdienen. — Leider ist 
das Handwerk noch in andern Beziehungen zurückgekommen. Durch 
die seinerzeit gewährte Gewerbefreiheit hat es nicht viel profitiert. 
Die \^orteile kamen der Grossindustrie zugute. Dem Handwerk 
fehlen nur zu oft die nötigen Mittel, sich Maschinen und bessere 
Werkzeuge anzuschaffen; eine Reihe seiner frühern Erzeugnisse 
werden jetzt in Fabriken hergestellt. Erfinderische, tüchtige Leute 
wenden sich immer mehr dem Grossbetriebe zu, das Handwerk ver- 
liert so seine guten Kräfte. Heute liefert die Fabrik Unmassen ge- 
werblicher F^rzeugnisse in die Ladengeschäfte. Sie sind billig; darum 
meidet man den Handwerker, der mehr verlangen muss, und kauft 
im Mai^azin. — So ist das Handwerk durch äussere ^^erhältnisse zu- 
rückgekommen. Es kann wieder emporkommen, wenn es sich den 
veränderten Verhältnissen anzupassen weiss. — 

Schon bei der Gründung: des kantonalen Gewerbevereins hatten 
die städtischen Mitglieder des Gewerbevereins des Bezirkes Zürich, 
wie wir gesehen haben, als ein Hauptziel die Errichtung eines per- 
manenten Ausstellunoscrehäudes aufgestellt und dieses Ziel ist seitdem 
auch nie aus dem Auge verloren worden. Anfilnglich fand es über- 
wiegende Opposition von selten der Vertreter des Landes und konnte 
auch später der grossen Kosten wegen nicht verwirkHcht werden. 
Heute besteht ein Fonds von über 100,000 Fr. für den Bau eines 
solchen Gebäudes; er rührt vom Reinertrag der kantonalen Gewerbe- 
ausstellung 1894 1^^^- 



— 54 — 

Die Stelle einer permanenten Ausstellung müssen heute noch 
Gewerbemuseum und Gewerbehalle vertreten. 

In den achtziger Jahren wurde im Vorstande lange und eifrig 
die Fra^e ventiliert: fVie ist ein einheitliches ZHsammemuirhen von Ge- 
lucrhehalle, Geiverhemiiseum und Geiverheverein behufs besserer Absat:^- 
verhältnisse im Handwerk ^/^ i^estalten? Herr E. Boos machte in 
dieser Frage folgende Vorschläge: «Zusammenwirken aller Faktoren 
erhöht, Zersplitterung mindert die Wirksamkeit derselben; darum 
müssen alle genannten Organe nach einheitlichem Plane arbeiten : 
die Gewerbehalle verkauft und führt Käufer und Verkäufer zu- 
sammen; die Gewerbemuseen liefern \'orbilder und Zeichnungen, 
suchen neue Gewerbszweige einzuführen und alte zu heben, geben 
Auskunft und unterstützen die gewerbliche Bildung. Die Gewerbe- 
vereine stehen beratend zur Seite, bieten das nötige Auskuntts- 
material und machen Vorschläge. Hine einheitliche Aufsicht und 
grössere Beteiligung von Fachleuten an derselben ist notwendig.» 

Die Bestrebungen, eine organisatorische Verbindung von Ge- 
werbehalle und Gewerbemuseum durchzuführen, scheiterte am 
ablehnenden Verhalten der Behörden; immerhin wurde dem stadt- 
zürcherischen und kantonalen Gewerbeverein die gewünschte Ver- 
tretung gewährt. \o\\ 1886 an wurde der kantonale Vorstand je- 
weili^^ einiieladen, einen Zweiervorschlag für die Vertretung in der 
Prüfungskommission der kantonalen Gewerbehalle, ferner zwei solche 
für zwei Vertreter in die W^waltungskommission des Gewerbe- 
museums Zürich und einen für den \'ertreter in die Aufsichtskom- 
mission derselben zu machen.*) 

Im Anschluss an das Gewerbemuseum Zürich wurde 1887 auf 
die Anregung des kantonalen Vorstandes von der Autsichtskom- 
mission des Gewerbemuseums Zürich eine Lehrwerkstätte für Hol:^- 
arbeiter gegründet, und zwar mit dem Zwecke einer tachlichen und 
künstlerischen Ausbildung von Möbeltischlern, Bauschreinern, Bild- 
schnitzern und Drechslern. Die Frequenz war jahrelang eine recht 
erfreuliche; erst in den letzten Jahren leidet das Institut auch unter 



*) Dieses Vorschlagsrecht scheint in der Folgezeit vergessen worden zu sein. 



- 5) — 

dem Einflüsse der allgemeinen Geschäftskrisis. Die Lehrzeit dauert 
2V2 Jahre und umfasst ausser dem Fachunterricht Zeichnen, Rechnen, 
Buchhaltung, deutsche Sprache und Anleitung zum Holzschnitzen. 
Die Ausbildung ist unentgeltlich, im zweiten, dritten und vierten 
Jahre erhalten die Lehrlinge etwas Lohn. 

In Winterthur wurde 1889 eine Berufsschule für Metallarbeiter 
ins Lehen gerufen ; sie steht unter der Leitung des Gewerbemuseums 
und hat zum Zw^ecke, «durch praktische Übungen und theoretischen 
Unterricht tüchtige, vielseitig geschulte Arbeiter der Metallgewerbe 
heranzubilden. Die Anstalt umfasst Schulabteilungen für Bau- und 
Kunstschlosser, Mechaniker, Feinmechaniker und Elektromechaniker, 
Modellschreiner (Metallgiesser), ausserordentliche Schüler und Lehr- 
limre und Gesellen der Metallgewerbe. Die Lehrzeit für die ordent- 
liehen Schüler beträgt 3 Jahre (Modellschreiner nur 2^2 Jahre). Das 
Schulgeld beträgt per Jahr 40 Fr. Seit Bestand der Schule haben bis 
heute 219 ordentliche und 394 ausserordentliche Schüler, total 613, 
ihre berufliche Ausbildung an der Metallarbeiterschule erhalten. 

Aus den achtziger Jahren sind drei Ausstellungen, die Landesge- 
werbeausstellung in Nürnberg, die schweizerische Landesausstellung in 
Zürich 1883 und die Weltausstellung in Paris 1889, besonders 
hervorzuheben. 

An die bavrische Landesausstellung wurden fünf Delegierte mit 
Beiträgen von im izanzen 620 Franken abgeordnet. Die Subven- 
tionierten erstatteten eingehende Berichte, welche im «Schweizerischen 
Gewerbeblatt» veröffentlicht wurden. 

Im Jahre 1880 tauchte anlässlich der Durchbohrung des Gott- 
hards in Zürich besonders in kaufmännischen und industriellen Kreisen 
der Gedanke auf, wieder einmal eine schweizerische Industrieausstellung, 
eine Landesausstellung, zu veranstalten. In früheren Jahrzehnten hatten 
schon schweizerische Ausstellungen stattgefunden, die erste in 
St. Gallen 1843, die zweite und dritte in Bern 1849 und 1857. 
Die erste mit nur 185 Teilnehmern war unbedeutend gewesen, die 
zweite litt unter der Ungunst politischer \^erhältnisse, die dritte erst 
war stark besucht. Zum erstenmal sah man da die ganze Schweiz 
auf den Konkurrenzkampfplatz treten ; die Zahl der Aussteller betrug 



56 



)/ 



über 2000. Der sehr gründliche Bericht, den der verdiente Professor 
Hollev verfasste, triii; dazu bei, der Ausstelking einen bleibenden 
Nutzen zu sichern. Die vierte Landesausstellung, 1883, in Zürich 
zählte über 5000 Aussteller. 

Der kantonale Gewerbevercin votierte 1000 Franken ä fonds 
perdu an diese Ausstellung. Während derselben regte die Zentral- 
koniniission der Gewerbemuseen Zürich und W'interthur den (bedanken 
an, es möge der \'erein die Handwerker veranlassen, unter fachkundiger 
LeituniJ die Ausstellung zu besuchen, und anerbot sich, die Kosten 
der bezüglichen Instruktion zu tragen. Infolge dieser Anregung 
fanden sich am 6. August 42 Mann in der Ausstellung ein, der 
Gruppe der «Möbel- und Tupeziererarbeiten» angehörend, die von 
den Architekten Jung von \\'interrhur, Koch, Albert Müller und 
Weber von Zürich begleitet wurden. Diesen folgte die Gruppe der 
«Eisen- und Metallarbeiten» am 13. August, vertreten durch 45 Mann 
und geleitet von den Herren Professor Pritz, Ingenieur Martmann 
und den Spenglermeistern Bachmann und Brunner von Zürich, 
Direktor Sievert von Örlikon, Schlossermeister Theiler von Riesbach, 
Architekt Jung und den Ingenieuren Bosshard , Hirzel-Gysi und 
Mägis von Winterthur. 

Um sich noch in spätem Jahren ein eingehendes Bild von der 
Reichhaltigkeit der Landesausstellung machen zu können, wurden 
auf \'eranlassung von Mitgliedern unseres Vereins die Artikel, welche 
im Winterthurer « Landboten » aus der Feder des Herrn Redaktor 
Gottlieb Zieizler erschienen waren, in einer Broschüre unter dem 
Titel «Briefe von der schweizerischen Landesausstellung in Zürich 1883» 
herausgegeben. 

Die IVeltaussteJhiuc^ in Paris iSS^j erweckte sehr reges Interesse 
bei unseren Handwerkern; der \'orstand des kantonalen Gewerbe- 
vereins beschloss, eine Anzahl tüchtiger Handwerker und Gewerbe- 
treibender mit Geldmitteln zu unterstützen, um ihnen den Besuch 
der Ausstellung zu ermöglichen. Die Ausschreibung ergab 150 An- 
meldungen, mehr als dreimal mehr, als man in Aussicht genommen 
hatte. Um eine G:rössere Zahl nach Paris schicken zu können, sah 
man sich nach mehr Geldmitteln um, und brachte dann soviel 



zusammen, dass an 60 Teilnehmer ein Stipendium von je 150 Fr. 
ausbezahlt werden konnte. Der \\)rstand beschloss, einen General- 
bericht ausarbeiten zu lassen. Als ^'erfasser wurde Herr Sekundar- 
lehrer Gustav Weber in Zürich-Riesbach bestellt; ihm trat dann, da 
die grosse Arbeit in sehr kurz bemessener Zeit bewältii^t werden 
musste, Herr Sekundarlehrer Wettstein helfend zur Seite. Der 
Generalbericht wurde in 1400 Exemplaren angefertigt und an alle 
Sektionen verteilt mit der A^erpflichtung, jedem Mitglied ein Exemplar 
zukommen zu lassen. 

Aus den F.inzelberichten lassen sich nicht nur wertvolle Lehren 
für die spezielle Berufstätigkeit ziehen, vielfach finden sich auch 
\'orschläge zur Hebung der Handwerks- und Gewerbetätigkeit über- 
haupt. So wird eine bessere allgemeine und berufliche Bildung 
für den Handwerker gefordert, vor allem für den Lehrling der 
obligatorische Besuch der Fortbildungsschule und für diese tüchtig 
vorgebildete Lehrkräfte, ferner die Errichtung von Fachkursen und 
Fachschulen. Empfohlen wird ferner ein veränderter, vorteilhafterer 
Geschäftsbetrieb , möglichste Spezialisierung desselben , ferner die 
Gründung von Fachgenossenschaften zur gemeinsamen Beschaffung von 
Rohmaterialien. Zu letzterer Forderung bemerkt der Hauptverfasser, 
dass die berufliche Organisation des Gewerbe- und Arbeiterstandes 
auf gesetzlicher Grundlage das Dringendste sei und zwar sollte diese 
Grundlage durch ein schweizerisches Gewerbegesetz geboten werden. 

In einem zweiten Teil wird in eingehender Weise von den Zoll- 
verhiihnissen gesprochen, da die Anstrengungen, die zur Hebung des 
Handwerks gemacht werden, nur dann von Erfolg gekrönt seien, wenn 
die einheimische Arbeit des staatlichen Schutzes s^eniesse. Die Erörte- 
rung dieser \'erhältnisse war recht zeitgemäss, da die Eidgenossen- 
schaft damals am Vorabend eines neuen Zolltarifes und neuer Handels- 
vertragsabschlüsse stand. Es wird gezeigt, wie ringsum die Staaten zum 
Schutzzollsvstem überi^angen seien und die Schweiz mit ihrem Xqx- 
harren am Freihandelsprinzip ein offenes Haus geworden, das leicht zu 
plündern sei. Für das Gewerbe wird ein Zolltarif mit bedeutend höhern 
Ansätzen auf fertige Waren verlangt, damit es gelinge, dem schweize- 
rischen Gewerbestand das einheimische Absatzgebiet zurückzugeben. 



"^ 



ll 



- 58 - 

Damit sind wir auf ein Gebiet überi^etreten, das den Verein 
oft beschäftigte, schon anfangs des Dezenniums und dann besonders 
stark am Ende desselben. 

Schon 1882 beunruhigte der Abschluss des Handelsvertrages mit 
Frankreich Handwerk und Gewerbe, weil deren Interessen darin nicht 
t^enüiiend gewahrt schienen. Entgegenkommend beschloss deshalb 
die Bundesversammlung, es sei eine Enquete der Lage derjenigen 
Gewerbe und Industrien, welche sich über die Handelsverträge be- 
schweren, vorzunehmen. Die kantonale Gewerbekommission übertrug 
diese Aufizabe für den Kanton Zürich zwei Vorstandsmitgliedern des 
kantonalen Gewerbevereins. 

188; erfolgte eine Revision des schweizerischen Zolltarifs. Die 
Generalversammlung des kantonalen Gewerbevereins beschloss, die 
eidi^enössischcn Räte zu ersuchen, auf die Frage des Generaltarifs 
im Sinne des Herrn Cramer-Frey zurückzukommen, ferner die Ansätze 
für Rohstoffe herabzusetzen und solche für Fabrikate, besonders 
Luxusartikel, zu erhöhen. 

Die mit dem Jahre 1892 ablaufenden Handelsverträge veranlassten 
den Vorstand schon 1888, den Zolltarif einer sehr eingehenden 
Prüfun^^ zu unterziehen. In vielen Sitzungen wurde der ganze Tarif 
durchberaten, um dem allgemeinen Wunsche des Handwerker- 
und Gewerbestandes betreffend Schutz der einheimischen Arbeit 
entgegenzukommen. Bei der Revision des Tarifs ging man im 
allefemeinen von folgenden Grundsätzen aus : 

1. Die Zollgesetzgebung soll vor allem dahin wirken, dem 
Handwerker- und Gewerbestande möglichst viel und lohnende Arbeit 

zuzuführen. 

2. Es soll dem Unfug gesteuert werden, dass fertige Artikel 
demontiert unter der Bezeichnung «Rohstoff oder Halbfabrikat» zoll- 
frei oder mit reduziertem Ansatz eingeführt werden. 

3. Rohprodukte, die für unsern Handwerker- und Gewerbestand 
nötig und im eigenen Lande nicht vorhanden sind, sollen selbstver- 
ständlich mit dem niedrigsten Eingangszolle belastet werden. 

4. Gewichtszölle allein sind unzureichend und es sollten auch 
Wertzölle eingeführt werden, indem mehr als das Gewicht der Wert 



— 59 — 

der Ware und die auf den Rohstoff verwendete Arbeit in Anschlag 
zu bringen sind, wenn der Zoll die einheimische Arbeit schützen soll. 

5. Die niedrigsten, resp. gar keine Zölle sind auf unumgänglich 
nötige Xahrungs- und Bedarfsartikel, die höchsten auf Luxusartikel 
und solche Gegenstände zu setzen, die bei uns ebenso gut und schön 
angefertigt werden können, wie im Auslande. 

6. Durch Erhöhung einzelner Positionen sollte die Schweiz 
veranlasst werden, Gegenstände, die heute gar nicht oder nur in 
untergeordnetem Masse bei uns verfertigt werden, selbst anzufertigen. 

7. Bei Festsetzung der Einfuhrzölle sollte vor allem aus Gegen- 
recht gehalten und Reziprozität geübt werden. Sehe man jew^ilen 
nach, welche Zölle die andern Staaten auf Artikel setzen, welche 
wir exportieren müssen, und komme ihnen mit den gleichen Wert- 
zöllen für Importartikel entgegen, unter Berücksichtigung der Statistik, 
dann ist die Konkurrenz ehrlich und mögUch. 

Auf diese Grundsätze fussend, wurde der Zolltarif ausgearbeitet 
und dem Zentralvorstand des schweizerischen Gewerbevereins recht- 
zeitig eingereicht, welcher dann auch in Würdigung der Arbeit die 
Einijabe ohne Abänderun2:en in einem besondern Hefte dem hohen 
Bundesrate übermittelte. — Die Protokolleinträge sprechen von der 
grossen Arbeit des Vorstandes. Während den Zollverhandlungen 
selbst hatte das Bureau des Vorstandes eine Konferenz in Bern mit 
einii^en Mitijliedern der nationalrätlichen Zolltarifkommission und es 
wird den Herren der Kommission im Jahresbericht für ihr Entgegen- 
kommen der beste Dank ausgesprochen. 

Geigen den neuen Zolltarif wurde das Referendum ergriffen 
und es trat an die Freunde des Entwurfes die Aufgabe heran, für 
die Annahme desselben nach Kräften einzustehen, war doch von den 
vom Vorstande eingegebenen Wünschen ein Drittel ganz, ein Drittel 
teilweise genehmigt und nur das letzte Drittel ganz von der Hand 
gewiesen worden. In der Delegierten Versammlung in Wald wurde 
nach Anhörun«: eines bezüglichen Referates von Herrn Xationalrat 
Abegg der einstimmige Beschluss gefasst, wie ein Mann für An- 
nahme des Zolltarifs einzustehen. Der Tarif wurde in der Volks- 
abstimmuns: mit "rossem Mehr ans^enommen und der Gewerbestand 



6o — 



61 — 



iiab sich der HofTniini: hin, von den neuen Ansät/cn einen Gewinn 
davon /.u tragen. Wir werden später sehen, dass dieser nicht gar 

gross war. 

In <.\cn Anfang dieses Jahrzehntes fällt auch schon eine Anregung, 
die heute noch der Lösung harrt. Herr Ingenieur Berchtold stellte 
nämlich in der Delegiertenversammlung zu Dielsdort 1882 den An- 
trau: ((Der Staat gründet für das Handwerk eine ohlU^alonschc Un- 
fallvirsicherinii^skasse und es haben nebst dem Meister sowohl Geselle 
als Lelirling ihre Prämien zu bezahlen. Die Verwaltung derselben 
wird vom Staate unentgeltlich übernommen.)) 1887 unterstützt der 
\'orstand einen Aufruf des Initiativkomitees für liinführung der 
obliiiatorischen Arbeiter-Unfallversicherungen. Hs wird schon damals 
geklagt, dass die von den eidgen()ssischen Räten beschlossene Er- 
weiterung des Haftpilichtgesetzes viele Handwerker schwer drücke. 
Im folgenden Jahre h()rte sodann die Delegiertenversammlung in 
Wetzikon einen interessanten \'ortrag des Herrn Mirsprech Scherrer 
in St. Gallen über Unfallversich'erung an. Der Referent verlangte 
das staatliche Obligatorium, die Beiträge sollten vom Arbeitgeber, 
Arbeiter und vom Staate geleistet werden. Als Vorteile gegenüber 
der privaten \^ersicherung bei Anstalten werden angegeben: ein Heer 
\on Beamten wird überflüssig, die Prämien können ganz verwendet 
werden zu Versicherungsbeiträgen u. s. w. Die Anregung flel auf 
tauten Boden und wurde an den schweizerischen Gewerbeverein 
weiter geleitet. 

Die letzten vierzehn Jahre, 1890—1903. 

Die letzten anderthalb Jahrzehnte zeichnen sich aus durch ge- 
steigerte Regsamkeit des Vereins. Hr entwickelte eine grosse Tätig- 
keit in bezug auf die gesetzgeberischen Aufgaben auf gewerblichem 
Gebiete. In besonderen Kommissionen, im \'orstand und an Dele- 
giertenversammlungen wurden folgende Entwürfe beraten : Gesetz be- 
treflend das Gewerbewesen (mit Kinschluss von Bestimmungen über das 
Submissionswesen und den unlautern Wettbewerb), Rechtspflegeinitia- 
tive, Gesetz betreflfend das Lehrlingswesen und das berufliche Fort- 
bilduniischulwcsen, \'erordnung betrefl'end die Vergebung der Arbeiten 



und Lieferungen des Staates, Postulate betreflend Publikation ausge- 
schätzter Schuldner. Die bezüglichen lintwürte resp. Abänderungs- 
anträge wurden jeweilig dem Regierungsrate eingereicht. Im Kantons- 
rate kamen zur Beratung das Gewerbegesetz mit seinen Bestimmungen 
über das Lehrlingswesen, das Submissionswesen und den unlautern 
Wettbewerb. Der Beratung durch die oberste Behörde harren noch 
alle übrigen \'orlagen. Zur Volksabstimmung gelangten die Rechts- 
pflegeinitiative und das Gewerbegesetz, beide mit negativem Erfolge. 

Der X'erein zog in den Kreis seiner Besprechungen auch andere 
kantonale Gesetzesvorlagen, die in einer gewissen Beziehung zu Hand- 
werk und Gewerbe standen, wie das Schulgesetz, den neuen Rechts- 
ntk'£Jei2:esetzesentwurf. Er beschäftigte sich auch intensiv mit der 
eidgenössischen Gesetzgebung, sofern sie auf gewerbliches Gebiet 
hinüberreichte, besonders mit der Kranken- und Unfallversicherung 
und dem neuen Zolltarife. Er zog Fragen, die ihm der schweizerische 
Gewerbeverein überwies, in seine Beratungen, so die Bildung von 
Berufsgenossenschaften, die Erhebung einer gewerblichen Statistik, 
die Reduktion der Samstagsarbeit. 

Von andern Beratungsgegenständen seien genannt: das Grund- 
pfandrecht der Bauhandwerker, die Naturalverpflegung und der Ar- 
beitsnachweis. Der Verein förderte und unterstützte fernerhin die 
Lehrlingsprüfungen und befasste sich mit den \'orarbeiten für die 
kantonale Gewerbeausstellung in Zürich, auch schickte er Subven- 
tionierte an andere Ausstellungen des In- und Auslandes. 

Wir betrachten hier kurz alle diese Arbeitsgebiete und werden 
sodann die wichtigsten derselben später in einem besondern Ab- 
schnitte unter dem Titel ((Gewerbliche und gesetzgeberische Fragen» 
etwas einlässlicher besprechen. 

Die Rechtspße<:ieinitiative. Im Jahre 1882 wurde in der General- 
versammlung zu Dielsdorf die Frage der Einführung der Gewerbe- 
gerichte von Herrn Ingenieur Berchtold zum erstenmale angeregt. 
Sie blieb während den folgenden 15 Jahren nicht ruhen, sondern 
beschäftigte den Vorstand und die Delegiertenversammlungen sehr 
ott. Eine grosse Summe von Zeit und Mühe und viel Geld wurde 
darauf verwendet, der Idee zum Durchbruch zu verhelfen. Im Jahre 



<tf 



— 62 — 

1895 setzte der Verein Unterschriftenbo,^en für ein Initiativbegehren 
in Umlauf und als 7000 Unterschriften beieinander waren, niusste 
der bezügliche \'orschlag 1897 dem \'olke zur Abstimmung unter- 
breitet werden. Am 27. Juni wurde der Initiativvorschlag vom YoWn: 
verworfen. Immerhin sprachen sich 18,400 Stimmen dafür aus. Wir 
geben im folgenden eine kurze Zusammenstellung der Bestrebungen, 
die jenem Initiativbegehren vorausgingen. 

In den Verhandlungen traten von Anfang an zwei Strömungen 
hervor; die eine, vertreten durch Herrn Nationalrat Schäppi, wollte 
gewerbliche Schiedsgerichte schaffen nach dem Vorbilde der Prud' 
hommes in der welschen Schweiz, die andere, verteidigt durch Herrn 
Ingenieur Herchtold, wollte nicht nur Streitigkeiten zwischen Arbeit- 
gebern und Arbeitern, sondern ^auch Differenzen gewerblich-technischer 
Natur durch Hinführung von Gewerbegerichten entscheiden lassen, 
analog dem Handelsgericht, in dem Sinne, dass diese Gerichte in der 
Mehrheit aus hachrichtern zu bestehen hätten ; die Rechtskundigen 
sollten nur soweit \'erwendung finden, als zur Wahrung der Rechts- 
lorm notwendig sei. \'om Prozessverfahren wurde verlangt, dass 
es rasch, sicher und wohlfeil sei. 

1886 wurde dem Regierungsrat eine gedruckte Vorlage, ent- 
worfen von Herrn Berchtold, für Ori^anisation von Gewerbeuerichten, 
eingereicht. Dieser Entwurf wurde der kantonalen Fabrik- und Ge- 
werbekommission übermittelt, welche einen davon etwas abweichenden 
Gesetzesentwurt ausarbeitete, der vom Regierungsrat dem Obergerichte 
zur Ik^gutachtung übergeben wurde. Das Obergericht hielt es aus 
organisatorisclien Gründen nicht für zweckmässig, Gewerbegerichte 
einzuführen. 

1891 legte der Regierungsrat dem Kantonsrat ein Gesetz vor 
betreffend Einführung von Gewerkschaftskammern und im Oktober 
desselben Jahres erschien ein weiterer Gesetzesentwurf des Reizierunjjs- 
rates rcsp. der Justizdirektion, welcher die Schaffung einer gewerb- 
lichen Abteilung beim Handelsgericht mit Richtern aus dem Gewerbe- 
stande vorsah. 

Die fakultative Einführung von Gewerkschaftskammern konnte 
die Gewerbetreibenden nicht befriedigen, weil darnach nur Streitig- 



- 63 - 

keiten aus dem Dienst- und Lehrverhältnis entschieden werden konnten 
und alles auf absoluter Freiwilligkeit bestand. Mit der Schaffung 
einer besondern gewerblichen Abteilung beim Handelsgericht hätten 
sich die Handwerker einverstanden erklären können, wenn der Minimal- 
betrag der Streitwerte von 500 Fr. im Entwürfe auf 200 Fr. herab- 
«lebracht worden wäre. 

1892 erschienen zwei Gesetzesentwürfe von einer kantonsrät- 
lichen Kommission, welche beide den regierungsrätlichen Entwurf 
betreffend fakultative Einführung von Gewerbekammern zur Grund- 
laize hatten. Die Entwürfe blieben liegen und so beschloss der Vor- 
stand des kantonalen Gewerbevereins, des langen Harrens müde, 
anfangs 1894, einen Initiativvorschlag für Einführung von gewerb- 
lichen Schiedsgerichten und Gewerbegerichten in Aussicht zu nehmen. 

Der Gesetzesentwurf betreffend gewerbliche Schiedsgerichte, der 
inzwischen vom Kantonsrat in Behandlung genommen und durch 
die Volksabstimmung vom 22. Dezember 1895 """^^ 39,000 gegen 
15,000 Stimmen in Kraft trat, befasste sich nur mit den Lohnstreitig- 
keiten. Das Gesetz über gewerbliche Schiedsgerichte konnte die Ge- 
werbetreibenden nicht befriedigen, denn es beschlägt meist nur un- 
bedeutende Streitigkeiten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, 
während der Gewerbestand sehr leidet unter der langwierigen und 
äusserst kostspieligen Erledigung von Prozessen gewerblich-technischer 
Natur. Es ist daher begreiflich, dass die Bestrebungen der Gewerbe- 
treibenden ganz überwiegend auf Schaffung von besondern Gewerbe- 
gerichten ausgehen und dass für sie die gewerblichen Schiedsgerichte 
nur nebensächliche Bedeutung haben. Deshalb beschloss der \^or- 
stand, auf der Initiative zu beharren. 

Sie wurde folc:endermassen begründet: 

In den vierziger und fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts haben 
sich eine Reihe europilischer Staaten gezwungen gesehen, die eigenartigen 
Gepflogenlieiten in Handel und Wandel dem gemeinen Recht zu entziehen 
und für diese ein besonderes Recht und eine besondere Prozessordnung 
einzuführen. Namentlich war man bestrebt, ein Verfahren zu suchen und 
durchzuführen, womit selbst grosse Prozesse rasch und billig entschieden 
werden können. 



- 64 - 

In den sechziger Jaliren fc^Igte auch der Kanton Zürich diesen Be- 
strebungen und führte das Handelsgericht ein. 

Seit jener Zeit und bis zum heutigen Tage hat sich diese Gerichts- 
instanz durch eine rasche und biUige Behandlung der Prozesse hohes 
Ansehen verschafft und jedermann freut sich dieser Einrichtung. Der 
Handelsstand ganz besonders rühmt die richtigen Urteile und die rasche 
Abwicklung der Prozesse und wie ein Mann würde man sich dagegen auf- 
lehnen, wenn der Staat den Versuch machen wollte, dieses Gericht wieder 
aufzuheben. 

Diese höchst angenehmen Erfahrungen haben schon wiederholt ge- 
werbliche Kreise veranlasst, sich zusammenzutun und auf freiwilliger Basis 
ohne staatliche Hülfe ahnliche Gerichte zu gründen. Alle Versuche schei- 
terten aber an dem IMangel der gesetzlichen Basis. Die Folge davon war 
bei allen der Zusammenbruch der Organisationen. Seit dem Jahre 1882 
hat der zürcherische kantonale Plandwerks- und Gewerbevcrcin es unter- 
nommen, durch Petitionen an den hohen Regierungsrat eine ähnliche, auf 
gesetzlicher Grundlage beruhende Organi.sation zu erhalten, wie dasHandels- 
«rericht eine ist. 

Leider sind aber bis zum heutigen Tage alle Bemühungen in dieser 
Sache an dem Widerstand der Juristen gescheitert. 

Aus diesem Grunde haben wir uns entschlossen, das Volk des Kan- 
tons Zürich anzufragen, ob es unsere Wünsche gerecht findet, und haben 
beschlossen, den durch Gesetzverfassung vorgeschriebenen Weg der Initia- 
tive zu betreten. 

JNIöo^e nun der zürcherische Bürirer wählen zwischen einem Bestreben, 
das nichts will als einfache und schlichte Entscheide über unsere Rechts- 
streitigkeiten oder dem veralteten und komplizierten Verfahren, wie wir es 
jetzt noch haben. 

Unser Vorschlag enthält hauptsächlich folgende Neuerungen : 
I. W/r iviimchen, dass die Recliisprcchufig nicht allein durch Juristen geschehe, 
weil wir seit vielen Jahren erfahren haben, dass die gewerbliche 
Tätigkeit stets an Eigenartigkeit zunimmt. Jedes Jahr entstehen neue 
Gewerbszweige. Während früher neben der Landwirtschaft nur das 
Handwerk und ein kleiner Handel existierte, haben wir heute viel 
hundert verschiedene Gewerbe. Dies macht es dem Juristen un- 
möglich, ohne Zuhülfenahme der Fachleute Streitigkeiten zu ent- 
scheiden. Man hätte deshalb schon lange, wie es beim Handel ge- 
schieht, die Geschäftswelt zur Rechtsprechung zuziehen sollen. 



6^ 



Wir schlagen daher vor, dass )nan den Berufsleuten in unsern Gerichten 
Sitz und Stimme erteile und nicht bloss durch Experten sich doch nur 
oft unrichtig gestellte Fragen beantworten lasse, wie das bisher der 
Fall war. 

2. Die Mitwirkung von gewerblichen Berufsrichtern bei der Recht- 
sprechung bürgt für eine grössere Sicherheit in der Rechtsprechung 
und erlaubt deshalb die in der Initiative vorgesehene Kompetenz- 
erhöhung der einzelnen Gerichtsstellen. Diese Kompetenzerhöhung 
steht im Einklänge mit den Wünschen unseres Volkes, so hat z. B. 
der zürcherische landwirtschaftliche Verein in seiner Eingabe an den 
hohen Regierungsrat auch ein diesbezügliches Begehren gestellt. 

3. Wir icünschen auch, dass das Verfaliren es ermögliche, ohne Anwälte vor 
dem Richter Recht zu bekommen. Wir haben ein Recht, zu verlangen, 
dass unsere Richter sich so in das Detail eines Prozesses hinein- 
arbeiten, dass sie im stände sind, die Parteien über Recht und Un- 
recht ihrer x\nsprüche zu belehren und ohne dass ihnen ein Anwalt 
das Material verarbeitet vorlegt, über den Prozess zu entscheiden. 
Dabei sind wir uns wohl bewusst, dass dieses Prozessverfahren ein 
durchweg tüchtiges Richterpersonal bedingt; aber wir vertrauen auf 
die Einsicht unseres Volkes, dass es auch in Zukunft die richtigen 
Männer für das Richteramt zu finden wisse. 

Wir erwarten nämlich, dass durch die Aufklärung der Richter 
viele Prozesse ohne Entscheid gütlich beigelegt werden, während 
ja nur allzu bekannt ist, dass es sich Vertreter von Parteien oft an- 
gelegen sein lassen, anstatt zu versöhnen und die Parteien näher zu 
bringen, diese zum Streite anzureizen. 

4. Die unter 3 angeführte Bestrebung, glauben wir, werde besonders 
unserer Landwirtschaft nützlich sein. 

Seit einer Reihe von Jahren sind unsere besten Anwälte in die 
Stadt gezogen, und wenn Landwirte genötigt waren, vor Gericht zu 
gehen, so waren sie gezwungen, einen Anwalt in der Stadt zu suchen. 
Da in der Stadt das Leben täglich teurer wird, muss auch ein An- 
walt höhere Ansprüche machen und die Folgen davon sind ver- 
hältnismässig hohe Rechnungen an die Parteien. Dies wird durch 
das neue Verfahren vermieden, indem man anstatt zum Anwalt in 
Zukunft sich vertrauensvoll an den Richter wenden kann, ohne zu 
gewärtigen, durch Unkenntnis in Rechtssachen in seinem Rechte ge- 
fährdet zu sein. 



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— 6(> — 

5. ]V/r 2i'iinsrJicn auch, dass die Gebühren der Gerichte nmnentUch bei ^eriiig. 
fiii^i'^en Prozessen tiefer gehalten seien als bislier, damit auch der Arme noch 

Recht zu finden die Mittel ersc/ncingen kann. 

6. Durch die Freigebung der Advokatur hat sich ergeben, dass viele 
zweifelhafte Personen sich als Stellvertreter anbieten. Nun ist doch 
nirgends mehr Lauterkeit und Wahrheit geboten als in der Recht- 
sprechung, und deshalb muss man darauf hinwirken, dass Personen, 
die das Prozessieren nur zu einem unredlichen Gelderwerl) benützen, 
beseitiiit werden können. 

Dies kann einzig dadurch geschehen, dass der Staat an die Aus- 
übung der Advokatur Bedingungen der beruihchen Befähigung und 
der nötigen sittlichen Eigenscliaften stellt. 

7. Die Folge davon ist nun aber auch, dass die so Bevorzugten nicht 
durch willkürliche Rechnuiigsstellung ihre Klienten überfordern 
kr)nnen. Daher soll der^taat wieder, wie das früher der Fall war, 
vorschreiben, was sie für ihre einzelne Verrichtungen den Klienten 
berechnen dürfen. 

Ö. Im fernem weisen wir darauf hin, dass seit einer Reihe von Jahren 
unsere Arbeiter sogenannte Schiedsgerichte verlangen, in denen so- 
wohl Arbeiter wie Arbeitgeber Sitz und Stimme haben sollen. Wir 
sind diesem Wunsche nachgekommen, indem wir dem Friedens- 
richter und dem Gerichtspräsidenten Beisitzer aus beiden Klassen 
ücben. 

9. Diese Neuordnung der Rechtsprechung wird es nötig machen, dass 
Verordnungen erlassen werden müssen. Wir überlassen das ver- 
trauensvoll dem hohen Kantonsrat. 

Die iian/c zürcherische Presse stand gegen die Initiative. Sie 
warf dem \'orschlagc folgende Fehler vor: eine Überprüfung, Appel- 
lation, aller Prozesse, bei denen weniger als 1000 Fr. streitig sind, 
sei fortan unnic)glich. Kine solche Ausschliessung der Berufung 
werde ganz besonders auch den Gewerbetreibenden am aller- 
schwersten treffen, denn er sei es, der in Prozesse vom ange- 
crebencn Streitwert am ehesten verwickelt werde; die Kompetenzen 
von I-riedensrichter, Bezirksgerichtspräsident und Bezirksgerichten 
werden erlK)ht, was undemokratisch und nicht volkstümlich sei; die 
altbewährte W'rhandlungsmaxime werde abgeschabt und an ihre 



- 67 - 

Stelle das « Instruktionsverfahren)), die Untersuchungsmaxime gesetzt, 
was die Arbeit des Richters so umfangreich mache, dass man nicht 
(^enufi^ Richter fände. Der Richter könne nicht auch der Advokat 
beider Parteien sein; das Gute, das der Vorschlag anstrebe, wie die 
Zuziehung von Fachrichtern für Gewerbestreitigkeiten, haben wir 
schon im Institute der gewerblichen Schiedsgerichte, das vor kurzem 
erst sreschaffen worden sei. Für Fach2:crichte werde es auch an 
tüchtigen Kräften fehlen; denn die meisten Handwerksmeister werden 
erklären, dass sie beruflich genug zu tun haben und keine Zeit 
fanden, im Fachgericht zu sitzen; gegenwärtig sei eine gründliche 
Revision des ganzen Rechtspflegegesetzes (nicht nur des Zivilpro- 
zesses, sondern auch der Strafprozessordnung und des Gerichts- 
organisationsgesetzes) von einer kantonsrätlichen Kommission in 
Arbeit genommen worden. Es solle doch zugewartet werden, bis 
diese Arbeit vollendet sei. Die Initiative sei also ganz unzeitmässig. 
(Freilich war jene Kommission erst ernannt worden, als die Initiative 
schon im Gange war.) 

Der Kantonsrat beschloss auf Antrag des Regierungsrates, dem 
Volke die Verwerfung des Initiativvorschlages zu empfehlen, ohne 
diesem einen andern \'orschlag gegenüberzustellen. In der regierungs- 
rätlichen Weisung wurde die \^erwerfung aus nachstehenden Gründen 
empfohlen : Weil i . von seite der zuständigen Behörden die Revision 
des Rechtspflegegesetzes schon ein Jahr vor Eingang des Initiativ- 
beaehrens an die Hand i^enommen worden sei; 2. diese Revisions- 
arbeit in vollem Gange und sowohl in formeller als materieller Be- 
ziehung viel umfassender sei, als der Initiativvorschlag; 3. den 
speziellen Wünschen des Gewerbestandes mit dem Gesetz betreffend 
die Organisation gewerblicher Schiedsgerichte in der Hauptsache 
schon Rechnung getragen worden sei ; 4. die Verhältnisse der Advo- 
katur durch die Gesetzesvorlage des Kantonsrates besser geordnet 
werden, und 5. die A'orschläge der Initianten mit bezug auf das so- 
genannte Instruktionsverfahren als für unsere \'erhältnisse unzweck- 
mässii^: bezeichnet werden müssen. 

Unter diesen Umständen war es nicht anders möglich, als dass 
die Initiative fiel, besonders auch, weil die Presse in den letzten Wochen 



68 



69 - 



vor der Abstimmung ihre Spalten nicht mehr zur Verteidigung und 
Widerle^unir öilnete. 

hl der Abstimmung vom 27. Juni 1897 hcl die hiitiative. «Immer- 
liin», sagt die «Neue Zürcher-Zeitung», «hat die Rechtspilegeinitiative 
eine bedeutende Zahl von Stimmen auf sich vereinigt (über 18,000), 
dank der rührigen und zum 'IVil geschickten Agitation, die ihre Väter 
entwickelten. Die starke Minderheit soll für die Behörden ein Sporn 
sein, die im Wurf liegende gründliche Revision des Rechtspflege- 
izesetzes zu beschleunigen.» Und von Uster wird dem nämlichen 
Blatte izeschrieben : «Ohne eine in letzter Stunde erschienene Auf- 
forderunir der sämtlichen Kantonsräte des Bezirkes Uster zur Ver- 
werfung wäre das Begehren unzweifelhaft angenommen worden. Das 
Flugblatt, das zur Annahme aufmunterte, war sehr geschickt abgefasst.» 

Das Initiativbegehren war vielleicht in juristisch -iormeller Be- 
ziehung nicht ganz richtig ausgearbeitet, obschon eine fachkundige 
Feder es redigiert hatte, aber namhafte Rechtsgclehrte gaben die 
innere Berechtigung desselben unumwunden zu. Sie wird deshalb 
doch ihre guten Früchte zeitigen. So ist im jetzigen neuen Rechts- 
pflegegesetzesentwurf der kantonsrätlichen Kommission dem lang- 
jährigen Begehren des Gewerbestandes nach einer \'crtretung in den 
Gerichten bei Streitigkeiten gewerblicher Natur ein Genüge geleistet. 
Nach den Ausführungen des Herrn alt Oberrichter W'olt an der 
Delegiertenversammlung zu Männedorf 1902 enthält der Fntwurt in 
den §§ 39, 40 und 41 folgenden Wortlaut: 

§ 39. Zur Mitwirkung in Zivilprozessen gewerblich-technischer Natur 
werden jedem Bezirksgerichte Gewerberichter beigegeben. 

Die Zahl derselben wird vom Kantonsrate festgestellt. Sie werden 
aus einer, von der Kommission für das Fabrik- und Gewerbewesen auf- 
zustellenden und nach Berufsgruppen zu ordnenden Liste durch den 
Kantonsrat auf eine sechsjährige Amtsdauer gewählt. 

Jeder Gewerberichter ist verpflichtet, an drei Sitzungen im Jahre teil- 
zunehmen. 

§ 40. Die Gewerberichter werden nur beigezogen, wenn eine Partei 
es ausdrücklich verlangt. Das Gericht ist in diesem Falle mit drei ständigen 
Mitirliedern und zwei Gewerberichtern zu besetzen. Die letztern nehmen 
an allen Verhandlungen des Gerichtes mit entscheidender Stimme teil. 



Der Gerichtsvorstand bezeichnet die im einzelnen Falle beizu- 
ziehenden Gewerberichter aus der betreffenden Berufsgruj)pe. 

§ 41. Das Begehren um Beiziehung von Gewerberichlern kann bis 
spätestens fünf Tage nach Empfang der Vorladung zur Hauptverhandlung 
gestellt werden. 

Die Parteien sind in der Vorladung hierauf ausdrücklich aufmerksam 
zu marhen. 

hn Jahre 1896 gelangte ein regierungsrätlicher Gesel~esenlwnrf 
belrcffeud das Gciueihciuesen an den kantonalen Gewerbeverein zur 
Ik'ratung und Meinungsäusserung. Das Bedürfnis nach einer Revision 
der ganz veralteten Gesetze aus den dreissiger Jahren war längst 
vorhanden. Der Entwurf von 1881 war zu weit ausgreifend gewesen 
und darum verworfen worden. Dann versuchte man auf eidge- 
nössischem Boden gesetzliche Bestimmungen über das Gewerbewesen 
zu erhalten; aber die Abstimmung vom 4. März 1894 über einen 
Zusatz zur Bundesverfassung, welcher den Erlass eines schweizerischen 
Gewerbegesetzes ermöglicht hätte, zertrümmerte für einstweilen die 
Hoffnung, welche man auf ein solches Gesetz gesetzt hatte; doch 
ermutigte die günstige Stimmgabe des Zürcher \'o]kes den hohen 
Regierungsrat zur Ausarbeitung eines eigenen neuen Gewerbegesetzes. 
Der Entwurf wurde von allen interessierten Kreisen auf's eifrii^ste 
besprochen und zahlreiche Abänderungsbegehren an die Behörden 
eingereicht, so dass er mannigfache Umänderungen erfuhr. Der 
Vorstand des kantonalen Gewerbevereins hat sich in vielen 
Sitzungen und die Delegierten der Sektionen in drei WTsammlungen 
mit der Materie befasst. \'ier Eingaben wurden an die Regierung 
und die kantonsrätlichc Kommission, welche das Gesetz vorzu- 
bereiten hatte, abgegeben. Darunter waren zwei vollständige \'or- 
lagen. Das Bestreben des kantonalen Gewerbevereins, sowie des 
Gewerbeverbandes Zürich war hauptsächlich auf folgende drei Punkte 
gerichtet : 

1. Solche polizeiliche Vorschriften, welche den Gewerbebetrieb 
hindern oder belästigen, abzuschwächen oder wegzulassen; 

2. den Einfluss der gewerblichen Kreise auf die Ausführung und 
Vollziehung des Gesetzes zu stärken und zu mehren ; 



— 7« - 

3. Bestininuingcn ühcv das Subniissionswesen und den unlautcrn 
Wettbewerb in dasselbe hineinzubringen. 

Nicht alles, was man angestrebt hatte, war erreicht worden, aber 
vieles und wesentliches. Manches, das im Gesetz enthalten war, so 
die Abschnitte über das Lehrlingswesen, die Lehrlingsprütungen, das 
berufliche Bildungswesen, hatte von Anfang an die freudige Zustmi- 
mung.der gewerblichen Kreise gefunden, hisbesondere wurde be- 
crrüsst, dass' in Zukunft praktische Bildungskurse veranstaltet und 
Reisestipendien verabreicht werden sollten, auch für den ausgelernten 
Meister, der sich weiterbilden wollte. Hin Teil der Polizeivorschritten, 
die im' übrigen am wenigsten Gefallen erweckten, bezweckten, Ge- 
sundheit und Leben des Arbeiters zu schützen und allen, Arbeitern 
sowohl als Meistern und Angehörigen, die so notwendige Sonntags- 
ruhe zu sichern. Die letztern Bestimmungen bezogen sich übrigens 
hauptsächlich auf das Handelsgewerbe. Durch zahlreiche Ausnahme- 
bestimmungen suchte man den mannigfaltigen Verhältnissen im Ge- 
werbebetrieb Rechnung zu tragen. Eine Errungenschaft von Be- 
deutung waren die Abschnitte über das Submissionswesen und den 
unlautcTu Wettbewerb. Der erstere entsprach allerdings nicht ganz 
dem, was die Gewerbevereine verlangten ; der letztere hatte den Vor- 
teil, 'dass er dem Richter in der Beurteilung der konkreten I-älle 
eine gewisse Freiheit gestattete; hingegen erschienen die Bussen tür 
Vergehen dieser Art zu niedrig angesetzt. Eigentlich korporative 
Rechte gab das Gesetz dem Gewerbestand nicht, doch verlieh es 
ihm das' Vorschlagsrecht für die Bestellung der kantonalen Gewerbe- 
kommission. Dieser war das Oberaufsichtsrecht über das Lehrlings- 
und gewerbliche Bildungswesen übertragen; im fernem sollten ihr 
alle w'^ichtigen Fragen, welche das Gewerbewesen betreffen, zur Be- 
gutachtung vorgelegt werden. 

In der Delegiertenversammlung in Stäfa im Oktober 1899 refe- 
rierte Herr Sekundarlehrer Gustav Weber in Zürich über die Gesetzes- 
vorläge und empflihl den Delegierten nach Antrag des Vorstandes, 
das Gesetz anzunehmen und in ihren Sektionen für die Annahme 
desselben zu wirken. Eine \^erwerfung würde eine lähmende Wirkung 
auf den Gesetzgeber ausüben, der sich bemüht hatte, zwischen den 



widerstreitenden Interessen zu vermitteln. Aber auch das Interesse 
in den gewerblichen Kreisen müsste nach den Anstrengungen der 
letzten Jahre abnehmen. 

Leider waren alle Bemühungen durch belehrende Vorträge und 
Referate in der Presse umsonst; das Gesetz wurde im Dezember 
1899 mit unerwartet grossem Mehr verworfen. 

Im gleichen Jahre noch machte das Lehrlingspatronat Zürich 
die Anregung, dass das Lehrliii^^ssi^esel:;^ wieder anhand zu nehmen 
sei, und der Vorstand des kantonalen Gewerbevereins unterstützte 
die bezügliche Petition, weil anzunehmen war, dass aus dem ver- 
worfenen Gewerbegesetz für das am wenigsten bestrittene Gebiet des 
Lehrlingswesens noch am ehesten auf eine Annahme zu hoflen sei. 
An der Delegiertenversammlung zu Uster entspann sich eine längere 
Debatte darüber, ob dieses V^orgehen des Vorstandes zu unterstützen 
und ob überhaupt eine bezügliche \^orlage zu begrüssen sei. Einige 
Redner standen einem Entwairfe, wenn er dem betreffenden Abschnitt 
im gefallenen Gewerbegesetz gleichen sollte, zum vorneherein feind- 
lich gegenüber, andere beantragten vorläufig Verschiebung; noch 
andere wünschten nur ein Gesetz über das gewerbliche Bildungs- 
wesen. Zuletzt wurde beschlossen, die Arbeit wieder an Hand zu 
nehmen. Der Vorstand erhielt den Auftrag, einen Entwurf tür ein 
Gesetz über das Lehrlings- und gewerbliche Bildnngsiuesen auszuarbeiten, 
ebenso sollte er Gesetzesvorlagen für das Suhmissionsivesen und den 
unlaiitern Wettbewerb entwerfen. Ausdrücklich beschloss die \'er- 
sammlung, es sei darauf zu dringen, dass diese drei Vorlagen dem 
Volke getrennt zur Abstimmung vorgelegt werden. 

Der Vorstand beauftragte sodann eine Kommission aus seiner 
Mitte unter Zuzus: des Herrn Gewerbeschuldir. Rohner in Zürich, den 
neuen Gesetzesentwurf über das Lehrlingswesen und das berufliche 
Bildungswesen auszuarbeiten ; nach der Beratung durch den Gesamt- 
vorstand gelangte die \'orlage 1901 vor die Delegiertenversammlung 
und wurde von ihr mit einigen Abänderungen und Ergänzungen 
angenommen. Sie enthält gegenüber der verw^orfenen Gesetzesvorlage 
folgende wesentliche Änderungen : möglichste Ausmerzung aller 
polizeilicher Vorschriften, Betonung nicht nur der Pflichten des Lehr- 



72 



1- 1 



mcistcrs, sondern auch der des Lehrlings, Schut/mnssrcgehi gegen 
das Ausrcissen des LehrHngs, Übernahme sänithcher Kosten der 
Lehrlingspriitungcn durch den Staat, gesetzHche Zusicherung der 
Mitwirkung der gewerhhchen Kreise bei den obligatorischen Lehrhngs- 
priifungen. In bezug auf ^Xkiw zweiten Abschnitt «Gewerbhches 
l^ildungswesen » wurde der Wunsch ausgesprochen, dass der Staat 
gut ausgerüstete gewerbhche l'ortbildungsschulen errichte, ihren Besuch 
für die LelirHnge obhgatorisch erkläre, die Cjewerbenuiseen kräftig 
unterstütze in der Anschaffuni: von Mustersaniniluni^en von Roh- 
Produkten, Malbtabrikaten, mustergültigen Fabrikaten, \\'erkzeugen, 
Maschinen und in der Abhaltuni^ zeitweiliiicr AusstelluniTen. Es 
sollen in den Anschatlungen hauptsächlich Erzeugnisse der neuesten 
Zeit berücksichtigt werden. (Der Gesetzesentwurf des kantonalen 
Gewerbevereins ist im Anhang abgedruckt.) 

Im folgenden jähre lag dann auch schon ein vom Regierungs- 
rat ausgearbeiteter Hntwurt vor, der in der Hauptsache den Entwurf 
des kantonalen Gewerbevereins akzeptiert hatte, in drei Punkten je- 
doch dem Wunsch des Handwerkerstandes nicht entsprach: Die Straf- 
bestimmunijen betrelTend das Ausreissen der Lehrlinge war nicht in 
t\cn I^ntwurf aufgenommen, ebenso nicht die Ptlicht des Staates, 
sämtliche Kosten der obligatorischen Lehrlingsprüfungen zu tragen, 
und in bezug auf die Dauer der Schulpflicht an der gewerblichen 
Eortbildungsschule nahm der Regierungsrat nur einen Kurs zu 
20 Wochen an, während der Gewerbeverein drei jahreskursc zu je 
zwei Semestern vorausgesehen hatte. In einer austührlichen Eingabe 
an den Regierungsrat wurde die Stellung des Gewerbestandes in diesen 
LVagen gründlich beleuchtet. 

Im Mai 1904 beendigte eine kantonsrätliche Kommission die 
erste Lesuni^ eines Entwurfes betretend Lehrlingswesen. In der 
\'orlage fehlt der Abschnitt über das berufliche Bildungswesen. 

Der I'jUwurf kam im Juni dieses Jahres zur Behandlung im Vor- 
stande. Dieser bedauert, dass der ganze Abschnitt über das gewerb- 
liche l^ildungswesen tallen gelassen worden ist und es lallt ihm 
schwer, heute auf eine l'orderung zu verzichten, an der er jahrzehnte- 
lamr als einem seiner wichtiijsten Postulate festhielt. \\'enn er es 



doch tut, so geschieht es in der bestimmten Erwartung, dass das 
<Tewerbliche Bildungswesen in nicht zu ferner Zeit gesetzlich geregelt 
werde. Die Abänderungsvorschläge des W^rstandes zu der Vorlage 
sind folgende: die friedensrichterliche Instanz soll bei Anständen 
zwischen Lehrling und Meister nicht umgangen, die Dauer der täg- 
lichen Arbeitszeit für Handwerkslehrlinge nicht gesetzlich fixiert, die 
\'orschrift einer Maximalzahl von Lehrlingen, die ein Meister halten 
darf, nicht vorgeschrieben, den Handwerks- und Berufsverbänden eine 
Mitwirkung bei den obligatorischen Lehrlingsprüfungen zugesichert 
und die polizeilichen Vorschriften etwas mehr beschränkt werden. 
Die Vorlage wird nächstens vor den Kantonsrat gelangen. 

Der kantonale Gewerbeverein hielt es jederzeit für seine Pflicht, 
bei Gesetzen und Verordnungen, die auch den Gewerbestand spezieller 
berühren, die Sektionen auf dem laufenden zu erhalten und ihre 
Ansichten entgegenzunehmen. So beschäftigte sich 1890 der \^orstand 
auch mit der Initiative für Revision des kantonalen Hai(sicr!yescl~es 
und unterstützte das Begehren. 

Die Klairen über zunehmende Belästigung des Publikums und 
vermehrte unreelle Konkurrenz durch Hausierer und A\^inderlager 
waren seit langer Zeit zu hören. Nachdem die eidgenössischen 
Räte 1890 mit der Ablehnung der Einführung eines schweizerischen 
Gewerbegesetzes auch eine eidgenössische Regelung des Hausier- 
und Marktverkehrs in weite Ferne gerückt hatten, blieb diese Frage 
der kantonalen Gesetzgebung überlassen. 

Das kantonale « Gesetz betrcflend den Markt- und Hausierverkehr 
und den Verkehr von Handelsreisenden)) vom Jahre 1880 war einer 
Revision dringend bedürftig geworden und der einheimische Handels- 
und Gewerbestand wollte nicht länger unter den nachteiligen Be- 
stimmungen leiden. 

Als ein Hauptmangel wurde bezeichnet, dass die Behörden laut 
di:n Staatsverträgen keinem Ausländer ein Hausierpatent verweigern 
konnten, weil die Bedürfnisfrage nicht gesetzlich geregelt, sondern 
dem Ermessen der kantonalen Justizdirektion anheimgestellt war. 
Da laut den bezüglichen Bestimmungen der Handelsverträge fremde 
StaatsamiehöriiTe, welche in der Schweiz hausierten oder Wander- 



— 74 



/ ) 



:i! 



lager errichten wollten, sich nur Gesetzen der Kantone, nicht aber 
Verfüi^uniien kantonaler Verwaltungen zu unterziehen hatten, so 
waren die kantonalen Behörden dieser Staatsvertragsauslegung gegen- 
über machtlos und nuissten unter Umständen den ausländischen 
Hausierer besser stellen als den eigenen Bürger. 

Diese Ungerechtigkeit wurde noch schreiender dadurch, dass 
z. B. Deutschland die Schweiz verpflichtete, seine Angehörigen den 
Kantonsbürgern gleichzustellen, anderseits aber jeweilen im eigenen 
Gebiete die Frage, ob ein Bedürfnis zum Hausieren eines bestimmten 
Produktes vorhanden sei, bei jedem Patentgesuch eines Schweizers 
in Vordergrund stellte und fast ausnahmslos verneinte. 

Als Mangel des Gesetzes erschienen ferner die zu geringen 
Patentgebühren und dass die Patente auf zu kurze Dauer (einen Monat) 

erteilt wurden. 

Die Wanderlager machten insbesondere in der Hauptstadt den 
niedergelassenen Geschäftsleuten eine stets empfindlicher werdende, 
unreelle Konkurrenz. Das bestehende Gesetz enthielt über die Be- 
steuerung der Wanderlager höchst ungenügende Bestimmungen, wohl 
darum, weil zurzeit seines Hrlasses, 1880, diese Übelstände noch nicht 
so grell hervorgetreten waren. 

Das Patent für Hausierer und Wanderlager sollte künftig nur 
an Niedergelassene und deren Familienangehörige erteilt werden. 

In Berücksichtigung dieser Verhältnisse und der vielerlei Cbel- 
stände im Hausierwesen fiinden sich Vertreter der kantonalen Ge- 
werbevereine, der zürcherischen Sektionen des Vereins schweize- 
rischer Geschäftsreisender, der kaufmännischen Gesellschatt Zürich 
u. s. w. veranlasst, ein Initiativkomitee zu bilden, welches die Autgabe 
übernahm, eine Revision des kantonalen Hausiergesetzes anzubahnen. 

Im fahre 1894 ^vurde sodann vom Zürcher Volk ein neues 
Gesetz betreffend das Markt- und Hausierwesen angenommen, das 
zum Teil wenigstens die Wünsche des Gewerbestandes erfüllte. In 
bezuir auf die ausländischen Handelsreisenden und Hausierer aber 
konnte das Gesetz die Verhältnisse wegen der Staatsverträge nicht 
in befriedii^ender Weise lösen. 

Schon 1891 war der \'erein schweizerischer Geschäftsreisender 



mit einer Eingabe an das Obergericht des Kantons Zürich gelangt, 
CS möchte das zürcherische Einführungsgesetz zum schweizerischen 
Betreibungs- und Konkursgesetz dahin abgeändert werden, dass alle 
rechtlich ausgetriebenen Schuldner öfl'entlich bekannt gemacht werden. 
Diese Frage der Publikation aiisgeschät::ter Schuldner wurde im \'orstand 
cinlässlich behandelt und die Gründe dafür und dagegen reiflich 
erwogen; man kam damals dazu, die Eingabe nicht zu unterzeichnen, 
da die Interessen des Handwerkerstandes in dieser Angelegenheit 
nicht identisch seien mit denen des genannten Vereins und dass es 
sehr oft die Handelsreisenden seien, die durch ihre Zudringlichkeit 
die Leute zu leichtsinnigem Kreditnehmen verleiten. 

Aber die Angelegenheit kam nicht zur Ruhe. Von der Dele- 
(Tiertenversammlung in Bülach 1900 wurde dem Vorstande der Auftrag 
aecreben, noch einmal die Sektionen um Vernehmlassung zu ersuchen. 
Die stark überwiegende Zahl der Sektionen empfahl eine Unterstützung 
des Bestrebens, und nachdem über diesen Punkt Herr Professor Meili 
an der Delegiertenversammlung in Wädenswil in zustimmendem Sinne 
sich geäussert, jedoch mit der Ansicht, dass möglichst rücksichtsvoll 
vort^e<^an<^en werden sollte, fand das Traktandum im ^'orstande eine 
rasche Erledigung. Es wurden einige mildernde Modifikationen an 
dem Entwurf des zürcherischen Geschäftsreisendenvereins vorge- 
nommen. Die aufgestellten Postulate fanden die Zustimmung der 
ausserordentlichen Delegiertenversammlung. (Siehe die bezüglichen 
Postulate im Anhang.) 

Als 1901 der Regierungsrat dem Kantonsrate mit ausführlicher 
Begründung beantragte, nicht auf die Sache einzutreten, richtete der 
Vorstand des kantonalen Gewerbevereins an sämtliche Mitglieder 
des Kantonsrates das Gesuch, die bezügliche Vorlage doch zu be- 
handeln. Dabei wurden folgende Gründe geltend gemacht: Die 
Schwieriizkeiten sind keineswegs unüberwindlich; die meisten schwei- 
zerischen Kantone haben bereits gesetzliche Massnahmen getrofl^en, 
um durch die Veröff'entlichung der ausgeschätzten Schuldner eine 
Besserunii der Kreditverhältnisse herbeizuführen, und das praktische 
Leben hat den Beweis geleistet, dass die Publikation gute W^irkungen 
erzielt. Der Handels- und Gewerbestand ist aufs Kreditnehmen und 



- 76 - 

-Geben angewiesen. Kreditiert der Handwerker nicht, so verliert er 
seine Kiindsame. Die gcsetzliciien Massnahmen, die der Handwerker- 
stand und die kleinen Handelsleute erstreben, sind nicht gegen die 
Armen, Gedrückten gerichtet, die ohne eigenes Verschulden zahlungs- 
unfähig geworden sind, sondern geoen die leichtsinnigen und bös- 
willigen Schuldenmacher. Vor solchen die Geschäftswelt zu warnen, 
ist eine Pflicht und der Staat sollte Mittel an die Hand geben, sich 
vor solchen Scliädigungen schützen zu können. 

Immerhin hatte der Regierungsrat auch einen eventuellen Ge- 
setzestext ausgearbeitet und vor kurzem ist die bezüi^liche \'orlaae 
der kantonalen Konunission erschienen, die sich auf die Seite der 
Bestrebungen des Handels- und Gewerbestandes stellt. 

Wie bei den beiden vorigen Gebieten, ist auch beim nachstehend 
behandelten eigentlich mehr der Handelsstand interessiert; es betrifft 
dies den iiiilautcrcu IVeltheiuerh. Iki der Beratung des Gewerbe- 
gesetzes kam man in bezug auf diese Frage zu folgenden Kesultaten : 
I. Die schwindelhafte Reklame, welche durch unwahre Angaben das 
Publikum zu täuschen sucht, ist von Gesetzes wegen zu verfol<>en 
und zu bestrafen. 2. Die Wanderlager sind bei unsern heutigen 
\'erkehrsmitteln durchaus überflüssig; sie schädigen die etablierten 
Geschäftsleute und ebenso das kaufende Publikum durch den \'ertrieb 
minderwertiger Waren. 3. Ausverkäufe sollen nur bewilligt werden 
bei wirklicher Geschäftsaufgabe. Die Quantität der zu liquidierenden 
Waren ist zu kontrollieren und der W^-kauf hat in besondern Lokalen 
stattzufinden. — Die öffentlichen Ganten sind besser zu überwachen. 
Unreelles Bieten (vom W^rkäufer) soll bestraft werden. 4. Die Ab- 
zahlungsgeschäfte sind gänzlich zu unterdrücken, denn ihr Geschäfts- 
betrieb ist ein wucherischer, auf Ausbeutung der ökonomisch 
Schwachen berechnet. • 

Zu Punkt 2 wurde bemerkt, dass bei einer strengem Handhabunsr 
des Hausiergesetzes durch die Gemeinderäte und den Re£2:ieruni'srat 
die Wanderlagcr sehr bald aus der Welt geschafft waren. Leider 
habe der Regieruiigsrat durch eine Verordnung die Maxinialansätze, 
welche das Gesetz für die Patenttaxen aulstellt, so bedeutend reduziert, 
dass es keine scharle Waffe mehr sei im Kampf gegen die genannte 



, / 



\ , ; 



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) 



— 77 — 

Art des Geschäftsbetriebes. Grössere Sympathien erweckte dagegen 
das \'orgehen der Justizdirektion gegen eine Anzahl Firmen, welche 
Ausverkäuf'e veranstalteten, ohne hiefür die Bewilligung der zu- 
ständigen Behörden nachgesucht und die vorgeschriebene Taxe 
entrichtet zu haben. 

Auf wiederholtes Drängen der Gewerbevereine wurde sodann 
vom Kantonsrate folgender Abschnitt über «Unlautern Wettbewerb» 
in das Gewerbegesetz aufgenommen : 

§ 80. Des Vergehefis des unlauteren Wettbeiverbes macht sich scJiuldig: 
0) Wer in der Absicht, den Anschein eines besonders günstigen An- 
gebotes hervorzurufen, über Ursprung und Erwerb, über Her- 
stellungsart, besondere Eigenschaften und Wert von Waren oder 
gewerblichen Artikeln, über die Menge der Vorräte, den Anlass 
zum Verkauf oder die Preisbemessung wissentlich unwahre und 
zur Irreführung geeignete Angaben macht; 
/;) wer im Wettbewerb wider besseres Wissen über das Erwerbsge- 
schäft eines andern, über die Waren oder gewerblichen Leistungen, 
über die Person des Inhabers oder Leiters des Geschäftes unwahre 
Behauptungen tatsächlicher Art aufstellt oder verbreitet, welche 
geeignet sind, den Betrieb oder Kredit des Geschäftes zu schädigen 
und dessen Kundschaft abzuleiten. 
§ 81. Wer sich des Vergehens des unlauteren Wettbewerbes schuldig 
macht, wird mit Geldbusse von 20 bis 500 Fr. belegt. Im Wiederholungs- 
falle kann neben der Busse auf Gefängnis bis zu 14 Tagen erkannt werden. 

Das Gesetz wurde verworfen und mit ihm diese Bestimmungen. 
Indessen befassten sich auch die eidgenössischen Behörden mit der 
Frage. Herr Xationalrat Hirter stellte in der Dezembersession 1900 
eine Motion, welche den Bundesrat einlud, die Frage der Schaffung 
eines eidiJenössischen Gesetzes über das Hausierwesen und ein 
solches über den unlauteren Wettbewerb zu studieren und Bericht 
zu erstatten. Fine Massenpetition älmlichen Inhaltes, veranstaltet vom 
Schweizerischen Geschäftsreisendenverein, bedeckte sich rasch mit 
zirka 45,000 Unterschriften. Der Schweizerische Gewerbe verein em- 
pfahl die Schaflling spezieller eidgenössischer Massnahmen und zeigte 
zugleich, wie an den bestehenden Gesetzen Änderungen vollzogen 
werden sollten. Der Entscheid des Bundesrates auf die eiui^angs 



-o 



erwähnte Petition ist nunmehr nach hald vier Jahren erlol-t. F.r lautet 
dahin, es sei die bestehende zivihvchihdie Ceset/i^ebun.^ dijn Ikxlürl- 
nissen entsprechend; ein eri^än/ender, stralrechthciier Schutz könne 
hei Anhiss des I^rhisses eines schweizerischen Strahvchtes gewährt 
Nxerden. 

Im Juni laufenden Jahres ist nun aber im Kanton Zürich eine 
regierunosrätliche Geset/esvorlage xur Bekämpfung des unlautern 
Wettbewerbes erschienen. Der l-ntwurf leimt sich in der Hauptsache 
an die Gesetze von Basel und P.ern an. \[v will vor allem dagegen 
auitreten, dass durch Ausschreibung oder Ausstellung von LockwaaMi 
in den Schaufenstern, die mit vorteilhaften Preisen bezeichnet sind, 
aber nicht aushingegeben werden, das Publikum getäuscht werde; 
lerner soll dem Rabattmarkenunwesen entgegengetreten werden. 

1893 referierte Herr higenieur Lincke in der Delegiertenversamm- 
lung über das S/ihiiisyloiisurscii und stellte i 3 Thesen auf. Die An- 
gelegenheit wurde an den \'orstand gewiesen, der die einzelnen Sek- 
tionen zur \'ernehmlassung einlud. Hine 1894 bestellte Kommission 
hatte das «ziemlich dürftige Material» zu prüfen und Anträge zu 
formulieren. Im Jahre 1S98 wurden in dem neuen Gewerbegesetzes- 
entwurf auch Bestimmungen über das Wrgeben von öirentlichen Ar- 
beiten aufgenommen. Sie hatten folgenden \\'ortlaut: 

§ 7 I. Arbeiten, welche vom Staate ausgefürt oder von ihm unterstützt 
werden, sowie Lieferungen für den Staat, sind r.frentlich auszuschreiben. 
Ausgenommen sind Arbeiten und Lieferungen von kleinerem Umfange. 

Jj 72. Die Ausschreibung hat mindestens im kantonalen Amtsblatte 
zu erfolgen, und es sind diejenigen Plane, Muster, Modelle u. s. w., welche 
zur genauen Aufschlusserteilung notwendig sind, den Bewerbern zur Ver- 
fügung zu halten. 

i< 73. Zur Einreichung der Angebote ist eine angemessene Frist an- 
zusetzen, welche niUigenfalls verlängert werden kann. 

Jj 74. Einmal eingereichte Angebote kr.nnen nicht mehr abgeändert, 
verspätete Eingaben dürfen nicht mehr berücksichtigt werden. 

§ 75. Die sämtlichen Eingaben sind den Bewerbern vor der Vergebung 
nach ihrem wesentlichen Inhalt mitzuteilen. 

§ 76. Bei der Vergebung der Arbeiten sind insbesondere folgende 
Grundsätze zu beachten : 



^ 



i 



— 79 — 

^7) Es sollen nur anerkannt tüchtige Bewerber oder solche, die durch 
Bürgen oder Hinterlage genügende Sicherheit gewähren, in Be- 
tracht kommen. . 

/>) Bewerber im Auslande sind nur dann zu berücksichtigen, wenn 
die betreffenden Arbeiten vom Inlande nicht oder nur zu wesent- 
lich ungünstigeren Bedingungen geliefert werden können. 

r) Bei gleicher Leistungsfähigkeit der Bewerber soll, wenn möglich, 
eine Teilung oder ein Wechsel in der Vergebung der Arbeiten und 
Lieferungen eintreten. 

(/) Die Behörden sind nicht verpilichtet, das billigste Angebot zu be- 
rücksichtigen. Dies soll namentlich auch dann nicht geschehen, 
wenn die Prüfung ergibt, dass der niedrige Preis durch ungünstige 
Bedingungen, die den Arbeitern auferlegt werden, ermöglicht wird, 
oder dass unlauterer Wettbewerb (§ 80) vorliegt. 

§ 77. Die Behörde, welche die Arbeiten und Lieferungen zu vergeben 
hat, kann das Gutachten von Sachverständigen einholen. 

§ 78. Den Bewerbern ist mitzuteilen, wem die Arbeiten und Liefe- 
rungen übertragen wurden. 

§ 7g. Die Behr)rden können die Unternehmer, welche Arbeiten und 
Lieferungen durch Unterakkordanten ausführen lassen, zur Vorlegung der 
Unterakkorde verpfhchten und sich deren Genehmigung vorbehalten. Die 
Hauptunternehmer sind für richtige Ablöhnung verantwortlich. 

Nach der X'erwerfuuij des Gewerbegesetzes erhielt der A'orstand 
von der Delegiertenversammlung in Uster den Auftrag, eine neue 
Wirlaije über das Submissionswesen auszuarbeiten. Im Laute der Be- 
ratung fand dann der \'orstand, es wäre besser, statt ein «Gesetz» 
eine «Verordnung» anzustreben, weil eine solche vom Kantonsrat 
erlassen werden kann, also nicht dem \'olke zur Abstimmung vor- 
aelei^t werden muss : auf diese Weise könnte man in verhältnismässig 
kurzer Zeit zu verbindlichen Bestimmungen kommen, wie sie ge- 
wünscht werden. — Die Kommission hat bei Aufstellung des Ent- 
wurfes in erster Linie alles Material zusammengesucht, das bis jetzt 
vorhanden ist, und sich dabei auf den Standpunkt gestellt, dass man 
nur das Wichtigste herausnehmen dürfe. Sie hat dabei überall dem 
Grundsatze gehuldigt, dass man dem Kleingewerbe möglichst Rück- 
sicht zu tragen habe. 



/ 



— 8o - 

Die Delegicrtcnvcrsanimliing nahm die \'orlage ohne wesentliche 
Änderung entgegen und bescliloss, sie dem Regierungsrat zu über- 
reichen mit der hötiichen lunhidung, recht bald eine bezügliche Ge- 
setzesvorlage zu machen. (Diese X'oriage ist in einem spätem Ab- 
schnitt, «Das Submissionswesen)), zum grössten Teil enthalten.) 

Nebst dieser \'orlage sind noch zwei andere entstanden, die der 
Arbeiterunion Zürich und die der kantonalen Baudirektion. Am 
2 2. Juni dieses Jahres wurde die erste gemeinsame Sitzung der 
\ ertreter der interessierten Kreise zur Besprechung der wichtigen 
Angelegenheit gehalten. Von der Baudirektion waren eingeladen die 
Vertreter der beiden Stiidte Zürich und Winterthur, des Inijenieur- 
und Architektenvereins, der Arbeiterunion, des kantonalen Gewerbe- 
vereins u. a. 

Auch aut eidgenössischem Boden machten sich in jüngster Zeit 
ähnliche Bestrebungen geltend. Hin Postulat der Kommission zum 
bundesrätlichen Geschäftsbericht betraf ebenfalls das Submissionsver- 
fahren, dessen jetzige Öffentlichkeit begrüsst wird. Das Verfahren ent- 
spreche aber nicht der Anregung, wie sie s. Z. im Rate gemacht wurde, 
und auch nicht der Art der Öffentlichkeit, wie sie in andern Ländern 
geübt wird. Das damit den Submittenten eimreräumte irecenseitiiie 
Kontrollrecht gehe insofern zu weit, als es denselben auch die Hin- 
sicht in sämtliche liinzelheiten und Kalkulationen der Konkurrenz- 
otlerten gewähre, was speziell den seriösen Hingabestellern nicht kon- 
venieren und zu einer Quelle des Missbrauchs werden könne. Die 
Öffentlichkeit des \'erfahrens solle kein bloss vorübergehender \'er- 
sucli sein, sondern eine bleibende Hinrichtung werden. Zu diesem 
Zwecke sei es aber zu vereinfachen und brauchbarer zu gestalten. 
Durch ein dahinziekndes Postulat soll das ganze Submissionsverfahren 
der Bundesverwaltung mit Hinschluss der Ikuidesbahnen einmal einer 
gründlichen Prüfung unterworfen werden. Namentlich würde es sich 
darum handeln, einheitliche Normen einzuführen, welche in die Horm 
eines Bundesbeschlusses zu bringen wären. Die Ani/ele^enheit sei 
so wichtig und es seien so viele Interessen dabei beteiligt, dass aus 
allen zulässigen Gesichtspunkten eine solche Neuordnung erwünscht 
erscheine. Dabei würden ebenso wie die Interessen der W^rwaltunir, 



) 



- 8i - 

auch diejenigen der Gewerbetreibenden und der Arbeiter in billjoer, 
gerechter Art berücksichtigt werden können. Das Postulat lautet: 
«Der Bundesrat wird eingeladen, die Präge zu prüfen und darüber 
Bericht und Antrag einzubringen, ob nicht das \'erfahren betrefiend 
die Vergebung ötlentlicher Arbeiten für alle Abteilungen der Bundes- 
verwaltung, mit Hinschluss der Bundesbahnen, durch einen Bundes- 
beschluss einheitlich zu ordnen sei.» Die Re^elun«^ der Anirelef^en- 
heit hätte nach der Ansicht der Kommission in der Form eines 
Bundesbeschlusses zu erfolgen, damit, was heute mangelt, weiteste 
A'olkskreise von der Sache Kenntnis erhalten. Bundesrat Horrer er- 
klärte Annahme des Postulates mit dem Bemerken: Praktisch wird 
die Präge immer Schwierigkeiten bereiten, weil nie alle Interessenten 
befriedigt werden können. In welcher Weise sie am besten zu lösen 
sein wird, mag heute unerörtert bleiben; die Lösung bedarf eines 
sorgt'ältigen Studiums. 

Als der Hrziehungsrat 1896 einen Hntwurf für ein neues Schiil- 
gesef- veröffentlichte, in dem eine Ausdehnung des Unterrichtes auf 
das reifere Jugendalter, also eine Umgestaltung des Fortbildungsschul- 
wesens in Aussicht genommen war, hielt es der \^orstand für seine 
Pflicht, diesen Hntwurf in einer Delegiertenversammlung besprechen 
zu lassen und dem Hrziehungsrat in einem Gutachten die Ansichten 
und Wünsche des kantonalen Gewerbevereins zur Berücksichtigung^ 
zu unterbreiten. Es war für ein solches Vorgehen um so mehr 
Grund vorhanden, als die ausserordentliche Deletriertenversammluncy 
im März bei der Beratung des Gewerbegesetzesentwurfs die Forde- 
rung aufgestellt hatte, es möchte für die Lehrlinge der Handwerker 
und Gewerbetreibenden der Besuch der gewerblichen Fortbildunt^s- 
schulen obligatorisch erklärt werden. Der erziehungsrätliche Schul- 
gesetzesentwurf unterschied zwischen «allgemeiner» und «gewerblicher 
Fortbildungsschule». Für beide war nur ein freiwilliger Besuch vor- 
gesehen. Doch konnte die erstere von den Gemeinden obligatorisch 
erklärt werden. Das Resultat der Beratung waren folgende Beschlüsse, 
welche dem Hrziehungsrat als Wünsche des Gewerbestandes bei einer 
Umarbeitung des Gesetzesentwurfes zur Berücksichtigung empfohlen 
wurden: Die Hrgänzungsschule, wie sie im Schulgesetzesentwurf 

6 



/ 



— 82 — 



83 



iiinschricbcn ist, soll fallen i^^elassen werden. Ks sollen nicht zwei 
Arten von Fortbildungsschulen, berufliche und allgemeine, geschaffen 
werden, weil alle Fortbildungsschulen eine berufliche Richtung an- 
nehmen müssen. Der Lehrplan der Fortbildungsschule ist daher den 
örtlichen Bedürfnissen anzupassen. Der Besuch der Fortbildungsschule 
ist für die männliche Jugend vom zurückgelegten 14. eventuell 15. 
bis 17. eventuell 18. Altersjahre obligatorisch zu erklären. Der 
bürizerliche Unterricht bildet einen lk\standteil des Lehrplans der obli- 
gatorischen Fortbildungsschule. Dadurch wird die «Bürgerschule« 
entbehrlich. Die Aufsicht über die gewerblichen Fortbildungsschulen 
(d. h. direkte Aufsicht) ist Kommissionen von Fachleuten zu über- 
tragen. Das berufliche Bildungswesen soll dem Departement des 
Lmern unterstellt werden. 

Das neue Schulgesetz, das 1899 zur \\)lksabstimmung kam und 
angenommen wurde, brachte dem Gewerbestand die erwartete Xeu- 
trestaltunij der Fortbildungsschule nicht, aber es versprach doch, die 
\'olksbildung einen kleinen Schritt vorwärts zu bringen, indem es 
die Unterrichtszeit ausdehnte. Der ^\)rstand beschloss, einen Aufruf 
an das \'olk zu Gunsten des Gesetzes ergehen zu lassen. 

Weit weniger stark als früher nahm in den zwei letzten jähr- 
zehnten das Forthilditiiosschiiki'cscu den kantonalen ILuidwerkcr- und 
Gewerbeverein in Anspruch. Durch den Bundesbeschluss von 1884 
war der ökonomische Bestand der gewerblichen Fortbildungsschule 
ja gesichert worden und die Zahl der Schulen wuchs daher auch 
rasch. Zur eidgenössischen kam auch eine kantonale F\\chinspektion 
und dieses Inspektorat wurde neben dem ständigen kantonalen Fort- 
bildungsinspektorat eingerichtet. Gegenwärtig wird also jede Ge- 
werbeschule zum mindesten auch einmal von einem kantonalen Fach- 
experten besucht; auch er gibt sein Gutachten über den Stand der 
Schule ab, so dass zur Zeit nicht weniger als drei Jahresberichte über 
jede Schule gemacht werden. 

Lii laufenden Jahre ist von der kantonsrätlichen Rechnungs- 
prüfungskommission zu banden des Kantonsrates die Anregung ge- 
macht worden, den Ausbau des kantonalen Schulgesetzes nach oben 
durch eine obligatorische Fortbildungsschule zu vollenden. Mit 



I 



einem solchen Obligatorium würde ein jahrzehntelanges \'erlangen 
des Handwerkerstandes befriedigt. 

Die Lehrlun^spriifiuioen entwickelten sich in den letzten fünfzehn 
Jahren, langsam an Zahl der Teilnehmer zunehmend; diese blieb in 
der letzten Zeit ziemlich stabil. 1888 waren 90 Teilnehmer, 1898 
deren 195 und 1903 im ganzen 254. Mit dem Anwachsen der Teil- 
nehmer stiegen auch die Kosten, von 560 Fr. im Jahre 1890 auf 
1297 Fr. im Jahre 1903. Ursprünglich wurde den Prüfungskreisen 
eine Entschädigung von 30 Fr. an die allgemeinen Kosten und 
2 Fr. 50 Rp. für jeden geprüften Lehrling verabreicht; von 1892 an 
betrug die allgemeine Entschädigung 50 Fr. (der Kreis Oberland 
erhielt damals und dann bis heute die doppehe Summe, weil er nun- 
mehr die drei frühern Kreise Pfäffikon, Uster und Oberland in sich 
vereinigte); von 1895 an betrug diese Entschädigung 70 Fr. (Wlnter- 
thur bekam auch die doppelte Grundtaxe, weil es die Prüflinge von 
Andelflngen aufgenommen hatte). 

\m ]ahre 1891 wurde das neue schweizerische Prüfungsreglement 
auch für den Kanton Zürich verbindlich erklärt und das kantonale 
ausser Kraft gesetzt. Jetzt sollte eine besondere Prüfungskommission 
des kantonalen Verbandes die Leitung und Beaufsichtigung der Lehr- 
lingsprüfungen übernehmen und der ganze Kanton einen einzigen 
Prüfungskreis bilden. Allein schon 1893 iiiusste der Versuch, die 
Prüfungen zu zentralisieren, aufgegeben werden. Die Hauptgründe 
hmen in dem Mangel ausführender Organe im \'erbande ; die aus 
der Zentralisation erwachsende Arbeit durfte dem Vorstande nicht 
yAiuemutet werden. Auf der andern Seite konnte die schweizerische 
Zentralprüfungskommission auf den direkten Verkehr mit den ein- 
zelnen Kreisen nicht verzichten, so lange sie für einen in jeder Rich- 
tuniz "[enüirenden Ersatz, wie ihn die kantonale Kommission bilden 
sollte, nicht volle Gewähr besass. Übrigens ist auch heute die gänz- 
liche Zentralisation der Lehrlingsprüfungen im Kanton nicht durch- 
führbar, weil die nötigen beträchtlichen Mittel nicht zu Gebote stehen. 
Ell neuen Entwurf für ein Gesetz über das Lehrlingswesen ist 
auch das Obligatorium der Lehrlingsprüfungen enthalten. Diese 
erhalten erst ihren rechten Wert, wenn die Prüfungen für sämtliche 



- 84 - 

Lehrlinge obligatorisch gemacht werden, wenn alle aus der Lehre 
Tretenden eine Art Befähigungsnachweis leisten müssen. Das wird 
auf die Werkstattlehre einen sehr wohltätigen l^nHuss haben. Der 
Gewerbestand würde im allgemeinen gehoben. Lin Obligatorium 
hätte aber auch den \'orteil, dass die Prüfungen vereinfacht werden 
könnten, wodurch die Kosten sich verhältnismässig stark reduzieren 
würden. 

In die neunziger Jahre fallen drei grosse Aiisslellmiircii ; die von 
dem kantonalen Gewerbeverein angeregte kantonale GnucrhcanssteUiiiii^ 
vom Jahre iS(J4 in Zi'iricl), die schweizerische Landesausstellung in 
Genf 1896 und die Pariser Weltausstellung 1900. 

An der Delegierten Versammlung in Atlbltern, welche anlässlich 
der dortigen Ik^zirksgewerbeausstellung 1890 stattfand, hatte der \'or- 
stand Gelegenheit gehabt, zu sehen, was eine kleine Landesgegend, in 
der zudem die landwirtschaftliche Bevölkerung vorherrscht, zu leisten 
vermag, und es stieg der Gedanke auf, wieder einmal eine kantonale 
Gewerbeausstellung zu veranstalten. .\Lui liess sich dabei von fol- 
genden Gesichtspunkten leiten: Wenn im Jahre 1883 der Kanton 
Zürich an der Landesausstellung allein 380 Aussteller zählte, und 
damals das Kleingewerbe nicht diejenige Berücksichtigung erfuhr, die 
als wünschenswert bezeichnet werden musste, sondern infolize der 
grossen Kosten teilweise von der Ausstellung verdräni^r wurde, so 
werden wir für eine kantonale Ausstellung, welche hauptsächlich das 
Kleingewerbe berücksichtigen soll, auf eine Ausstellerzahl von 300 
bis 700 rechnen dürfen. 

Am Antang stellten sich dem Unternehmen grosse Schwierig- 
keiten entgegen. Lizwischen eingetretene Landeskalamitäten, wie 
Hagelschlag, Dürre, Lisenbahnunglückstalle u. a. m. veranlassten den 
Vorstand, ernstlich die PVage zu prüfen, ob unter i\cn obwaltenden 
Umständen es nicht besser sei, die Angelegenheit für einmal ganz 
fallen zu lassen. Nach reiflicher Erwägung und in Berücksichtigung 
dessen, dass eine Ausstellung nicht ein bVeudenfest, sondern ein 
Fest der Arbeit ist, dass ferner von der Delegiertenversammlum: in 
Afloltern der förmliche Auftrag erteilt worden war, die Ausstellungs- 
angelegenheit gründlich zu prüfen, wurde mit Mehrheit beschlossen 



) 



I 



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— 8 



eine Kommission zu ernennen, welche die Angelegenheit weiter ver- 
folgen sollte. 

In der Delegiertenversammlung wurde 1891 sodann einstimmig 
der Beschluss gefasst: a) im Jahre 1894 '^^^ ^'^^'^^ kantonale Gewerbeaus- 
stellung zu veranstalten; h) als Aussteller sind zuzulassen ausser dem 
Handwerk, dem Gewerbe und den Kleinindustrieen auch solche Gross- 
industrieen, welche den vorgenannten Hülfsstofl^e und Hülfsmaschinen 
lietern; c^ tür Unfallverhütung und Samariterwesen soll eine eid- 
genössische Abteilung geschafi'en werden. Die Platzfrage blieb vorder- 
hand unentschieden. 

Der Gewerbeverein Zürich meldete sich zur Übernahme der Aus- 
stellung an und 1892 wurde von der Delegiertenversammlung der 
Beschluss getasst: Der kantonale Handwerks- und Gewerbeverein 
nimmt die Offerte des Gewerbevereins Zürich auf Übernahme der 
kantonalen Gewerbeausstellung mit eidgenössischen Abteilungen im 
Jahre 1894 an und gewärtigt Anhandnahme der ganzen Angelegen- 
heit durch denselben gemäss dem von der Delegiertenversammlung 
genehmigten Programme. 

Noch wird beschlossen: i. Ein allfälli^er Überschuss von der 
Ausstellung darf nur zu gewerblichen Zwecken verwendet werden. 
2. Der Entscheid hierüber steht der Zentralkommission zu; ist der 
Betrag entsprechend gross genug, so ist namentlich die Erstellung 
eines permanenten Ausstellungsgebäudes ins Auge zu fassen, even- 
tuell ein Fonds hiefür. 

Die Frage, ob eine kantonale Ausstellung überhaupt am Platze 
sei, wurde tolgendermassen beantwortet: «Dass der Handwerker und 
Kleingewerbetreibende auf einen kleinern Kreis als Abnehmer seiner 
Produkte angewiesen ist, als der Lidustrielle, bedarf wohl keiner 
weitern Begründung. Ebenso ist klar, dass er weniger im Falle ist, 
Reisen machen zu können, um sich anderwärts über die Leistungen 
und Fortschritte in seiner Branche zu erkundigen. Ist er einmal 
etabliert, so ist er meist an sein Geschäft gebunden. Eine Gewerbe- 
ausstellung wird für den strebsamen Handwerker nach beiden Rieh- 
tungen wohltätig wirken: Der Konsument lernt die Erzeugnisse und 
Leistungsföhigkeiten des Ausstellers kennen; der letztere kann Um- 



- 86 - 



r 



— 8' 



schau halten, was andere in seinem Berufe hieten, ob er auf der 
Höhe oder zurücks^eblieben ist. Die Ausstellunir soll ein Bild zeigen 
von der Leistun^stähiijkeit des Handwerkerstandes. Dieses Bild 
kennen zu lernen, liegt nicht nur im Interesse der Bevölkerung, 
sondern wir erachten es ebenso sehr als ein Bedürfnis für die Be- 
hörden, nach gewissen Zeitabschnitten Umschau zu halten, auf 
welcher Stufe unser Handwerkerstand steht, und ob die für gewerb- 
liches Bildungswesen verwendeten Summen Früchte bringen. Von 
diesem Gesichtspunkte aus halten wir eine kantonale Gewerbeaus- 
stellung tür durchaus berechtigt und nutzbringend.» 

«Wollte man uns entgegenhalten, dass seit der Landesausstellung 
von 1883 ein zu kurzer Zeitraum verflossen sei, so möchten wir 
erwidern, dass jene Ausstellung weitaus mehr den Industriellen zu- 
gänglich war. Soweit das Handwerk sich beteiligte, zeigte es sich, 
dass das Kleine neben dem Grossen verschwindend war. Nicht dass 
wir damit der damaligen Organisation auch nur den leisesten Vorwurf 
machen wollten, dies durchaus nicht; aber wir sagen: es ist einmal 
nicht möglich, bei einer grossen Landesausstellung auch den be- 
scheidenen Handwerker zu der ihm cjebührenden Geltun<3: kommen 
zu lassen. Es fehlen ihm auch vielfach die Mittel, um mit der dort 
nötigen Eleganz auszustellen. Wir erachten demnach den Zeitpunkt 
vom Jahre 1894 ^^^^' ^^'^^ kantonale Gewerbeausstellung weder zu 
rasch der 1883er Ausstellung folgend, noch vermögen wir in diesem 
Termine eine Beeinträchtigung der Genfer Landesausstellung zu er- 
blicken. Es ist nicht nur zu erwarten, sondern sogar zu verlangen, 
dass die kantonale GewerbeausstelluniJ in den Grenzen tunlicher 
Einfachheit gehalten werde, um namentlich auch die Aussteller 
möglichst billig halten zu können. » 

Die Ausstellung selbst war von einem guten Stern begleitet. 
Heute noch hört man in Handwerkerkreisen zu Stadt und Land, 
wie schön die 94er Gewerbeausstellung gewesen sei. 

Der zürcherische Gewerbestand hat damals auch die Probe 
glänzend bestanden und den Beweis erbracht, dass die vielen Opfer, 
welche Bund und Kanton , sowie auch einzelne Gemeinden sich 
auterlegten, um die allgemeine und berufliche Ausbildung unserer 



% ) 



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Handwerker durch gewerbliche Fortbildungsschulen, Lehrwerkstätten 
und Fachkurse zu heben, ihre Früchte getragen haben. Manches 
war an der kantonalen Gewerbeausstellung vertreten, das die Landes- 
ausstellung von 1883 noch nicht aufweisen konnte, und mancher 
Industriezweig zeigte, dass er seit jener Zeit eine sehr bedeutsame 
Entwicklung durchgemacht hatte, so z. B. die Fabrikation von Klein- 
motoren und die Herstellung von Möbeln. 1883 gab es bloss zwei 
Aussteller tür Kleinmotoren, 1894 deren 17. Die Erzeugnisse der 
Möbelindustrie bekundeten, dass dieses Gewerbe sich nicht bloss be- 
deutend ausgedehnt, sondern auch in Hinsicht auf den Geschmack 
grosse Fortschritte gemacht hatte. Die Gruppe «Dekorative Kunst» 
lieferte den Beweis, dass bei uns für die Ausschmückung der Gebäude 
im Innern sowohl als im Äussern mehr iretan wird als früher. Die 
Gewerbe dieser Abteilung, als Holz- und Steinbildhauerei, Glasmalerei, 
Gipsbildnerei, Kunstschlosserei sind in einem entschiedenen Auf- 
schwung begrifl^en, was am besten dartut, dass sich der Geschmack 
unserer Bevölkerung gehoben, gebessert hat. 

Ein überaus reiches Bild der verschiedenartigsten Betätigung 
unserer Frauenwelt bot die Gruppe Haus- und Frauenindustrie. 

Für die Beschickung der Ausstellung hatten sich rund 1900 Ge- 
werbetreibende angemeldet, die Zahl der wirklichen Aussteller betrug 
15 10. Es war dies tür ein so kleines Gebiet wie der Kanton Zürich 
und für eine Bevölkerung von zirka 340,000 Seelen eine unerwartet 
grosse Zahl, insbesondere wenn man bedenkt, dass die Grossindustrie 
von der Ausstellung ausgeschlossen war. 

Die Ausstelluns: übte eine ausserordentliche Anziehun£T:skraft. 
Während der vier Monate ihres Bestandes wurde sie von 611,941 Per- 
sonen besucht. Der Besuch steigerte -sich insbesondere gegen den 
Schluss hin. 

Um den- Ausstellern einen Absatz und der Ausstellung^ eine 
bescheidene, aber sichere Einnahme zu verschaffen, schlug das Zentral- 
komitee die Inszenierung einer Verlosung von Ausstelluno:sge£:enständen 
vor. Die Regierung hat dann aber unter Beibehaltung ihres Stand- 
punktes das erste und zweite Gesuch um Bewilligung der ^>rlosung 
abgewiesen. Glücklicherweise hob sich der Besuch der Ausstellung 



— 88 — 



- 89 



in den Monaten August, September und Oktober so sehr, dass statt 
eines drohenden grossen Deti/.ites sich ein ijan/ bedeutender Über- 
schuss erijab. 

Das günstige Rechnungsergebnis, ein Reinertrag von 89,000 1-r., 
rührt von verschiedenen l'aktoren her. Ks konnten einerseits auf 
den Bauten bedeutende lu'sparnisse erzielt werden, anderseits warfen 
die Posten Mintrittsi^clder und Wirtschattsbetricb viel h("-)here Krträo:e 
ab, als man büdgetiert liatte. 

Über die X'erwendunLi; des Reinertraijes waren früher schon 
Bestimmungen getroffen worden. Nach Abnahme der Ausstehungs- 
rechnung wurde nachstehende Urkunde für den Fonds zur Errichtung 
eines permanenten Ausstellungsgebäudes in Zürich aufgestellt: 

« Der Handwerks- und Gewerbeverein des Kantons Zürich hat 
seinerzeit die Abhaltung einer kantonalen Gewerbeausstellung im 
Jahre 1894 in Zürich angeregt und dann die Organisation und 
\'erwaltung dem Ausstellungsorte Zürich, repräsentiert durch den Ge- 
werbeverein Zürich, übertragen mit der bestimmten Weisung, dass 
ein alltälliger Reinertrag der Ausstellung zu gewerblichen Zwecken, 
in erster Linie zur Anlage eines Fonds für Fj'richtung eines per- 
manenten Ausstellungsgebäudes, zu verwenden sei. 

Auf \'eranlassung des Gewerbevereins Zürich wurden dann die 
Ausstellungsbehörden , an deren Spitze die grosse Ausstellungs- 
kommission, bestellt und dabei bestimmt, dass die Beschlusslassung 
über die Liquidation der Ausstellung und damit auch über die \'er- 
wendung des Reinertrages im Sinne der Übernahmsbedingungen der 
grossen Ausstellungskonmiission zustehe. 

Nach beendigter Liquidation der Ausstellung hat die grosse 
Ausstellungskommission beschlossen, es solle der verbleibende Rein- 
ertrag der Ausstelhme: dem Gewerbeverein Zürich zur \'erfü"un2: 
gestellt werden in dem Sinne, dass eine der ursprünglichen Zweck- 
bestimmung entsprechende Verwendung erfolge und zu diesem Behufe 
eine besondere Organisation getrofl'en werde. In Ausführung dieses 
Beschlusses errichtet der Gewerbeverein Zürich den Gewerbe-Aus- 
stelluniJs-Fonds mit nachstehenden Statuten : 



> 



1. Der Fonds hat den Zweck, den Grundstock für die Errichtung 
eines permanenten Ausstellungsgebäudes in Zürich zu bilden und es 
soll das \'ermögen so lange zinstragend angelegt bleiben und durch 
die Zinsen geäufnet werden, bis eine zweckentsprechende W-rwendung 
stattfinden kaim. 

¥Anc anderweitige \'erwendung des \'ermögens darf nur dann 
stattfmden, wenn der Gedanke der Fj-richtung eines permanenten 
Ausstellungsgebäudes sich aut die Dauer als unausführbar erweisen 
sollte. In diesem Ausnahmefalle dürfte immerhin nur \"erwertung zu 
kantonal -gewerblichen Zwecken beschlossen werden. 

2. Die \'erwaltungsorgane sind: ^7) der Gewerbeverein Zürich; 
/') die \'erwaltungskommission als unmittelbares \'erwaltungsorgan. 

Sollte im \'erlaufe der Zeit der Gewerbeverein Zürich aus irgend 
einem Grunde zu bestehen aut hören und nicht eine andere s^ewerb- 
liehe W'rbindunL» von ihm als Rechtsnachtolgerin eingesetzt werden 
können, so hätte der Stadtrat von Zürich die Funktion des Gewerbe- 
vereins Zürich zu übernehmen und für statutengemässe ^>rwendung 
zu sorgen. 

3. Es wird alle drei Jahre eine ^^erwaltungskommission von 
iuni' Mitgliedern gewählt und zwar drei Mitglieder vom Gewerbe- 
verein Zürich, eines vom Stadtrat und eines von dem A^orstand des 
kantonalen Gewerbevereins (so lange letzterer besteht). 

4. Die W^rwaltungskommission wählt aus ihrer Mitte einen 
Präsidenten, Vizepräsidenten, Aktuar und Quästor. 

5. Der Verwaltungskommission kommt die Verwaltung des 
Fonds zu. Sie stellt alljährlich dem Gewerbeverein Zürich Rechnung, 
welche zu veröffentlichen ist. » 

Es sei an dieser Stelle auch noch der Männer gedacht, die sich 
um das Zustandekommen und die gute Ausführung der Ausstellung 
bleibendes \>rdienst erworben haben. Sie haben sich grosse Mühe 
und Opfer auferlegt, um das Werk zum Gelingen zu bringen und 
damit die Interessen des zürcherischen Gewerbestandes zu fördern. 
\'or allem seien genannt der Präsident des Zentralkomitees, Herr 
Ingenieur Max Lincke, und der Direktor Herr Boos-Jegher. 

Anlässlich der Vorbereitungen für die Laiidesansstellinig in Genf 



— 90 — 

auf das [ahr 1896 ersuchte der \'oi"stand des kantcMialen Handwerks- 
und Gewerbevereins im Sommer 1895 den hohen Regierungsrat, 
er möchte für das Jahr 1896 eine ansehnHche Summe ins Budget 
aufnehmen zur Unterstützung von Handwerkern und Cjcwerbe- 
treibenden, welche die schweizerische Landesausstellung in Gent zu 
besuchen wünschen und sich zur Berichterstattung darüber verpflichten. 
Auf Antrag des Regierungsrates beschloss der Kantonsrat, tür den 
genannten Zweck eine Summe von 4000 It. auszusetzen. In der 
Zuschrift des Regierungsrates, durch welche dieser Beschluss dem 
\\-)rstande mitgeteilt wurde, ist ausdrücklich bemerkt, dass bei der 
Auswahl der Stipendien nicht bloss Meister, sondern auch Arbeiter 
zu berücksichtii^en seien. Die Wahl der zu unterstützenden Personen 
wurde dem X'orstand des kantonalen Handwerks- und Gewerbevereins 
überlassen und ihm der Auttrag erteilt, ein Reglement auszuarbeiten, 
durch welches die Grundsätze und Bedin^uni^en, nach denen die 
Stipendien erteilt werden sollen, testgestellt würden. 

Auf Grund eigener Hrtahrung und gestützt auf die Berichte 
kompetenter Fachleute kam der Vorstand zu der Ansicht, es sollte 
nicht der ganze Betrag von 4000 l"r. tür den Besuch der Landes- 
ausstellung in Gent verwendet werden; denn dieselbe biete, nament- 
lich tür eine Anzahl von Kleinirewerbetreibenden, ven^lichen mit der 
kantonalen Gewerbeausstellung von 1894 in Zürich, nicht so viel 
Neues, dass es sich rechtfertige, eine allzu grosse Zahl von Dele- 
gierten nach Gent zu senden. Man tand, dass es für unsern Ge- 
werbestand von ebenso grossem, ja vielleicht grösserem Werte sei, 
Kenntnis von den Leistungen des Auslandes zu nehmen, da ja die- 
jenigen des Lilandes eher als bekannt vorausgesetzt werden dürtten. 
Aut ein einschlägiges Gesuch hin bewilligte denn auch der Regie- 
rungsrat, dass ein Betrag von i2üo bis 1500 l-r. ausgesciiieden 
werden dürte tür den Besuch auswärtiiJer Ausstellungen. Als 
solche, die hauptsächlich eines Besuches würdig seien, wurden be- 
zeichnet diejenigen von Berlin, Nürnberg (bavrische Landesausstellung), 
Stuttgart und die Millenniumsausstellung in Budapest. Gestützt auf 
diese Erwägungen und den Beschluss des hohen Regierungsrates be- 
schloss der Vorstand am 16. August 1896, zirka 25 Handwerker mit 



r 



V 



— 91 — 

je einem Stipendium von 80 Fr. nach Genf und etwa 6 — 7 mit 
Stipendien von 200 — 250 FV. an die oben genannten auswärtigen 
Ausstellungen abzuordnen. 

Für die Berichterstattung gab man den Besuchern ein Fragen- 
schema mit, ähnlich demjenigen, das man den Delegierten für die 
Pariser Weltausstellung 1889 gegeben hatte. 

Bei der Auswahl der Delegierten berücksichtigte man Meister 
und Arbeiter gleichmässig, indem man aus jedem Stande genau 18, 
die Haltte, auszog. Auch die verschiedenen Landesgegenden fanden 
ihre X'ertretung : 14 Delegierte waren von Zürich, 4 von Winter- 
thur und die übrigen 18 von der Landschat't. 

Zur Beschickung der auswärtigen Ausstellungen veranstaltete 
man keine ()t^entliche Ausschreibung, um nicht eine allzu grosse 
Zahl von Bewerbern abweisen zu müssen. 

Der A'orstand entschloss sich, an die Ausstellung in Nürnberg 
und Berlin, eventuell auch Stuttgart, je einen Kunstschlosser, einen 
Möbelschreiner und einen Tapezierer (d. h. Dekorateur) abzuordnen, 
mit dem Auttrage, dass jeder wenn immer möglich zwei oder alle 
drei dieser Ausstellungen zu besuchen habe. Nach Budapest wurde 
ein Mechaniker und ein Schlosser geschickt. Frsterer hatte die Auf- 
gabe, die landwirtschattlichen Maschinen und Feuerwehrgerätschaften 
zu studieren. Endlich wurde noch ein Delegierter an die drei erst- 
genannten Ausstellungen abgeordnet, mit der Aufgabe, das Aus- 
stellungswesen im allgemeinen und das gewerbliche Bildungswesen im 
speziellen, wie es sich in den betretenden Ausstellungen, sowie in 
den Gewerbemuseen jener Städte präsentierte, zu studieren. 

Die Fachberichte über die Landesausstellung, sowie über Aus- 
stellungen in Berlin, Nürnberg, Stuttgart und Budapest im Jahre 1896 
wurden vom kantonalen Gewerbeverein im Drucke herausgegeben. 
Vertasser der Schritt ist Herr Sekundarlehrer Gustav Weber in 
Zürich y. 

Aus den vom Redaktor beigefügten trefflichen Vorschlägen zur 
Hebung unseres Handwerkes und Kleingewerbes sei folgendes heraus- 
gehoben: 

Die berufliche Ausbildung der Handwerker muss eine bessere 



~ c,2 ~ 

xvcrdcn, wenn wir den schweren Konkiirren/kanipf mit dem bevor 
zLigten Alislande aushalten wollen; der Staat sollte deshalb in erster 
Linie dem Lehrlingswesen seine volle Aufmerksamkeit schenken. Die 
Lehrlingsprütungen müs,sen obligatorisch werden und für eine bessere 
Herufslehre sollte der Staat Beiträge verabreichen. Als l^rgänzung 
der Werkstattlehre sollten Lachschulen dienen, welche die ausgelernten 
Lehrlinge, die in ihrem Berufe eine höhere als die gewöhnliche 
Ausbildung suchen, aufnehmen und sie mit Spezialitäten\md feinern 
Arbeiten vertraut machen, die sie in den Werkstätten niclit erlernen 
konnten oder deren Ausführung man ihnen noch nicht anvertraute. 
Als Grundlage einer bessern beruflichen Ausbildung muss aber 
dem Handwerker auch eine bessere allgemeine Bildung zu teil werden, 
und diese darf nicht etwa abgeschlossen sein, wenn die Berufslehre 
beginnt, sondern sie muss Hand in Hand mit der letztern sich er- 
weitern und vertiefen. Das kann dadurch erreicht werden, dass man 
den Besuch der bortbildungsschule obligatorisch macht. Die lort- 
bildungsschule muss so organisiert werden, dass sie sich möglichst 
eng an die Bedürfnisse des beruflichen Lebens anschliesst. 

Für die weitere beruHiche Ausbildung der Meister sollte auch mehr 
geschehen. So könnten die Gewerbemuseen praktischer ausgestaltet 
werden, dass sie den Bedürfnissen der Gegenwart besser dienen, als 
dies heute der Fall ist. Auch sollte der Staat je nach vorhandenem 
Bedürfnis für die verschiedenen Ik'rufsarten lachkurse in der Dauer 
von mehreren Wochen veranstalten. 

Als FLuiptmittel, den Geschmack des Handwerkers zu bilden 
und ihn mit i\cn Neuerungen in seinem Berufe rasch und leicht be- 
kannt zu machen, wird der Besuch von Ausstellungen, namentlich 
von auswärtigen, sowie die AV^ranstaltung von Ausstellungen empfohlen. 
Ein grosser Vorteil k\v unser Kleingewerbe wäre die Schaffung 
billiger Betriebskraft. Die verfügbaren Kräfte sind heute noch {Z 
den Kleinbetrieb viel zu teuer. 

Ln Jahre 1900 fand die Pariser IVeltaiisstelliimr statt. Nachdem 
der kantonale Gewerbeverein an den hohen Regierungsrat eine Ein- 
gabe mit deiu Gesuch uiu \'erabreichung einer bezüglichen Subvention 
gemacht hatte, reichte auch die Arbeitskammer Zürich ein solches 



\ 



\ 



— 93 - 

Gesuch zur Unterstützung speziell von Arbeitern ein. Der Regie- 
rungsrat äusserte hierauf den \\\insch, dass beide Korporationen in 
dieser Anireleirenheit i^emeinsam vorgehen sollten. So war der kan- 
tona c \'orstand gezwungen, gemeinsam mit der Arbeitskammer ein 
neues Subventionsgesuch einzureichen. 

Es ist hier einzuschalten, dass schon 1889 eine schöne Zahl Ar- 
beiter mit Reisestipendien nach Paris bedacht wurden und an der 
schweizerischen Landesausstellung in Genf gerade so viele Arbeiter 
wie Meister subventioniert wurden, also früher schon die Arbeiterschaft 
in richtigem X'erhältnis berücksichtigt wurde; der kantonale Gewerbe- 
verein hat durchaus nicht einseitig die Literessen der Meister verfolgt. 

Naciidem ein bezügliches Reglement die Genehmigung der Direk- 
tion für X^olkswirtschaft gefunden hatte, wurde vom Kantonsrat den 
beiden Korporationen gemeinsam ein Kredit von 8000 Fr. bewilligt. 
\'orher noch musste der Vorstand sich verpflichten, aus der Vereins- 
kasse einen Zuschuss von 1000 Fr. zu leisten und die Kosten für 
Drucksachen etc., sowie alle Arbeiten zu übernehmen und ferner dafür 
besorgt zu sein, 3000 Fr. freiwillige Beiträge aufzutreiben, was wahrlich 
keine leichte Aufgabe war. 

Merkwürdigerweise haben sich dann weniger Meister angemeldet 
als früher, so dass bei der Auswahl der Delegierten durch eine 
Kommission, in der unser \'orstand und der Vorstand der Arbeits- 
kammer Zürich gleichmässig vertreten waren, die Arbeiter eine kleine 
Mehrheit hatten. 

Auch diesmal hatte der Vorstand die Absicht gehabt, aus den 
eingegangenen Berichten der Delegierten einen Gesamtbericht über 
die Ausstellung ausarbeiten und den Sektionen zustellen zu lassen. 
Der Vorstand des schweizerischen Gewerbevereins hat den kantonalen 
\'orstand dann aber durch die zürcherische Regierung zu veranlassen 
gewusst, von der Ausführung eines solchen Berichtes Umgang zu 
nehmen und ihm die Originalberichte der zürcherischen Delegierten zu 
übermitteln zum Zwecke der \'erai'beitung zu einem Gesamtberichte 
aller schweizerischen Delegierten. 

Über das crewerbliche Bildungswesen an der Weltausstellung in 
Paris liess die Zentralschulpf^ege Zürich durch unsern Herrn Gustav 



94 - 



— 95 



Weber, Sekiindarlehrer in Zürich \^, einen Bericht ausarbeiten, der 
dann auch in. die Hände der meisten Mitgheder des kantonalen Ge- 
werbevereins gelangte und es seiner trefflichen Ratschläge wegen 
verdient, hier besonders genannt zu werden. In den Schlussbetrach- 
tungen und Nutzanwendungen begründet der \'ertasser die I-orde- 
rungen, die der Gewerbestand des Kantons Zürich in bezuu auf das 
berufliche Bildungswesen stellen muss und kommt dabei zu nach- 
stehenden Vorschlägen : 

A. Zu banden der kantonalen Behörden: 

1. Der Besuch der gewerblichen Fortbildungsschule wird für alle 
Lehrlinge in Wandwerk, Gewerbe und Industrie für die Dauer ihrer 
Lehrzeit obligatorisch erklärt. 

2. In den grössern, gewerbreichen Ortschaften werden orewerb- 
liehe Fortbildungsschulen geschaffen oder weiter ausgebaut durch : 
^7) Schaffung eines drei Schuljahre umfassenden Unterrichtsplanes mit 
mindestens sechs wöchentlichen Unterrichtsstunden ; b) Einführung 
von Fachunterricht sowohl in der Theorie als Praxis zur Eroänzune: 
der Lehre beim Meister; r) Schätzung geeigneter Lehrmittel, soweit 
solche nicht anderweitig vorhanden sind; J) Heranbildung eines ge- 
eigneten Unterrichtspersonals. 

3. Errichtung einer weitern Lehrwerkstätte für Fein- und Gross- 
mechanik und Elektrotechnik in Zürich, sowie von Lehrwerkstätten 
für weibliche Berufsarten. 

Es soll versucht werden, ob nicht Private unter staatlicher Auf- 
sicht mit Staats- oder Gemeindeunterstützung auf ihre Rechnung 
Lehrwerkstätten errichten würden. 

4. Der Besuch der Lehrwerkstätten soll durch namhafte Stipendien 
oder eine angemessene Lohnzahlung erleichtert w erden, damit er auch 
Unbemittelten ermöglicht wird. 

5. Abhaltung von Ergänzungs- oder \'ervollkommnungskursen 
für Meister und einheimische Arbeiter. 

6. Umgestaltung der Gewerbemuseen in dem Sinn, dass sie mehr 
als bisher zu Mustersammlungen moderner Erzeugnisse werden, die 
allen, niciit bloss den kiinstgewerbcn dienen, i'rweiterung derselben 
durch \'ersuchswerkstätten. 



\ 4 



I 



^ ■m\' 



B. Für die städtischen Behörden: 

1. Die Gewerbeschule soll erweitert werden durch Anfügung von 
praktischen Kursen. 

2. Für die Ausbildung von Maurern, Steinhauern und Zimmer- 
leuten ist ein Abkommen mit Baumeistern, die für die Stadt (und 
den Staat) Arbeiten ausführen, zu treffen. 

3. Die Lehrwerkstätte für Möbelschreiner ist zu erweitern zu 
einer Lehrwerkstätte für die gesamte Möbelfabrikation. 

4. An der Kunstgewerbeschule sollen, soweit dies die berufliche 
Ausbildung der Schüler erheischt, ebenfalls praktische Arbeiten aus- 
geführt werden, z. B. durch Anfüo;un£,^ von Kursen für Kunstschlosser 
und für weibliche Kunstarbeiten. 

5. Es ist in\^erbindung mit den hiesigen Vertretern der graphischen 
Gewerbe und Künste die Frage zu prüfen, ob der Kunstgewerbeschule 
nicht eine Fachschule für diese Berufsarten anzufügen sei. 

Vom schweizerischen Gewerbeverein werden den einzelnen Sek- 
tionen alle jähre Fragen zur Beantwortung überwiesen. Eine der 
•wichtigsten, aber zur Zeit noch ungelöste ist die der beruflichen Ge- 
nossenschaf teil. Herr Scheidegger in Bern hatte eine Reihe von be- 
züglichen Postulaten aufgesteUt. Im ganzen nahm der kantonale 
Vorstand dazu eher eine ablehnende Haltung ein. Es herrschte die 
Befürchtung, dass, wenn der Entwurf Scheideggers Gesetzeskraft er- 
hielte, eine endlose Reglementiererei für die Gewerbetreibenden die 
Folge wäre, wodurch Handwerk und Gewerbe mehr geschädigt werden 
könnten, als sie durch die Organisation der Berufsgenossenschaften 
gewinnen würden. Ln fernem war man der Ansicht, dass ein Recht 
der Preisnotieruniien durch die Genossenschaften in einem solchen 
Gesetz nicht enthalten sein sollte, weil dadurch zum voraus ein nicht 
ganz unberechtigtes Misstrauen aller Xichtgewerbetreibenden gegen 
das Gesetz wache;erufen würde. 

Um aber nicht den Schein der Einseitigkeit und Voreingenommen- 
heit auf sich zu laden, beschloss der Vorstand, dieses Traktandum 
der ordentlichen Delegiertenversammlung zu unterbreiten und auch 
Referenten beizuziehen, welche die Einführung von Berufsgenossen- 
schaften befürworten. In der Delegiertenversammlung in Winterthur 



/ 



- 96 - 

1896 referierten die Herren Paul Wild (von C^rell Füssli c\: Cie.), 
Ingenieur M. I.iucke und Scheidegger von Bern über dieses Thema' 
Die Thesen des Herrn Wild lauteten: i. Die Bildung obligatorischer 
Berutsgenossenschaften nnt geringster Jiinschränkung der Selbständig- 
keit der Berufsleute dient zur Hebung des Handwerks. 2. Der Aus- 
schluss solcher Ik'fugnisse der obligatorischen Berutsgenossenschaften, 
welche die Tendenz haben, die Preise für das Publikum /u erhöhen' 
ist gerechtfertigt. 3. Die Gleichberechtigung der Meister und Arbeiter 
als Bürger der Berufsgenossenschaften und die Zusammensetzung der 
Berutsbehörden aus gleich viel Meistern und Arbeitern fc^rdeit das 
gute liinvernehmen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. 

Herr [Jucke, welcher schon früher im \ orstand über diesen 
Gegenstand gesprochen hatte, glaubte, dass die Zeit für eine eid- 
genössische Regelung dieser Präge noch nicht gekommen sei. Man 
sollte zuerst auf dem Gebiete des Kantons einen \'ersuch mit den 
Berufsgenossenschaften machen. Autgaben derselben sollen sein : 
Förderung der Berufsbildung; Beautsichtigung und \'erbesserung des 
Lehrlingswesens; Altersversicherung für Arbeiter und Meister ^^ Hr- 
probung von neuen Rohstotfen, Maschinen; Prrichtung von ^Vrkauts- 
hallen; Bildung von \'erkaufsgenossenschaften; Hrlass von Bestim- 
mungen gegen den unlautern Wettbewerb. 

Herr Scheidegger sagte, das Obligatorium der Berufsgenossen- 
schaften sei notwendig zur Regulierung der Arbeitslöhne und der 
Arbeitszeit. Die Bestimmungen über das Recht der Preisfixierung 
von Fabrikaten sei das Wichtigste in einem Gesetz über obligatorische 
Berutsgenossenschaften, denn nur durch sie würde es möglich, der 
Verschleuderung der Waren zu Schundpreisen, der unlaurern Kon- 
kurrenz ein ]{nde zu bereiten. Ohne solche Bestimmungen sei ein 
Gesetz zur Unterdrückung des unlautern Wettbewerbes unmöglich, 
lu- hielt an seinem Projekt fest. Xach der hmgen und sehr eifrig 
geführten Diskussion wurde, auf AiUrag von Herrn Buchdrucke"^- 
Binkert, mit grosser Mehrheit folgender Beschluss getlisst: 

«De! Handwerks- und Gewerbeverein des Kantons Zürich unter- 
stützt prinzipiell die Bestrebungen zur Organisation von Berufs- 
genossenschaften auf eidgenössischem Boden durch Revision der 



(1^ 



I 



— 97 - 

bezüglichen Bestimmungen in der Bundesverfassung; er behält sich 
seine Stellungnahme in Detailli'agen vor.» 

Dem Vorstand wurde der Auftrag erteilt, die Frage weiter zu 
prüten. 

Seit der Zeit dieser Anregungen hat das gewerbliche Genossen- 
schaftswesen es in der Schweiz zu keiner Bedeutung gebracht. Roh- 
stoffgenossenschaften sind wohl an einigen Orten gegründet worden, 
aber wieder eingegangen. Auch in freierer Form hat sich im Schuh- 
macherhandwerk der gemeinsame Bezug von Rohstoffen nicht durch- 
tühren lassen. Wechselseitige Missgunst der Genossen liess es zu 
keinem einmütigen Vorgehen kommen, und es stellte sich soear 
heraus, dass, wer bar zahlen kann, ebenso billig kauft, wie die Ge- 
nossenschaft liefern konnte. Ebenso geringen Erfolg hat die Grün- 
dung von Werkgenossenschaften gehabt; auch sie sind nach wenigen 
Jahren wieder eingegangen. Für die Schreiner sind sie besonders 
dadurch entbehrlich geworden, dass die Holzhandlungen das Holz 
aut Wunsch vorschneiden, so dass die Schreiner das Sieschnittene 
Holz direkt vom Händler beziehen können. 

Auch die Kreditgenossenschaften haben es zu keiner besondern 
Bedeutung gebracht, da ihre Aufgaben von den kantonalen Kredit- 
banken meist in befriedigender Weise i^elöst werden. — Eine üe- 
nossenschaftliche A'erkaufshalle besteht in Winterthur. 

Fl der Stadt Zürich wurde seit 1901 die Bildung einer Kredit- 
genossenschat't angestrebt «zum Schutze des allgemeinen und des 
Kredites ihrer Mitglieder gegenüber den Banken und andern Kre- 
ditoren, sowie zum Zwecke der Beschaffung von Darlehen». Ver- 
schiedene Schwierigkeiten stellten sich den Vorarbeiten entc^e^en. 
Nach mehrmaligem Umarbeiten der Statuten wurde das Fistitut unterm 
II. September 1903 definitiv gegründet und ins Handelsregister ein- 
getragen. Seither sind eine Anzahl Geschäfte in bescheidenem Um- 
tange abgeschlossen worden. 

Die Organe dieser Genossenschaft sind den Darlehenssuchern mit 
Rat und Tat behülfiich ; manches Gesuch wurde früher abtrewiesen, 
nur weil der Entlehner dasselbe ungenügend klar oder unbehülfiich 
dargelegt hatte. In Fallen, wo die Unterpfänder eine ungenügende 



- 9^^ - 

Deckung bieten, die zu placieren gesuchte Ihpothek indessen etwas 
h()her geht als die bankniässige Belehnung, leistet die Genossenschaft 
eventuell auch Bürgschaft für den betreffenden Titel. Aber auch 
ohne solche Bürgschaft werden viele Gelder vermittelt. 

Die Zolltariffrüi^e beschäftigte den W-rein oft und stark. Nachdem 
anfangs der neunziger jähre die Schweiz mit andern Nachbarstaaten 
Handelsverträge abgeschlossen hatte, wurde auch mit hrankreich 
hierüber in Beziehung getreten. Nach langen und zähen Unterhand- 
lungen brachten die Bevollmächtigten beider Staaten eine Vereinbarung 
zu Stande, welche die Grundlage zu einem definitiven Handelsvertrage 
bilden sollte. Die Übereinkunft war für unser Land durchaus nicht 
günstig; unsere Unterhändler konnten jedoch von den schutzzöU- 
nerische'n Franzosen keine weitern Zugeständnisse erreichen. Die 
Bundesbehörden nahmen diese Vereinbarung an ; sie waren sich wohl 
bewusst, dass dieselbe berechtigten W^ünschen unserer Bevölkerung 
bei weitem nicht überall entspreche, aber man wollte in Bern heber 
die Anbahnung zu einem \'ertrage als einen vertragslosen Zustand; 
man wollte die bisher bestandene Freundschaft zwischen beiden 
Staaten nicht aufgeben, so teuer auch der Preis hiefür war. In der 
französischen Kammer wurden jedoch die Schutzzöllner Meister; das 
Handelsübereinkommen mit der Schweiz wurde verworfen, worauf 
unsere Behörden sofort die Anwendung unseres Maximaltarifes auf 
französischen Waren vom i. Januar 1893 ^^^^ publizierten. Die l-r- 
bitterung der schweizerischen Bevölkerung gegenüber den Franzosen 
war mancherorts gross und rief verschiedenen ^'ereinigungen für Fern- 
haltung französischer Produkte. 

Im ]ahre 1895 beendigte dann den eigentlichen Zollkrieg ein 
jederzeit kündbares Abkommen. Unser kantonaler \'orstand spricht 
sich darüber nicht befriedigt aus. Wohl seien die Gründe, welche 
den Bundesrat zum Abschluss des Übereinkommens mit Frankreich 
bewogen haben, zu verstehen und auch zu billigen, obwohl sie mehr 
Staats- als handelspolitischer Natur zu sein scheinen; die Verein- 
barung befriedige die berechtigten Wünsche des Handwerker- und Ge- 
werbe'^tandes durchaus nicht, ja seine Interessen werden sogar vielfach 
verletzt, indem gerade unter dem vorigen vertragslosen Zustand eine 




\ 



I 



_ 99 — 

grössere 7.M kleiner, zum Teil neuer Industrien einen erfreulichen Auf- 
sciuvune genommen haben. Auch sei zu bedauern, dass bei Einholung 
<ler Gutachten der Bundesrat etwas einseitig vorgegangen sei und nur 
weni^^e interessierte Kreise einvernommen habe. Es wird der Wunsch 
iiusgesprochen , dass bei einem zukünftigen ^>rtragsabschlusse den 
Forderungen des Handwerks und Kleingewerbes durch bessern ZoU- 
.schutz mehr Rechnung getragen werde. 

Schon 1899 beschäftigte sich der kantonale Gewerbeverein mit 
<ler neuen Zolltariffrage, die erst 1903 zur Erledigung kommen sollte. 
Mit Ausnahme weniger Abschnitte wurde der zur Zeit bestehende 
Generaltarif durchberaten und wo es immer tunlich schien, neue 
Vorschläge, bald für Erhöhung des Eingangszolles, bald für Ernied- 
rigung desselben oremacht, von dem Grundsatz geleitet, die einheimische 
Industrie wo immer möglich zu schützen vor der Konkurrenz des 
Auslandes. 

Nachdem der Zolltarif 1902 von tkn Behörden nach langer, 
mühevoller Arbeit fertig beraten war, wurde das Referendum verlangt. 
Der Gewerbeverein beschloss, für den Tarif einzustehen und die 
Sektionen vor der Unterzeichnung der Unterschriftenbogen zu warnen, 
obschon man mit verschiedenen Ansätzen nicht einverstanden war. 
Man sagte sich, dass eine Verwerfung nichts Besseres brächte und 
uns in den Unterhandlungen mit dem Auslande schwächen würde. 
An einem zur Besprechung des Tarifes besonders angeordneten Ge- 
werbetag empfahlen die Referenten, die Herren Ständerat Dr. Usteri 
und Sekretär Boos-Jegher, die Annahme, und es wurde nachstehende 
Resolution gefasst: «Der Bevölkerung ist die Annahme des Zolltarifes 
entschieden zu empfehlen. Hiebei wird die Überzeugung ausgesprochen, 
dass die zum Teil beträchtlichen Kampfzölle auf Lebensmitteln, Roh- 
und Hülfsstoffen durch die Handelsverträge entsprechende Reduk- 
tionen erfahren werden.» 

Nach langen und schwierigen Verhandlungen wurde im Juni 
laufenden ]ahres der Handelsvertrag mit Italien abgeschlossen. Dessen 
Inhalt bleibt jedoch vorläufig noch Geheimnis mit Rücksicht auf die 
mit andern Staaten schwebenden Unterhandlungen bezüglich noch ab- 
y^uschliessender \\'rträge. Der Vertrag wird erst mit dem i. Juli 1905 



— 100 — 

in Kraft treten. Mit Deutschland werden die schwebenden \'erhand- 
lunijen bald wieder aufi^enommen werden. Bei Italien kamen 
hauptsächlich die Interessen unserer Landwirtschaft und Textilindustrie 
in Betracht; bei Deutschland wird für Handwerk, Gewerbe und 
Klein Industrie auf die übergrosse deutsche Konkurrenz Betracht ge- 
nommen werden müssen. 

Mit der Frage der Kranken- und UnfaUvcrsichenin^ beschäftigte 
sich der X'erein natürlich sehr ott, besonders mit der Unfallversicherung; 
die drückte manchen Gewerbetreibenden, seitdem das Haftptlichtgesetz 
erweitert worden war. Im Jahre 1890 wurde vom Schweizervolk 
ein Bundesbeschluss angenommen betreffend Hinführung der Kranken- 
und Unfallversicherung. An die interessierten Kreise gelangten 
sodann zum Zwecke der Gewinnung von Material Iragebogen 
und unser \'erein beantwortete sie jeweilig nach einlässlichen, gründ- 
lichen Beratungen. Als das umfangreiche Gesetz 1899 fertig gestellt 
war, wurde das Referendum verlangt. So fand auch der Vorstand 
für notwendig, zu diesem hochwichtigen Gesetze Stellung zu nehmen. 
Es wurde eine allgemeine WM'sammlun£r der Gewerbetreibenden und 
Handwerker des Kantons nach Zürich einberuten, um ihnen über 
das Gesetz Autschluss zu geben und es zur Annahme zu empfehlen. 
Die Sektionen waren durch Zirkular und Inserat zu reger Teilnahme 
aut'getbrdert und ihnen die Broschüre des schweizerischen Gewerbe- 
sekretariates, welche die Annahme des Gesetzes zum Xutzen des 
Hand wci^kerstandes empfahl, in zahlreichen Exemplaren zum Studium 
zugesandt worden. 

Das vSchicksal des Gesetzes ist bekannt, es fiel im folgenden 
Jahre bei der \'olksabstimniung mit grossem Mehr. 

[u den Generalversammlungen, Delegiertenversammlungen und 
an ( jcwerbetai^en wurden viele rorlräi^e über gewerbliche und ver- 
wandte 1 ra^^cn L-ehalten. Aber nicht nur in lic werblichen Kreisen 
kümmerte man sich um gewerbliche Interessen; es huideri sieh .uuh 
ausserhalb des Gewerbestandes immer Männer, die sicli desselben 
warm aniuihnien und ihm durch rege Teilnahme ihre Sympaihie 
bezeugten. Solche Männer fanden sich in allen Ständen, besonders 
im Handelsstande, unter den Beamten, I. einem, vom Prt)lessor des 



— lOI — 



i) 



fl) 



t 



Polytechnikums und der Hochschule bis zu den einfachen \'olksschul- 
lehrern hinunter. So wurde auch in der kantonalen gemeinnützigen 
Gesellschatt und in der Lehrersynode manche Frage besprochen, die 
in erster Linie das Gewerbe betraf. Wir haben im Anhan£> ein 
Verzeichnis der wichtigsten Referate und \'orträc:e ano:ele"t. Es 
geschah dies nicht nur um zu zeigen, wie die Tätigkeit auch in 
jener Beziehung eine reiche war, sondern um damit auch die grossen 
und verdienstlichen Arbeiten der Referenten £!:ebührend zu ehren. 

h) Innere Vereinsangelegenheiten. 

Die Statuten des Vereins wurden natürlich in den fünfzig Jahren 
einigemale abgeändert. Revisionen wurden vorgenommen in den Jahren 
1859, 1875 und 1887. Neudruck war zudem nötig 1893 ^^"''^ 1899.*) 

Der Zweck des Vereins ist der orleiche geblieben : Förderuno[ 
der Interessen des Handwerks- und Gewerbestandes. 

Die Oriyanisation hat sich in der Hinsicht geändert, dass der 
kantonale \'erein in Wirklichkeit keine Einzelmitglieder mehr kennt, 
sondern aus ^tn Mitgliedern der kantonalen Sektionen besteht. Die 
Vorsteherschaft bestand ursprünglich aus 7 Mitgliedern, 1875 wurde der 
Bestand auf 1 1 und 1887 auf 15 erweitert; die letzte Erhöhung wurde 
in der Absicht vorgenommen, jedem Bezirke mindestens einen \'er- 
treter im Vorstande geben zu können. 1875 -'^P^ich die Delegierten- 
versammlung den \'orstandsmitgliedern eine Reiseentschädigung zu. 

Ursprünglich kannte der \'erein nur Generalversammlungen sämt- 
licher \'ereinsmitglieder, 1875 ^vurde noch die Abgeordnetenver- 
sammlung eingeführt. Bis 1887 bestand also neben der General- 
versammlung, die jährlich mindestens einmal einzuberufen war, eine 
Abgeordnetenversammlung (Delegiertenversammlung), die auch ein- 
mal jährlich tagen sollte. In den letzten Statuten vom Jahre 1887 
wird, die Generalversammluni> nicht mehr i^^enannt. Wenn der \ox- 
stand es für nötig erachtete, riet er sämtliche Mitglieder zu einem 
soo:enannten Gewerbetag zusammen. ÜbriiJens hat jedes Mit£!:lied das 
Recht, auch den Delegiertenversammlungen mit beratender Stimme bei- 
zuwohnen. 



'') Die Statuten sind im Anhang abgedruckt. 



I02 — 



— 103 



Der Jdhresbeilrijor der xMitglicder war 1854—58 nur 30 Kappen; 
er stieg dann plötzlich auf 3 Fr., weil jedes Mitglied zugleich Abonnent 
des neu o-eijründeten «Gewerbeblattes», des \'ereinsorganes war ; von 
1861 an betrug der Jahresbeitrag i 1 r. für die Mitglieder, die auf 
das ((Gewerbeblatt» verzichteten; von 1872 an bis heute bezahlt jedes 
Mitglied laut Statuten 50 Rappen. 

Erster Präsident von 1854— 1856 war Gemeindeschreiber Leut- 
hold von Borgen ; auf ihn folgte Kreisgerichtspräsident Götschi von 
Horgen, 1856 — 1857; dann übernahm l^uchdruckcr Arnold Rüegg 
von Wädenswil, der seit 1856 Aktuar gewesen, die Leitung des 
Vereins und besorgte sie bis 1882, also volle 25 Jahre lang; auf 
ihn folgte 1882 — 1885 Friedrich Autenheimer, Professor am Tech- 
nikum in Winterthur; von 1885 — 1901, also während 16 Jahren, 
präsidierte Herr Ingenieur Berchtold in Talwil den \ erein und 
brachte ihn zu reger Tätigkeit, und seit dessen Rücktritt besorgt Herr 
Sekundarlehrer \\'eber in Zürich \\ bekannt durch seine Schriften 
auf gewerblichem Gebiete, die Leitung des kantonalen Gewerbe- 
vereins. 

D'e \'orstandsmiti2licdei\ die länger als 10 ]ahre sich dem Wrcine 
gewidmet, verdienen besonders genannt zu werden, es sind dies: 
Küc^l;, Buchdrucker in W'adeiisw il, 1S53 iS8.|. 2^ Jahre lang 
Präsident; (iimperi, Mecluiniker in Kiisnacht, 1861—7), langjähriger 
Aktuar; Ilartmann, Schuhmacher in L'ster, 1869-88, 19 |ahre lang 
Quästor; l>rupaclier, Zimniermeisur in Meilen, 1S09 79, langjähriger 
Aktuar; Güller, C/raveur un.d C^ericluspräsident in Iliittikon. 1 87 1 — 
1880, langjähriger \'i/e}>i'äsident ; Xiedeniiaiin -\ (igel, alt Glaser- 
nieister in /üri^-h, 1879 — 1890, langjährii-er \'i/epräsideni ; l\iu\ 
SchmiedineiMer in lllnau, 1882- 1897, h'-hrenniit^lied seit 1S97; 
Berchtold, Ingenieur in Talwil, i S8 | bis heute, 16 |a!ire Piäsideiit, 
lüirenmitijlied seit 1901 und heute noch aktives \'oi-standsmitL:lied ; 
1 laMüt/.el, Sattlenneistei- in Zürich, 188 } iS>;8, 10 jalire lang (^uästor, 
|-!hrennntglied seit 1898; Bi'ändli, Mechaniker in L'ster, 1888- 190^, 
h^hrenmitglied seit 190^; Pincke, Ingenieur in Züiicli, 1888 — 1898, 
Aktuar und \'i/e}>räsident, Präsident der Ausstellung i89(, hJiren- 
nhtglied seit 1898; (,. Weber, Sekunda.rlehrer in Zürich \', 1889 



bis heute, Aktuar, dann Vizepräsident, jetzt Präsident; Marfort, 
Schneidermeister in Küsnacht, 1891 bis heute; Widmer, Mühlemacher 
in Ober-Steinmaur, 1894 ^'^^ heute. 

Im ganzen gehörten während des 50jährigen Bestandes loi Mit- 
glieder dem Vorstande an. Eine vollständige Liste findet sich im 
Anhang. 

Der beiden verstorbenen Präsidenten Rüegg und Autenheimer 
sei hier besonders gedacht. Arnold Ri'ie^g, geboren 181 4, besuchte, 
nachdem er in Wädenswil die Dorfschule durchlaufen, das danials 
berühmte Hünische Institut in Horgen, da lernte er hauptsächlich die 
Sprachen und Musik und gab bald nachher Stunden in diesen Fächern. 
Die Tätigkeit in dem kleinen Handlungsgeschäft seines Vaters, in 
welches er eingetreten war, genügte dem aufgeweckten, strebsamen 
Sohne nicht. Er gründete 1841 den «Allgemeinen Anzeiger vom 
Zürichsee», eine Zeitung fortschrittlicher Tendenz, deren Druck später 
in dem von ihm neu erbauten Hause zum «Florahof» betrieben wurde. 
Im jähre 1859 begründete er das «Monatliche Gewerbeblatt, Organ 
des Handwerker- und Gewerbevereins des Kantons Zürich», dessen 
Redaktion er fünfzehn jnhrc lang allein besorgte. Mit einem Freunde, 
dem ehemaligen Lehrer Rüegg, später Professor in Bern, gab er auch 
einige Jahre lang den «Scluveizerischen Bildungstreund», eine Zeit- 
schrift belehrenden und unterhaltenden Lihaltcs, heraus. l:in besonderes 
Geschick und grosse \'orliebe hatte Rüegg, aut den verschiedensten 
Gebieten Neues anzuregen. So war er noch in seinen späten Lebens- 
jahren der erste, der auf den Gedanken kam, dass sich das Schloss- 
gut Wädenswil für die heute so blühende deutsch-schweizerische \'er- 
Suchsstation für Obst-, Wein- und Gartenbau vorzüglich eigne. Für 
gemeinnüt/ige Werke jeder Art hatte er ein warmes Herz. Fr starb 
kurz nach einem Schlaganfall 78 jährig im Jahre 1892. Der kantonale 
Gewerbe\erein legte ihm, der es mit ^\cn Handwerkern so gut gemeint, 
dankbar einen Kranz auis Grab. 

I'rit'ilrirh Aiitcuhc'uncr^ geboren 1821, wirkte ursprünglich als 
Sekundarlehrer im Kanton Zürich, später siedelte er nach Basel über und 
win'de dort Rektor der Gewerbeschule. Anlangs der siebziger Jahre 
war er eifiäi? bemüht um das Zirstandekc^nimen eines schweizerischen 



1U4 



105 - 



'rcch'.iikums. Als das kantonale Technikum in W'inttrtluir 1S74 i^'c- 
i^ründct wcM'dcn war, wurde er dessen erster Direktor. Als Lehrer 
des Maschinenbaues wirkte er bis 189} und starb 189). Mehr als 

tunr/ii' Jahre laiiu ist Auteiiheinu-i' im Dienst des gewerblichen Unter- 
richtes gestanden; er war auch der erste I^'äsident des schweizerischen 
Gewerbevereins (18S0 — 18S2). Von seinen Schriften schätzte man 
in i^ew erblichen Kreisen besonders das Lehr- und Lesebuch iür ge- 
werbliclie ]'(">rtbildnngsschulen. 

iS)9 w'iid die (jrimdung eines rcreiiisl'lattes beschlossen. Der 
erste |ahrgan<^ datiert aus diesem lahre. I".s tirii^i den '1 itel < .\U)naL- 
liches Cewerbeblatt, Ori^an des Handwerks- und Ck'werbevereins des 
Kantons Zürich» und erscliien m der Druckerei des l'i\isideulen des 
\'ereins, Arnold Kueui^. l:s war Juis Wrcinsori^an bis 1876; in 
diesem jähr erschienen nur n.och vier \ummcrn. Das (-Monatliche Cje- 
werbeblatp) zeigte schon i S6 i ein Deli/it, wesiialb beschlossen wurde, 
es seien die Mitglieder der Sektionen 111 /ukunfi auch /Ui^^leich Mit- 
i^lieder des kantonalen \'ereins und haben aK solclie einen Jalires- 
bLiira^- xon i Lr. /u leisten (xler :; l'r., in welchem halle ihnen das 
Gewerbeblatt franko zugesielit wurde, /um Abonnement \erptlichiet 
waren sie jedoch nicht. 

Im lahre 1876 ging das .Monatliche (iew erbeblatt" ein, das sich 
187:; den Titel ('C')]-gan des .w7'::'c/;(V /.Vi7'C// und /ürcb.erischen Hand- 
werks- und (iewei"be\-ercins» beigelegt hatte, h.s mirsste dem aSchwei- 
zerischen (iew erbeblatt », dem C^rgan der ( ;ew erbemiiseen Züricli tmd 
W'interthur, weichen. .\ls/weck des neuen P)lattes wird aui-egeben : 
Lorderung und I lebtmg der (bewerbe in der Schweiz überhaupt und ins- 
besondere .\tisbiidung des (jeschmackes im i iandwerk, Kunst- tmd Klein- 
gewerbe. Die Redaktionskommission bestand atis Lehrern des kantonalen 
Techmktims in W'interthur, (Ihetredaktor war W. Schlehbach, Lehi-er 
der hiLienietirfächer. Die Ab^eordneten\ersammlun!.; des kantonalen (;e- 
Werbevereins sprach sich im jähre daratit lolgendermassen über das neue 
(jewerbeblatt atis : mit der Tendenz sei man so ziemlich einverstanden, 
jedoch wünsche man eine populärere Spraclie, mehr Berücksichtigung 
der einzelnen (jewerbszweige und bessere 1-ühlting mit dem (jewerbe- 
stand überhaupt tmd im besondern mit dem kantonalen Handwerks- 



und Gewerbeverein, den Lokalvereinen durch Berichte aus denselben 
und über l:rscheinungen im Gewerbewesen in den andern Kantonen 
und im Auslande u. s. w. Diese Wünsche wurden zum Teil be- 
rücksichtigt. 1878 ging die Chefredaktion in die Hände des in Zürich 
wohnenden Ligenieurs john L^ely, der auch eine Zeitlang Aktuar 
des kantonalen Wreins gewesen war, über und erschien wöchentlich. 
1880—1887 be.sorgte Herr Architekt Jung die Redaktion, linde 1888 
ging dasselbe ein. Da es sich gezeigt hatte, dass es sich ohne kan- 
tonale Unterstützung t!nm()glich selbst erhalten konnte, sah sich die 
Wi-lagsfirma veranlasst, das \'ertragsverhältnis auf i. Januar 1889 zu 
lösen. Intolge der Kündigung des \'erlegers entschloss sich die 
Zentralkommission, iiir oftizielles Organ, welches i^ L^l^i'^' hindurch 
erschienen war, eingehen zu lassen, da ihr von selten der hohen Re- 
gierung keine Unterstützung mehr in Aussicht gestellt wurde. 

Die Redaktion nimmt mit folgenden ^\'(^rten von den Lesern 
Abschied: «Mit Beiriedigung können wir zurückschauen auf eine 
Reihe von Jahren, während denen das « Gewerbeblatt » bahnbrechend 
für die Hebung des Gewerbes und der Luiustrie Aufklärung und Be- 
lehrung in die verschiedenen Schichten der Bevölkerung ausirestreut 
und somit ein Wesentliches an der allgemeinen gewerblichen Lnt- 
wicklun^ tinseres X'atei-landes beii^etrai^en hat.» 

Dem (eScbiweizerischen (jewerbeblatt», das den gewöhnlichen Hand- 
werkern niclit recht zusagte, machte besonders das im Jahre 1884 von 
Herrn Buchdrucker W. Krebs in Bern (dem heutigen schweizeristheii 
(iewerbesekretar) unter dem 'Litel «(bewerbe» gegründete Bhll starke 
Konkurrenz. l:s erschien von zwei zu zwei Wochen und verschaffte 
sich rasch einen grossen Leserkreis. Der \V)rstand beschloss, diese 
Zeitung als C^rgan des kantonalen \\M-eins zu betrachten. Sie ist 
bis heute beliebtes X'ereinsorgan geblieben und b.at eine grosse \^er- 
breitung imd tüchtige Mitarbeiter. 

Bis 188^ wurde der [abrcshcrii'bt über die Tätii-keit des \'ereins 
jeweilig in der Generalversammlung verlesen. Damals wurde be- 
schlossen, den Bericht drucken und den Sektionen zustellen zu lassen. 
Mit der Zahl der Gesamtmitglieder (756 im Jahre 1884, 2015 im 
Jahre 1903) stieg dann auch die Zahl der ertorderlichen Berichte 



— i(>6 

derart, dass es in .\cn letzten Jalircu P>rauch wurde, den Sektionen 
nur etwa halb soviel Hxeniplare /.uzustellen als sie Mitglieder zählten. 

Die Berichte enthalten das X'er/eiehnis der l-hreninitglieder und des 
Wn-stands, ein \-erzeichnis der X-iM-siandssit/un-cn mit Angabe der 
jeweili-en entschuldigten odcv unenis.iiuldigten Absenzen, einen 
kur/eirBeriJu über die Tätigkeit des W^rstands und die X'erhand- 
lungen und Beschlüsse der Delegiertenversaniinlun-en (gew(-)hnlicli 
,in"i Ausztig aus dem llauptrelerai), eine l Persidit der Tätigkeit 
einer leden Sektion, seil lüntuhrung der l.elirlingsnrütungen aucli 

Kapitel über dieses Gebiet, ferner einen Rechnungs- 

;i 



\\■^l\lnds^ektu^nen und ihrer \ or- 



ein nescMKleres 

aus/UU und ein \'er/ei^"linis de 

Stande. \dei Muhe hat es den Aktuaren minier gekostet, die jaiires- 

bericiite der Sektionen einzutreiben, doch ist es in dieser Umsicht 

nacli und nach besser geworden. 

Die Zahl der Sektionen beträgt gegenwärtig 30, ^bc Gesamtmit- 
olieder/ahl 201 ).^) bs :sL m-i^t moidicli, vor 1 SSn den Hintritt der 
Sektionen genau nach/uweisen, das Pn^tokoü gibt darüber keinen 
genauen Aulschliiss. im Jalire iS^^ bestand der X'eiband aus sieben 
Sektionen mit einer Mitglieder/ahl von ,o6; iSS^, waren es tolgeiide 
sechzehn: Atiohern Bezirk, Andehingui Bezirk, llombre.litikon, 
Uoi-en, Kusnacht, Maimedort, IbaÜikon Bezirk, Kiesbach, Küti, 
Stata, ThaKMl, l'ster, Wadeii^Avil , Wetzikon, Winterthur , /uri.h, 
ini oau/en mit 6 ,6 Mitgliedern ; iSSj ireten bei KicIitersxMl und der 
Sehlossermeisierverein /üricli und Umgebung; 1SS5 tritt Andelhngen 
aus, dafür wird Meilen-llerrirperg aufgenommen; i S.)o bdntritt des 
BäJkermeistervereins /üricii und Umgeining, 1S91 des l lahiermeister- 
verems; damit steigt die Zabd der Sektiimen auf 20 und die der Mit- 
glieder antuen; iS^)^, treten ein Örhk^m und Bäretswil ; iSc)| bringt 
wieder eine X'ermehrung von zwei Sektionen: Dieisdorf Bezirk und 
Khoto-rapiienverein Zürich tind Umgebung; 1S96 treten ein lUilacli 
Bezirk und der N'erein /ürcherisciier Brauer; 1S9S tritt der Schlosser- 
nieisterverein Zürich aus, denn er luU siJu mit dem Gewerbeverband 
Zürich versclimolzen; aus dem gleidien Grunde tritt 1899 der 



*) Vcr/c-icluii> .-.ichc im Aiihaii;^. 



— 107 - 

Bäckermeisterverein zurück ; dafür werden aufgenommen Egg und 
Dietikc^n; 1900 vermehrt sich die Zahl der Sektionen durch den 
Beitritt von Altstetten und Dübendorf auf 28, 1901 endlich werden 
Kilcliberg und Andelfingen autgenommeii. Die Zahl der Sektionen 
l^lieb seitdem unverändert, die Mitgliederzahl jedoch mehrt sich tort- 
während. 

Die l-inaii:{^Lii des XAreins zeigen natürlich keine glänzenden Re- 
sultate. Als das ^\•rmögen am hcichsten war, betrug es )-|.|7 Fr., 
d>as war im [ahre iSS), hetite steht es 'Aui 4542 Ir. Die Auslagen 
setzen sich in der Hauptsache aus iolgenden Posten zusammen: Bei- 
träge :\n d^:n schweizerischen Gewerbeverein und die scbiweizerische 
gemeinnützige (iesellschalt, Ikdträge an die Kosten der Durchlührung 
der lAlirlingsprütungen, Entschädigungen für X^orstands- und Kom- 
missionssitzungen, Honorare an Aktuar und (^uästor und etwa iür 
besondere, umlangreiche Arbeiten, Drucklegung des Jahresberichtes 
und anderer Drucksachen, wie Zirkulare an die Sektionen u. a. m. 
Die lunnahmeposten bestehen in Zinsen von Kapitalien, Beiträgen 
der Sektionen und dem Staatsbeitrag. 

Der Slaalsbeitrag \\ ar in d^jn ersten Jahren des Bestehens bis 
I SSo jährhch 250 kr., dann stieg er zunäciist aut 300 ir., weil die 
Durcfilührung der Lehrlingsprüftmgen die \\^reinskasse in Anspruch 
nahm; 1886 — 1888 war er 700 kr., 1889 800, 1890- 1893 1^00, 
189.4 — 1897 I )0(), 1898 1800, 1900 2000, 1901 — 1902 2200 und 
190^ 2000 kr.; die l^eiträge an die Lehrlingsprütungen aus der \ er- 
einskasse waren in dieser Zeit aul über i ^00 Vr. gestiegen. Ausser- 
gewöhnliche Auslagen verursachten seinerzeit die W'andervorträge, 
die Beitrage an Reisestipendien, der Druck \"on l^roschüren, die Sub- 
\entionen tür den Besucli von Ausstellungen, die Honorare Iür die 
Redaktion der Ausstellungsberichte, die Rechtspflegeinitiative. 

c) Gewerbliche und gesetzgeberische Fragen. 

Weil wir im chronologischen Teil die verschiedenen gewerb- 
liehen bVagen nicht im Zusammenhang behandeln konnten, sollen in 
diesem besondern Abschnitt einige der wichtigsten einer kurzen, zu- 
sammenhängenden Betrachtung unterzogen werden. 



— io8 — 



109 — 



1. Berufliche Ausbildung. 

y.) Alh^nueinv Volksschule. rortbiUiunL^s- und üci:uihcschulcn,Werkstaitlchrc 

und l.chi-iiUTliStilttcu. Li'hrlingsprujuiii^cu. 

Unsere ju-ciui WVonmM in der PriuKirscluilc xvährciui scdis 
lahrcn einen -cincinsaniui L'ntcrricht, dann trennen sich die We-c. 
Mehr als die Hälfte der Sehuler der 6. Klasse tritt über an die Sekundar- 
nnd andere Mittelsehulen mit tä.L^licheni Untcrrieiit, die übrigen be- 
suchen /Avei lalire die 7. und S. Khisse der Priniarsduile ; zwei 
Drittel davon sind (,an/|ahrallta-ssduiler, das iibri-e Drittel besueht 
luir \m Winter die Seluile alle 'Va^.. Das n.etie Sehnloeset/ vom 
lahre 1899 hat die Xeueriin- -ebracht, dass diirdi (iemeindebesehluss 
der Ik'sueh der 7. und S. Klasse tiir das -m/e Jahr obli-atoriseh 
erklärt werden kann. Die Städte und -rossen Ortsehaften fiihrten 
sofort diesen ( ianzjahresunterricht ein; für sie bedeutet das Gesetz 
ein lortschritt. Die l'ra-e, ob es tür die übrigen S.hulen im \"er- 
oleieh zu der Irühern dreiiähri-eii In-änzun-ssehule auch wesentliche 
Vorteile brachte, ist noch nicht al-eklärt. Die Sektmdarschule mit 
ihrer realistischen harbung ist von jeher die vom Handwerker be- 
vorzugte Anstalt gewesen. Sie ermr)glicht atich vom Lande her den 
Übertritt in höhere Schulen und hat Ans.b.iuss an die Industrie- 
schulen und das Technikum. 

Leider tehlt bis zur Stunde der Ausbau der W^lksschule nacli 
oben. 1-ür eine viel zti grosse Zahl lunger Leute bort der Unter- 
richt mit dem 15. hdire gänzlich auf. Den NLmgel hat ukui längst 
erkannt und obligatorische lortbildungsschulen schallen wollen, allem 
die bezüolichen \'orlagen xNurden vom N'od.e verworfen. Atich heute 
wa-t man es noch nicht, den so nötigen Schlussstein im W^lksschtil- 
untu-richt einzufügen, sondern man muss sich begnügen, die trei- 
.illige Tätigkeit auf dem Schulgebiete zu unterstützen. b:s bestehen 
.ine'schöne Zahl ^m h'ortbihhm^rsschnku: 71 allgemeine mit 1018 
Schülern und SS gewerbliche mit 3157 Schülern (Winter 1902 190;.). 
Die allocmciucn UortbiUmiosschulcu bestehen schon seit bald tüntzig 
Jahren und' haben gewiss viel Gutes geleistet, aber sie wollen sich 
in gewissen Geuenden nicht recht einbürgern. Inne namhafte Besserung 
in'^bezu^ auf \'ermehrung derselben und Zunahme ihrer Stunden- 



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tmd Schülerzahl ist nur zu erwarten, wenn an die Stelle des frei- 
willigen der obligatorische Schulbesuch tritt. Die Unterrichtsstunden 
sind mit wenig Ausnahmen auf die Zeit von 7-9 Uhr abends ver- 
legt, w as einem gedeihlichen Lernen hindernd in i\^\\ Weg tritt. Seit 
einigen Jahren ist eine besondere Stelle zur Lispektion dieser Schulen 
geschafien worden; jede Schule wird jährlich einmal besucht und 
erhält einen kantonalen Lispektionsbericht. Gewiss schati't die neue 
liinrichttmg viel Ciutes, es kommt mehr Einheit und zielbewussteres 
Arbeiten in die Schulen hinein. Im letzten Jahresbericht spricht sich 
der Inspektor über den allgemeinen Stand der Lortbilduni^sschulen 
lolgendermassen aus: «Nicht so befriedigend wie bei den Mädchen- 
tortbildiinj^sscluilen ist der Stand der allgemeinen Lortbilduno-sschulen. 
Es gibt eine schöne Zahl von Schulen, die gute bis vorzügliche Resul- 
tate erzielen tmd jedem Bildungstreund bVeude machen. Daneben 
aber sind noch zti viele andere, die nur mit halbem Lrfoli? arbeiten. Es 
sind diejenigen, denen es immer noch nicht gelungen ist, sich die Xov- 
teile eines ununterbrochenen Betriebes zu sichern und zu ständigen 
Schulen sich zti erheben. E,rscheinen schon die rei2elmässiij eröfl'- 
neten Winterschtilen hinsichtlich ihrer Leistungsfähiijkeit als minder- 
wertig gegenüber den Jahresschulen, so sind in noch viel höherem 
.Masse solche Schulen ein Xotbehelf, die je nur i\cn zweiten oder 
dritten Winter oder auch erst nach längerer Pause mit einer Klasse 
einen Kurs eröflnen. Sie erschweren planmässiges, zielbewusstes 
Arbeiten oit ausserordentlich, weisen aussergewöhnlich viele vorzeiti^'^e 
Schilleraustritte und Absenzen auf und liefern auch sehr wenige Schüler, 
die an mehr als einem Kurs sich beteiligen.)) 

((Einem Drittel der Schulen fehlt der gesicherte Bestand. Die 
Ursache hievon liegt mitunter bei Lehrern, die während der Winter- 
monate neben der 'Lagesarbeit in einer grossen, ungeteilten Schule 
dtirch das W'reinsleben in dci Gemeinde stark in Anspruch genommen 
werden und daher die zur Leitung einer Lortbildungsschule nötige 
Zeit nicht jeden Winter erübrigen können. \n der Regel aber ist 
Schülermangel der Cirund der Einstellung. In ganz kleinen Ort- 
schatten ist hieran nicht viel zu ändern. Abhülfe auch da nicht leicht 
zu tretleii, wo die Mehrzahl der jungen Leute auswärts arbeitet und 



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ist, auch die 



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bhciie und industrielle Bertitsbilduui; mit Hundes 



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ule Ikmdesbeschluss vom 



2". juni i8S| lautet in seinen w ichtii^sten 



Best 



imniunL:en 



Art. I. Zur l-()rderunL:: der i^ewei 



blichen und industriellen Be- 



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leistet der Bund an dieieniL^en Anstalten, welche /um 



/wecke jener 



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Der Bund kann auch an die Kosten vo 



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1 an die lloiuMierun^ von Breisauli^abeii ü 



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industrielle Bildung ikäträ^e leisten. 



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)n dt:n Kantonen. 



1 der (h-undsatz befolgt, dass der l^und die Hälfte der 

X'ereinen u. s. w. aut<^ebrachten 



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lemeinden 



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Summen zuschiesst. 



Der Bund lässt auch auf dem Gebiete des Gewerblichen Unter- 



richts die Autonomie der Kantone unberührt; er un 



terrichtet sich aber 



fortlautend über den Zustand der un 



iterstützten Schulen durch luit- 



seiuiung von l'.xperten 



Zur Zeit sind elf eidi^enössische iixperte 



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■werblichen Ik'ruts- 



bestellt (dazu kc^nmen drei weibliche lür die i^e 

schulen). |eder hat die ihm unterstellten Schulen jährlich einmal zu 



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dirnehmuni'en dem schweizerischen 



Industriedepartement zu berichten. Zu direkten Anordnungen sind 
die lixperteii nicht beluiJt, sonder: 



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1 sie müssen sich ue<jenuber 



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chulleistUiUi^^en aul Anre^uuLien und Ratschläire beschränken. Diese 



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X'U aoer, ahijesenen von ihrem innern 



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willen em hesonderes uewicht, weil de 



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^•or der W'eiterbewilli- 



iiuuij[ der Bundessubvention an die einzelnen Schulen das Gutachten 
des zuständigen l'xperten einholt. 

Das eidL;en(>ssische Industriedepartement hat sich sodann bemüht, 
der (Organisation des niedern i^ew erblichen Unterrichts eine i.'^ewisse 
einheitliche Richtuni' zu ijeben, indem es zu Händen der eiduenc)ssischen 



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xperten, sowie i. 



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tionierien gewerblichen lortbildungsschulen (einschliesslich Ha 



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erbliche Zeichenschulen) eine 



Anleituni" betretend Orijanisation, Lehrh'icher und Unt 



errichtsbetrieb 



rlasseii hat. Die jetzt iiültijje Anleituni: datiert v 



om I. Juli I9(H 



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1 dai'in als Auiij:abe der genamiten Schulen bezeichnet: d 



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enntnisseii, welche 



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sich aul die Ausübuni:; eines i^ewerblichen Berufes beziehen, indes 
weder xon der \'olksschule unmittelbar noch in der Re":el 
Werksiattlehre vermittelt werden. Als Unterrichtsfächer führt die 
Anleituui^ in erster Linie, neben Zeichnen und Modellieren (eventuell 



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jeschausauisatz, Ljewerbhches Kechnen und i^eweroiiche 
Buchtührung aui ; daneben kommen nach Bedürhiis und Möglichkeit 
in Betracht: Geometrie und Algebra, Xaturlehre (gewerbliche Phvsik 



und (diemie), Idektrizitätslehre, ALiteriallehre, Mechanik, Koiistruktions- 
leiire, W'irtschattslehre, SchcMischreiben, \'aterlandskunde und schliess- 
lich auch fremde Sprachen. Die Anleitung empfiehlt sodann, den 
Lhuerricht an den späten Abendstunden und den Sonntagen zu be- 
seitigen und die Gewerbelehrlinge während der ganzen Dauer ihrer 
Lehrzeit ohne Unterbrechung zum Schulbesuch heranzuziehen. 

L'ür die gewerblichen L'ortbildungs- und Handwerkerschulen des 
Kantons Zürich besteht ausser dem eidgenössischen Lispektorat ein 
kantonales L'achinspektorat lür die beruflichen Unterrichtszweige ; die 
allgemeinen l'ächer dagegen werden vom kantonalen l-ortbilduuiis- 



scIullinspckttM- besucht. Diese Scluilcn sind der DircktuMi der 
wirtseluiü unterstellt. Sie \erteilen sieh aul die He/irke toi 



Wdks- 
Lien.der- 



iiuissen (1903): 

Bezirk 
Zürich 
Affültcrn 

Horden 
Meilen 

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Ustcr 

Ptallikon 

Wintei'tluii' 
Andeltini^en 
l^ükieh 
Dieksdort" 



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Die (;<•:: v;7v.v •/'///(' //7//V/' mit ihren vielen Sehülern timfasst: 
I. die gewerbliehe lorthildiin-sschule, 2. die Handwerker- und ^ die 
Kunstuewerbesehule. Xtir die letztere ist eine Seluile mit ta-lieheni 
Unterrieht in |ahresktirsen, die beiden andern sind Abendschulen und 
stehen unter einer besondern Direktion. Mit der niittleren Stute, der 
Handwerkerschule, sind eine An/ahrrai^eskurse iür verschiedene Be- 

rutsarten verbunden. 

Die Kunsti^ewerbeschule ist sclion seit einigen Jahren in Re- 
or<;anisation be^i^ritien; sie hat während dieser Zeit mehrnials die 
Direktion (Müller, W'ildernuith, Ilotacker, Lüthi) gewechselt; die neue 
Ori^^anisation steht provisorisch .seit einem Jahre in Kratt; der llatipt- 
zweck der Umi^estaltun^i; dieser Abteilung der (Gewerbeschule, die 
übrigens mit ^L-n beiden andern nur durch eine i^emeinsame Aui- 
sichtskommissi(Mi in einem ganz losen, äusserlichen Zusammenhang 
steht, ist der, sie in ein berutliches bahrwasser zu leiten, l^isher ist die 
berufliche Ausbildung an der Anstalt zu kurz gekommen. Ateliers 
tur praktische Betatigtmg sind keine damit \erbunden und die neu 
eintretenden Schüler hatten nur zum geringsten Teil eine Berutslehre 



— 113 -^ 

hinter sich. Diese soll nun in Zukunft die Ilauptbedingung zur Auf- 
nahme sein; die neue \'orschrift verlangt, dass in den praktischen 
B)erutsarten jeder neu eintretende Schüler und Hospitant eine Berufs- 
lehre von 2 - 3 Jahren bestanden haben und diejenigen Kenntnisse 
besitzen muss, welche er in den entsprechenden Kursen der Gcwerbe- 
scluile sich erwerben kann. Dilettanten werden gar keine mehr an 
der Schule geduldet. Das neue Organisationsprogramm sieht folgende 
1-achabteilungen vor, die nach l^edürfnis vermehrt werden können: 
Schulen für Dekorationsmaler, Modelleure und Bildhauer, Textil- 
zeichner, Innendekorateure und Kunstschreiner. 

bür die (iewerbesclnilen ist die Ausstellung von Lehrmitteln im 
P('S/ii!o;~/(iiii/im in Zürich eine sehr willkommene und wertvolle An- 
stalt, hl übersichtlicher Weise bietet es eine reiche bachliteratur und 
besonders Zeichenlehrmittel für alle Stufen und Berufsarten. 

Die Hcraiil'ililmio ron Lehrern für den gewerblichen Berufs- 
bildungsunterricht geschieht seit Jahren mit Bundesunterstützung am 
Technikum in W'interthur. Im Sommerhalbjahr werden Kurse von 
1 7-w()chiger Dauer abgehalten. Vau Kursus im gewerblichen l'rei- 
handzeichnen und Modellieren wechselt jahrweise mit einem im bau- 
te^hnischen und mechanisch-technischen Zeichnen ab. Zu den Kursen 
werden jedesmal höchstens 20 Teilnehmer einberufen, die bereits eine 
gewisse bertigkeit im Freihand- und Linearzeichnen besitzen müssen. 
Die 'Leilnehmer haben kein Schulgeld zu entrichten, sondern nur für 
die Kosten der Unterrichtsbedürfnisse aufzukommen, ausserdem er- 
halten sie noch kantonale uiul l^undesstipendien. 

Im )ahre 1902 ist auch der erste I'or/bi/dniiask/üs für Lehrer 
an gewerblichen bortbildungsschulen abgehalten worden. Er wurde 
eingerichtet für solche Lehrer, die sich :\n den oben angeführten 
Instruktionskursen nicht beteiligen können. In kurzer Zeit sollen 
sie sich die ncHigsten Kenntnisse im beruflichen Zeichnen aneignen, 
wodurch sie befähigt werden sollen, diesen Unterricht auf elemen- 
tarer Stufe zu erteilen. 

Dtirch diese Kurse ist die Tüchtigkeit des Lehrpersonals um 
ein Bedeutendes gehoben worden; aber es gibt doch immer noch 
Schulen, w(^ der Fachunterricht der richtigen Lehrkräfte entbehrt; 

8 



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CS kiMiinit auJi \or, cLiss in Jen allL^■nlc!ncn l-achciMi /u \\cni,i^ niil 
der Praxis, Jörn wirklichen luautslebcn L',crc.lincl wird. Im w eitern, 
iliirtien die 1 lanJw erkMiicister sivh nodi inlensiwr der Scluileii an- 
nelinien und durJi tleissi-en Besueli, duiJi Kat und Tat die I.elir- 
tatii:keit des rnterrielitenden unterstiit/en. Nur wenn Lehrer und 
Meister Hand m Hand i'.eheii, i^edeiht die herutViJie l'orthikiun-s- 
sehule. l's ist i^an/ hesonders Sache der Aut'sichls(^ri^ane, hellend 
und korrimerend ein/Ui^reilen, um die Schulen ins nchtiL^e (leleisc 
zu hriui^en. Da/u hedaii" es in erster Linie der 1-achleute. Deshalh 
hai auch die Kei^icruni; /ur Beaulsi^hni^uuL^ der i^rosseu (jewerhe- 
sJuilen in /unch und C^rlikcMi eine hesondei-e Kommission, die aus 
Leuten der verschiedensten Hcuisarteii /usammei\i^eset/t ist, hestellt. 
An der Cew erhesJuile /iiridi hat man uehen dem theoretischen 
■Mwh /ViiktiM-ih-n L'ulniuh! ein,uc(uhrt durch \'eranstaltun,i: \ou Kursen, 
die die W'erkstatilehre unterstützen und ergänzen sollen. Solch prak- 
tische Kurse sind hereits ahi^ehalten worden Üir Buchbinder zur ha"- 
lernuni; des Handver^oldens, tur NLiler zur l-rlernun^ der Holz- und 
ALu'morimitation, tur Schneider, Schuhniaciier und 'Lapezierer im Zu- 
schneiden; für die Lhoto<4raphenlehrlini;e wurde eine besondere lach- 
schule mit täijlichem L'nterricht während eines i^anzen Jaiires ein- 

gerichtet. 

Wenn man den orcwerblichen Lortbilduni^sschulen die Aul.i^abe 
stellt, die Ausbildun^«: des Lehrlings in der Werkstatt des Meisters 
dadurch zu ergänzen, dass dem Lehrling die zeichnerische Lertii^keit 
und die thecMetischeii Lachkenntnisse vermittelt werden, deren er 
später als (ieselle und Meister bedarf, so ist es nur ein Schritt weiter, 
wenn man ihnen auch die Aufi^abe überträ.i^n, die technische Aus- 
bildun.u an den Punkten zu ergänzen, wo erlahruni^si^emäss die Werk- 
stattlehre nicht ausreicht. Sie wollen an Stelle der unvermeidlichen, 
durch die Kundenarbeit bedini^^ten Zutalligkeiten in der Meisterlehre 
einen systematisch aut'^ebauten Lehij^auL: setzen und zui;leich mit der 
praktischen die theoretische Ausbilduni^ verbinden. 

L.ine Schwierii^keit liei^t bei der }{inrichtun_L; von lA'hrn'ciksliillrn 
in der \'erw enduni^ der heri^esteilten (iegeiistände. Werden sie ver- 
katift tind werden i-ar von der Schule Bestelliiui^en von Privatkunden 



I I 



aiili^esucht, so bekla,^en sich die I Fandwerker am Orte über die Kon- 
kurrenz; verzichtet man auf den Absatz der Lrzeui^iusse, so wird die 
Unterhaltung^ der Lehrwerkstätte übermässig verteuert. Den Kla<'en 
de)- Konkuri-enz sucht man meist damit zu bei,'e_^nen, dass man zu 
den ortsüblichen l^reisen verkauft; auch hat man wohl die herge- 
stellten Arbeiten, wo sie ihrer Art nach dazu ,geei.i;net waren, als 
Modelle an lachscluilen ab<a't::eben. 

Die verhältnismässig grosse Zahl von Lehrwerkstätten, die in 
der Schweiz eingerichtet wurden, steht im Zusammenhang mit der 
um sich greilenden .Abneigung vieler Handwerksmeister, Lehrlinge 
auszubilden. Hieraus ergab sich die Gefahr eines übermässigen Zu- 
stromens ausländischer Arbeitskräfte, der man durch gründliche Aus- 
bildung einheimischer, iunL;er Leute entgeijentreten wollte. 

Ln Kanton Zürich bestehen Lehrwerkstätten in Zürich und 
Wintertluir, dort für Schreiner, hier für Metallarbeiter. Wir haben 
ihrer auslührlicher gedacht beim Abschnitt über Gewerbemuseen. Der 
im Jahre 1897 eingerichtete \\)rkurs für Photographenlehrlinge wurde 
im Jahre 190:; wegen mangelnden Besuches aufgehoben. }{s scheint, 
dass die Meister den Lehrlingen, welche diesen Kurs besucht hatten, 
in der Reduktion der Lehrzeit etwas zu wenig entgegenkamen; denn 
nach Absolvierung desselben mussten sie laut W'reinbaruu" des 
schweizerischen Photographenvereins noch eine praktische Lehrzeit 
v(^n zwei Jahren bei einem Meister durchmachen. Seit Jahren be- 
mühte man sich auch, eine Fachschule für Keramik zu unterhalten 
und emporzubringen; aber die Hrtolge entsprachen den bisher izc- 
machten Anregungen wenig. Die keramische Industrie, die den 
richtigen Boden abgäbe tur eine solche Schule, existiert leider in 
Zürich nicht mehr. 

Hier sei auch noch die Lorderung erwähnt, die die Handwerker 
der Stadt Zürich an die zu reorganisierende KiDislk^eweybcscbiile machen. 
Sie verlangen, dass Kunstgewerbeschule und Kunstgewerbemuseum 
in Zukuntt als zwei getrennte Institute zu halten seien. Jedes derselben 
beanspruche die ganze Kraft eines durchaus tüchtigen Mannes, so dass 
durch eine Vereinigung der beiden Direktionen beiden Instituten 
Schaden geschehe. I-erner tadeln sie, dass eine Abteilung der Kunst- 



— 11^ — 

i^cwci'lu'schulc in cinci- Weise nctricbcii wurde, wclelie Jen Cluirakter 
eines des^-hättsbetriebes mit Kiukienbedienuni; un ( lew erbcnuiNeuin 
luui niebt Jenienii^en einer LebranstaU baue. 



Xaebdein eine /.L-itkinir die l'inriebti 



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Jer I.cbrw erkstältcn 



als {laiiptniiltel /iir Rei^eneratitui unseres Handwerkerstandes ein[->t()blen 
wurde, ist man namentlieb in i^eweri^b^-iK-n Kreisen daran! /urii^dx- 
i^ekcminien, die Ausbikluni; der Lebrnni^e dureb die i^cwobnli^die 
IWikshilllchn' wieder /u t()rdern, <\a bierbei die Hedin^unuen tiir eine 
berullielie Aiisbiklunu, die nnt ^\k:\\ Hedürtnissen des Lebens im l'in- 
kkni^ steile, eber vorbanden seien, aks in einer I.ebrwerkstatte, wclebe 
(icialir kiute, ^\<:n Kontakt mit der l^axis v.n \crberen. \bele und 
selir oft die tiiebtii^sten Handwerker baben aber keine Lust, LebrHnge 
zu balten, da ibnen bei i^ewisscnbafter Pili JitertukiunL; diese Arbeit 
zu wenii; iobnend erseiieint und manelierlei l'nannebmbeiikeiten im 
Cetoli^e bat. Desbalb würde sieb empteblen, dass der Staat eine 
wobli^erei^elte Hertifslebre unterstützte. 

Der sebweizeriscbe (iewerbeverein bat in den jabren i89)--i90T 
einen 'Leil ^\^\- ibm für die Lebrlin^sprüfungen zutliessenden Bundes- 
subvention dazti verwandt, einzebien ILmdwerksmeistern (1899 : 19, 
1901 : )), die sieb seinen X'orsebriften und seiner Autsicbt tinterz(\o;en, 
für die AusbildtiUi; von Lebrbngen X'eri^ütuui^en zu i^ewäbren. In- 
zwiscbeii wtiebsen die Ausi^aben für die Lebrbui^sprütui^Lien ; der 
(Jewerbcverein bat dalier die Bundesbeb()rde, die bezüi^bebe Stibvention 
von 10,000 kr. atif 15, 000 L^-. zu erhöben; sie wandte sieb ferner 
mit einem Rundscbreiben an die Kantonsrei^ieruni^en, um aueb sie 
zur Bewilbi^tini^ von (ieldmittebi zu bewegen. Der Bund leimte aber 
die Lrh()bung ab, und von den Kantonen zeigten sieb mir seebs zti 
Cjeldaufwendungen bereit. Lifolge dessen wurde die (iewäbrung von 
Zusebüssen [üv die Berufslebre beim Meister eingestellt. 

\'on allen l'estrebungen, die Berufslebre zu fc)rdern, baben sieb 
die f.chrliii^^spriifmi^ni als am wirksamsten erwiesen. In der jüngst 
ersehienenen Llugsehrift der Zentralprüfungskommission des sebwei- 
zeriseben ( ,ewerbevcreins wird der Zweek der Lebrlingsprüfimgen 
folgendermassen umsebrieben : Die Lebrlingsprüfungen wollen die 
Lebrlini-e und Lebrtc")ebter wäbrend der Lebrzeit zum Meiss und 



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I,eineiler anspoiaien ; sie wollen den praktisebeu l^rfolg der Beruts- 
lebre t()rdL'rn tmd die Teilnebmer aui all fällige Mängel und L'eblcr 
atitmerksam maeben ; sie eiieiebtern dem mit kj'folg geprüften jungen 
llandwerker die Weiterbildung und die Autnahme in andern Werk- 
stätten; sie erm()glieben dem Meister die Auswabl tüebtiger Ar- 
beitskrälte. 

Wenn sieb ein juni^er ILuidwerker sebon bei Antritt dei" Lehre 
bewLisst wird, dass er am k'nde derselben \'or den Wrtrauensmännern 
seines Handwerks nnd vor dem gesamten Stande Reebenscbalt geben 
nitiss über die gute Ausnützung der Lebrzeit, dann mag dies für ihn 
ein um so gr()sserer Ansporn sein, niebt nur zu tun und zu lassen, 
was ibm die Pfliebit gebetit, niebt nui' die Lehrzeit \-ertragsgemäss 
zti vollenden, sondern sie mit Lbren zu vollenden und die Anerkennung 
aks tüebtiger Ik'rutsgenosse sieh zti erwerben. 

Die Prüfung briniit einem einsiebtii^en, <2ereiften lüniJiinu zum Bc- 
wusstsein, wie viel ihm noeh zu seiner volkständigen Ausbildung fehle, 
und wie jedes bessere Wissen und Können ihm selber Nutzen bringe. 

Die Lebrlingsprüftmgen nützen aber aueb dem Lehrmeister. Der 
Ansporn für den Lehrling, seine Lehrzeit m(\gliehst zu nützen, seine 
Pfliebten ernster zu nehmen, kommt ebensowohl dem Lehrmeister 
zti gut. Das Lehrverhältnis wird gefestiiJt, wenn der Lehrling nur 
unter der Bedingung, dass er seine Lehrzeit vertragsgemäss vollendet, 
atit den Lehrbrief Ansprueh machen kann. 

Ln Kanton Zürich haben seit 1880 im ganzen 3635 Lehrlinge 
die Prüfling bestanden. (Siehe umstehende Tabelle.) Das Bestreben 
des Handwerkerstandes geln dahin, diese Prüfungen obligatorisch zu 
machen, der Nutzen derselben ist sozusagen unbestritten. 

/'7//- ilic ho II fliehe AiishildiiUi:^ der aiisf^eleniieu Arbeiter und der 
Meister selber stehen verschiedene Mittel zu Gebote. In erster Linie 
das Wandern, das seinen Wert und Reiz auch heute noch nicht 
\erloren hat; es ist für viele Handwerke geradezu eine Notwendigkeit, 
sonst würden sie von der ausländischen Konkurrenz bald überflüijelt. 
Als teilweiser Ersatz für das Wandern und zur WY^terbilduui' er- 
fahrener Meister dienen die Reisestipendien, wie sie in früheren 
Jahren cMter als in letzter Zeit ausgerichtet w tirden. Ahm hat auch 



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— 119 — 

W'aikicrvorträgc abgehalten (sie wurden besonders in d^'U achtziger 
lahi'en oft verlangt), um die Handwerker autzuklären und aul besonders 
wielitige h'ragen autnierksani zu machen; man (M^lnete 1-achkurse 
von kürzerer oder längerer Dauer an, die besonders in Spezialitäten 
eine weitere Ausbildung xerschallen sollen; man schuf Gewerbeniuseen, 
die Anschauungsobjekte entlialten, und die rddi^enossenschatt errichtete 
ein Landesmuseum, das auch dem Gewerbe als treffliches Bildungs- 
niittel dienen kann. 

Über diese beiden letzten Institute wollen wir uns in besondern 
Abschnitten aussprechen; die andern Punkte sind bereits besprochen 
worden oder sind in dem Abschnitt über Gew erbemuseen zu linden. 

Dem Technikum in W'interthur sei der nächste Abschnitt ge- 
widmet; es liat eir-e grosse Ik'deutung erlangt. 

fj) Das Technikum in Winterthur. 

(J)as Technikum ist die Hochschule des Handwerkers», sagte 
der A'ereinspräsident Ivüegg an der Delegiertenversamnilung in W'in.ter- 
thur im J-rötTnungsjahre (i^jj) der neueii kantonalen Anstalt, lu" 
tmd alle Anwesenden iiatten damals wohl keine Ahnung x'on der 
gewaltigen Ausdehnung mul wachsenden Bedeutung, die das Tech- 
nikum im Laute der Zeit bekommen werde. Die durchschnittliche 
Schülerzahl beti'ägt in d^w letzten Jahren über 600. Am meisten 
frequentiert ist natürlich die Abteilung lür Maschinentechniker, ist 
doch Winterthur die Maschinentabrikstadt par excellence. Die Anstalt 
ist eine echt schweizerische, nur zirka '/m aller Schüler sind Aus- 
länder tmd von den 90'* Schweizern sind annäiiernd die Hälfte An- 
gehörige anderer Kantone. 

Urs}'>rünglich waren tolgen.de tunf bachschulen eingerichtet : für 
Bauhandwerker, Mechaniker, Ghemikei', Kunstgewerbetreibende, Geo- 
metei'; jetzt tiiulen wir iieun Abteilungen: lür Bautechniker, Maschinen- 
techniker, bdektrotechniker, leinmechaniker, Chemiker, Kunstgewerbe- 
treibende, Geometer, Handelsleute, l:isenbahnbeamte. 

Ursprünglich wii'kten 5 Fiauptlehi-er und 4 Hilfslehrer an der 
Anstalt, jetzt zählt sie 36 Hauptlehrer und J 2 Hilfslehrer. 



— 1 2() — 



Die Auiiiabc des Te^linikiiins besteht d 



Irin, diejenigen Kenntnisse 



y.u \erniitteln, welche dem Teelmik 



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denken, entweder vor Be^i^inn der Studien odei' d, 
der ersten Semester eine pi'alsti.sche I 



mn nach dem Bestich 



ehre durchmachen, 



Das L'ntei-richtspr(\L;ramm der .SV/'///,' ///; luviferhi/ikcr nimmt atif 



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uw'j: y.u ermoi-Mcheii, im Sommer l 



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nachzui^ehen und den Winter zu ihrer theoretisclien Ausbildung zu 
benützen, werden die I. und die III. Kkisse atich im Winter dtn'ch- 
i^etührt. Beim Maschinentechniker, Idektrotechniker und 1 
niker sollte die Lehre, wenn immer möi-lich, dem Scluilb 



einmecha- 



estiche x'oran- 



liehen. 



Mit 



iiutem 



La-t 



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kann indessen atich toli-ender W 



<tims ahsolviert, hieratil iokt 



einoeschkii^en werden : Nach dreijährii^em Besuche der Sekunda 

wird die I. und IL Klasse des Techniktims al 

die praktische Lehre in der Werkstätte oder Bertifsschul 

reiht sich der Besuch des 1-achunterricht 

Klassen der Schule bieten. 



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Als Antraben der einzelnen I-achschul 



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Schuh' für BantccJjiiikcr will ihre ZöL;lini^e befa! 
Konstruktionen an Zivilbauten zu entwerh 



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Steinhaueri^eschäft) rationell zu betreiben. Sie sucht das X'erständ: 
tür architektonische \'erhältnisse und Cdied 



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ei'uni>en derart auszti 



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duss die Schüler auch nach dieser Richtuni» bewusst arbeiten kcMinen 



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nd somit die Obliegenheiten eines Bauzeicl 



uiers, 



Bau! 



ührers oder 



Zivilbaumeisters zu erfüllen iiustand 



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Die Schule Ji'ir Maschinentcchtiikcr hat in erster Linie die A 



bildung von ALischinentechnikern im Au^e 
Aut_^aben der Konstruktionsbureau x l: 



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ewachsen sind und soiuit eine 



Zwischenstellun,i; zwischen dem einfachen Zeichner und dem leitenden 



121 



Iiiijenieur einnehmen. Fdu'iiso will sie Schüler, die sich der Werk- 



"11 



Stättenpraxis widmen wollen, m denjenigen Lächern, die ihrer später 
Tätigkeit entsprechen, theoretisch vorbilden und ihnen dadurch bei 



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Uizunir eine i'ewisse 



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eiJenheit vor dem 



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aktiker verscliallen. Industrielle, die auf Maschinenbetrieb 



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issements ani^^ewiesen sind, werden durch die Anstalt 
üdet, dass sie ihre Arbeits- und Ik'triebsmaschinen 



seihstandiii: studieren und heiirteiien 



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erner den iX'duiMnissen derienii^en 



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welche die Hotline V;rundlai;e Itir s[\Uere rachstudien m de: 
und Webereitechnil 



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MUiierei- 



ucwiimen wollen. 



Die Schüler der Abteiluni^ für lilchlroicchiiihcr sollen belahii^t 



iischen Labrikations- 



wei'den, sowohl als Konsti'ukteiire in elektrotechr 

geschälten, als atich als theoretisch tmd praktisch gebildete Installateur 



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Die Schule lur /- 



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hhiiiikcr sorat lür die Ausbilduni: von Werk- 



iilirern tmd 



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eistern aui dem 



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.^iete der mechanischen Kunst. 



Strebsame junge Männer, welche die Lehrzeit hinter sich haben, sollen 
die zur Konstruktion phvsikalischer und chemischer Deiuonstrations- 
apparate und physikalisch-technischer und geodätischer Messinstrumente 
notwendii^^e theoretische Bildung; erhalten. 

Die Schule für (Jjciiiikcr bezweckt die Heranbildung zur chemi- 
schen Praxis in Gewerbe und Industrie. Sie gewährt daher, nach 



G 



ewiniuiuL;: der lür alle chemischen Industrien notwendi^^en al 
gemeinen theoretischen Ausbildung, den Schülern Geleo-enheit 
Spezialstudien in einem bestimmten Lach und nimmt dabei 



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welche sich chemischen 



oder Druckers JUicksicht. Lür Schul 
Industrien widmen, in denen ALischinenbetrieb unentbehrlich ist 
(Zementtabriken., Ziegeleien, Papierfabrikation, Gerberei), ist der suk- 
zessive Besuch der Schulen für ALischinentechniker und Ghemiker 
Lianz besonders Norteilhaf't. 



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Die Schuh' für Gconielcr setzt sich in erster Linie die Ausbild 



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K'reittmiJ zum 



(ieometerexamen der Konkordatskantone zum Ziel. 



— J 22 

An Jcr Scljiilc für Kinistonverhe wird Untcrriclit erteilt in kun.st- 
.i^cwci-bliclicni Zeichnen und Modellie'.-en, mit Min.sjb.kiss der zui^ehori^en 
Hiltstächer. l-'iir l^ekorationsnuiler, Hildliaiier und 1 lol/sclinit/er, welche 
sich über den Besitz eines i^enüi^enden (jrades berutsteJmiseher Kennt- 
nisse und lertii^kciten ausweisen können, bietet sie auch (ieiei^enheit 
zu {iraktischen Cbun^en. Sie gewährt denjenii^en Schülern, welche 
eine weiteri^ehende kunsti^ewei-bliche Ausbildun^i^ aiistreben, eine gründ- 
liche \'orbereituni:. 

Die Iliiihlelssch/ilr \\]\\ juui^e Leute, die sich dem Handel widmen 
wollen, aul ihren künttii^en Herut" \-orbereilen. 

Die Srh/i/r für liisciihaJ.mhcüiiilc stellt sich die Aul'ijabe, iuiiüe 
Leute aul den Idsenbahndieust vorzubereiten. 

Das lechnikum verschatl't seinen Schülern ^ew(>hnlich eine .sichere 
Lebensstelluni;. In ^l^n mechanischen Werkstätten des In- und Aus- 
landes arbeiten sie als Maschinenzeichner, Konstrukteure, Listalla- 
temv u. s. w. Die (dieniiker wirken mit lautem luloloe in L'ärbereien, 
Druckereien, l^leichereien, oder sie wenden sich der 1 lerstelliini^ von 
Papier, Zement oder Seife zu. Die Bautechniker linden ein lohnendes 
Arbeitsfeld als Baumeister, I^auiuhrer, Bauzeichner. Die (ieometer 
wirken m vielen 'IVilen des Landes als Katastei-i^eometer, als (iehilten 
bei Llusskorrektionen, am Bau von llihnen, auf städtischen Bureatix. 
Idne Reihe von hervorragenden Dessinateiiren, Dekorationsmalern, 
I^ildhauern, Idthographen und Photoi^n-aphen haben sich in W'interthur 
ihre Ik'rufsbildum; i^^eholt. 

V^ Das schweizerische I.andesmuseitm. 
Als eines der schönsten BildunLjsmittel für unser \'olk betrachten 
wir das schweizerische Landesmuseum in Zürich. Neben der kultur- 
historischen Bedeutung; als Xationalnuiseum fällt demselben eine Auf- 
gabe zu, die wir als weitaus die wichtigste und tiefstgehende be- 
zeichnen müssen: l<s soll nicht nur dem (belehrten und Kunstkenner 
xMaterial zur borsclumg bieten, den geschichtlichen Sinn im \'olke 
wecken und erhalten, es soll zugleich im weitesten Sinne l^ildum^s- 
stätte (ür Handwerk und Gewerbe werden und als wesentliches Moment 



— 12^ — 

für die HebuiiL; des nationalen Kunstgeiühls und Kunstverständnisses 
w irken. 

hn lahre i(S9i wurde Zürich als Sitz des Landesmuseums er- 
koren und 1896 ütfiiete die neue eidgenössische Bildungsstätte ihre 
Pforten. 

Die Reihenfolge der vielen Säle ist chronologisch, d. h. der Zeit- 
foli2e nach ijeordnet. Li wenigen Stunden lassen wir so beim Durch- 
wandern derselben die gesamte Kulturgeschichte unseres Witerlandes 
an uns vorüberziehen. 

Lii folijenden wollen wir in aller Kürze auf das aufmerksam 
machen, was den fLmdwerker besonders interessieren kann, was ihm 
lür seinen IkM'ui beachtenswert erscheinen mag. Wir werden also 
nicht alle die vielen Säle beschreiben, sondern nur einige lür unsern 
Zweck besonders geeignet scheinende hervorheben. 

Lii ersten Saale linden wir die prähistorischen Altertümer, die 
Funde, die aus der vorgeschichtlichen Zeit gemacht wurden. Sie sind 
gruppiert in Höhlentunde, Plahlbautunde und Landtunde. \\'ir über- 
gehen diesen Teil, so interessant er auch ist. Xur das sei bemerkt, 
dass drei grosse Kulturzeiten unterschieden werden, die Steinzeit, 
Kupfer- und l^ronzezeit und die Eisenzeit, und dass vielleicht Jahr- 
tausende vergingen, bis die Ureinwohner unseres Landes wieder eine 
Stule h{)her stiegen. Mit der langsam steigenden Hntwicklung wurden 
aucbi die handwerksmässigen Erzeugnisse der Bewohner schöner; wir 
sehen mit W-rwunderung wirkliche Schönheit der L'ormen an sehr 
vielen Gegenständen des täglichen Gebrauchs. 

\m folgenden Saale erblicken wir römische Funde. Wie mit 
einem Schlage änderten sich alle Wndiältnisse in unserm Lande : Kunst 
und l^ildung zo^en mit ^^n R()mern in unser Land ein : davon zeuijen 
die vielen ausgestellten Gegenstände. Als nach vier Jahrhunderten 
Roms Herrschaft dann auch bei uns gebrochen wurde, verschwand 
plötzlich last alle Kultur, denn die von Norden hereinflutenden Ale- 
mannen zcrsttM'ten alles Römische; sie brachten rohere Sitten und 
Gebräuche. 

Im dritten Saale sind l'unde aus dieser Zeit zu sehen. Im 
folgenden tesselt uns das l{rwachen unserer Schweizerkiinst, die im 



- 124 - 

Mittelalter bci;innt und sich bis auf unsere Tage erstreckt, jetzt erst 
beginnen die eigentlichen künstlerischen Genüsse. Hier a nickt uns 
die Irühgtnik mit mildem christlichem Grusse entgegen». Di. Kirchen 
und Klöster, die durch Schenkungen und Vergabuntren immer reicher 
und mächtiger wurden, begnügten sich nicht mehr mit dem schmuck- 
losen Innern ihrer Räume und einfachen Gebeten und \'orlesungen, 
Auge und Ohr wurden gefesselt durch Pomp und Prunk. So ent- 
standen die reichen Ausstattungen und \'ei-/ierungen der Altäre, der 
Decken, Wände, Böden und Stühle. 

Im Zimmer Ml. l\ekonstruktion eines Zimmers aus dem Hause 
« /um Loch » in Zürich, zirka um das Jahr i 306, werden wir in eine 
Zeit zurückversetzt, in der die Städte anfingen, auf Unkosten des 
schon im Niedergang begriffenen Adels sich mächtig zu entwickeln. 
Mit dem Adel beginnt der mittelalterliche Geist zu schwinden, ein 
neuer ringt sich empor. iJie Bürger entreissen den Rittern die Zügel 
di-v Regierung und regieren sich selbst; besonders der Handwerkerstand 
kommt empor und bleibt stark durch seine Zünfte, die \'ereinigung 
gleicher Berufsarten, und gelangt zu Wohlhabenheit und Anseilen. 

Damals biklete sich auch die Kniest der Glasmalerei aufs schönste 
aus. Man ist heute noch überrascht \-on J.er 1 arbenpi'achl dvr frühern 
Glasgemälde, xon deren j-rische und <.\l]]] w uwdv ihAwi] (;lan/e. Die 
Blütezeit der Glasmalerei feierte die Schweiz in d^v Mitte des ]b. ]:\\]v- 
luinJerts. Die Schweizer (/iasmaler ver>tanden ihre Kunst ausi^ezeichnet 
und genossen auch im Auslande grossen Ruf. Als einer dei' tüchtigsten 
wird Karl \on Agei'i in Zürich genan.nt. 

Die Schatzkammer, die m.ii ihren kostbaren Gütern Jjebssicher 
unter der ka\le liegt, zeigt \-or allem die Kunst unsere!' Alt\-()rderii. 
Da sind untergebracht: Kirchliche und weltliJie Silbergeräte, Ziinft- 
becher, hist(^rische Kleinode, Kette des lUn-gernieistei-s Hans Wald- 
maim, Becher des Antistes l^ullinger (ein Cjeschenk der Romain 
Hlisabeth von luigland vom jähre 13 60), siibervergoldeter Becher 
\on 1)69 (das (beschenk dei" Hauptleute au Oberst Ludwig Pt\l]er 
zum Andenken an dessen leldzüge in l'rankreich von 1)6; i)69), 
Zwinglibecher etc., eine grosse Zahl hervorragendster Denkmünzen 
und .Xk'daillen. 



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- 125 - 

Die Ratsstube von Mellingen ist die erste Zimmereinrichtung, die 
durch ihre geschichtliche Treue uns zurückversetzt in die glänzendsten 
'Lage unserer alten Lidgenossenschaft. Wir finden in diesen Zimmern 
keine Ausstellungsschränke, keine langen Reihen langweiliger Kästen, 
wie in gewöhnlichen Museen, sondern frische, lebensvolle Dar- 
stellungen der Zustände vergangener Zeiten durch ganze Zimmer mit 
Decken, Böden, I-riesen, W^änden, Lenstern, Glasscheiben, Möbeln, 
Ofen und Zimmerschmuck. So in dieser Ratsstube, in den folgenden 
drei Ziiumern aus der ehemaligen kVaumünsterabtei Zürich, in der 
Apotheke, im W^illiserstübchen, im Zimmer aus dem ehemaligen 
Frauenkloster am Otenbach in Zürich, im Prunkzimmer aus der 
Gasa Pestalozzi in (diiavenna, im Renaissancezimmer aus der Rosen- 
burg in Staus, im Wiggenzimmer, im Seidenhofzimmer, im Winkel- 
riedzimmer, im Münsterzimmerchen, im Biascazimmer, im Lochmann- 
saal, in der untern und obern Kapelle. 

Im Kreuzgang (Hofseite) sehen wir deutlich den Übergang des 
romanischen Stiles in den gotischen ; die Lensterbögen sind hier noch 
nicht so spitz, wie beim entwickelten gotischen Stile, sondern, an 
dL'u romanischen Kundbogen sich anlehnend, ziemlich flach. Die 
l'eiistei- aut der entgegengesetzten Seite hingegen sind mit echt 
gotischem, schönem Masswerk geziert; die Glasgemälde gelangen zur 
schcMvsten l-nttaltimg. 

In den Konidoren zeigen sehr wertvolle, stilgerechte Möbel, 
w ie lUiflette, Truhen, Schränke und Stühle aus der Ost- und W\\st- 
schweiz die X'orzüge des Renaissancestiles. Dieser Stil hat die 
griechisch-rcimische Kunst wieder erweckt und selbständig ausijebildet ; 
die Renaissance ist der Kunststil der neuen Zeit (seit deiu 15. lahr- 
hundert) geworden und aus ihr gingen die Abarten des Barocks 
tmd Rokokos hervor. — In Glasschränken sind die schönen Lr- 
zeiignisse der i-üssli\schen Lrzgiesserei (16. bis 18. Jahrhundert) 
ausgestellt. 

Daran schliesst ein Lichthot, der hoch oben unter dem obern 
Ciang eine durch die Güterzüge interessante Decke trägt, die Balken 
sind reich geschnitzt. Sehr beachtenswert sind die flachgeschnitzten, 
spätgotischen b'riese, die hier gleichsam als Mustersammlung hoch 



— 126 



127 



ohcn an ckr Wand ülKTcin ander an^cbraclit sind, sie bieten eine 
l'ülle \(>n /.eie!iniini_;en. 

Del' l.ochniannsaal ist in Ikii-oekstil i^elialten. Diese Stuart ist 
eine Ansartnni: des edeln Kenaissaneestiles und zeichnet si^li aus 
duieii l'lx'rladiini^ und 1 laui; /um Absonderlielien. l'ine 1-ortbildtni^ des 
Bai'oekcs ist der Kokolxostil, L;ekennzeielinet dureli das Cjeselnioi'kelte, 
Muselieknli^e in dei' Ornamentation. Der Ofen, vom bei-iihmten 
Hatner David Ptau von W'intertliur, stand iViilier im Katliaiise Zürich 
luul wai- ein (.eschenk der Stadt W'interthur ; ei" enthält Darstelluni^en 
aus der Scliwei.'ei'i^eschichte u. a. m. X'on den ( ihisLjemälden treten 
hier zum erstenmale die soi^enannten ( iriNaiHesclieihen aut, sie sintl 
gi'au in L;!'au mit verschiedenen Scliattierun^en i^emalt. 

Die ohei'e ^otisciie Kapelle zeichnet sich aus dui'ch ein stein.ernes 
spätLjotisches 'l'rn'Ljericht mit schon Ljeschnitzler Türe, diurch ein L;e- 
schmiedetes ( .hoi-^itter, das durch seine edeln, leichten, schmuckxollen 
l'ormen, durch seine (ha\iei"tini;en tmd \'erL;oldun_L;en sehr heaclitens- 
wert ist. 

Das Rokokozimmer enthält die SjK-zialsammlunL; von ((Zürcher- 
por/ellan» aus der ehemaliL;en hahrik im Schoren hei Hendiikon. 
Wir staunen, wie \-or hundert Jahren die Porzellanerzeui^nisse auf 
iinserm l)oden so herrlich i^elauLjen, luid l^eiiauern nui', dass dieser 
Industriezweig; uns ijanz \erloi-en jjei-ani'en ist. Wie schmuck und 
reizend sind die Dai'stelluni^en der in lehhalten TcHien i^emalten 
Blumen, Landschalten und läi^uren ! 

Die keramische Sammlung enthält im ei'sten Kabinett drei Winter- 
tluu-er Oten, Winterthurer Oienkacheln und Platten. b'in grosser 
Teil (i6oo Stück) der Sammluni^ ist vom trüheiai Direktor des 
Landesnuiseums, Herrn An^st, geschenkt. Der (Jeher hat dem be- 
züglichen Katalog IkMUerkuni-en über die Winterthurer Hainerei 
beii^ei^^eben , ans denen wii' ntu' loli^endes entnehmen: Mit ihi'en 
Antanzen noch im i6. Jahrhundert wuizelnd und bis in die Mitte 
des i(S. hinunterreichend, blieb die Winterthurer Hainerei wähi'end 
des ganzen 17. |ahrhunderts luuimschränkte Heirin aul diesem Vvo- 
duktionstelde \\\ dei' Ost- und Zentralschweiz. b's konnte bei uns 
nirgends eine ernstliche Konkurrenz i;eL;en sie autke)mmen; ja, ihr 



Rut wai' so i^ross, dass trotz den vielen W-rkehrs- und Transport- 
schw iei'ii^keiten jene! Zeiten die Winterthurer Hatner nach Süddeutsch- 
land, nach dem N'oi-arlbei'i^ und in die entlegenen Täler Gi'aubündens 
Oten lieterten. !)esondei's eingebürgert war das Hatnerhandwerk in 
den tli'ei bamilien Phiti, Pd'hai't und (iral, woi'unter die erstgenannte 
von Antang an die leitende Stelle einnahm und sie andei'thalb Jahr- 
hundert hindurch behauptete. Die ((Schweizer()ien » , wie sie im 
Auslande schlechtweg genannt wurden, hnden sich jetzt in l]ij]] meisten 
ktmstgewerblichen .Mtiseen und keramischen Privatsammlmigen der 
Kachbarländei', sowie in den Schlössern ii'emdei' Hei'i'eii, während in 
der Schweiz selbst vollständige P>xemplare recht selten geworden sind. 

Ti"otzdem der Bezug gemalter Oien von Wintei'thur den Stadt- 
zürchern bei Busse verboten war, wurden dort von den reichen Leuten 
beständig l^estellungen gemacht, 16^2 wurde sogar für die neuge- 
gründete ziu'chei'ische Stadtbibliothek in der Wasserkirche xon den 
Winterthurer Hahiern ein iarbiger Idiesenboden erbeten und 1699 
schenkte der Rat von Winterthur die drei prachtvollen Ptau-C^len 
in das neue Kathaus von Zürich, liiner davon, beiludet sich noch 
an C^rt und Stelle; die beiden andern haben in dem schweizerischen 
Landesmuseuui eine bleibende Stätte gelunden, wo der eine in dem 
« Lochniannsaal », der andere in dem «Winterthurer Kabinett >) aut- 
gestellt ist. Tatsächlich blieb Zürich seiner Untertanenstadt Winterthur 
in dieser Beziehung ein volles Jahrhundert lang tür öfTentliche und 
private l-^auten tributpflichtig. 

Allein nicht nin- aui die Erstellung gemalter Oien erstreckte 
sich die Tätigkeit der Winterthurer Hatnerwerkstätten ; Hand in 
Hand damit ging vielmehr eine erst in neuester Zeit nach ATa'dienst 
gewürdigte, ergiebige P'abrikation von Gegenständen des häuslichen 
(jebrauches, wie Schüsseln, Platten, Tellern, Krügen und sogar von 
I längeleuchtern. 

Wir übergehen die Trachtensammlung und treten in den letzten 
Saal, in die grossartig ausgestattete, kirchenähnliche Watlenhalle ein. 
Die alten Schweizer waren ein eigentliches Kriegsvolk; gewerbsmässig 
gaben sie sich dem \\'aflenhand\verk hin. Fanden sich zu Hause 
nicht Händel genug zuni Ausiechten, so zogen sie in fremde Lehden. 



- 12R - 

So war iKitürlicIi der Rcd.irt' an Krici^szcug alle!' Art gross. X'olhmi 
waren bcschäüigt die Sehwcrtici^cr, die Wadens^-iiniiede, Hü^diseii- 
maeher, Degen- und Messerseiimiede, /eULVsehniiede. So sehen wii' liier 
Küst- und W'elii'/L'Ug aller Art, \o\] L'raiters lier Ms aut unsei'e Zeit. 

Damit haben wii" nnsei"n i'aschen (ian^: durch das I.andesnurscuni 
beendigt, l'i' luit uns ansehaulieh die (iesehiehte des I landwerkes 
Ue/eigt, das sieh wiihrend der Bliite/eit in dc\} meisten /wei^^en in 
solcher X'ollkonuuenheit dai-stellt, dass wir eine hohe Achtimg vor 
dem damaligen arbeitenden (Geschlecht bekonuuen. 

M(")chte doch dieser Tempel unserer alten Kunst noch viel mehr 
besucht w'ei\len, dass der ( Geschmack der Massen wieder erwachte 
und auch dem I fandwerk /ugut kaiue, das heute mehr deim je durch 
(Geschicklichkeit imd Intellii^enz /eilten muss, wie es S(^ viel mehr 
W'ariue in die Ljetertigteii Gegenstände zu leiten vermag aK das kalte 
lusen der Maschinen, die es dem I landwerksmanne so schwer machen, 
den goldenen Boden seines Berutes zu schauen ! 

Schliessen wir mit den schwungvollen Worten unseres Lands- 
mannes 1. (k 1 leei', der sich in seinem <f 1 elix \ot\est^> so ausspricht : 
((Die Ik'sucher treten an die Kunst der X'orfahren heran, sie wandeln 
\ou jenen lernen Zeiten an, wo das X'olk in d^n Il()hlen der Berge 
wolmte oder seine Hütten über den Wassern der Seen aukschlug, 
durch lebensvolle l^ilder der (Geschichte, durch tausendjährige schlichte 
Klosterpforten, durch wappengeschmückte Kitterstuben, und plcHzlich 
blüht ihnen die Kunst jener grossen Zeiten, entgegen, in welcher das 
Land seine laeiheitsschlachten geschlagen hatte, das vorher aiaue 
\\)lk zu Wohlstand i-ekmLit war und einen jahihundertlaui^en l-'rüh- 
liuL» uationalei' Kirnst erlebte. 

Die Besucher schreiten staunend weiter, sie treten in das Zimmer 
der Äbtissin mit den farbigen, tlachgeschnitzten l'riesen, dem bunten 
Rankenwerk und den humorvollen Spruchbändern. Sie wandern 
durch die ehrentesten Katssäle kleiner Städte, sie ruhen in alten, 
gemütlichen Städter- und D(>rtlerstuben, und dem Bürger und dem 
Bauern wird das Herz in den kunstgeschmückten Hauswesen der 
\\)rfahren weit. Sie ertVeuen sich au den alten, sch-Mien Ölen mit 
den Bilderkacheln; die bYauen kiMinen den Blick last nicht von den 



— 129 — 

l^lumen, Sonimerv()geln und ländlichen Szenen der buntbemalten 
Gescliirre wenden; die Handwerker schauen still und verleben nach 
den blanken Meisterstücken der Schlosserei aus der Zeit der Zünfte, 
nach den Geschnitzten 'Lruhen und vSchränken der Renaissance und 
llüstern einander zu : «Unser gegenwärtiges Können bleibt hinter der 
Kunst der Alten zurück!» Jeder Besucher lässt sich durch die Bilder 
der \'ergangenheit lessein, der eine, weil er spürt, dass er da An- 
regung iür seine eigene Arbeit holen kcHinte, der andere, weil sie 
ihn so merkwürdig anheimeln, und die Krauen sind die lebhaitesten 
Schwärmerinnen Iür die alte Kunst! 

Sie i^ilt in den Auijen des Volkes als die Krone der irrossen 
Arbeitsrundschau und wirkt wie eine grosse, freudige Entdeckung 
aus dem verllossenen Leben des eiirenen \'olkes. 

«Sonderbar,» sprechen die Besucher, «uns ist in der fugend 
inuuer erzählt worden, wie meisterlich die \'oriahren in den Schlachten 
di'eingeschlagen haben; aber wer wusste, dass sie in Lriedenszeiten 
ihre Häuser mit so viel gemütvoller, sinniger Kunst ireschmückt haben !» 

lun schönes, neues Blatt der ruhmvollen Landesgeschichte liegt 
vor aller Augen aulgeschlagen. » 

0^ n/f Gewerbcmiisecn in Zürich und Winterthur. 

Fachkiirse. 

Die beiden Anstalten wurden von den beiden Städten in lobens- 
wertem Wetteifer zur i^leichen Zeit, 1874, gegründet, lun ursprünglich 
geplantes interkantonales ostschweizerisches Museum kam inlolge- 
dessen nicht zur Auslührung. 

Laut dem Memorial der Zentralkommission der beiden Museen 
von 1877 an d(:u hohen l^euierun^^srat sind beide Anstalten aul 
gleicher Gi-undla"e basiert und verloli^en ähnliche Ziele, inuuerhin 
geben die lokalen \'erhältnisse und die in nächster Umgebung herr- 
schenden (Gewerbe jeder der beiden Anstalten ihre besondere Lär- 
bung. Beide haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Kunst im Ge- 
wei'be zu Icirdern, Schönheitssinn und Geschmack beim LLuulwerk 
speziell und im Publikum zu bilden; iiu weitern das einst in der 
Schweiz blühende und weitberühiute Kunstgewerbe wieder zu be- 



— 130 — 

leben, dem Haiulwcrkei" überhaupt Gelegenheit zu bieten, sieh tech- 
nisch und künstlerisch zu \ervollkünininen. 

Aus diesen Sätzen ertahren wir, dass das Hauptziel der beiden 
Anstalten am Anfang im wesentlichen dahin ging, das Kunstgewerbe 
zu tcM'dern. So legte man denn auch die SiViiiiilmi^cii entsprechend 
an. In den Jahren 1878 — 1881 wurden an der Pariser Weltaus- 
stellung, an den Cewerbeausstellungcn in Düsseldorf und Idorenz 
tind an den Ausstellungen in brankfurt, Karlsruhe und Stuttgart b'r- 
zeugnisse des Kunsthandwerks gekauft, bür 188^ wählte man die 
Sammlungsobjekte in der Hauptsache unter den aul der Landesaus- 
stellung in Zürich erschienenen Gegenständen. 

1884 zeigt hauptsächlich Anschatlungen von (Gegenständen 
früherer bdu'hunderte, aber auch aus dem Cjebiete der neuen Technik, 
hauptsächlich von München. \'.s wurden namentlich die in den Samm- 
lungen noch wenig oder gar nicht berücksichtigten Arbeiten der 
Drechsler, der Kupierschmiede, der Zinngiesser und Schmiede, soweit 
letztere Bezug haben aul den praktischen I lairsgebrauch, erworben. 

1885 weist Anschatlungen aut durch Delegierte, welche die 
Städte Xürnberg, Leipzig, Berlin, ILumover und brankkirt a. M. be- 
suchten, 1886 solche von London, hauptsächlich aus der Keramik, 
1887 von Bozen und W'uedig aus dem Gebiete der I lolzbildhauerei 
und der venetianischen (dasindustrie, auch für Betriebsmaschinen 
des Kleingewerbes wurden grössere Anschatlungen gemacht. 

Bei Anlass der Zuteilung der Bundessubvention waren dem Be- 
richte des eidgen()ssischen b^xperten 1887 Ik'merkinigen eingeflochten, 
welche die Zentralkommission zu ernstlichen Beratungen veranlasste. 
Es wurde ihr nämlich der W")rwurt gemacht, dass in den letztjährigen 
Anschatlungen für die beiden Anstalten einseitig vorgegangen worden 
sei. Die Kommission sollte wom()glich darauf trachten, die Sanuu- 
lungen der Museen entsprechend ihrer Ik^ieutung zu ergänzen, 
Winterthur mehr nach der technischen, Zürich dagegen mehr nach 
der kunstgewerblichen Richtung. 

Gemäss einem Programm, welches nun ausgearbeitet wurde, 
nahm in Zukunft das Gewerbenuiseum in Zürich mit llücksicht aut 
die eben gegründete Lehrwerkstätte für I lolzarbeiter speziell An- 



— 131 - 

schatlungen in sämtlichen die Möbelindustrie bctrefTenden Objekten 
vor, während dasjenige in Winterthur die Anschatlungen mehr 
den Bedürlnissen der Berufsschule für Metallarbeiter anpasste. Line 
weitere Arbeitsteilung bestand darin, dass Zürich der Wn'vollständi- 
gung der Sammlung von Arbeiten in pAlelmetallen, der dekorativen 
Künste, sowie der Textilindustrie ein Hauptaugenmerk zuwendete, 
indessen das Museum in \\'interthur bei der Aufnung der Sammlung 
neben dem Ciebiete der unedlen xMetallc die Keramik, die Glas- 
malei'ei und die vervielfältigenden Künste besonders beachtete. Ohne 
also die übrigen Zweige des Kunsthandwerks ausser acht zu lassen 
und so die Gesamtentwicklung beider Anstalten zu hemmen, waren 
nun zwei getrennte Wege angegeben, nach denen sie ihre Tätigkeit 
entfalten konnten. 

Li ^L-n folgenden Jahren machte das Gewerbemuseum Zürich in 
Berücksichtigung der vorgenommenen Ausscheidung zwischen den 
beiden Museen bedeutende Anschaffungen in Gold- und Silber- 
schmiede-, sowie Lmailarbeiten und Holzschnitzereien; \\'interthur 
dagegen vermehrte seine Sammlung in Kupferschmied- und andern 
Arbeiten in unedlem Metall, ferner durch Objekte der ALischinentecbnik. 

1891 erwähnt der Bericht, dass jetzt eine Anzahl Arbeits- 
maschinen eine Zierde des Museums in Winterthur bilden. 1893 fand 
Herr Direktor Ptlster an der Landesausstellung zu Lmsbruck eine 
ausgedehnte Ausstellung von Kleinmotoren der verschiedensten 
Svsteme und Konstruktionen, welche in \'erbindung mit Dynamo- 
mascb.inen, Akkumulatoren u. s. w. gleichzeitig die neuesten bort- 
schritte in elektrischer Kraftübertragung und Ikleuchtung dem Liter- 
essenten vor Augen führten. Diese spezielle Ausstellung wurde an 
zwei Wochenabenden in Ik'trieb gesetzt. 

Diesem X'orbilde nachfolgend, sollte nun künftighin bei An- 
schaffungen für die technische Sammlung des Gewerbemuseums 
Winterthur das ILtuptaugenmerk auf die Kleinmotoren in A'erbin- 
dung mit Llektrizität gerichtet werden. 

Ln 1901er Ik'richt finden wir betreflend Anschaffungen die An- 
regung des Herrn Boos-Jegher, es möchte küntlighin bei Anschaf'- 
fungen für die beiden Listitute noch in erhöhtem ALisse Rücksicht 






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aiit die praktisclk-n InJurtnissc des Cvwcvhc 
hniicu in erster I. 



^^ \NclJiein j.i Jic S, 11)1111- 



IHK' cliciien .sollen, i^ciKMnnien wcrJcn. Die Kon- 
nusslon sj-t dazu: .W'iv ucrdui Ivstivbt sein, bei AnsJ- 
diesem W'unsdie luidi/nleben in dev Hot 
stand wiTde au^" 



un^;, Oe 



un_L;en 
andwei'ker- 
iinii-ekelirt nnsern Hestrelnm-en immer mehr In- 
tere.sse cnt_L;ei^enbrin_i_;en. » 

_ l'm die (;ewerbemuseen auf der 1 Io!,e /u halten, wurde Non 
Anlano üir nöti.i^ eraehtel, ähnh'die Anstalten des AiisKindes cin- 
^^''_'''"';"' ''^^ studieren, besonders in be/ii- auf das Knnsiocxs erbe. 
Mitoh-eder der Museuniskommission, besonders die Direktoren der 
beiden Museen, unternahmen SHiJuiiirisni. Wir führen auf iNSo: 
Düsseldorf und l'lorenz; iSSi: Karlsruhe, kVankfurt. Stuttgart; 1SS2: 
Nürnberg, Wien; ,SS,: MünJicn; 188,: Xurnbei-, Leipzig, Berlin, 
ilannover, l'rankt'urt a. M. 

In diesem Jahre Hiessen die ersten Rciyrsli/vuJin/, im Px^tra-e von 
2)Oi) kr., die durch die Hundessubveiuion mo-lieh -eworden. Sie 
wurden den Lehrern der kunst^i^ewerbliJien Sehulen /ünJi und 
W'interthur und einigen strebsamen Handwerkern verabfol-t. Der 
'^'■'■';"''^ •''^■"^' ^'^ li'^l^^' ■^'■-■li ^li^'S^' \'crwenduno der Keisestipendien als 
in jeder Beziehun- luitzbrinocnd erwiesen; lie-c es doch auf der 
H'ind, dass der Lehrer besonders, der berufen ist, den kiinstoewerb- 
lichen L'nterricht zu leiten, durch die personliehe Ansehauuno miister- 
i^ültioer Ori-malwerke weitaus mehr Anivouno erhalten imis.s und 
''■'' '''^'^'' ■^^•llxständi-em Arbeiten sieh oetricben fühlt, als wenn er 
.genötigt ist. sieh nur aus den Büchern die nötioc Belehruno und 
L:i-weiteruno seiner Kenntnisse zu Iioleii. - - Li den beiden foliTciulen 
Jahren werden 2 pn) Lr. und i ^So IV. für Keisestipendien 'auso,- 
i^cbcn; es werden ihrer teilhafti- elf 1 Lmdwerksmeister und acht 
lA'hrer der kunstgewerblichen Abteilungen. ALt dem Lihrc 1887 
lu->i-cn diese Stipendien schon wieder auf, denn der Posten dafür 
nuisste bestrichen werden, weil das schweizerische Departement sich 
nicht cntschliessen konnte, Reisestipendien dieser Art in die ordent- 
liche Subventionierun- aufzunehmen. 1889 verabreiduen die Ahiseen 
eioch noch 2000 LV. an eine Anzahl Handwerker zum Besuch und 
Studium der Pariser Weltausstelluno. Der \-orsta,Kl des kantonalen 



Gcwcrbevereiiis nahm die Auswahl vor. Lii Jahre 1899 niusstc ein 
Gesuch des kantonalen Cewerbcvereins nm Ausrichtuno eines Ik'i- 
traocs \()n :;()()o lr. zum /wecke, einer orcisscrii Anzahl I Lmdwerkcr 
und (jewerbeireibeiiden den P)esuch di-v Pariser Weltausstellunii: zu 
erm()olichen, .ibschläoio beantwortet werden, weil oben oenannter 
Betrao von 2000 Lr. vom eidocnössischen l^xperten beanstandet 
wcM'den war. 

\\)]\ den Sl/icliri!rt'!S('ii der ALtoliedei' der .Xhiseumskommis.aon 
nennen wir lerner loloende: 1890: Ikaiin und Aue; 1891: Hamburg, 
Bremen, Kcku, P'ranklurt, Karlsruhe; Lranklurt, Karlsruhe, Xürnberg, 
Stuttgart; 1892: Ulm, ALmnheim, ALunz, K()]n, Amsterdam, Hai'lem ; 
189^: K()]n und Belgien; Stuttgart, Lmsbruck ; 189): L\-on, .ALiihind; 
189): Sirassburg; 1896: Xürnberg, Stuttgart; 1897: Stockholm und 
Leipzig; Paris -- Beauxais — Dieppe — Ronen; 1898: München, 
Augsburg, Nürnberg, Stuttgart; Wien tmd München; 1899: 'Pirol, 
Oberitalien, X'enedig ; Augsburg, Xürnberg und München; Stuttgart 
(im Landesmiiseum zu Stuttgart werden die \ ielen X'ersuchsmaschinen 
einmal w()chent]ich an einem Abend in Betrieb gesetzt); 1900: Pa- 
riser Weltausstellung; 1901: Karlsruhe, Darmstadt, Dresden, Paris; 
1902: 'Purin, Stuttgart; München, Xürnberg, Stuttgart, Karlsruhe, 
Pranklurt a. AL, Kr)ln, Düsseldori, Jk*rlin; Ahiiland, Waiedig, 'Purin. 

Die Mehrzahl dieser Studienreisen wurde von den Museums- 
direktoren ausgeführt; sie gingen ott nach Orten hin, wo zugleich 
eine Ausstellung stattiand. Über die meisten iindeii sich jeweilig in 
di-n Ika'ichten des /eiitralvorstandes wertvolle Studien. 

Als ein Mittel zur Hebung des Handwerks und Gewerbes wurde 
auch die Herausgabe eines Gciucihchlattes beschlossen. Ls erschien 
1876 unter dem Titel «Schweizerisches Gewerbeblatt, Organ der 
Gewerbemuseen Zürich und Winterthur)). 

Als Autgabe der Gewerbemuseen wird auch die Gründung von 
(]i'iL'crhcscJ.uilcii betrachtet. Line der Thesen des Referenten Me\-er- 
Zschokke an der Delegiertenversammluno des schweizerischen Ge- 
Werbevereins in Biel 189) lautete ja wörtlich: «Die Gewerbemuseen 
sollen der Zentralpunkt des gewerblichen l^ildungswesens eines Kantc^ns 
oder Landesteils sein. Mit den Handwerker- und Zeichnunosschuleii 



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sollen sie in cn-stcni KcMiUiktc stehen, derart, d.iss Jen Lehrern und 
Leitern dieser Anshiheii das Muster- und Ihhhoihekniaterial -eiiau 
bekannt ist und /.u Sehul- und Selhstbildun-s/wecken in mö-heiist 
ent-ei^^enkomniender Weise zur X'erlü-un,- -estelll uird. Auch ist 
soweit tunh'eh darauf Bedacht /u nehmen, dass für die ^i^enainiten 
Schulen nioi^lichst /weckmässioe und unsern schweizerischen \'erhäh- 
mssen entsprechende I.ehriniitel erstellt \Nerden, die ddun ]e nach 
Bedürfnis zu hilli-em Ihvise von den (iew erheinuseen bezo-eii werden 
k(')nnen.^) 

((Auch die Lehrerschaft der Primär-, Mittel- und höheren Sduilen 
sollte für die (^ewerbemuseen und deren Inhalt und Tati-keit in 
vermehrtem ALisse interessiert werden, um ihrerseits die W'ichti-keit 
und Nützlichkeit dieser den C;eschmack bildenden Institute den Schülern 
von jui^end auf einzupräi^en.» 

/entralpunkte des Gewerblichen Bildungswesens sind unsere 
beiden Museen allerdini,^s noch nicht geworden. Aber sie haben doch 
vieles zur Hebung des Bildungswesens getan. In /üridi und W'inter- 
thur dienen deren Sammlungsgegenstände in erster Linie auch, den 
gewerblicb.en Unterrichtsanstalten. Am erstem C)rt ist die Kunst- 
gewerbeschiile mit dem Gewerbemuseum in engem /tisammenhange; 
anfänglich war auch die Direktion beider Anstalten in einer Person 
vereinigt, und heute ist dies wenigstens interimistisch wieder der L'all; 
in^ W'interthur steht die Berufsschule für Metallarbeiter unter der 
Direktion des Museumsdirektors. 

Zum erstenmale kam die Zentralkommission 1889 in d^n l-'all, 
die Bestrebungen der Lehrwerkstätte für Holzindustrie am (iewerbe- 
nuiseum Züricli und die Berufsschule für Metallarbeiter in W'interthur 
zii unterstützen. 

Der Besuch der Lehrwerkstätte für Holzarbeiter betrug im ersten 
jähre ;./, der für Metallarbeiter ^..? Schüler; er ist seither ungefähr 
gleich stark geblieben. \'on beiden Anstalten werden zahlreiche Ar- 
^^y'^^-'; '^^i\^^'tuhrt, entweder zum Selbstgebrauch, meistens aber für 
die Kundsame; die erstere Anstalt bekommt hie und da auch Auf- 
träge von der lliuverwaltung der Stadt Zürich. 

Pic Anstalt in Zürich hat sich bisher mit provisorischen gemieteten 



n5 



Lokalen beholfen ; in W'interthnr dagegen wurde 1892 für die Metall- 
arbeiterschule Liemäss (jemeindebeschluss ein Neubau erstellt, der, 
zweckmässig eingerichtet, allen Anforderungen aul lange hin ent- 
sprechen wii'd. 

Bei der Metallarbeiterschule in A\'interthur dauern die Kurse lür 
Bau- und Kunstschlosser, Maschinenbauer, LVin- und lilektromeclia- 
niker :;, für Modellschreiner 2\-2 Jahre. Bei den ersten drei Ab- 
teilungen umfasst der praktische Unterricht im ersten Jahre 34, der 
theoretische 18 Stunden w()chentlich, im zweiten Jahre 32 resp. 20, 
im dritten Jahre 39 bis |2 resp. 10 — 15; die Modellschreiner er- 
halten in den ersten beiden Jahren je .\o Stunden praktischen und 
je 12 Stunden theoretischen Unterricht, im lüniten Semester nur je 
52 Stunden praktischen Unterricht. W'ihrend der ersten sechs Wochen 
werden die Schüler nach einem bestimmten Lehrgang iii den grund- 
leLienden \\'rrichtungen ihres LIandwerks ausgebildet, dann richtet 
sich die Beschäftigung nach den Aulträgen, die vorliegen. Die in 
den Werkstätten benutzten xMaschinen sind zum grössten Teil dort 
selbst gebaut worden. Pur die Maschinenbauerabteilung bietet sich 

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ein günstiges Arbeitsfeld in der Austührung von Maschinenrepara- 
turen, die zumeist von grösseren P^ibriken in Auttrag gegeben 
werden. Besonders werden Gegenstände bestellt, die sonst in Winter- 
thur nicht zu haben sind. Der Umsatz ist so gross, dass diese Ab- 
teilunu sich dadurch nahezu selbst unterhält. Pur die übrigen Ab- 
teilungen sind die Absatzverhältnisse weniger günstig. 

Dem Ik'ispiele unserer Nachbarn in Baden, Österreich und 
Preussen folgend, führte die Zentralkommission an beiden Museen 
Meislcrkiirsc ein. D.\ es bei W'ranstaltung solcher Kurse in erster Linie 
darauf ankommt, tüchtige Lehrkräite und geeignete Lokalitäten zur 
W-rfügung zu haben, so wurden, in llücksicht auf die bestehenden 
Lehrwerkstätten in Zürich und Winterthur, der Schreinertachschule 
und der Metallarbeiterschule, diese beiden Beruisrichtungen heraus- 
gegriilen und die Veranstaltung von Meisterkursen für Schreiner und 
Schlosser an Hand genommen. 

Das Programm dieser beiden Kurse knüpfte an die in Baden 
gemachten Hrlahrungen an und tasste neben beruflich-praktischem 



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mchtspro^ranini auhiahni, beschränkte siel 



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welche die l)urchfuhrun<^ solcher Kur 



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ein kommendes |ahr verschoben. 



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r 1901 wurde die Abhält 



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uiiU und Kalkulat 



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ion in Zürich und W'int 



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cini^^eladen. Der Mam^el 



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cnntnissen in bezu- auf die richtii-e bül 



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11, m der Kalkulation, der Kostenk 



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crechnuni,\ welche 



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^mission.swesen ari^e Mi.ss- 



- 137 - 

stände herxorruien, Hess eine Autklärunn uerade in diesem Punkte 



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als zeiti^emäss ers 



c h L' 1 n e 1 1 . 



In der Tat bestätie'te die starke Beteilii-unir 



beidei'orts, dass diese X'eranstaltun; 



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m wahren Bedürlm's ent- 



spi"UiU'e 



ist, 



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iem llauptzweck, der Un 



terweisunir 111 de 



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ani eler Wechsel- und Kontokorrent\-crkehr ein- 
htun(^ Während in Zürich über Kalkulation zwei 



getrennte Kurse lür Schreine 



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üosser \-erans 



taltet 



wurden. 



behandelte Winterthur d 



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oll nur Uir 



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ireiner in allgemeiner 



bonn. Die Beteihijuiu' war eine ijrosse, in Zürich 87, in 



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thur )7 i ersonen, darunter im ganzen ) 7 1 landwerkerlrauen 



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nission ist lIci 



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solcher J\urse von so kurze 



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Hier sei nicht hoch anzuschku/en. 



/') am (jcw erbemuseum Winterthur der erste bortbiiduni^skurs 1 



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u'er an 



■werblichen lortbildunijsschulen. 



Im lahre 1903 landen in Winterthur folgende K'urse 



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2. Instruktionskurs lür Motoreiiw arttii 



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IVilnehmerzahl i ;() 



l'nterrichtsdauer 10 Wochenabende von 8—10 Uhr. Prakti 



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sehe 



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emonstrationen sor Cjruppen \on i ) Teil 



nehmern. 



Meisterktirs !ür Betreibuni^s- und Konktirswesen. IVilneh 



mer 



zahl s8, Unterrichtsdai 



uer ,j Sonntai^vonuitta^e von 9-it'2 L' 



ir 



,|. bortbilduni^skurs in angewandter Projektionslehre für Lehrer 
an gewerblichen Lortbildungsschulen. Teilnehmerzahl 13, Unter- 
richtsdauer 2 Wochen. 



Die BeteiÜL^un^ an diesen Kursen war unentiJeltlich, der 1 



)esuc!i 



ein rei/elmassii'er u.ik 



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le erzielten ivesultate m ]e 



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Ir.edii^end. Den 'Leilnehmer 

der diesbezÜLjlichen theoretischen Abhandiun: 

leituhi,' ^e^eben. 

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/:///.■;'«//,• crl.iNHi,; Jic erste ,,U.w , S77, die zueile i.SS, mul die 
l.■l^;enden v..„ dann .,n all|:ihrl, J,. I,„ j,d„-e i.XN^ winden diese 
Konkunvnzen dahin erueilerl, d.iss auel, \vi,-lJiel, aiisyeluhne (ie.'en- 
■stiinde verlan.^l wurden, Dadureh war heabs,dniot, den I landweH.er- 
stand n,el,r als bisher direkl hei den Aiissehreihnn^-en zu heteili-en 
und ,hn, (iele.^enlieii zu ,^elvn. sieh auch auf dem (iebiete des 
praktisehen Könnens zu zei.^eu. iSyo Lmdcu zwei Aussehreihu)i..e 
statt, die eine in kunstf;e\verhlieher, die andere in ineehaniseh-teeh 
Mischer Kichiuno, Zum erstenmale machte man den X'ersnch, das tech- 
nische C;e\Nerhe zur I.ösnn,^ von l'reisaul-ahen beizuziehen und zu 
interessieren. 1X91 erlol-le die Ausschreihun.i; wieder nur in bezu.' 
;uil das Kunstgewerbe, indem es der Museumskommission nicht i^e" 
lmi,'en wollte, ein in nieclnmisch-technischer Beziehuno passendes 
Oh,ekt zu finden. .Sie ^■ersprach jedoch, bei einer nächsten Aus- 
schreibuno auch das mechanisch-technische (,ebiet wieder in Herück- 
sichtiouno zu ziehen, wozu sie durch die Resultate v(,n 1.S90 wohl 
bcreciitiot .sei. Allein das Wrsprechen wurde nicht ^ehalten, lis oelai,.,- 
tcn nur l'reisaufoaben kun.st.oewerbiicher Richtuno zur Ausschreibun'^'. 
Die (;ewerbemuseen kümmerten sich auch jeNxeilen lebhaft daruin 
da.ss die orösseren MsslM,„or„ vc.n I landw erksmeistern besucht w erden' 
kannten; .sie unterstützten den Besuch derselben mit Rat und 'lat 
Schon lür die Aus.stellunj, i„ München ,8;; waren Handwerker 
subventioniert werden. Die bezüglichen ollentlichen W.rtraoe der- 
selben entsprachen .\.u hirwarinnoen vollkommen und waren 'sowohl 
lür die sich zahlreich einlindenden Zuhörer, als speziell Hir dcu Vov- 
tragenden selbst von wesentlichem Xuizen. Der Cedanke, die Hand- 
werksmeister unter luhrnno von anerkannt tüchtigen hachieuten die 
Landesausstellnno in Zürich i.SS., studieren zu las.en, cnt.sprano i„ 
der Zcntralkommission. 

Um tüchtioen 1 landwerksmeistein Ciele-enheit zu bieten auch 
che I.ei.stuno,s|;ihiukeit des Auslandes kennen zu lernen, .setzte .sich 
1882 die Kommi.ssion mit dem W.r.stand des kantonalen (iewerbe- 
xereins 11, Wrbiiidun" und .stellte demselben eine .Summe von 500 
1-ranken zur Wrlü^uno, damit eine Reihe von Meistern an die bavrischc 
Landesausstellung in Nürnberi; ,882 delegiert werden koniue; Das 



- 139 -- 

Anerbieten iaiul seitens des kantonalen (jewerbevercins sehr liünstiije 
Autnahnie uiul e.s i^^'laniL^ mit einem Zu.sebuss Jiese.s \\'rei]]s im Be- 
trage xon 100 It., tünl zürcherischen Handwerksmeistern den Besuch 
der Ausstelluni,^ zu ermöi;Hchen. Die von den Delegierten erstatteten 
Hei'ichte erschienen sämtliche im «Schweizerischen Gewcrbeblatt)). 
Die Arbeiten zetigten von einem eingehenden Studium des Gesehenen 
und vom Bestreben, nicht nur tür den eigenen Nutzen, sondern auch 
zLun Wohl des gesamten Standes nach Krätten zu arbeiten. 

\on der kantonalen Kommission lür 1-abrik- und Gewerbewesen 
wurde 189) der Zentralkc^mmission die Frage zur Ik-antwortung über- 
wiesen, in welcher \W'ise die schweizerische Landesausstellung in 
(icnt 1896 lür den zürcherischen Gewerbestand nutzbar gemacht 
werden k()nne, sei es durch W'rabtolgung von Iihrenpreisen an 
zürcherische Aussteller lür hervorragende Leistungen, sei es durch 
Subventionierung von Handwerkern und Arbeitern zum Besuch der 
Ausstellung. Die Aulsichtskommission kam nach reiflicher Beratuni»- 
zu dem Schlüsse, dass eine Abordnung von tüchtigen Handwerkern 
die einzii; richtige Art wäre, die Ausstelluni» nutzbrinij-end zu gestalten. 
Mit der \'erablolgung von Lhrenpreisen sei der Sache nicht nach- 
haltend gedient. 

Der lolgende Jahresbericht spricht sich über den I:rlblg der Aus- 
stellung so aus: «Die Airsstellung in Genf wurde mit grossem Kr- 
toli,' durchgeführt. Auf dem Cjebiete der Industrie konnten ^re^en- 
über der ersten Landesausstellung wesentliche Fortschritte konstatiert 
werden. W'enii^cr trifft dies zu in kunstgewerblicher Kichtum: ; da 
will es uns scheinen, dass keine spürbare Weiterentwicklung in künst- 
lerischer Hinsicht sich vollzogen hat. Allerdings lässt sich dies bei 
imsern X'erhältnissen — wenigstens in bezu" auf Luxusartikel — 
auch nicht in weitestgehendem Sinne erwarten, da das Bedürfnis nach 
solchen eben nur spärlicli vorhanden ist. Immerhin ist zu bemerken, 
dass \iele der besten Firmen nicht ausgestellt haben und deshalb das 
\-or Augen geführte l^ild nicht ganz dcv \\'irklichkeit entspricht.» 

Wir sehen, dass die Gewerbemuseen Zürich und Winterthur in 
den 29 Jahren ihres Ik'stehens vieles für das Handwerk und das Ge- 
werbe getan haben. Dem gew()hnlichen Handwerk kamen besonders 






I }() 



7.U Liiitc die l''iiirichtum' son I .clirwciksiattc 



] in Kl 0.1 c 



AiK^rJnunircn 



die rrcis- 



\\)]] Mcistirkurscn, Jciii kiinsliiaiulwcrk die Aiiscluiiliin^c] 
aiiNsclircibuni^cn. /iiridi ptlci^ti' mehr, last aiisselilicNNlieli, d<is Kiiiist- 
liandwcrk, W'uUcrlhur \crbaiid beide KiehtuiiL^eü in reeht belriediL^eiider 
Weise. 

Seit beinahe zwei jakiren ist das (leweibenniseiiin in /iiiaeh L;e- 
sehlossen, denn es soW eine Reorganisation. i;eschatten werden. Die 
(jew erbetreibenden xon /.Ü!"ieh Ljeben sieh alle Mi'ilie, diese im Sinne 
einer IkTiicksiehtii^uni: aller (iewerbe, nieht niii' d.er Kunsti:;e\verbe, 
ZI! LjeNtalten, etwa naeli dem Muster des ( iewerbemiiseinns Bern, das 
haiijn.säehheh das Nene bei"iiek.siehlii4t. Mit dem Museum in Bern 
ist eine Ausstehiini,; \-on \\'erk/eu^(T^'n, Arbeitsmasehinen und Mentoren 
iür das Kleingewerbe \ erblinden, die in Betrieb i^eset/t werden kiMineii. 
Die meisten dieser Cjei^ensiande werden von den l'abrikanten tür 
läuL^erc Zeit dort aus<j^estellt und müssen wiedei' wegL^enommen 
werden, wenn sie durch neuere Konstruktionen überholt sind. \ on 
Zeit /u Zeit werden Instruktionskui'se für WartuiiL; und I hindhabung 
dieser Maseb.inen veranstalti;t. Die Anstalt hat sieh durch die l'.in- 
führunL: i^iiter xMotoren und Werk/eui^e ein wii'kliehes \ erdienst um 
das Kleiui^ewerbe und die Landwirtsehatt erworben. Nur kunst- 
Uewerbliche (ieiienstände, welche ihren Wert nie verlieren, werden 
i^ekautt. Altere Stücke, die nicht mehr Mode sind, werden einlach 
dem historischen Museum /ui;ewlesen, denn es wird in der Rei^el 
immer nur das Neueste verlangt. Durch temporäre Ausstellungen aul 
den \erschiedensten (Gebieten, sowie durch die jedes Jahr stattündenden 
Weihnachtsausstellungen sucht man das (jewerbe zu heben. In der 
Beurteilung der ausgestellten Objekte verkihrt man milde und wohl- 
wollend; so wurden die l'r/eugnisse allmählich besser. \'s werden 
auch fortwährend .Ausstellungen von Musterblättern aus modernen 
X'orlagewerken veranstaltet. Im Ausleihverkehr ist man sehr ent- 
gegenkommend und hat dadurch eine starke Benutzung von Samm- 
lung und Bibliothek erreicht. Mit dem .Museum ist ein Zeichnungs- 
bureau vei'bunden, das von den (jc werbetreibenden sehr tleissig be- 
nutzt wird ; die 1-ntschädigiingen, welche tür gelieterte Zeichnungen 
xerlani't werden, sind mässii:. 



— iji — 

Die Ciew erbetreibenden der Stadt Zürich \erlangen nun Fintüh- 
i'ung neiiei' und Belebung der bestehenden Industriezweige etwa nach 
dem Muster Bei'n^. Das (iewei'bemuseum soll seiner Autgabe, Hc- 
kanntmachung der einheimischen gewerblichen Produkte sowohl beim 
Publikum als bei den Handwerkern durch permanente Ausstellungen 
und durch Spezialausstellungen nachkommen. Wirträge unter gleich- 
zeitiger X'orzeigung xon Gegenständen aus dem Gewerbemuseum 
würden auf die (bewerbe IcM'dernd einwirken, b'mptohlen werden auch 
Weihnachtsausstellungen. Als weitere Hauptaufgabe des reorgani- 
sierten Museums wird die Idnrichtung eines Auskunttsbureaus be- 
zeichnet, wie es z. P). in Winterthur bereits besteht und beiriedigt; 
terner die Wiedererweckung eines Zeichenbureaus, das den Hand- 
werkern durch .Anlertigung von Zeichnungen und Pntwürten lür ge- 
werbliche Gegenstände bei bescheidener J^erechnung dienen sollte. 
X'erlangt wird auch die W'iederaiü nähme von X'orträgen und Meister- 
kurseii und endlich eine engere l'ühlung der Leitung des Gewerbe- 
nuiseums mit dem Gewerbestande. Bei Neuanschakiungen sollte die 
Meinung der (jewerbetreibenden auch ireh()rt werden. Das Gewerbe- 
museiim Zürich ist bis heute zu sehr nur Museum gewesen. Ixi 
den AnschafTungen wurden bis in die letzte Zeit allzusehr Objekte 
längst vergangener Zeiten berücksichtigt, die mehr tür den Altertums- 
ireund und Kunstl;enner Wert hatten, als tür den Handwerker, der 
verm()ge seiner mangelhaften kunstgewerblichen Bildung nicht viel 
damit anlangen konnte. I:s sollen daher auch eine sehr grosse Zahl 
dieser Antiquitäten ausgeräumt und durch nuistergültige Hrzeugnisse 
des heutigen Handwerks- und Kunstgewerbes ersetzt werden, was 
tür die Anstalt nur von Nutzen sein kann. Sie gritl bis jetzt viel zu 
wenig initiativ zu Cumsten und im Interesse der Gewerbetätigkeit ein. 

Im jähre 1901 wurde das Statut der Zentralkommission geändert. 
Diese besteht jetzt aus neun Mitgliedern, von welchen das Präsidium 
und zwei weitere Mitglieder durch den Regierungsrat, drei Mitglieder 
durch die (jewei'beiuuseumskomiuission Zürich und drei Mitglieder 
durch die Gewerbenuiseumskoiumission Winterthur gewählt werden. 

In den ei'sten Jahren des Bestandes war Präsident der Kommission 
Oberst Rieter, dann Herr Ai'chitekt lung in Winterthur. Die Direktoren 



des Gcwcrbcnuisciims Zürich waren: Architekt A. Miilkr iR-S - iRc;^;, 
ZchnJcr i S97 - 1902, I.iithi 1902 (Licstorhcii). Diicktor des (^cwerhc- 
inuscLiins Wintcithur i.st .seit hiiii^cn Jahicii I krr Phsicr. 

2. Gewerbehalle der Kantonalbank. 

Als Zweck dieses mit dcv KaiUon.dhank \ erhiindeiieii und 1S77 
er()t]neteii Institutes wird im he/ii^hcheii Rei^leinent he/eichnet : 
§ I. Die von der Kantonalhank ,L;e,^rimdete (;e\\ erhehalle hat den 
Zweck, Handwerk und Kleini^ewerhe zu unterstiit/en , teils dui-cli 
()t]entliche Ausstellung^ ihrer I'r/eui;nis.se zur BesichtiL-uni- und /um 
\ erkaul, teils durch X'erahreicluini; von (leldvorschüsseii i-cen \'er- 
ptänduni; dcv atisi^^estelltcn (ici^^enstände. 

Die (»ewerhehalle hereitete dem Bankrate \ iel Sori^e ; er nennt 
sie wiederholt sein Schmerzenskind, schon am Anfang seines Lehens. 
So hersst es im 1879er Bericht an den Kantonsrat: u Dieses unser 
Schmerzenskind ist nun in sein drittes Altei-.sjahr L;etreten ; aher es 
vermag immer noch nicht auf" eigenen hüssen zustehen, indem (wie 
die in der JKalage autgeluhrte (jewinn- und \'erlustrechnung zeigt) 
das Jahr 1S79 ahermals mit einem Defizit von l'r. ^;2|..|) ahschliesst. 
Das Kind hatte aher auch im Berichtsjahre, nehen seiner luvend, 
mit allerlei, voraussichtlich voriihergehenden Schwierigkeiten zu 
kämptcn: einmal mit einer allgemein gedrückten Zeitlage, die dem 
Ankauie von neuem Mohiliar nicht günstig war, sodann mit einem 
\ erwalterwechsel, ferner sahen wir uns gezwtmgen, wegen durch 
den ahgetretenen \'erwalter verahreichter allzuhoher \'orschüs.se eine 
Ahschreihung von 1200 l'r. in die (^.ewinn- und X'erlustrechniini^ auf- 
ztmehnien ; endlich erfolgten \erschiedene (■)l1entliche AnirriHe <^e<aMi 
die Zweckmässigkeit der Leituni^, die aher, soweit sie Berechti"un" 
hatten, zu liehen sein werden. » 

Interessant ist folgende Stelle im Bericht vom Jahre i(S8(): «Wie 
alle andern (ieschafte, so hatte auch die (jewerhelialle unter der 
Ungunst der Zeiten zu leiden, und wenn sie während der vier )ahre 
ihres Bestehens einen \'erlust \on üher l'r. 9000 i^ehracht hat, so 
darf man sich darüher um so weniger wundern, als sie zudem seit 
längerer Zeit heständigen Angriffen ausgesetzt gewesen ist, die auch 



im Berichtsjahre fortgedauert hahen. früher schienen die Klagen mehr 
gegen den \'erwalter gei-i^htet zu sein, in letzter Zeit aher waren die 
Organisation und dtT Betrieh der Anstalt Gegenstand dtv Kritik.» 

Die kantonsrätliche Rechnungsprütungskommission hat sogar den 
Gedanken der Aufhehung derselhen angeregt, indeni sie dem Bankrate 
die frage vorlegte, oh sich das Ziel der I lehung des zürcherischen 
(jewerhestandes, hesonders mit Rücksicht auf die kunstgewerbliche 
Aushildung desselhen, durch eine W^rbindung der Gewerbehalle mit 
den bestehenden Ciewerbemuseen nicht besser erreichen lasse als 
auf dem Wege der fortlührung der Gewerbehalle in ihrer jetzigen 
Organisation? Um die Angelegenheit einer gründlichen I-a-()rterung 
zu unterstellen, hat die Bankkommission eine Konferenz einberufen, 
die von den \'ertretern des Handwerkerstandes, Abordnungen der C^e- 
werbemuseen Zürich und Winterthur, dem Direktor des Technikums, 
zwei Mitgliedern dev kantonsrätlichen Rechnungsprütungskommission, 
zwei Mitgliedern der Prüfungskommission der Gewerbehalle und dem 
Inspektor derselben besucht war. 

Die Resultate der Verhandlungen dieser Konferenz waren folgende : 

I. Die X'ertreter des Gewerbestandes stellen folgende Begehren: 
Die Anstalt sollte einer grösseren Zahl von Handwerkern zugänglich 
gemacht werden und die Ausstellung die verschiedenen Zweite des 
Handwerks repräsentieren. Zu diesem Zwecke verlangen sie die 
hd'richtung von Idiialen, und machen mit bezug auf die Auhiahme 
der Gegenstände folgende Vorschläge : 

(i) ausserkantonale Produkte sind ausgeschlossen ; 

/') der einzelne Handwerker darf keinen zu grossen Raum 
beanspruchen ; 

r) die Gegenstände düri'en nicht länger als sechs Monate be- 
halten werden ; 

il) nur geschmackvolle und solide Gegenstände sollen aufge- 
nommen werden; 

c) die Festsetzu^ig der Preise soll möglichst gleichmässig sein ; 

j) die A\'rkaufsgebühren sollen ermässigt werden; 

0) die Vorschüsse sollen in geringerem Masse bewilligt werden 
als bis anhin ; 



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— T I I — 

/.') Iscin f [>i!uK\ irlscr soll Gci^cnstäiKK' ausstellen JiiriVn , die 
nicht \{)n ihm selbst vcM'tcrti^t sind ; 

/) jeder ;uiSL;cstclllc t i(.'i.:;c'nstand noÜ den Wimen des N'erk'i'tii^ers 
truL^en ; 

/>•) die weiiii^er bemittelten Ar'^itei" ohn^' eii;ene Anssicllungs- 
lol^ale sollen /uei'st lHrLicksielui_L;t weiden. 

2. Die iibrii^en Teilnehmei" d^'V Konlei'en/ anerkannten wohl die 
Rereehtiinuii^ dieser W'ün.sehe, maehten aber d.n'aiit anlmerksam, dass 
mit dta' Krliiliuni^ derselben die Anstalt solort d^ai (diarakter eine!' 
Miisteranssiellnni; annehmen wiirde, welehe \ iel /weekmässii^er dnreh 
das (jewerbeiiuiseum i^eleitet und vei'waitet werden konnte. 

V l'dnii^e Miti^lieder i^laubten, dass dureh eine l'i'weitei'unL; der 
AusstellunL^sraumlichkeiten und eine i'ationeile Anoi'diuiiiL; der aus- 
i^estellten (ieL;eiistände dcw hauptsaehliehsten W'iinsehen des Arbeiter- 
standes eiusproehen werden kcMinte. Andere dai^ei^en wiiiisehteii 
statt der l''rweiteruni^ des (;ebäudes in /ürieh die l'.inriehtuiiL; einer 
l'iliale in W'intertluir, und die .Kb^ecv/dneteii des dcu'ti^en (jewerbe- 
museums e'rklarten sieh bereit, /u einer X'erbmdunL; desselben mit 
dem (lewerbeniLiseiim Iland zu bieten. 

Aul diL']] Anti'aL; des Bankrates lasste duv hohe I\ant(Misrat mit 
Be/tii^ atil die lu'weiterun^ der (iewerbehalle 1SS2 toiLjenden Ik'sehUiss: 

1. Die bauliche X'er^rcVsserung der (iew erbeluille nach den vom 
Bankrat vori^elei^ten Projekten wird ^ut^eheissen. 

2. Der Ixmkrat wird eingeladen, bei der in Beratung liegenden 

Re\ision des provisorischen Ive^lementes dcv (lewerbelialle eine \:\'- 

leichterunL; der Beteilii^uni; namentlich von selten der auswäi'ts 

Wohnenden in Aussicht zu nelimen. (.^iehe im AnhauLj die besondere 

l'abelle über Beteilii^ung der Aussteller von Stadt und Land.) 

^. Der Bankrat ist eiui^eladen, zti pi'üten, ob nicht auch in 
Winterthur und an andern L^ewerblichen Orten ähnliche (Jewerbehallen 
erstellt und unterstiitzt werden sollten. 

18S:; w tirden sodann die der (jcw erbehalle in dem Xeubati an 
dei' BahnhotstiMsse zui^ew iesenen Käumlichkeiten bezo_L;en. In bezui; 
aut die l-Vai^e, ob nicht auch in W interthur und an andei'n gewerb- 
lichen C)i'ten (;ew erbeluillen erstellt und tmtei'stützt werden sollten. 



— H5 - 

antwortete der Bankrat toluendermassen • ((Nach unserer Ansicht 
kommt in dieser IVzielumL; hauptsächlich Winterthur in kraue. Dort 
besteht bereits eine ( iew L'ibehalle, die son einer \'ei-einii'un<' von 
Handwerkern i^e^riindet wurde und. deren |-j'nrichtun,u ähnlich der 
unsi-ii^en ist. Wir wandten tins an die ti-ai^liche 1 landweikervereinigung 
und erklärten uns bereit, die Cewerbehalle in Winterthur zu über- 
nehmen, sotern eine beide Teile belViedii^eiide X'ereinbai'unL; L;etroffen 
werden k()nne. Die beteilii^^ten Handwerker berieten d^'U X'orschlag, 
lehnten ihn aber rundwe^: ab, indem sie erklärten, sie ziehen vor, 
die von ihnen i^eL;ründete Anstalt selbst zu betreiben, und wenn es 
n()tio werden sollte, sich für staatliche Lbiterstützun^ zu verwenden ; 
eine zweite ähnliche Anstalt ins Leben zu rufen, dazu liei^e keine 
\ erankissun,L; xor, denn der Beitritt zu der llandw ei-kerxei-einiuuim 
sei an keine so lästige Ixdini^ung geknüpft, dass nicht jeder Hand- 
werker dem X'erbande sich anschliessen und des Xutzens, den er 
den Miti^liedern gewähre, teilhaftig werden kcVnne. » 

((Obschon diese Äusserung gewiss alle Beachtung verdiente, so 
war damit die 1-rage des Ik'dürfnisses noch nicht beantwortet. Die 
Bankkommission wandte sich daher aii den ILindwerks- und Ge- 
werbeverein Winterthur und wünschte dessen Ansicht in fraglicher 
Angelegenheit zu vernehmen. In seiner Generalversammluni,^ beschloss 
dann liieser \'erein, es sei die X'erwaltung der Kantonalbank zu er- 
suchen, von der I-rrichtung einer (jewerbehalle in Winterthur, weil 
nicht im Wunsche der zunächst Interessierten liegend, bis auf weiteres 
Umgang zu nehmen.)) 

((Damit halten wir das Postulat, soweit Wanterthur als Sitz einer 
von Kantons wegen zu gründenden Gewerbehalle in Aussicht <2e- 
nommen war, für erledigt.» 

«Die weitere LVage ist nun, ob an andern gewerblichen Orten 
des Kantons Gewerbehallen zu errichten seien. Der Bankrat ist 
nicht dieser Ansicht und beantragt, in dieser Beziehung das iraoliche 
Postulat fallen zu lassen. Lan Bedürfnis für I-rrichtung von Gewerbe- 
hallen aut dem Lande ist nicht vorhanden.» 

Lortwährend schloss die Rechnung der Gewerbehalle mit einem 
Passivsaldo ab, obschon alles versucht wurde, dasselbe zum \'er- 

10 



»i; 



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l '. 



— 146 — 

sclnviiulcn /ii brini^cii. So wurden l'.xtraausstclluni^cii arrani^icri; 
im neuen Rci^lcnicnt wurde der Bezug einer WTkautsprovi.sion von 
8'* statt wie bisher von nur 6" n i^estattet ; dureli \ ermehrte Reklame 
sticlue man die AnstaU bekannter zu machen, das Provisionssvstem 
wurde eini^etuhrt, wonach die Ans^estellten, wenn eine i^^ewisse nor- 
male Verkautssumme erreicht ist, \on jedem Mehrverkaute ihre Pro- 
zente erhalten. 

Das \'erkautsprovisionssvstem (8'*o) wurde anfäni^dich bekämptt 
und die l^:iniuhrung der Plat/miete verlani^n. Ik'i näherer Prülung 
über/eu<nen sich aber die Aussteller selbst, dass sie sich bei der Platz- 
miete im allgemeinen nicht günstiger stellen würden. 

Die in bezug auf die Ik-fugnisse und die Zusammensetzung der 
Prütuni^skommission geiiusserten Wünsche hatten dagegen ihre l^e- 
rechtigung und fanden im § 7 des Reglements 1 SS6 volle Berück- 
sichti^nm". Die Aufgabe der Prüfungskomnnssion beschrankte sich 
nun nicht mehr auf die Prüfung und Taxation der atisgestellten 
Gegenstände, sondern es kam ihr auch die Antragstellung in allen 
den Betrieb der C^ewerbehalle betreifenden X'erhältnissen zu. 

1887 schliesst die Rechnung zum erstenmale mit einem be- 
deutenden Aktivsaldo (]\y) l'r.). Aber schon 1 890 klagt der B)ericht 
wieder, dass es ungemein schwer sei, die Anstalt au! einen grünen 
Zweig zu bringen tmd doch entspreche dieselbe in einem gewissen 
Masse einem c^tlentlichen Bedürhiisse; man dürle daher nicht nach- 
lassen und müsse es immer und immer wieder mit neuen Ausktmtts- 
mitteln versuchen, um die Anstalt zu heben. — Im jähre 1894 
nimmt die (iewerbehalle auch teil an der kantonalen Ciewerbeaus- 
stellung. In den Jahren 1 897-- 1900 klagt der Ikricht über die 
scharfe Konkurrenz und 1900 und 1901 über den flauen Geschätts- 
gang und die gedrückte Geschäftslage. 

Die besten Resultate zeigt die Rechnung von 1891, auch die 
folgenden jähre bis 1897 bringen noch \'or.schläge ; von 1898 :m 
werden nur Rückschläge verzeichnet. 

Im laufenden Jahre 1901 schlug der Bankrat ein neues Reglement 
vor; es wurde vom Kantonsrate angenommen und ist jetzt in Kralt 
c^etreten. Darnach ist die N'erwaltung der (iewerbehalle berechtigt, 



( 



^ 



— 147 — 

zur Wrvollständimmu der Auswahl M(')bel und andere Gegenstände 
aut eigene Rechnung anzukaulen. Durch diese neue Bestimmung 
soll die Gewerbehalle ihrem Zwecke keineswegs entfremdet werden. 
Wie bis anhin soll ihre Aufgabe sein, Handwerk und Kleingewerbe 
durch ()flentliche Ausstellung ihrer Hrzeugnisse zur l^esichtigung und 
zum X'erkaut zti unterstützen. Die Gewerbehalle soll aber, um ihrer 
Kundschaft die grösstmögliche Auswahl bieten zu können, und im 
Interesse grösserer Konkurrenzfähigkeit berechtigt sein, vornehmlich 
Artikel, die im Kanton Zürich nicht angefertigt werden, auf eigene 
Rechnung anzukaufen. Dem zürcherischen Handwerkerstande soll 
dadurch keine Konkurrenz erwachsen. 

Sodann darf, während nach dem bisherigen Reglemente für 
Gegenstände im Werte von mindestens 500 Fr. sowohl die \'er- 
kautsprovision von 8'"(), als auch die Rückzugsprovision von 6 bezw. 
4"o reduziert werden konnte, nach dem neuen Reglemente noch 
eine Reduktion der Ivückzugsprovision bewilligt werden auf Gegen- 
stände, welche nach Ablauf der Ausstcllungsfrist vom Aussteller zurück- 
genommen werden müssen. Diese Reduktion darf aber schon bewilligt 
werden für einzelne Gegenstände im Werte von 300 Fr., sowie für 
ganze oder teilweise Zimmereinrichtungenim Werte von mindestens 
500 l"r. 

Im Anhang dieser Schrii"t finden sich zwei Tabellen, die der 
X'ertasser aus den Berichten des Bankrates zusammengestellt hat. 
Die erste betrifit die Aussteller und die Ausstellungsgegenstände; ihr 
entnehmen wir die Gesamtzahl der Aussteller, die Zahl derer, die 
verkaufen konnten, die Beteiligung von Stadt und Ausgemeinden und 
vom Lande, die Zahl der Käufer und der verkauften Nummern, sowie 
deren Betrag, ferner den Xov- resp. Rückschlag in jedem Jahre. Für 
alle die Rubriken ist auch das Jahresmittel ausgerechnet. Im Durch- 
schnitt beteiligen sich jährlich 189 Aussteller, davon können verkaufen 
163,3, n^inilich aus der Stadt 117 und vom Lande 46,3; Käufer stellen 
sich pro Jahr durchschnittlich 3330 ein, 7767 Gegenstände werden 
verkauft im Durchschnittswerte von 225,946 Fr. Die Defizite über- 
steigen im ganzen die Vorschläge im Betrage von 15,465 Fr. wäh- 
rend des 27 jährigen Bestandes. 



1,8 



149 — 



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l'inc /.weile Tabelle /.eii^t, lüi^ wie \iel Jie .\ll^^lelle!■ Jei" Suult 
iukI türwiexiel die \tMii l.aiKJe jülii-liLii verkaiitlen ; erslere koniUcn 
durLlisclinitllich iVir i [o \ l'V., let/tei'e tur \nO\ l'r. diirJi die (Jewerbc- 
halle apset/en ; die Ditiereii/ ist also nicht sein" bedeutend. Inmierbin 
ist dc\' Aiisstellei- ans dcv Stadt im X'orteilj weil er weniger Transport- 
kosten hat. 

Die Beteiligung der Aussteller nach Herutsarten ist folgende: 
von den I I^S Atisstellein seit iSSo sind Schreiner 22- \ ()<>,)"n), 
Drechsler |69 (i(),V'«0' 'l\ipe/ierer ] :; [ (9o"'0^ Sesseltabrikanten 
221 (4,9" n), SchUisser tmd Mechaniker \^)^ (m"")^ Spcni^ler 
loi (2,2"..), Bettmacherinnen So (1,9" n) u. s. w. 

Die innnittelbare Aufsicht über die \'erw altuuL; , die die (le- 
schäftslühruni^ besoi-_i^t, wird \on i.kT Bankkomiuission atrs^eübt. Der 
l^ankrat bestellt eine Prülun^skonnuission aul die Dauer von drei 
]ahi'en, bestehend aus einem Miti^lied dcv Bankkommission als Präsi- 
denten imd \iei' Sachxerständiuen. 

l'ür die W'.ihl derselben steht der /entralkommission der (jewerbe- 
nuiseen, dem X'orstand des kantonalen (iewerbexereins inid dem 
\"erein der Aussteller das Ivecht zu, je einen Zweierx-orschlaL; zu 
machen. 

Der Prüfungskommission kommt /ti: 

</) der bjitscheid über die /vuinahme oder lu'ick Weisung der aus- 
zustellenden (jei^enständie ; 

b) die Prüfung imd eventuelle Abändertmi,^ der von den Aus- 
stellern aui^esetzten X'erkaulspreise; 

r) die Antrai^stelluuL^ bei den Bankbeh(')rden mit be/ug aui alle 
den Betrieb der (iewerbehalle betretlenden \'erhältnisse. 

3. Ausstellungen. 

Die Xotwendigkeit der Atrsstellunqen win-de seinerzeit im 
otliziellen Ori^an der Landesaiisstellui^^ 18S:; wie foli^t dargestellt: 
(( l'ls mag sein, dass für unsere Industrien und lür das Kleingewerbe 
ein direkter Nutzen airs der Atrsstellung nicht unmittelbar und zur 
Stiuide zu Tage tritt; allein wie Ruhepunkte aul dem \\'ege der 
iieistiiien und materiellen Arbeit des einzelnen nötig und lür das 



\ 



(jelingen forderlich sind, indem sie zu Rückblicken und Ausblicken 
und zur Ansammlimg neuer Krait \Aranlassung geben, so ist es auch 
\-on Xutzen, ja es ist notwendig, dass ein \\)lk von Zeit zu Zeit 
über das, was es leistet, Rundschau hält, wenn es beachtend und 
kritisierend seine Sch()plungen ansielit, sich Rechenschalt gibt über 
das, was es kann und was es können sollte. wei]n es sich bespricht 
und vergleicht. 

C)hne uns überheben zu wollen, dürfen wir behaupten, dass 
wir in manchem b'ache den W'rgleich um so mehr m\{ andern \\")lkern 
aushalten kcMinen, als der Mangel an den unerlässlichsten Rohprodukten, 
die Uiiijunst der Lage, beengende und ott unübersteigliche Zollschranken 
im h()chsten Cirade ei'schwerend aut unsere Tätigkeit einwirken. Den 
andern zu zeigen, dass wir trotzdem aut ehrenvolle Weise mit ihnen 
wetteifern, ihnen ur.sere lirzeugnisse vorzuführen, um vor der Welt 
den Ruhm eines rühi'igen, arbeitsamen und geschickten \'olkes wieder 
aufzufrischen, dazu veranstalten wir eine Landesausstellung. Sollte 
nebenbei für das Kleingewerbe aus der Ausstellung seiner Produkte 
das Resultat hervorgehen, dass die Bessersituierten unter uns beim 
Anschauen derselben sich von ihrem Patriotismus getrieben sehen, 
bei ihren lünkäufen nicht stets in die kerne zu schweifen, da das 
Gute so nahe liegt, so wäre das Unternehmen von doppeltem Xutzen. » 

Li seiner Ztrsammenstellung der Lachberichte über die zweite 
Landesausstellung in C]en^ 1896 drückt sich Herr G. Weber über 
den Wert der Ausstellungen ioigendermassen aus : 

«Als ein Hauptmittel, den Geschmack des Handwerkers zu 
bilden und ihn mit den Xeuerungen in seinem l^erufe rasch und 
leicht bekannt zu machen, wird der Besuch von Ausstellungen, 
namentlich von auswärtigen, sowie die \^eranstaltung von Aus- 
stellungen empfohlen. An einer Ausstellung sieht der Besucher 
immer eine Menge vorzüglicher Arbeiten, indem die ausstellenden 
L\ibrikanten bestrebt sind, ihr Ik'stes zu leisten, jeder will wonK')glich 
seine Konkurrenten übertreflen. Die Auszeichnung, die er erringt, 
muss ihm nachher als Reklame, als L^mpfehlung dienen. Die un- 
mittelbare Anschauung, die der Ik'sucher von diesen Musterleistungen 
hat, wirkt aber viel besser als jede Beschreibung und Abbildung. 



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ri 



— 150 - 

Sic regt im intelligenten I laiulw ei'kcr das Stichen naeli X'ci'voll- 
konimnung an. l:s sollten daliei' die Kegieinngen, (jenieindeii und 
gewerblichen \'ei'eine tueiitige Handwerker diii'eli ( »ew alii'ung \(>n 
Stipendien /um Hesueh \on aiisländischLii Ansstellungen antmuntern. 
(Im Kanton Zürieh sind von seiten des Staates tür diesen Zweck 
schon namhatte Stmimcn aiisgeset/t worden, dagegen hahen (jc- 
mcinden und \'ereine datür noch last niciits atisgegeben.) » 

(c Atich die \'eranstaltung \on Atrsstellungen in nicht allzu langen 
Zwischenräumen übt ati! den Gewerbestand einen günstigen liinthrss 
aus, indem, wie bereits bemerkt, iür eine solche Schaustellung jeder 
Aussteller die gi'cvvsten Anstrengtmgen macht, tun seine Leistungs- 
fähigkeit vor der Welt im glänzendsten Lichte zu zeigen. Die 
Ausstellung ist ein h'xamen Iür den (jewerbestand, das die 'l'eilnehmer 
mit Lhren bestehen wollen, tnui das auch den übrigen Kreisen Aiü- 
schluss über den Stand der (jewerbetätii-keit eines Landes i-ibt. Alle 
die Anstremrun^^en, welche aut eine Ausstellung hin gemacht werden, 
sind damit eine indirekte l'()rderung des Gewerbes. Sollen die Aus- 
Stellungen aber den IV'teiligten den rechten Xutzen bringen, so muss 
das Prämiierungswesen ein besseres, strengeres, namentlich aber 
gei'echteres werden. Ks wird in den IkM'ichten wiederholt gesagt, 
dass viele Gegenstände prämiiert worden seien, die eine .-Xuszeichnting 
durchaus nicht \erdient haben. Dann wird dai'über geklagt, dass 
diejenigen Aussteller, welche mit grossen, reichen Kollektionen prunkten, 
eher mit Auszeichntmgen bedacht worden seien als der bescheiden 
auftretende Kleinhandwerker, der niu" im stände war, an ein oder 
zwei Stücken sein K()nnen zu zeigen. Da sollte doch \ov allem 
atis die (jüte der Arbeit und der darauf verwendete Cieschmack in 
Betracht gezogen werden, und nicht die ALisse der Ausstellungsobjekte 
und das pomp(>se, autdringliciie Ari'angement, das etwa den Blick 
der Atrsstellungsbummler gefangen nehmen, nicht aber den prütenden 
l'achmann bestechen kann. Die Beschickung solcher Ausstellungen 
ist mit bedeutenden Kosten verbunden, insbesondere, wenn noch 
allerlei unvorhergesehene S}->esen in die Ivechntmg k(^mmen, so dass 
deren Beschicktmg dem Handwerkei' ott schwer lallt. L'ni sie zu 
erleichtern, sollte daher der unbemittelte Atissteller ebenialls durch 



) 



- 151 - 

Staatssubventionen unterstützt werden, namentlich, wenn er sich durch 
gute L,eistungen atiszeichnet. Iibenso sollte \'orsorge getroffen werden, 
dass die Ausstellungsobjekte verkautt werden könnten.» 

Schweizerische Gewerbeausstellungen wurden veranstaltet in 
P)ern 185 1 und 1S57, in Zürich 1883, in Genf 1896. Zürcherische 
kantonale Ausstellungen ianden statt in Zürich 1836, 1846. 1854, 
1868 und 1894. Gewerbliche Bezirksausstellungen, zum Teil ver- 
bunden mit landwirtschaftlichen, fanden statt: 1858 in Piäflikon, 
1860 in Uster, 1863 in Wald, 1864 in Mettmenstetten, Grüningen- 
Gossau, 1865 in Wädenswil, 1867 in Küsnacht, 1876 in Plätlikon, 
1878 in LL^rgen, 1879 in \\^interthur, Uster, Meilen, Diclsdorl, 
Stäla, 1881 in Kloten, 1890 in Affoltern. 

Die kantonalen Ausstellungen befriedigten nicht nur in bezug 
auf i'ewcrbliche Erfolge, sondern auch ()konomisch. So bereicherte 
die 1868er AusstelluniT die Kasse des kantonalen Gew^rbevereins 
um 1000 Pr., die 1 894 er Ausstellung brachte gar einen Reingewinn 
von 89,000 Pr., der zum Bau einer Gewcrbehalle reserviert wird. 

Um den Ausstellern den Absatz eines Teiles ihrer Ausstellungs- 
ijegenstände zu ermöglichen und so an ihre ganz beträchtlichen Atis- 
Stellungskosten etwas beizutragen, hatte man 1894 eine \'erlosung 
arrangieren wollen. Allein die Regierung verweigerte die Erlaubnis 
dazu. In neuester Zeit scheint man lK)hern Ortes nicht mehr so 
streng zu sein, wenigstens wurde dieser Tage einer lokalen Gewerbe- 
ausstellung die Erlaubnis anstandslos erteilt, eine W'rlosung vorzu- 
nehmen, nachdem einige Ik'dingungen erfüllt worden waren. 

4. Die Kraftbeschaffung für den Kleinbetrieb 

ist für die ILtndwerker eine der wichtigsten Zeitfragen. Wie mancher 
würde seinen Betrieb ausdehnen, um leistungs-, also auch konkurrenz- 
fähiger zu werden, wenn er Gelegenheit für billigen Krattbetrieb hätte. 
Der Mangel an motorischer Kraft macht sich hauptsächlich bei dem 
X'ergeben von Arbeiten im grossen in höchst unliebsamer W^eise 
fühlbar. Ott werden so kurze Lieterungstristen gestellt, dass der 
Meister ohne \Lischinen einfach nicht konkurrieren kann. 

Die Ik^triebskräta' sollten billig sein, l^is jetzt liefern kleinere 



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Anlagen die Kraft /u teuer; Jas zeigt sich besoiulers bei eleu Dampf- 
niaseliiiieii, die sivli überhaupt lur den Kleiuhetrieh meist uieht lulineii; 
ähnhcli war es bis \ov kurzem mit den elektrischen Ixrattankii^en. Die 
Wassermotoren, dlie tür den 1 landw erl^^ r bequiin waren, helern auch 
zu teuer und sind nicht verwendbar, wenn das Wasser i^espart 
wei'den nuiss. 

In neuester Zeit sind ntm grosse Perspektiven erc)l]net worden in be- 
zu<; aul die Wrsorgung i,M-()sserer Landesteile mit elektrischer I-nerj_!ie. 

Die X'erwendtini; der hdektrizität hat eine L;anz gewaltii^e Aus- 
dehnung; erlanL;t, seitdem es qelauL;, die an C)rt und Stelle i;ewonnene 
motorische Kratt aul dem \\'eL;e elektrischer CbertraiJuni' in die 
Ferne zti leiten und dort beliebiL; zu verteilen. 1 üi- die Allgemein- 
heit sind diese Krätte durch die Translormatoren nutzbar i^emacht 
worden. Diese ernu)i;lichen es, die elektrische Ihiergie der hoch- 
gespannten Streune in schwächere aufzul()sen und durch \'erteilung 
auch den Bedürtnissen des Kleinbetriebes dienstbar zu machen, (ierade 
darin liegt ihre giosse wirtschattliche Bedetittmg. Auch ertordern die 
l'dektromotoren \iel weniger W'arttnig und i\aum als alle übrigen, 
mit Ausnahme der W'assermotoren. 

Diese lu-rungenschatten haben die l'rage der Ausbetitiing der 
nocli \-orhandenen Wasserkräite in den \\)rdergi-und gedrängt. 

Im Kanton /iirich sind (190^) bereits 46 (Gemeinden mit elek- 
trrscher Kralt \eisehen und zwar s()wt)hl dui'ch im Kanton selbst 
ei'zeiigte als atich dui'ch atissei'kantonale. Das bedeutendste ausser- 
kantonale W'ei'k ist das luablissement Beznau an der Aare. Mit der 
Besitzei'in, Aktiengesellschait «Motor» in Baden, wurden annehm- 
bai'e Bedingungen eireicht, es besteht ein sogenannter Xoi'malvertrag. 
Die grcxssten zürcherischen Abnelimer sind die Städte Zürich und 
\\'intertluir, die Uir die Kilowattstunde 4,.} Rp. resp. 5 Kp. zahlen. 

Im Kanton Zürich sind 21,000 PS brutto atisgebeutet; ziu' 
\'ertügung stehen an den (iewässei'u Limmat, (jlatt, l\Vss, Siiil, 
Reppisch noch zirka S6o() V S, sowie die grossen Rheinw assei'krät'te 
mit 20,000 2), 000 V S. 

(Gestützt atit ein l".\pei'tenL!Utachten legte der Reijiei'ungsrat dem 
Kantonsrat im Jahre 1S97 einen (jesetzesentw iirf betrefleiid die Nutz- 



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— 153 - 

barmachung \-on Wasserkräften durch den Staat vor, allein der 
Kantonsrat lehnte 1900 den reinen Staatsbetrieb rundweg ab und 
beschloss. den Regierungsrat einzuladen, die Nutzbarmachung der 
Rheinwasserkrälte vermittelst der Erteilung von Konzessionen an 
Unternehmungen, die diesem Zwecke dienen, zu ermöglichen und, 
soweit sich dies als wünschbar herausstelle, selbst die Initiative zur 
Bildung solcher Unternehmungen zu ergreifen. — Die Stadt Zürich 
bewarb sich unmittelbar nach dieseni Beschluss um die W'asser- 
konzession bei Hglisau und 1902 stellte Winterthur in \V'rbindunii 
mit der Aluminiumgesellschaft Xeuhausen und Schuckert ts: Co. in 
Nürnberg das Gesuch um Ausbeutung der Wasserkraft bei Rheinau. 
Schon 1902 erklärte der Stadtrat Zürich die von deiu Regieruni/srat 
gestellten Ikxlingungen für unanneluubar. Der Regierungsrat hatte 
sich Heimtalls- und Rückkaufsrecht und einen Mitanteil und \'orteile 
am Betriebe selbst, wie gewisse Begünstigungen der in der Nähe 
des Werkes liegenden oder von den Hauptleitungen durchzogenen 
(Gemeinden sichern wollen, während der Stadtrat eine nahezu be- 
dingungslose Abtretung der Wasserkraft forderte und jede IMitbeteili- 
gung und Mitbetätigung des Staates ablehnte. 

Nach eineiu Bericht des Bauvorstandes II der Stadt Züricli an 
den Stadtrat, datiert 29. Januar 1902, fielen damals für die Stadt in 
Betracht das Wasserwerk Hglisau, das Wasserwerk an der Albuki 
und die Miete von Kraft von der Aktiengesellschait «^Motor» ab 
Beznau. Im W'rgleich der verschiedenen Projekte spricht sich der 
l^ericht dahin aus, es könne keinem Zweifel unterliegen, dass für die 
fernere Zukuntt die einzig richtige Lösung der obschwebenden L'rage 
darin bestehe, dass die Stadtgemeinde Zürich ein eigenes Wasser- 
werk erstelle, um ihre öHentlichcn und privaten Kraftbedürfnisse zu 
befriedigen. \'on einem Hntgegenkommen der kantonalen Reijieruno- 
hinsichtlich günstigerer Gestaltung der Konzessionsverhältnisse für 
das Wasserwerk Hglisau, die dieses Projekt wieder mehr in den \^order- 
grund drängen könnten, sei wenig zu hoffen. Die diesbezüglichen 
\'erhältnisse haben sich kontinuierlich verschlimmert. 

Beiiu Rhein- und Albulaprojekt ist die Beseitigung des dem Stau- 
gebiet zugeführten Geschiebes noch eine ungelöste Fraire. Beide 



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Projekte crfalii'cn in Jiescr luv.icluinu iiiiL^ciulir die L;iciv:hc BclasuiiiL;. 
Werden die \ or- und X.iclitcile d^'V beiden Proji'kte erwoi^en, so 
müsse dem \\\rkc an der AÜniia sowoiii in tcehnischci' als tinan- 
/iellei' Be/.ieliuiiL: der \ or/Ui^ Ljci^cbcn wci'dcn. Das Projekt l:_L;iisau 
sei iiacli d^n gestellten Kon/essionsbcdini^iiiiL^en (ibLa'baufn niclu an- 
nelimbai', so knii^c dcv Staat HcdinL^unLicn autrcebt ei'lialtc, die iiber 
den IV'scliliiss des Kantonsrates xom März 1900 hiiiausi^eben. 

Die weitei'ii X'ei'IiandliinLjen beti'edend das W'assei'w erk in l'.^lisau 
sind Ljanz sistiert woi'den, seitdem das Wasserwerk am l't/el in d(jn 
A'order^riind trat. Da ans d^-]) Beriehten der staatlichen k'xpei'teii 
hervoi'i;eL;ani;en war, dass die Ansbeiitiini^ dei' Rbeinwasserkrärte 
mit \ersehiedenen unterseliät/ten Scliwierii^keiten \erbunden sei — 
Schwankungen im Wassei'stand und (jeschiebetühruni; — studierte 
die Maschinenhü^rik Orlikon die hrai^e, ob nicht ein grosses, zentrales 
Kraitwerk, entlei'uter \-on der Landes^renze mit i^ünstii^ei'en \'ei-hält- 
nissen sich schallen liesse. Das Etablissement glaubt, die grosse 
l'raiJc könne i^elcVst werden im obeim Sihltal \erm()i'e seiner ijrossen 
Kiveaudiilei'cnz mit dem /üi-ichsee und der Anlage eines grossen 
Stausees. 

Das l^tzelwerk k()nnte von Anhmi,^ an sehr billige Kraft liefern; 
die Kräfte kämen weit billiger zti stehen als die Rheinw asserkräi'te, 
und die Austühi'b.ukeit des Btzelwerkes mit seiner weitj_;ehenden 
AkkumuHerung wird als «geradezu ideal bezeichnet (2S,()()() PS bei 
24-stündi^em Ik'trieb, (x^oooPS bei i i -stiindii^em Betrieb, bktriebs- 
airsj^aben per i i -stiindii^es jahrespterd )() P'r.*) 

In neuester Zeit endlich richtete der Rei^iei'um^^srat und Stadtrat 
\-on Zürich ein (lesiich An den Bundesrat, sich am l'tzelwerk zu be- 
teiligen. Die beiden Behrtrden haben von der Anhandnahme der 
PtzelwerkangeleL;enheit an immer mehr die Cberzeuguni; i;ewonnen, 
dass die Ausiührung des Werkes nicht nur tür die «gesamte Xordost- 
schweiz, die beinahe den dritten Teil dei' schweizerischen lk'\()lkerun^ 
umtasst, \"on grossei' volkswirtschaltlicher Bedeutung ist, sondern 

*) Siehe: < Die X'orsorrrun;:^ des Kantons Zürich mil ilrktri-^clii-r Kraft unter Ite- 
sr>ntlerer licnii.k^ielitimin;^ dfr pinji'kiiri icn Wa^^ri w-cikanla^^m am Klu-iii und am l-.l/cl.') 
\'i>n (\ r>lculcr-I Iinii. Kc^ici iuij;>ial. 



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dass auch die Pddgenossenschatt d:w:\n ein direktes Interesse iiat, sotern 
die eingeleitete technische Überprüfung und Kostenberechnung ergibt, 
dass das Unterneb.men die Konkurrenz mit Dampfmaschinen erfolg- 
reich autnehmen kann. Sie halten daher dafür, dass die eidgenössisclien 
Beh()rden dem Projekte gleich wie sie näher treten sollten, und sie 
stellen das (besuch, der hohe Jkmdesrat m()i:e die krage in PrwäiJung 

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ziehen, ob es nicht im Interesse der Eidgenossenschaft oder eines 
grossen Teiles derselben liege, dass sie sich am Bau und am Betriebe 
des luzel Werkes finanziell beteilige, oder, sotern eine P^ntscheidung 
über die Präge der Jk'teiligung im gegenwärtigen Zeitpunkte nicht 
möglich erscheinen sollte, bei der vom Regierungsrate imd den] Stadt- 
rate Zürich eingeleiteten Prüfung des Ptzelwerkprojektes in teclmischer, 
rechtlicher und finanzieller Plinsicht mitwirke. 

Indessen lässt die Stadt Zürich noch ein weiteres Projekt über 
die Atisnutzung des Gefälles der Albula zwischen Tieienkastel imd 
Thusis ausarbeiten. Winterthur lehnte eine Beteilii^Hing an den \'or- 
arbeiten für das Ptzelwerk ab mit Hinweis auf seine Bestrebungen 

am Rhein. 

5. Gewerbegesetz. 

Bis heute gelten im Kanton Zürich wenigstens dem Xamen nach 
auf gewerblichem Gebiete die gesetzlichen Bestimmungen aus den 
drcissiger und vierziger Jahren. Sie sind natürlich veraltet und passen 
nicht mehr in die heutigen \Ya"hältnlsse hinein. Zu einem neuen 
Gesetz, das alle gewerblichen Gebiete umfasst, haben wir es nicht 
gebracht, die bezügl. \\M'lagen von 1881 und 1899 sind vom \'olke 
verworfen worden. W^ohl aber sind Spezialgesetze erlassen w^orden 
über die Gewerbe der Pf'andleiher, Ivilträger und Gelddarleiher, über 
das Markt- und Ilausierwesen. Auf dem Gebiete des Bundes hat 
das Gesetz über das Obligationenrecht von 188^ u. a. massgebende 
Bestimmungen aufgestellt über den Dienstvertrag. 

Aus der verworfenen \'orlage eines Gewerbegesetzes vom Jahre 
1899 sucht man nun seither den Teilen Gesetzeskraft zu geben, die 
am notwendigsten erscheinen und am meisten Aussicht auf Annahme 
haben; es sind dies die Bestimmungen über das LcljiTun^sn'cscii, das 
S/ihmissioiisurscii und d<jn iiiilinilciii irellbeiuerb. Heute liegen über 



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- 156 - 

diese drei Gebiete Gcsctzcsentw Cirfe vor, die aber alle iioeh der Pje 
ratuni; durch die L;eset/^L;ebeiide Ik'hörde harren. 

6. Gesetz betreffend das Lehrlingswesen und das berufliche 

Fortbildungsschulwesen. 

(hoss ist iniiiier noch die Khii^e darüber, dass das Lehrlini^^s- 
wesen beim liaiidwerlN im ariden heije und dass für die Zukunft an 
der Heranbildung eines tüehtii^en Handwerkerstandes L;ez\\eitelt werden 
müsse, wenn es noch län-^er so lorti^ehe. Wohl lässt sieh intolj^e 
der veränderten Wrhältnisse im Betrieb mancher Handwerke die 
lleranbilduni^ von Lehrlingen nach früherer Weise nicht mehr fest- 
halten tmd es luirss der Bildtnii^si^an^ des jungen Handwei-kers ein 
anderei' sein als ehedem. Aber immer noch bleibt es für einen 
i^rossen Teil unserer Handwerke richtig, dass die Lehre bei einem 
tüchtii^en, in seinem Berufe wohl erfahrenen, i^ew issenhaften, humanen 
Meister die beste Schule für den jungen Handwerker bildet; denn 
was in der Werkstatt, dem taglichen (jebrauch der ncHigen Werk- 
zeuge, im beständigen Umgang mit Meister und (jcsellen, im imaus- 
gesetzten Hinblick auf das lüitstehen und \\)llenden der betreflenden 
Handwerksartikel und in ununtei-brochenen, praktischen ÜbnuLjen «ge- 
lernt wird, das ersetzt kein noch so guter, theoretischer Lhiteridcht. 

F.in Lehrlingsgesetz bezweckt, das Lehrlingswesen zu regeln, 
vom (jrundsatz airsgehend, dass ein wohlgeoidnetes Lehrlingswesen 
eine der ersten Bedingungen tür das (Gedeihen \ou Handwerk und 
(jewerbe sei. 

\'or allem sind Bestiimnungen n()tig über das Lehrverliältnis; 
es müssen gewisse (jaiantien \erlangt werden für Lehrling und 
Meister; ein schrittlicher LehiAertrag sc^ll festsetzen, wozu Meister 
und Lehrling \erpilichtet sind; es mirss, damit neben der praktischen 
Ausbildung die geistige nicht zurückbleibe, bestimmt wei-den, dass 
der Meister den Lehrling die entsprechenden Schulen besuchen lasse, 
und eine Lrühmg am Schlüsse der Lehrzeit soll zeigen, ob beide 
ihre Pflicht getan. Dieser Airsweis über berufliches Wissen und 
K()nnen ist ein xorzügliclies Mittel, die PK'rufslehre zu heben; die 
Lehrlingsprütungen wirken günstig zurück auf" Lehrling und Meister. 



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— 157 — 

Die gewerblichen \'ereinigungen haben auf dem Gebiete des 
Lehrlingswesens schon ganz l^-deutendes geleistet, allein der be- 
stehenden Freiwilligkeit haf'tet noch der ALuigel der L^nvollständigkcit 
an; sie lässt der Nachlässigkeit und (jleichgültigkeit zu weiten Spiel- 
raum. Kauiu ein Sechstel sämtlicher (1600--2000) Lehrlinge be- 
teiligt sich an den Lehrlingsprüfungen. Deshalb ist es notwendig, 
tüi* diese das Obligatorium einzuführen. Das wird bei uns im Kantoi] 
Zürich verhältnismässig leicht geschehen k()nnen, liegt doch eine mehr 
als zwanzigjährige l'.riahrung hinter uns. \i\n Hauptvorteil des Obli- 
gatoriums liegt auch in der \'ereinfachung des Prütungsvertahrens 
und verhältnismässigen \'erminderung der Kosten. 

Soll die Lehrlingsprüfung in erster Linie das berufliche Können 
des Lehrlings zeigen, so hat sie noch die zweite Autgabe, nämlich 
den Nachweis zu verlangen, dass der angehende Handwerker auch 
über die nötige Lertigkeit im schriftlichen Ausdruck, im Rechnen und 
Zeichnen verfüge. Immer notwendiger wird für den Berufsmann 
eine ordentliche Korrespondenz, eine klare Rechnungsiührung, eine 
wohlüberdachte Preisberechnung und ein Verständnis der Zeichnungen 
und Pläne. 

Wir Schweizer haben alle Ursache, durch möglichst gute Lei- 
stungen auszugleichen, was uns von der Natur versagt ist und durch 
unsere ungünstige La^e erschwert wird. Unsere Lehrlinge alle sollten 
eine gewerbliche LV)rtbildungsschule besuchen können, die möglichst 
auf die Praxis Rücksicht nimmt. In allen grössern Ortschaften sollten 
von Staats wegen Fortbildungsschulen eingerichtet werden, die den Be- 
dürfnissen der verschiedenen Stände £;:enüi2:ten. Mit den i^rössern 
dieser Schulen sollten auch 1-achkurse verbunden sein, die so eine 
vorzügliche Frgänzung und Erweiterung der Werkstattlehre ver- 
mitteln würden. 

7. Das Subniissionswesen.*) 

in andere Bahnen zu bringen, ist einer der längst gehegten Wünsche 
der Handwerkerkreise. Das \'ergeben der Arbeiten durch ()fl entliche 



l'ür diesen AbscluiiU ist auch Jlefi XVJl der «Gewerblichen Zeilfratjen > be- 



nut/i worden. 



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- i5<S - 

Konkurrcn/ ist heute nicht nur üblich bei öflentlichen, sondern auch 
bei vielen privaten Arbeiten. Das jetzt geltende Svstem der Berück- 
sichtio;uni; des Mindesttordernden hat bc)se l'riiclite ij:e/eit!i:t. Die 
fast anstaiidslose r)Lriicksicliti,L;ung des gerini^steii Preises führt natur- 
i^einäss zu div Wrweiiduni,^ gerini^nvertii^en Materials und zur \'er- 
schlechtei'uni^ der Ar'heil. Das 1 lerabdrücken des Mai-ktpi-eises Ge- 
schieht zum S^-haden lucht nur der Mitkonkunierenden, sondern des 
i^anzen (jewei-bestandes. Die ehrliche Arbeit koinnit in (ietahr, 
weil das hen's^-heiule Svstem dazu beiti-äi^t, den l.eidu.sinn, die Xot- 
lai^e und die Lhiertahrenheit der Arbeitiibernehmenden auszubeuten 
imd unsoliden h^Iemenleu das Herunterdrücken des (ieschäfts^ew innes 
und des Arbeitslohnes zu erm()i^]ichen. Xicht mir der Stand der 
I fandwerksleute wird durch ein solches Submissions\erfahi-en q-c- 
schädigt, sondern auch der Teil, für den i^earbeitet wird, denn das 
Herunterdrücken der Preise hat eine \"erschlechterum4 der Arbeit zur 
l'oli,^e. Der Staat sollte bei der \'ergebLU\i^ von Arbeiten und Piele- 
ruiii^^en nicht m(')L;lichst viel lür seine Kasse \erdienen wollen, indem 
er ni()i,dichst wenig lür die auf seine Rechmmg Arbeitenden ausi^ibt, 
sondern das (Mbentliche Interesse weist ihn darauf hin, die Preise auf 
normaler Hohe zu halten und dadurch das Sinken der materiellen und 
technischen r.eistungsfäiiigkeit unseres Handwerkerstandes zu verhüten. 
hs ist ja wahr, dass im allgemeinen tinsere Beh()rden dL'u guten 
W illen haben, Misständen entgegenzutreten, allein das Svstem ist L;e- 
blieben und nur durch eine Reform der jetzigen \'eri/ebun<'sweise 
kann den Missverhältnissen abgehoden werden. 

\\ ir wollen luui die w ichtigsten b'orderungen uemien, die der 
Handwerkerstand an ein richtiges Submissionsxerfahren stellt. (Die 
Sätze in Kursi\- sind im Putwin-fe des \'orstandes des kantonalen 
zürcherischen Ihuuiwerks- und (iewerbevereins enthalten.) 

I:s sind cillc i^iossfrii Aihcilc}i und Ijcfcnuh^cii für den Slaal aiis- 
;^/iSi-hri'd'i'ii und ii/i/ dem cill^ciiieiiicn SnrinissiiUisii't'i^u' ^// i'eii^clh'ii ; (i/irh 
rcoi-hinissio- sich ■icicdciljoJcndc kleinere Jrlhdleii und Ijefei nii'^eii sollen ;n 
or/siil'liehen Miltelhreisen verfärben u'erden. Die Jdn^udw- nnd Liefern n^^s- 
fristcn sind so reiehlieh {ii Gemessen, dass d/ieh kleinere Betriebe kon- 
kurrieren können. — Dieses letzte Begehren ist von grt)sser Bedeutung; 



5 



— 1)9 — 

nur zu oft wird es dem kleineren Meister wegen der zu kurz be- 
messenen bristen einfach unmöglich, eine Hingabe zu machen; nur 
grosse Betriebe mit .Xhischinen und vielen Arbeitskräften können 
grössere Arbeiten rasch liefern. Zu kurze Hingabefristen machen es 
den Bewerbern unmöglich, sich genügend zu informieren, sich auf 
allfällige Übernahme genügend vorzubereiten, oder günstige Konjunk- 
turen tür den Ankaut von Rohmaterialien zu benutzen; nur zu häufig 
werden dann Otberteu eingereicht und Berechnungen vorgenommen, 
die sich nachträi'lich als luizidässig odei' irrig erweisen. 

Den Ansschrcibinweu sind ijcnane und iinsji'ihrlichc Pliine nnd Be- 
schreibiinf^en ;n Grunde ^// lef^eii; ferner soll das Voraiisniass die Au- 
fgaben der ::^n liefernden Meih^e enihallen. — Hs ist vielfach vorge- 
kommen, dass selbst bei grcVssern l^auten die zur richtigen l^eurteilung 
dev zu vergebenden Arbeit unbedingt nötigen Zeichnungen und Pläne 
im Termin vor der Submission nicht vorlagen, obschon die \V)r- 
anschläge und Bedingungen die Bemerkung «nach Zeichnung» oder 
«nach Zeichnung und näherer Angabe auszuführen» u. s. \v. ent- 
hielten. Hs ist eiideuchtend, dass dann die Übernehmer im unklaren 
über die Preisstellung sind, dass die \'orlagen und Bedinguniren un- 
gleich interpretiert und die Arbeitnehmenden gewissermassen will- 
kürlicher Behandlung der betreflenden Behörde oder des betretenden 
Wa-gebenden ausgesetzt werden ; gerade darin liegt eine Hauptver- 
anlassung zum iMissxergnügen imd zti Streitigkeiten. Wenn ge- 
nügende Grundlagen für die Submission nicht gegeben werden, wenn 
man den Unternehmern zumutet, fortgesetzt Rechnungen auszuführen, 
zu welchen sie weder Zeit noch die erforderlichen Grundlagen be- 
sitzen, so darf man sich nicht wundern, weiui die Resultate dieser 
Rechnungen, welche in den Offerten niedergelegt werden, oft un- 
zuverlässig sind, wenn Preise angesetzt werden, lür welche die Lei- 
stungen nicht auszuführen sind. Unbedingt und vor allem aus n()tig 
ist endlich die Anfertiguni» von Zeichnungen bezw. Modellen in na- 
türlicher Grösse bei solchen Arbeiten, die nach besonderer Angabe 
hergestellt werden müssen. Der Submittent kaiui mitunter nur er- 
raten, was verlangt wird; seiner lunbildungskrat't wird der grösste 
Spielraum gelassen, nicht selten zum Schaden aller Ik'teiiigten. 



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i6i — 



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Iiiiioal'i'ii iiüiii luiihi'ilshiciscn sollen die Rci^cl hihicn. Die An- 

i^abc der lunlicil.spi\-i,sc iiotii^t den L'nteniehnicr, den KonIciu oi'an- 
schlni^ cini^chcnder zu sUklici'cn, bcluitet iliii ;ibci- aiieli xor ()hcr- 
rtächlichkcitcii {\\\^\ In-tiinici'ii, die wälnciul und nach der Austiilii'uni^ 
oit zu weitLM'eitenden Anständen üihren. Wer nidil Ljewandl ist, 
mit Pro/eiUen zu scliätzen und die Trai^weite \-on Abbietun^en zu 
überseluiuen, lässt sieb dureb einige, etwa besonders i^ut aiiL;esetzte 
Preise des X'oransebhii^s zu Abj^eboten binreisseu, welebe bei Idn- 
beitspreisen nicbt i^eniaebt werden k(")nnen. 

Vs ist leider Tatsacbe, dass unsere I landw ei'i<er \iebajb niebt 
die Kenntnis im Recimen besitzen, welcbe das Stibmissionswesen \er- 
hmi^t. Das ist ein I laupt_L;rund, in den Ausscbi'eibuni^en, \'oransebiäL;en 
u. s. w. m(\L;bebste Khu-beit und (;enauii^!xeit zu vei'hinL;en. Das 
Ici^t aucb den Wunscli nabe, dass die Handwerker in dieser Ricb.- 
tuni; die Lücken ibrer abi^emeinen Bilduni^ auszufüllen sueben und 
dass man ibnen biezu CieleLjenbeit L;ebe in besondern Kursen, He- 
lebrimgen u. s. w. Die (iewerbe\ereine und Ciew erbemuseen baben 
bier noeb eine daukbare Aufi^abe und aucb die i^ewerblieben Bilduni^s- 
anstalten niederer und b()berer Stute müssen die iunL.'en Leute lüi' 
solcbe Berecbnungcn nocb besser xorbilden. Der Handweiker ist 
sieb über die Laktoren der Preisbildung oft nicbt L;enÜL;end klar. Die 
genaue Ik'recbntmi; des Ivobmaterials, des Arbeitslobnes, der IV'triebs- 
kosten, des Herstellungs- und \\'rkauts}-»reises ist die elementarste 
Unterlage aller gewerblieben 'Latigkeit. Oft werden die indirekten 
Ausgaben für Steuern, Miete, Amortisationen, Zinsen, Ikiebbaltung, 
Arbeiterscluitz, Liebt, motorisebe Kraft, Keklame, Reisen, mit einem 
Wort, die (iesebältsunkosten, welcbe sieb in einem gewissen l-'ro/ent- 
verbältnis ermitteln lassen, niebt oder ungenügend berücksicbtigt. Der 
Fiandwerker, weleber niebt recbnet oder niebt reebnen kann, ist Lven- 
tualitäten im Konkurrenzvertabren ausi^esetzt, die seiner Arbeit den 
ibr zukommenden Lobn und die X'ergütung für die Kosten des Be- 
triebes entzieben. 

Die l:i}hjiabe rerpflieh!el den Siihmillen/eii mir ;iir Aiisjühntin^, even- 
tuell Liefenini:^ der im reilnio he^eiehnelen Ail'eit oder des dnrin enl- 
hiillenen Ouantums. — Wenn zu den in einem Lieferuni^svertrair 



I 



Icstgcsct/tcn Leistuni;i.ii weitere hin/ukoniiiieii, so \\ii\l mit Unrecht 
als selbstverständlich angenoninicn, dass die vereinharten Bedin<Tun<'en 

aueli für diese Mebr- oder Nebenleistungen Geltung baben. Sind 
weitere Leistungen vorauszuseben, so soll im Wairage festi^^esetzt 
werden, wie weit diese auf Grund der vereinbarten Bedinguiii^^en 
taxiert werden sollen. Das Gleiebe soll tlir alUallige Minderleistun^ren 
zum voraus bestimmt werden. Je nacb der Ausdebnung der Arbeiten 
oder deren Jk'sebränkung wird die Berecbnung für d^Qw Un.ternebmer 
emc andere, wenn er zu grössern Leistungen verpflicbtet wird, als 
im Submissionsvertrag vorgeseben war; so kann er nicbt selten 
wegen des ALUerials in \'erlegenbeit kommen, muss wobl aucb solcbes 
teurer bezablen, als wenn er seine Ik'/üge auf einmal macben kann. 
Xocb tüblbarer wird der Xacbteil des Unternebmers für den Lall, 
dass die Quantität im Laufe der Austübrung der Lieferung oder der 
Arbeit verringert und dennocb auf die vereinbarten Bedin<2un<>en in 
betref] der \'crgütung abgestellt wird. 

Ort lind Stunde der Eröff innig der eingelangten Angebote sind he- 
knnnt rji gehen. Den Bewerbern steht die Teiinnhnie an der Dröffnnngs- 
verhandlnng frei. An der Jiröffnnngsrersaniininng werden die Offerten 
hiindgegeben. Das Protokoll i'iber die Hröffnnngsverhandlnngen steht wäh- 
rend der Dauer der /iisehlagsfrist den Bewerbern ;nr bdiisieht ojfen. — 
Scbon wiederbolt ist das W'dangen aufgestellt worden, die Unter- 
nebmer sollten zur lu-öifnung der Angebote eingehiden werden, damit 
imterbietende Angebote mögliebst verbindert werden. Wenn ein 
Lnternebmer gewärtig sein müsse, im liröffnungstermin von seinen 
Mitkonkurrenten als unfäbig zur Aufstellung einer ricbtigen Berecb- 
nung oder als Scbmutzkonkurrent dazusteben, so werde er sieb vor 
dem allzu niedrigen Angebote büten. Die Lrlaubnis zur Einsicbt- 
nabme vom Submissionsergebnis sollte für die Bewerber jedenfalls, 
aucb wenn die liröffnung der Angebote nicbt öfientlicb ist, gegeben sein. 
J)ie eingelangten O/Jerien sollen von Daehlenten oder Saehverständi^cn 

nntersneht und diireh Naehreehnen auf ihre Reellitdt geprnft zrerden. 

Die Subniissionsbedingungen entbalten gewöbnlicb die Lorderung, 
dass der den Zuscblag erlangende Bewerber zur Ausfübrung der be- 
treflenden Arbeit tecbniscb befäbigt und finanziell £>enüiiend stark 

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— 162 — 

sei; sie machen dadurch die PriiliinL; d.ei' lTaL;e iiolwendiL:, oh iler 
Lhitei'iiehnier hei iwiionelleni (iesehättshelrieh in di.v La^e sei, die zu 
\ei'i;ehende Arheil nach den i^emaehten C^Herien aus/uK'ihren, ohne 
sich oder ch"itie Personen an iiirein X'ei'inoi^en /u schädii^en. Der 
x'er^ehende Beamte, hesondei's wenn er nicht Technilser ist, i^eht aher 
nicht immer an eine uia'mdhclie L'ntersuchuni^^ der Ollerten. I;r be- 
sitzt oft natürhcherweise nicht die praktische Ldnini; und l•rlahrtn■li^^ 
die genatie \\'aren- und P^odl!l^tenkenntnis und che intime \'ei'tratit- 
heit mit den Produktions- und kc^isti'uktic^nsmethoden, weiche ztu' 
sachuenuissen l-Tledi_L;unq der SLihmissi(.)nen eiL;enthch nicht lehlen 
dürten. Hierin wird eine Hessei'un<^ wohl nur erzielt, wenn zwischen 
Technik und \ erw altuni^ ein (deichi^ewicht hei'i^cstellt wird, und 
dies kann diii\"h die Bt'i;icl.uni^^ [v// Sin-lji't-i siiiiiJioi'n atis den Kreisen 
der (jeschältsletite und (jewerhetreihendeii ztir PrüriiUL; der C äderten 
geschehen. 

Die Sachverständii^en hätten ihr Aui^enmerk hauptsächlich auch 
auf die Prütuiii^ der Preisansätze zu richten, d. h. sie hätten zti he- 
i^iitachten, oh die N-eriaui^ten l^'eise im \'erhältnis zu der xei'kmi^ten 
Arheit oder Leistung stehen. Werden C)11e!'ten wm dvi) Saclner- 
ständi^en als atil Irrttim, Leichtlerti^keit oder atil unkuitei'm W'ett- 
hewerb hertihend bezeichnet, so wären sie von der \eri^ehenden Stelle 
atissei' Konkurrenz zti st,tzen. 

^4ls ///Vt// /,;'.v/c.s ^jiliissii^'es ^-liii^chu soll aiiuiiJji'nui itcr D/ii\'bscJj!ii!ls- 
l'.'trd!:^ alh'i Aiif^ehole ^^chcu. - — \'erschiedenc \'oi schlafe \on (jewerbe- 
treibenden zielen atil die AtrsschliesstiUL^ des Mindestlorderndeii \o\\ 
der /uschlagserteiliini4. Das Mittel scheint ein radikales zti sein, 
starke UnterbiettinL;en zum vorneherein abztiwehren; aber es passt 
nicht überall. \\s kr)nnen unter Umständen zwei, drei, vier Schleuder- 
ai\^ebote gemacht werden, so dass dcv Mittel j^reis doch noch zti tief 
heratiskäme. CXler es ist atich i^edenkbar, dass dtirch vorherige Ab- 
machtmgen oder sonst tini^ierte Pin^aben der Dtirchschnittspreis künst- 
lich in die I I()he .(geschraubt wird. 

Wenn unter luehreren Otl'erten diejenigen unberücksichtigt ge- 
lassen werden, welche tmgelähr 90 Prozent des Durchschnitts aller 
Angebote nicht erreichen, so dürfte man in d^w meisten Pällen solche 



- 163 - 

beseitigt habeii, welche nicht auf Grund der geltenden Markt- und 
Arbeitspreise in richtiger oder loyaler Berechnung aufgestellt w urden. 
Der kantonale \\)rstand hat beide Verfahren erwogen und 
schliesslich obigen Satz autgestellt. — Fdne gewisse Freiheit wird 
hierin den BeluM'den gelassen werden müssen. Nicht lür alle Fälle 
kann eine bindende \^orschrift als beste und einzig gute autgestellt 
werden, es sind verschiedene Umstände mit zu berücksichtigen : die 
Qtialität der Bewerber und auch die Zahl derselben. Der Hauptwert 
ist darauf zti legen, dass nicht nach einem Schema und einer ein 
tür allemal feststehenden l'ormel vorgegangen wird, sondern dass in 
jedem einzelnen Fall, immerhin unter Beiziehung von Sachverständigen, 
eine Prüfung der Angebote entscheiden soll, ob Unterbietungen vor- 
lieizen. Dasieniire WM'L-ebungssvstem wird das richtige sein, welcliL-s 
der reellsten Berechnung den Sieg verspricht. Als Grundsatz muss 
auijenommen werden, dass jeder Ikwverber gezwum^en ist, wirklich 
den Wert der zu liet'ernden Arbeit zu berechnen, während es jetzt 
oft gentig vorkommt, dass gewissenlose Submissionsjäger einfach 
ihre Offerte auf gut Glück um eine beliebige Anzahl von Prozenten 
unter dem A'oranschlag aufstellen. 

Fin weiteres selbstverständliches Wadangen ist, dass der /iisrbhii^ 
mir tili FdcljJculc crici'l rjcrdcii soll, ii'clcljc die Arhcileii im cik^ciicii Betriebe 
bers!elleii, und dass iiiiler diesen nur die liieb/ioen, die oeiiügend Gezräbr 
für reclU^eili^^e und i^^iile Aiisj'i'ibriinf^ bieten, in erster Linie beri'icbsieljtii^t 
■iverden seilen; ferner, dass bei ^Icicber Tiiebti fabelt der Beiverher und 
bei annabernd ^leicben Verlbdltnissen und BediiH^iiih^eu, wenn niöi^lieb^ 
Teil II 11 i^ oder tun liebste Abiuecbshin^ in der J^^ri^ebung der Arbeiten und 
Ijeferuihgen eintreten soll. 

Den inländischen Ikwerbern die A^orteilc der Arbeit zu verschaflen, 
wurde folijendes \'erlangen gestellt : Aiislandiscbe Bewerber sind nur 
dann :;ii benlebsiebtii^en, zoenn die Arbeiten im Inlande niebt oder ,;// 
■ivesentlieb iiiiijünstioeren Bedino;iino'en o-eliefert werden böniien ; die im 
Kanton oder in der betreffenden Gemeinde niedergelassenen Bezverber sind 
immer in erster Linie ^// beriiebsiebtigen. 

Nicht in Übereinstimmung mit den Ansichten der meisten staat- 
liehen Organe steht tblgendes W^'langen der Gewerbevereine: Vom Staate 



— 164 



i6 



/.'/ A'(;i,'/(' bell icbeiie oder von ihm snhiCiiTuviicrtc Uiiloiwlniiinh^oi mulI i'oir 
dci- Bt'/cilii^nm^ cm der SnJ'niissioii an .u^e schlössen. — Staatliche Anstaltcit 
sollten wenigstens in keinem 1 alle mit unterbietenden Preisen in 
Konkurrenz treten. 

Das Bestreben der gewerblichen Berufsvereine, dem eigentlichen 
Handwerkerstande grössere Lieterungen zu ermöglichen, will diu'ch 
folgendes Begehren unterstützt w erden : Kollektiveuwaben von a^ewerb- 
liehen Bernfsvcreinen sind^ sofern sie die Garanlie fi'ir Hrfiilhtni^ der 
^esteUlen Bedinonnoen creiuiihrleislen, tunlichst ~// beriicksichti}ren. 

Und endlich wird gewünscht, dass die von i^ ewerblichen Fereini^^nm^en 
angestellten Nornialpreisfarife bei der Pri'ifnm::^ der Anoebote niö^^lichst 
-// beri'icksichli^^en sind. — Der einzelne Ik'werber ist den schlimmen 
Folgen des Konkurrenzverfahrens ungleich mehr ausgesetzt als eine 
^^ereinigung \o\\ Berufsleuten; die Gefahr der gegenseitigen Unter- 
bietung unter ^cn möglichen Erstellungspreis wird bei Gesamteingaben 
vermieden und eine richtige Kalkulation wird die Grundlage sein. 

Der Handwerkerstand verlangt auch schützende Bestimmungen 
gegen die Schädigungen diu'ch das Unterakkordieren. lair grössere 
und zusammengehörige Arbeiten und Kieterungen werden von den 
Behörden nicht selten \'erträge mit Unternehmern abgeschlossen, 
welche die Leistungen ihrerseits an Unterakkordanten vergeben. Die 
Übertragung der Arbeiten und Lieterungen an Generalunternehmer 
hat lür die verdingende Behörde den \'orzug der \'ereiniachung ihrer 
Geschäftstätigkeit und auch oft der Herbeiführung billiger Preise. Für 
die Unterakkordanten hat diese Art der X'ergebung aber die Folge, 
dass sie sich in der Regel nur mit einer geringen Gewinnchance be- 
gnügen müssen, weil der Hauptgewinn in die Tasche des General- 
unternehmers tliesst. Dem Unternehmer ist die Möglichkeit gegeben, 
den Anteil am Gewinn diu'ch die Abkommen mit den Kinzelnunter- 
nehmcrn ungebührlich hinaufzuschrauben. Eine weitere Folge ist die 
Verschlechterung der durch die Unterakkorde im Preise gedrückten 
Leistung. Durch die Unterakkordanten wird oft in ungehöriger 
Weise versucht, trotz i\<^^ schlechten Geschäftes auch zu einem Gewinn 
zu gelangen: sie drücken die Arbeitslöhne möglichst herunter, am 
Material wird gespart, Sicherheitsvorrichtun.gen werden unterlassen. 



Die Güte der verwendeten Materialien und die Solidität der Arbeit 
können von Seiten der Behörde viel schwieriger kontrolliert werden 
als bei der Linzelvergebung. Unterakkordanten belassen sich auch 
immer mehr, speziell bei Bauunternehmungen, mit dem Lebens- und 
Genussmittel verkauf an die Arbeiter, durch den sie von den Arbeitern 
möglichst viel zu verdienen suchen. 

Der Grossakkord bringt dem Kleingewerbe, besonders der Bau- 
branche, fühlbare A^erluste; trotzdem es die Arbeit leistet, werden 
ihm deren Früchte entzogen. Das Kleingewerbe büsst durch die 
Vergebung von Arbeiten an Generalunternehmer seine Selbständigkeit 
ein und wird dem Streben nach Vervollkommnung seiner Leistungen 
in der Technik und Kunst mehr oder weniger entfremdet. 

Wenn Unterakkorde bei ganz grossen Unternehmungen zwar 
nicht vermieden werden können, so muss doch datür gesorgt werden, 
dass die schlimmen Folgen, die aus diesem A'erfahren gerne resultieren, 
vermieden werden, und dies kann zum Teil geschehen, wenn das 
Verhältnis zwischen Unternehmer und Unterakkordanten von der Stelle, 
welche die Arbeiten oder Lieferungen vergibt, unter Autsicht genommen 
wird. Die Unterakkorde sollen der Genehmigung der Behörde, welche 
eine Leistung vergibt, unterliegen; die Unternehmer müssen ferner 
dafür haften, dass alle beim Unterakkord Beteiligten für ihre Leistungen 
voll entschädigt werden; die Behörden sollen Garantien haben, dass 
aus der von ihnen an den Unternehmer bezahlten Pauschalsumme 
die Unterakkordanten für ihre Forderungen wirklich befriedigt werden. 

Der Handwerker stellt in bezug auf Überwachung der auszu- 
führenden Arbeiten oder Abnahme von Lieferungen das Verlangen, 
dass dies durch fachkundige Leute geschehe, ähnlich wie beim Zu- 
schlagsverfahren, ferner, dass Abschlagszahlungen bis auf 90" o der 
Übernahmssumme verlangt werden dürfen, damit er nicht gehemmt 
sei, wenn er die Rohmaterialien zu günstigen Bedingungen einkaufen 
kann; aus dem gleichen Grunde verlangt er auch eine baldige Aus- 
zahlung der Restsummen nach A'ollendung der Arbeit oder Lieferung. 

Konventionalstrajen sind :^iilässii^, sollen aber auf das Notwendige 
beschränkt luerden. — Missstände bestehen auch in bezug aut die 
Konventionalstrafen, welche eine pünktliche Lieferung garantieren 






i66 



— 167 



sollen. Wenn dieselben oline Rücksicht auf das Bedürfnis überall 
wiederkehren und höher normiert werden, als zur DeckuniJ des aus 
einer \'erzögerung oder dergleichen entstandenen Schadens erforderlich 
ist, enthalten sie eine grosse Belästigung der Geschäftsleute, zumal 
dann, wenn diese Strafen mit grosser Härte eingetrieben werden, ohne 
Rücksicht darauf, ob überhaupt ein Schaden entstanden und ob nicht 
vielleicht Hindernisse vorlagen, die zu bewältigen der Submittent 
nicht die Macht hatte. 

Die Regelung des Submissionswesens ist eine schwierige Aufgabe. 
Aber es soll nichtsdestoweniger bald nach einer Lösung der Frage 
gesucht werden. Missstände sind vorhanden, sie mÖLdichst zu beseitiizen. 
ist eine der verdienstlichsten Aufgaben unserer obersten Beh()rden. 
Sie leisten den Handwerkern einen grossen Dienst, wenn sie nur 
einmal ernstlich versuchen, die Verhältnisse zu ordnen, und zerstreuen 
das Misstrauen, das immer wieder bei der \'ergebung öflentlicher 
Arbeiten und Lieferungen aufsteigt, so lange diese Materie nicht 
gesetzlich geordnet ist. 

6. Grundpfandrecht der Bauhandwerker.*) 

Diese überaus schwierige Frage ist von i\i:\\ Juristen in ver- 
schiedener Weise zu lösen gesucht worden. Auch der \'orentwurf 
tür ein schweizerisches Zivilgesetzbuch ging darauf aus, die Frage 
direkt zu ordnen und in den Artikeln 823-825 sind zur Sicher- 
stellung der Bauhandwerker Bestimmungen aufgestellt, die durch 
die Fxpertenkommission in einigen Punkten noch mehr zu gunsten 
des Handwerkes geändert wurden. Die Kommission hat den Bau- 
handwerkerschutz mit i^rossem Mehr irutijeheissen. 

Er ist für die Bauhandwerker der Städte sehr notwendiij, be- 
sonders in Zeiten fieberhafter Bautätigkeit. Da kommt es nur zu 
oft vor, dass die Eigentümer von Bauplätzen, die Bauunternehmer 
und die Darlehensgläubiger es so einzurichten verstehen, dass sie 

*) Wir benutzten für diesen Abschnitt und die beiden folgenden nachstehende 
Schriften: Referat von Dr. Art. Curti über unlauteres Geschäftsgebahren ; «Gewerbliche 
Zeitfragen», Heft XVIII; «Schweizer. Zeitfragen», Heft 32. 



\ 



sich auf Kosten des Bauhandwerkers und Baulieferanten bereichern. 
Scheinbar i?eht alles mit rechten Dingen zu, in Wirklichkeit handelt 
es sich um einen argen Schwindel. Das saubere Geschäft wird so 
gemacht : ein ökonomisch zweifelhafter Unternehmer erwirbt einen 
Bauplatz, natürlich um zu hohen Preis. Darauf errichtet er neben 
den ihm angewiesenen Hvpotheken zu gunsten des Verkäufers noch 
einen weiteren Schuldbrief, und der N^erkäufer begnügt sich damit, 
ohne eine erhebliche Anzahlung zu verlangen, weil er in der Wert- 
erhöhung durch die Überbauung die Sicherheit findet. Aus dem 
o[lcichen Grunde erhält der Unternehmer auch Geld für den Bau je 
nach dem Fortschreiten der Gebäude. Die Bauhandwerker und 
Lieferanten vollziehen ihre Leistungen, zu denen sie sich übungsgemäss 
auf Kredit verpflichtet haben. Der Unternehmer kann sie nach Fertig- 
stellung: der Arbeit nicht bezahlen, und anlässlich des Konkurses 
kommen die Hvpothekargläubiger und nehmen alles weg krait des 
Hypothekarrechts. 

Trotz aller juristischer Bedenken hält Herr Professor Meili (der 
1901 an der Delegiertenversammlung des kantonalen Handwerks- 
und Gewerbevereins über die drei eingangs erwähnten Gegenstände 
gesprochen und die Referate im 32. Heft der «Schweizer Zeittragen» 
veröffentlicht hat) den Rechtsgedanken, die Bauhandwerker zu schützen, 
für zutrefiend und ausführbar. Wie so oft bei der Kreuzung ver- 
schiedener Interessen müsse auch hier eine sorgfältige, in der Mitte 
liegende Abwägung und Versöhnung ausfindig gemacht werden 
zwischen den Rechten der Hypothekargläubiger und den Interessen, 
welche zu gunsten der Bauhandwerker gewahrt werden müssen. 
Dieser Mittelweg bestehe darin, dass einerseits die bis zur Inangrifl- 
nahme des Baues bestandenen Hypotheken geschützt werden, wenigstens 
soweit bei einem unüberbauten Terrain der Wert des Grund und 
Bodens reicht, dass dagegen anderseits dk Balihandwerker ein Griind- 
pfandrechl erlangen sollen, soweit sie als Urheber einer IVerterhöhinif^ 
infolge ihrer Leistungen und Lieferungen erscheinen. — Der \'orstand 
hat in diesem Sinne Änderungen zu den vorgeschlagenen Bestimmungen 
im schweizerischen Gesetzesentwurfe gemacht. 

Wir hofien, dass trotz der vielen Bedenken aus Juristen- und 



— 168 — 

Bankkreisen es möglich werde, dem Bauhandwerker den -eset/lichen 
Schutz angcdeihcn zu lassen, den die redliche Arbeit verdient. 

9. Unlauterer Wettbewerb, 

etwas einseitig auch illoyale Konkurrenz genannt, ist das Geschäfts- 
gebahren, das den Grundsatz von Treu und Redlichkeit verletzt. Die 
Mittel und Kunstgriffe, die im reellen und ehrlichen Geschäftsleben 
dazu dienen, vorhandene Situationen nach M()glichkeit auszunützen, 
Geschäftsgenossen und Konkurrenten den Rang abzulaufen und sich 
eine grosse Kundschaft zu verschaffen, werden vielfach in unreeller 
und unehrenhafter Weise zur Anwendung gebracht. Je reicher das 
Geschäftsleben sich ausgestaltet, speziell je mehr die" geschäftlichen 
Verhältnisse der Städte und anderer grösserer Ortschaften sich ent- 
wickeln und je schwieriger der Kampf ums Dasein bei stets steigender 
Konkurrenz sich gestaltet, um so näher liegt der Anlass und die 
Versuchung zu solchen Missbräuchen. 

Schleudergeschäfte und Grossbetriebe, die unter den raffinierten 
Modalitäten und Nuancen von Reklame, W'arenausbietung, Ausver- 
kaufsverfahren etc. den kleinen, ehrenhaf"ten Gewerbetreibenden zu 
ruinieren drohen, haben auch bei uns schon lang ihr Wesen ge- 
trieben. Die vorhandenen Gesetzesbestimmungen reichen nicht mehr 
aus, um den Missbräuchen im geschäftlichen Verkehre zu begegnen 
und die vorhandenen Auswüchse zu beseitigen, l^edroht ist nicht 
bloss der angesessene Handelsstand, der von nur vorübergehend an- 
wesenden Handeltreibenden an die Wand gedrückt wird,^ oder der 
gewissenhafte Kaufmann, der durch seine mit den Forderungen von 
Treu und Glauben es leichter nehmenden Konkurrenten ge'^chädigt 
wird, sondern ganz wesentlich auch das grosse kaufende Piiblikuin. 
Unlauter ist meist das Hansienueseu. Hs hatte zu frühern Zeiten 
eine andere Gestalt und andere Ik'deutung als heute. Der Hausierer 
war für eine grosse Zahl unserer Leute eine bequeme Bezugsquelle, 
ein Bedürfnis. Immerhin waren auch früher schon Missbräuche damit 
verbunden; war dasselbe doch bis 1874 in acht Kantonen gänzlich 
verboten. Die veränderten \\-rkehrsverhältnisse aber ermöglichen 
heute allen Mitbürgern den Besuch von \^erkehrs- und Industrie- 



\ 



— 169 — 

Zentren. Auch in kleinen und abgelegenen Dörfern befinden sich 
Bezugsquellen für die verschiedenartigsten täglichen Bedürfnisse. Jeder 
kleinere Bezirk hat zudem seinen Boten, der auf die billigste und 
einfachste Art solche An- oder \'erkäufe vermittelt. Auch die wan- 
dernden Handwerker sind insofern überflüssig geworden, weil die 
Billigkeit der fertigen Handelsartikel einen grossen Teil der Reparaturen 
überflüssig oder unrentabel macht und sich Handwerksbetriebe nun- 
mehr über das ganze Land verbreiten, wie dies bis zum Erlöschen 
der Zünfte nicht überall möglich war. Der Hausierhandel ist jetzt 
nach verschiedenen Richtungen ausgeartet, zudem umfasst er namentlich 
nicht mehr die täglichen Bedürfnisartikel, sondern Gegenstände, durch 
welche das \'olk betreiben oder zur Verschwendunir veranlasst wird. 
Unter diesen veränderten \'erhältnissen entspricht das Hausierwesen 
nicht mehr einem Bedürfnisse. Ein sesshafter Kaufmann nimmt sich 
in acht, das Publikum zu täuschen ; denn abgesehen davon, dass der 
Gedanke, es sei dies unehrenhaft, ihn davon abhält, wird er sich der 
Gefahr nicht aussetzen wollen, seine Kundschaft zu verlieren. Ebenso 
verhält es sich mit dem Handelsreisenden, welcher zu bestimmten 
Zeiten erscheint und A\'rtreter eines bekannten Hauses ist. Weder 
der eine noch der andere würde sich gern begründeten ^'orwürfen 
aussetzen. Wenn sie sich Unredlichkeit zu schulden kommen Hessen, 
würden sie selbst dabei zu gründe gehen. Der Hausierer und der 
Wanderkrämer brauchen sich keine solchen Gedanken zu machen; 
sie reisen von einem Lande, von einem Kanton in den andern, 
erscheinen unre2:elmässi2: und nur in langen Zwischenräumen, wechseln 
den Namen und sind nicht mehr da, wenn die Klagen derjenigen laut 
werden, deren Leichtgläubigkeit sie ausgebeutet haben. 

Wünschbar wäre allerdings in erster Linie ein eidgenössisches 
Gesetz über das Hausierwesen, da die Schweiz ganz erhebUch unter der 
fremden, namentlich deutschen Invasion von Hausierern leidet. 1877 
wurde von der deutschen Regierung eine Verordnung erlassen, die den 
Ausländern nur eine Bewilligung zum Hausieren gewährt, wenn ein Be- 
dürfnis hierzu besteht. Da Deutschland selbst ganz entschieden auf 
dem Standpunkte der Beschränkung der Zulassung der Hausierer steht, 
so würde eine Bestimmung, dass wir die Zahl der fremden Hausierer nach 



# 



— I70 — 



lyi — 



Guttinden beschränken könnten, deutscherseits gewiss auf keine 
Hindernisse stossen. Man sollte also meinen, wir könnten auch heute 
noch auf grund der Praxis ein \'crbot im Sinne der Ik'dürfnisfrage 
aufstellen. Das scheint aber nicht der P'all zu sein; nämlich der 
Bundesrat hat in einem Rekursfalle betreffend die be/üi^liche An- 
Wendung des thurgauischen Hausiergesetzes die Bedürfnisklausel auch 
gegenüber Ausländern, als gegen Art. 31 der Ikmdesverfassung ver- 
stossend, für unzulässig hingestellt. Tatsache ist also, dass die 
Deutschen in der Schweiz sich grösserer Rechte erfreuen, als sie 
unsere Staatsangehörigen in Deutschland ijeniessen. 

Auch die IVividerlacrer sind abnorme I^rscheinun^en unserer 
modernen Geschäftspraxis, wie sie sich aus der l:ntwicklung von 
\'erkehr, Überproduktion, unlauterem Wettbewerbe, Gewerbefreiheit 
u. a. m. herausgebildet haben. Ihr Prinzip beruht darauf, mit Hilfe 
grosser Reklame unter dem X'orgeben besonders billiger Preise mög- 
lichst rasch eine bestimmte Menge Waren abzusetzen. Durch die 
Raschheit des Massenumsatzes werden gegenüber der sesshaften Kon- 
kurrenz Vorteile erzielt. Die Güte der Waren ist natürlich nicht 
immer zu kontrollieren, eine Garantie gegenüber dem Konsumenten 
ist nicht vorhanden; es ist nicht ausgeschlossen, dass die Waren 
preiswürdig, aber auf unrechtmässige Art erworben, bestellt, aber 
nicht bezahlt worden sind. Sie können auch Überschüsse ausländischer 
Produktion sein, die man unter dem Hrstellungspreis in der Schweiz 
abzusetzen sucht, um die Lager zu räumen oder um schnell zu 
Bargeld zu kcMiimen. 

Die Wanderlager entsprechen keinem berechtigten Bedürfnis, 
dagegen leisten sie dem unreellen Geschäftsgebahren, wie überhaupt 
dem unredlichen Hrwerb \'orscb.ub. Sie schädigen i\en steuerzahlenden 
ansässigen Gewerbetreibenden, der auch sonst das ganze Jahr hin- 
durch seinen l^ürgerptlichten genügen muss, schwer; sie erleichtern 
unnötigerweise ^\en Bezug ausländischer, meist sehr geringer Waren 
und verleiten namentlich die unbemittelten Volksklassen zu Ausgaben, 
die ihren finanziellen Kräften nicht entsprechen. 

Das zürcherische Gesetz betreffend das Markt- und Hausierwesen 
vom 17. Juni 1894 unterstellt die W^mderlager dem patentpflichtigen 



iE:) 



\ 



Hausierverkehr. Die Patentgebühr ist auf 50 — 500 Fr. per Monat 
an<»esetzt. Diese Taxen sind aber unbedingt zu niedrig, um so mehr, 
da die administrativen Behörden im konkreten Falle sehr bescheidene 
Forderungen zu stellen scheinen. Dies geht auch daraus hervor, 
dass der Regierungsrat in der bezüglichen Verordnung die Patent- 
taxe per Monat auf 15 — 300 Fr. herabgesetzt hat, was z. B. für 
Schaustellungen, wie Zirkus u. s. w., ganz ungenügend ist. 

Die sogenannten Ab~ühlnnirsgescbäfte sind noch schlimmer. Sie 
verkaufen ihre Ware zu sehr hohen Preisen auf Kredit, machen aber 
den Eii^entumsvorbehalt; kann jemand die vorgeschriebene Raten- 
Zahlung nicht einhalten, so wird er drangsaliert oder die Ware wird 
zurückgenommen, und die gemachten Anzahlungen gehen verloren. 

Laut Artikel 50 des Obligationenrechtes ist gegen eigentliche 
illoyale Konkurrenz Rechtsschutz gegeben. Auf dem Wege des Zivil- 
prozesses kann verfolgt werden: Anmassung fremder Unterscheidungs- 
zeichen, ferner Anschwärzung und Herabsetzung eines Konkurrenten, 
also Fingriffe in das persönliche Recht des Gewerbegenossen. 

Allein das Prinzip von Treu und Glauben kann verletzt werden, 
ohne dass ein direkter Angriff auf das Recht eines Konkurrenten er- 
folgt, sei es nun, dass der weniger solide Geschäftsmann ganz all- 
<^emein die Waren seiner Konkurrenten nach Preis und Qualität 
herabsetzt, ohne diese Konkurrenten näher und die Namen zu be- 
zeichnen, so dass seine Ware als besser und billiger erscheinen muss 
als die Ware des Konkurrenten, sei es, dass ohne ausdrückliches 
Anpreisen der eigenen Ware oder ausdrückliches Heruntermachen der 
Ware des Konkurrenten dem äussern Anschein nach gleiche Ware 
zu weit billigeren Preisen verkauft wird, indessen bei näherem Zu- 
sehen seine Ware weit weniger wert ist als die Ware des Kon- 
kurrenten. 

Liegen diese Tatbestände vor, so kann nach gegenwärtigem Recht 
nie ein einzelner der geschädigten Konkurrenten klagen, denn ein 
einzelner ist in seinem persönlichen Recht nicht angegriffen w^orden ; 
er vermair auch nicht nachzuweisen, dass ohne solche Manöver sein 
früherer Kunde bei ihm gekauft hätte, bei ihm hätte arbeiten lassen, 
statt zu dem weniger soliden Geschäftsinhaber zu gehen. Ist auch 



^ I i 



— 172 — 



173 



tatsächlich Jcm reellen Verkäufer oder Handwerker Schaden erwachsen 
dadurch, dass der Absatz kleiner wurde, oder sich wenigstens nicht 
vergrossert hat, so kann eben doch nicht nachgewiesen werden, dass 
daran der weniger solide Geschäftsmann schuld ist. Auch eine Ab- 
sicht des unsoliden Geschäftsmannes, dem andern den Absatz zu ent- 
wichen, wird nie leicht zu beweisen sein, es sei denn, dass sie den 
Umständen zu entnehmen ist. — Hbenso ist die Gesamtheit der Kon- 
kurrenten nicht zur Klage legitimiert. — Und wie kann sich das <rt- 
schädigte Publikum dagegen wehren ? 

Die bisherigen gesetzlichen Bestimmungen gewährten einen zivil- 
rechtlichen Schutz nur dann, wenn ein bestimmter Gewerbetreibender 
in seinen Rechten (zu denen kraft der modernen Anschauung auch 
der Kredit, das geschäftliche Renommee, der Kundenkreis gehört) 
verletzt wird. Als zivil- und strafrechtlich verfolgbar müssen aber 
auch diejenigen Handlungen bezeichnet werden, die nicht einen förm- 
lichen Angriff auf ein konkretes Individuum oder einen Gewerbe- 
genossen enthalten, sondern die überhaupt eine Irrführung des Publi- 
kums durch Lug, Trug, Kniffe, W^-drehungen herbeitühren, die sich 
auf den Preis, die Herkunft, Qualität (und andere analoge Dinge) 
der Waren beziehen. Die Konkurrenz begnügt sich nicht damit, 
emen einzelnen herauszugreifen, sondern sie geht über auf die Massen- 
lügen, um das grosse Publikum zu täuschen und um damit indirekt 
die grossen Gruppen der Mitbewerber zu schädigen. In unendlich 
vielen \'ariationen, die stets neu erfunden werden, weiss eine ge- 
wisse Zahl von Leuten durch inkorrekte Behauptungen den ehrlichen 
Gewerbestand ernsthaft in den Hintergrund zu drängen und das 
Publikum irrezuführen. Angesichts dieser Massenlügen und Massen- 
angritle muss auch die Gesetzgebung auf neue Normen sinnen be- 
hufs wirksamer Gegenwehr. Denn Handel und ^\Tkehr können und 
dürfen sich nicht auf der Unehrlichkeit und auf Unwahrheiten auf- 
bauen. Es besteht vielmehr ein dringliches und zwar auch ein öffent- 
liches Interesse, hiegegen einzuschreiten. 

In diesen Tagen ist nun eine regierungsrätliche \'orlage über 
die Bekämpfung des unlautern Wettbewerbes veröffentlicht worden. 
Die Tendenz geht zunächst hauptsächlich darauf aus, die illovale 



1 



i 



Konkurrenz in bezug auf Warenverkauf zu bekämpfen. Weitere Vor- 
lagen sind in Aussicht gestellt betreffend Abzahlungsgeschäfte und 
Revision des Gesetzes betreffend Markt- und Hausierwesen von 1894. 

10. Die Publikation ausgeschätzter Schuldner*) 

soll ein weiteres Mittel sein, Handeltreibende und Handwerker vor 
unverschuldetem Schaden zu schützen. 

Der Anstoss, eine Sanierung des Kreditwesens vorzunehmen, 
eins von den vier zürcherischen Sektionen des \'ereins schweizerischer 
Geschäftsreisender aus. Der kantonale Handwerks- und Gewerbe- 
verein schloss sich den Bestrebungen an, leidet doch auch vieltach 
der Handwerker unter den gegenwärtigen ungesunden Verhältnissen. 

Viele Personen lassen sich Waren vom Handels- und Gewerbe- 
stande auf Kredit geben, und wenn sie zahlen sollten, so behaupten 
sie einfach, sie haben nichts. Kommt es dann zur rechtlichen Exe- 
kution, so findet der Betreibungsbeamte in der Tat häufig nichts, 
als die sogenannten Kompetenzstücke, die dem Schuldner nicht ge- 
nommen werden können; es wird ein \'erlustschein ausgestellt. Die 
Gewerbetreibenden sind nun der Ansicht, dass die herrschenden Zu- 
stände durch oresetzliche Massreqeln der Kantone verbessert werden 
können, namentlich dadurch, dass eine amtliche Publikation der aus- 
gepfändeten Schuldner eingeführt werde. 

Die Gewähruuii des Kredites ist für die weitesten Kreise ein 
wirtschaftliches Gebot und eine kaufmännische Notwendigkeit. Ins- 
besondere ist der Handwerker- und Gewerbestand zum Kreditieren 
gezwungen ; er ist nicht in der Lage, zum voraus die Bestellung einer 
Kaution oder die Entrichtung einer An- und Abschlagszahlung zu 
verlangen. Unter diesen Umständen ist es denn auch meistens un- 
szerecht, o:eq;enüber diesem Stande den Vorwurf zu erheben, dass 
leichtfertig^ kreditiert werde. 

Die Gesetzgebung hat die Pflicht, jenen geschäftlichen Zwang 
dadurch innerlich wettzumachen, dass sie den beteiligten Kreisen ein 
wirksames Mittel an die Hand gibt, mit Hilfe dessen die Gläubiger 



*) Nachstehendes ist in der Hauptsache ein Auszug aus dem Referat des Herrn 
Professor Meili, das er in der Dele^iertenversammiung in Wädenswil 1901 hielt. 



174 — 



/) 



auch gegen den Willen ihrer Schuldner, wenn immer möglich, zu 
ihrer Sache kommen. Dieses Mittel Hegt nach dem Stande der jetzigen 
Bundesgesetzgebung zweifellos einzigr in der amtlichen PuMikatbn. 
Die Publikation der ausgepfändeten Schuldner dient nun im 
Grunde keinem andern Zwecke als dem, den Gläubigern einen ernst- 
hafteren Schutz zu gewähren gegen Schuldner, welche ihre Schulden 
nicht bezahlen wollen. Dieser Schutz ist vom Rechte geboten, denn 
die Ik'friedigung der Gläubiger ist und bleibt eine juristische und 
moralische Pflicht. Und der Staat ist zweifellos dazu da, um ihre 
Krfüllung^ eventuell zu erzwingen. Wozu soll denn das Privatrecht 
und das Strafrecht dienen, wenn es nicht ganz besonders auch diese 
Mission hätte ? 

Der Gesetzgeber darf sich die Augen nicht verschliessen vor 
der Tatsache, dass es einen erheblichen Prozentsatz von Leuten gibt, 
welche ihre Schulden nicht bezahlen wollen, obschon sie es könn'ten! 
Und er erfüllt seine Aufgabe nicht, wenn er diesen Leuten nicht mit 
dem nötigen Ernst entgegentritt. Das lixekutionsrecht muss seiner 
Natur nach einen Zwang enthalten, und darüber kommt man durch 
kein Raisonnement hinweg. Die Ik^-ufung auf den Satz, dass die 
Publikation die Menschen, bildlich gesagt, an den Pranger stelle, be- 
weist nichts; einiual kommt es doch wohl darauf an, wie die Mass- 
regel ausgeführt wird, und sodann ist wohl zu sagen, dass auch der 
Kreditor (zumal ein gewöhnlicher Handwerker und Handelsmann) 
noch weit unverdienter an den Pranger gestellt wird, wenn er wegen 
Nichtbezahlung seiner Lorderungen durch seine Kunden sich ni\:ht 
aufrecht halten kann. 

Hs ist überhaupt eine der ärgsten \^erirrungen der Neuzeit, stets 
nur an das Wohl der Schuldner zu denken und sich die Gläubiger 
als die Wucherer vorzustellen, gleich wie wenn ein und dieselbe 
Person nicht in den verschiedensten Gestalten sowohl Schuldner als 
Gläubiger zugleich wäre. Dieses Vorgehen befördert eine rohe Aus- 
beutung des Kredites, und es ist das Zeichen einer ganz falschen 
Humanität; die Milde trifft die unwürdigen Elemente des Volkes und 
schädigt diejenigen Kreise, welche des Kredites bedürftig sind und 
ihn auch verdienen. 



\ 



/ 



t 



Die Publikation der ausgepfändeten Schuldner rechtfertigt sich 
auch vom Gesichtspunkte der Rechtsgleichheit, wenn man ihnen 
diejenigen Personen entgegenhält, welche im Handelsregister ein- 
getragen sind. 

Die Einführung der fraglichen Publikation weckt auch in einer 
angesichts der Erlahmung der Moral durchaus nötigen Art das Ge- 
wissen der Schuldner, und die Massregel tritt der erschreckenden 
Gleichoültii'keit ent2:e^en, womit die Schuldner sich heutzutage nicht 
sehr selten geradezu brüsten. 

Das praktische Leben hat den Beweis geleistet, dass die Publi- 
kation der ausgepfändeten Schuldner gute Wirkungen erzielte. Dieser 
Tatsache kommt eine sehr hohe, ja entscheidende Bedeutung zu. 
Eine Reihe von Kantonen hat jene Massregel statuiert. 

Wenn die grundsätzliche Frage bejaht wird, so ist im einzelnen 
über die Ausgestaltung des Gesetzes folgendes zu sagen: 

Dem Schuldner ist eine Purist zu gewähren, um die Publikation 
des ^'erlustscheines abzuwehren. 

Es müssen zureichende rechtliche Garantien dafür geboten werden, 
dass der wirklich schuldlose Debitor, der infolge Unglücks (Krankheit, 
Epidemien, Unf-ille, \'iehseuchen, Überschwemmungen) ökonomisch 
ruiniert wurde, der Veröffentlichung entgeht. 

Überhaupt muss der wirklich Arme und Unglückliche ein Gegen- 
stand steter Fürsorge des Staates sein. So ernsthaft gegen Leute 
vor^^eizanizen werden soll, die nicht zahlen wollen, so rücksichtsvoll 
und milde muss man sein gegen Arme und Unglückliche. xMan hätte 
den fruchtlos Ausgepfändeten eine Protestationsfrist einzuräumen, 
innerhalb welcher sie jenen Beweis (in Zürich z. B. beim Bezirks- 
gerichte) leisten könnten. 

Die Publikation ist nicht von dem Antrage des Gläubigers ab- 
häntTicT zu machen. Die Massregel soll dem allgemeinen Verkehr 
gegenüber wirken, und es ist deswegen unlogisch und unpraktisch, 
sie dem Belieben des Gläubigers zu unterstellen. Zweckmässig dürfte 
es sein, die Höhe der Verlustforderung zu publizieren. Ja, es Hesse 
sich fragen, ob man die Publikation bei ganz unbedeutenden Ver- 
lustposten nicht ganz ausschliessen solle. Es ist dafür zu sorgen. 






i 



- 176 - 

dass die Befriedigung der Gl;u,higer ehenlalls annlich publiziert wird 

Besonders wichtig ist es auch, dass die Publikation kostenlos erfolgt. 

Vermöge des gegenwärtigen Betreibungssvstenis entstehen nidit 

unwichtige Kosten und wegen des Anschlussrechtes *) sind sie IViufi.. 

tur den treibenden Gläubiger ga,u nutzlos. Um so mehr muss die 

Unentgelthchkeit hier statuiert werden. Es liegt dann auch in der 

lat ein öt?entliches Interesse vor: der allgemeine \-erkehr soll vor 

Leuten gewarnt werden, die nicht zahlen wollen. 

_ Es ist dafür zu sorgen, dass eine mehrmalige Publikation für 

eine und dieselbe lorderung nicht stattfinden darf. 

Der kantonale Gewerbeverein hat die vier Postulate des \'ereins 
zürcherischer Geschäftsreisender wesentlich gemildert und 1901 dem 
Regierungsrat eingereicht.«) Mit \\-eisung von, ,7. Januar ,905 
beantragt der Regierungsrat Xichteintreten, legt jedoch einen voll- 
ständig ausgearbeiteten liventualentwurf vor. Die Mehrheit einer 
kantonalen Kommission beantragt Annahme dieses Eventualentwurfes. 

11. Fabrik- und Haftpflichtgesetze. 

Der Art. i des eidgenössischen I-abrikgesetzes vom Jahre 1877 

autet: «Als labrik, auf welche gegenwärtiges Gesetz Anwendung. 

hndet, ist ,ede industrielle Anstalt zu betraciiten, in welcher »leich" 

xe.t.g und regelmässig eine Mehrzahl von Arbeitern ausserhalb ihrer 

Wohnungen in geschlossenen Räumen beschäftigt wird.» 

«Wenn Zweifel waltet, ob eine industrielle Anstalt als 1-abrik 

XU betrachten sei, so steht darüber der endgültige Entscheid den, 

I5undesrate nach Einholung eines Berichtes der Kantonsregierung zu... 

Bc. Anlass der Scliaflung des Gesetzes herrschte dlseiti" die 

Meinung, dieses Gesetz betreffe das Handwerk nicht, weil die Worte 

D!. K^ ! ' ' ''l'^""" '; ''" ''"'"'"8"^'^^^ ober Schuldl.elreibung und K„nl<urs laute. • 
D^ Kantone können der Ehefrau, den Kindern „nd ^•erbeis,.nde,e„ des Scbuldn s 
d s Rech, einräumen (Anschlussrecht,, für Forderungen aus <,en. ehelichen. ei.erHche 

tZZ T ^^'"^"'"'-^^^ ^''''"' '" <'--'*."^'«'«- Frist auch oh: t- 

«angige Betreibun«; an einer Pfänduni; teilzunehmen. 

**) Die Postulate finden sich im Anlmn.. 



— 1// — 

«industriell» und «in i^eschlossenen Räumen» mit \'orbedacht auf- 
2:enommen worden sind. 

Allein die Tendenz des Bundesrates, das Gesetz auf immer 
kleinere Betriebe auszudehnen, machte sich bald fühlbar. 1878 wurden 
grössere Holzbearbeitungswerkstätten, Maschinen- und mechanische 
Werkstätten, Ziegeleien, Hafnereien u. s. w. der Herrschaft des Ge- 
setzes unterstellt. 1881 wurden sämtliche Holzbearbeitungs Werkstätten, 
auch solche, die nur teilweise in geschlossenen Räumen betrieben 
werden, dem Gesetze unterstellt, insofern Motoren und mehr als 
fünf Arbeiter verwendet wairden. Ein Jahr später kamen die Buch- 
drucker an die Reihe. Arbeitgeber und -Nehmer petitionierten, die 
einen für, die andern gegen die Unterstellung, und der Bundesrat 
entschied zu Gunsten der Arbeiter und erklärte die Buchdruckereien 
als dem Gesetz unterstellt. Im Jahre 1885 folgte die Ausdehnung 
dieses Beschlusses auf alle Anstalten für polygraphische Gewerbe. 
Ebenso erging es den Mühlen, Bierbrauereien und andern Handwerks- 
betrieben. 

Gegen solche Entscheide des Bundesrates wurden freilich Re- 
kurse bei der Bundesversammlung erhoben, allein diese schritt darüber 
zur Tagesordnung, weil der Gegenstand in die Kompetenz des Bundes- 
rates falle. 

Endlich wurde 1891 nachstehender Bundesbeschluss gefasst: 

«Als Fabriken im Sinne von Art. i des Bundesgesetzes betreffend 
die Arbeit in den Fabriken, vom 23. März 1877, werden unter dem 
\V_M-behalte, dass die in dem genannten Artikel enthaltenen allge- 
meinen Bedingungen zutreffen, betrachtet und dem erwälmten Ge- 
setze unterstellt: 

a) Betriebe mit mehr als fünf Arbeitern, welche mechanische 
Motoren verwenden, oder Personen unter 18 Jahren beschäftigen, 
oder gewisse Gefahren für Gesundheit und Leben der Arbeiter bieten; 

/') Betriebe mit mehr als zehn Arbeitern, bei w^elchen keine der 
sub litt, a genannten Bedingungen zutrifft; 

r) Betriebe mit weniger als sechs, resp. weniger als elf Arbeitern, 
welche aussergewöhnliche Gefahren für Gesundheit und Leben bieten, 
oder den unverkennbaren Charakter von Fabriken autweisen. » 

12 



4 



- 178 - 

Die ILiftpflicbl aus Fabrikbetrieb, die damit auf viele Geschäfte 
ausgedehin wurde, ist es hauptsächlich, die viele kleine Meister schwer 
drückt. Das Jkmdesi^esetz betreffend die Haftpflicht aus Fabrikbetrieb 
vom 25. Brachmonat 1881 besagt, dass, wer eine Fabrik im Sinne 
des babrikgcsetxes betreibt, haftet, wenn in den Räumlichkeiten seiner 
1 abrik \mi\ durch ^\^n Betrieb derselben ein Angestellter oder ein 
Arbeiter getötet oder körperlich verletzt wird, innerhalb der Grenzen, 
welche das Gesetz bestimmt, tür ,\,:u entstandenen Schaden, sofern' 
er selbst oder ein Mandatar, Repräsentant, Leiter oder Aufseher der 
Fabrik durch ein W^rschulden in Ausübung der Dienstverrichtungen 
die \\M-letzung oder den lod herbeigeführt hat. Der BetriebsunLr- 
nehmer haftet gleichfalls, wenn auch ohne ein solches Wrschulden 
in den Räumlichkeiten seiner Fabrik oder durch den Betrieb der- 
selben eine Körperverletzung oder der Tod eines Angestellten oder 
eines Arbeiters herbeigeführt wird, insofern er nicht beweist, dass 
der Unfall durch höhere Gewalt oder durch \'erbrechen oder \'er- 
gehen dritter Personen, die niclit Leiter oder Aufseher der Fabrik, 
Mandatar oder Repräsentant waren, oder durch eigenes \'erschulden 
des \'erletzten oder Getöteten erfohrt ist 

Es ist ein weitverbreiteter L'rtum vieler Arbeitgeber, dass sie, 
weil keinem HaftpHichtgesetz unterstellt, überhaupt in keiner Weise 
haitpflichtig wären. Die Bestimmungen des schweizerischen Obli- 
gationenrechts k()nnen jedem Meister, weil er für Handlungen seiner 
Arbeiter, Lehrlinge und Hausgenossen mitverantwortlich ist, höchst 
nachteilige Folgen bringen, sofern er nicht nachweist, dass er alle 
erforderliche Sorgfalt angewendet hat. Der daherige Schadenersatz 
kann einen Meister, der nie an \'ersicherung gedacht, plötzlich rui- 
nieren. Haftbar bei Fahrlässi^^keil ist somit heute eigentlich jedermann. 
G^^^^n diese Ausdehnung des Fabrikgesetzes mit all seinen Be- 
stimmungen über Maximalarbeitszeit, Haftpflicht, Beschaflenheit der 
Arbeitsräume, Schutzvorrichtungen u. s. w. protestierte der Hand- 
werkerstand. Der Zentralvorstand des schweizerischen Gewerbe- 
vereins veranstaltete deshalb 1897 eine Enquete im Kreise der Sek- 
tionen und Mitglieder und reichte dem Bundesrate einen bezüglichen 
l^ericht ein, in welchem folgende vier Thesen aufgestellt waren: 



— 179 — 

1. Die Arbeitszelt kann im Kleingewerbe nicht fest normiert 

werden. 

2. Die Bestimmungen des Fabrik- und Haftpflichtgesetzes werden 
in den verschiedenen Kantonen in verschiedener Weise gehandhabt. 
Hierdurch werden die Angehörigen des einen Kantons gegenüber 
<.ien andern benachteiligt. 

:?. Auf das s:e2:enseitige Verhältnis zwischen Arbeiter und Ar- 
beitgeber ist das Fabrik- und Haftpflichtgesetz nicht ohne bedenk- 
lichen Einfluss geblieben. 

4. Die mannigfachen, naturgemäss verschieden gearteten Wr- 
liältnisse und Betriebe des Kleingewerbes können nicht in eine Form 
<iezwäni?t werden, ohne dass grosse Schäden entstehen. 

Der Bericht wurde den eidgenössischen Fabrikinspektoren und 
dem schweizerischen Arbeitersekretariat zur Vernehmlassung unter- 
breitet. Das Resultat war für die Beschwerdeführenden ungünstig; 
€s wurde rundweg erklärt — und der \'orsteher des Industriedepar- 
tements schloss sich dieser Erklärung an — dass der Nachweis einer 
schädigenden Wirkung des Bundesratsbeschlusses vom 9. Juni 1891 
nicht erbracht sei. 

Seitdem sind die Verhältnisse unverändert geblieben, d. h. die 
dem Fabrikgesetz unterstellten kleinen Betriebe haben mit den grossen 
7X\ marschieren. Aber unbegreiflich ist es den Handwerkern jetzt 
noch, wie in der gleichen Berufsart ein Betrieb mit fünf Arbeitern 
und einem Lehrling dem Gesetz unterstellt sein muss, während Be- 
triebe mit zehn Arbeitern, aber ohne Lehrling, es noch nicht sind. 

12. Kranken- und Unfallversicherung. 

Bevor wir das schweizerische Obligationenrecht besassen, war 
man darin einig, dass nur derjenige für den einem Dritten zugefügten 
Schaden hafte, welcher den Schaden verschuldet hat. Es ergab sich 
aber, dass dieser Grundsatz mit bezug auf den Betrieb der neuen 
Transportmittel nicht mehr ausreiche, sondern dass ein neuer Grund- 
satz aufgestellt w^erden müsse, wonach bei einem Unfall im Betriebe 
die Unternehmung nicht nur dann hafte, w^enn ihr ein Verschulden 
nachgewiesen werden könne, sondern immer, sofern sie nicht nach- 



i 



— i8o — 

weisen könne, dass der Unfall duich höhere Gewalt oder durch das 
Verschulden des Verletzten selbst herbeigeführt worden sei Das ist 
der sogenannte Haftpilichtgedanke, die Haftung für den Zufall bein. 
i?etrieb. 

Die Haftpflicht wurde in der Schweiz in, [ahre 1875 eingeführt 
und zwar zuerst mit hezug auf den Ik'trieh der Hisenbahn- und 
Daniptschiflahrtsunternehniungen. Als in, Jahi'e 1877 das 1-abrikgesetz 
kam, wurde die Haftpflicht du,ch eine lkstin,n,ung desselben auf die 
1-abrikbetriebe ausgedehnt, und in, Jahre 1885 ersetzte man diesen 
Artikel dui-ch ein ausführliches Fabrikhaftpflichtgesetz; im [ahre 1887 
kam das sogenannte Itrgänzungsgesetz zu stände, durch welches die 
Haltpflicht aufdiegefahrlichei, Ik-triebe ausgedehnt wurde, auch wenn 
sie nicht labrikbetriebe sind. Man stand aber still xor dem Hand- 
werk, vor dem Klemgewerbe, vor der Landwirtschaft, weil n,an es 
nicht wagte, die Haftpflicht auch auf diese Ik-triebc atiszudehnen 
M,dem erklart wurde, wenn .„an sie so weit ausdehne, so werde das' 
Gesetz von, Schweizervolke verworfen werden, denn diese kleinen 
betriebe ertragen die Belastung durch die Haftpflicht nicht. 

Die Inkonsequenz in der Ausdehnung der Haftpflicht führte nun 
dazu, dass n,an sich den, Gedanken nahei'te, das Haftpflichtsystem 
durch das ^'e^sichc^ungssystenl zu ersetzen. 

Hine W^rl^issunosrevision ist dann im Jahre 1890 gekommen, indem 
in die Bundesverfassung ein neuer Art. 34 Hs eingeführt wurde, fol- 
gendermassen huitend : « Der Bund wird auf dem W'cgc der Gesetz- 
gehung die Kranken- und Unfallversicherung einrichten^ unter Berück- 
sichtigung der hestehenden Krankenkassen. Kr kann den Hintritt 
allgemein oder für einzelne Bevölkerungsklassen obligatorisch er- 
klären, » 

Als man die staatliche Unflillversicherung genau studierte, über- 
zeugte man sich davon, dass man dieselbe nicht einführen könne 
ohne gleichzeitig auch für die gleiche Bevölkerungsklasse von Staats 
wegen die Krankenversicherung zu organisieren. 

Die \\^rfassungsrevision wurde Ende 1890 vom Volke und den 
Kantonen mit sehr grosser Mehrheit angenommen, und nun galt es 
den Verhissungsartikel auf dem Wege der Gesetzgebung auszuführen' 






— 181 — 

Die ersten Entwürfe wurden im Jahre 1892 ausgearbeitet und 1893 
an eine grosse Expertenkommission gewiesen. 1896 gelangte das 
Geschäft an die eidgenössischen Räte und 1898 war die Beratung beendigt. 

Als Grundlage war folgendes festgesetzt: 

An Stelle der Haftpflichtgesetze, welche eigentliche Ausnahme- 
gesetze sind und sich als unzureichend, unzweckmässig und ungerecht 
erwiesen und zu zahlreichen Streitigkeiten Anlass gegeben haben, tritt 
die staatliche und obligatorische Versicherung gegen Unfälle aller Art. 
Die obligatorische allgemeine Krankenversicherung kommt als neue 

Einrichtung hinzu. 

Die Unfallversicherung fusst zweckmässigerweise auf der Kranken- 
versicherung und wird mit ihr gemeinsam gesetzlich geregelt und 
organisiert. Das Obligatorium oder der Versicherungszwang erstreckt 
sich auf alle unselbständig Erwerbenden beider Geschlechter über 
14 Jahren, seien sie nun in Industrie, Gewerbe, Transportwesen, Land- 
und Eorstwirtschaft oder als Dienstboten beschäftigt, oder auch in 
öflentlicher W^-waltung angestellt. 

Die öflentlichen Krankenkassen sind der kantonalen Aufsicht und 
der Oberaufsicht des Bundes unterstellt. Sie sind auf Gegenseitigkeit 
aufiiebaut, steuerfrei und mit weitgehender Selbstverwaltung ausgestattet. 
Unter den Mitgliedern aller öff'entlichen Kassen der ganzen Schweiz 
besteht volle Freizügigkeit. 

Die öffentlichen Krankenkassen sind zur Aufnahme aller im 
Versicherungskreis vorhandenen Versicherungspflichtigen gezwungen, 
sofern diese nicht einer Betriebskrankenkasse oder einer eingeschriebenen 
freien Krankenkasse angehören. Ausserdem können sie noch frei- 
willige Mitglieder aufnehmen. Als freiwilliges Mitglied kann jede 
nicht versicherungspflichtige Person aufgenommen werden, welche 
gesund und nicht über 45 Jahre alt ist. Sie ist entweder voll oder 
halb versichert. Die Vollversicherten besitzen gleich den obligatorischen 
Mitgliedern Anspruch auf Krankengeld und Krankenpflege, die Halb- 
versicherten lediglich auf Krankenpflege. 

Die Aufsicht über die öflentlichen Krankenkassen wird durch die 
Kantone ausgeübt. Als oberstes Aufsichtsorgan besteht das eidge- 
nössische \>rsicherungsamt. 



i 



— l82 



183 



Die Unfiillvcrsichermicr soll zum Unterschied von der Krankenvcr- 
siciieruno: zentralisiert werden. Mine eidi^^enössische Unhillversicherungs- 
anstalt soll ihren Sitz in Luzern haben. 

Als Leistungen der Krankenkassen an erkrankte Versicherte 

werden bestimmt: 

An alle Mitijlieder unent<;eltliche ärztliche Behandlung und Ver- 
abtblizunij der Arzneien vom Beginn an und während der Dauer der 
Krankheit; an die vollversicherten Mitglieder ausserdem während der 
ganzen Dauer der Krankheit im lalle gänzlicher l^rwerbsunfähigkeit 
ein tägliches Krankengeld von 60" des Tagesverdienstes für 7 Tage 
pro Woche. 

Als Leistungen der Unfallversicherung an verunfallte Mitglieder 
werden testgesetzt : 

Während der ersten sechs Wochen: diejenigen der Krankenver- 
sicherung und auf Kosten der letztern; nach VerHuss derselben: 
Entschädigung für I^rwerbsunfähigkeit mit 60" des Tagesverdienstes, 
gleich der Krankenversicherung, aber auf Kosten der Uni all Ver- 
sicherung; bei dauernder Invalidität: eine jährliche Rente von 6o*\'o 
des Lohnaustalles. 

Über die Belnstini^ des Arkili^ebers ist folgendes zu sagen : Das 
Gesetz konnte keine fixen Auflagen, bezw. Prämienleistungen festsetzen, 
weil sowohl in Kranken- als UnfliUversicherung diese Beiträge der 
Versicherten je nach Beruf, Ort, Zeit, Mitgliederbestand, Kassaführung 
und andern Umständen bedeutend diilerieren können. Das Gesetz 
hat sich darauf beschränkt, für die Krankenversicherung ein Maximum 
der Auflage (4'* des Arbeitertaglohnesj festzusetzen. Mir die Un- 
fallversicherung ist das Maximum von 4'*;'o des Arbeitertaglohnes 
nicht stipuliert. 

Lür die Höhe der Krankenversicherung rechnet man 2,7 5 '^'0 des 
Lohnes als durchschnittliche Auflage. Die Unfallversicherungsprämie 
wird im Durchschnitt auf 2" des Lohnes geschätzt. 

An die Krankenversicherung zahlt der Bund für jedes obligatorische 
und jedes schweizerische freiwillige Mitglied wenigstens einen Rappen 
auf jeden Tag der Mitgliedschaft — den sogenannten «Bundesrappen». 
Der Rest der Betriebsausgaben der Krankenkassen wird je zur Hälfte 



./ 



1 



gedeckt aus den Beiträgen der Versicherten und ihrer Arbeitgeber. 
Die Unfallversicherungsprämie wird zu '^5 vom Arbeitgeber, zu ^k 
vom versicherten Arbeiter und zu ' /.-, vom Bund getragen. Letzterer 
zahlt seinen Anteil direkt an die Anstalt. Der Arbeitgeber, der für 
die restierenden \:, haftbar ist, darf '1 (="' r, der vollen Prämie) dem 
Arbeiter vom Lohne abziehen. 

Als Forteile für die Arbeitsgeber bezeichnet die bezügliche Broschüre 
des Zentralvorstandes des schweizerischen Gewerbevereins nachstehen- 
des: « Der Meister, der heute mehr als 5 bezw. 10 Arbeiter hat, ist 
haftpHichtig nach dem Haftpflichtgesetz, er hat schwere Lasten zu 
tragen. Das bisherige Haftpflichtgesetz brachte, besonders im Beginn 
seiner Wirksamkeit, die Betriebsinhaber in arge \\n-legenheiten. Die 
Aktiengesellschaften besassen für die Unfallversicherung ein tatsächliches 
Privatmonopol. Der Haftpflichtige hatte die Wahl, entweder sich 
ihren immer mehr hinaufgeschraubten Tarifen und rigorosen \qx- 
sicherungsbedingungen zu unterziehen — oder das Risiko selbst zu 
übernehmen: letzteres durften aber nur kapitalkräftige Unternehmer 
wagen. Alle Unfälle, und nicht bloss Unfälle aus dem Betriebe, werden 
nach dem Gesetzesentwurf entschädigt. Der Arbeitgeber hat sich 
auch um die Auszahlung der Entschädigung in keiner Weise zu 
kümmern. An Stelle der bisherigen einmaligen Entschädigung tritt 
eine Rente, diese wird direkt an den \'erunfallten durch die eidgenössische 
Post ausbezahlt. Die Rentenentschädigung ist nicht nur der bleibenden 
Einnahmsquelle wegen, sondern auch in bezug auf ihre Höhe für die 
Verunglückten weit günstiger bemessen als bei dem bisherigen Haft- 
pflichtsvstem. Auch die widerwärtigen Erörterungen über den höhern 
oder "erinnern Grad des Selbstverschuldens werden zwar nicht aui- 
hören, aber d^^n Arbeitgeber weniger beschäftigen, indem sie zwischen 
Anstalt un^ Versicherten ausgefochten werden.» 

« Wenn auch verschiedene dieser Vorteile nicht eigentlich dem 
Arbeitgeber zu gute kommen, so geben sie ihm doch die Beruhigung, 
dass er durch die Versicherung seinen Arbeitern einen grossen Dienst 
erweist, denn alle werden künftig von der mit Krankheit und Unfall 
im Zusammenhang: stehenden Xot bewahrt bleiben.)) 

«Neben diesen greifbaren Vorteilen bestehen noch ideale: Die 



^.4 



gemeinsamen Interessen der Arbeitgeber und Arbeiter, welch letztere 
voraussichtlich gegen Krankheit und Unfall besser geschützt sind 
als bisher, werden die Klassengegensätze mildern. Statt der zirka 
300,000 Arbeiter, welche bis jetzt durch die Haftpflichtversicherung 
geschützt waren, werden künftig doppelt so viele, zirka 600,000 1\m- 
sonen gegen Krankheit und Unfall obligatorisch versichert sein - 
ohne die zweifellos grosse Zunahme der freiwillig \'ersicherten und 
ohne die Militärversicheruuiz. » 

«Mir die Angehörigen und Hinterlassenen der durch Krankheit 
oder Unfall Meimgesuchten ist gesorgt, im Todesfalle werden auch 
die Kosten der Ik'erdigung übernommen; die \\7)chnerinnen sind 
als Kranke in die Wrsicherung eingeschlossen und erhalten ent- 
sprechende Unterstützung. » 

Die Vorlage wurde in vielen Versammlungen in fast allen grösseren 
Ortschaften der Schweiz von berufenen Leuten beleuchtet. An einem 
Gewerbetag des kantonalen Gewerbevereins referierte der Sch()pfer 
des Gesetzes, Herr Xationalrat Dr. Forrer, die Wirkungen desselben 
für Handwerker und Gewerbetreibende an Beispielen überzeugend 
beleuchtend. 

Alle Bemühungen reichten nicht hin, der \'orlage zum Siege 
zu verhelfen. Sie ist am 20. Mai 1900 vom \^olke verworfen wordcMi. 
Aber die Frage ruht nicht. So sind auf WM-anlassung der Zentral- 
leitung des schweizerischen Gewerbevereins im November vorigen 
Jahres viele Interessierte zu einer Besprechung eingeladen worden, 
um festzustellen, ob allseitig Geneigtheit vorhanden sei, die Frage der 
schweizerischen Unfallversicherung neu aufzunehmen, nachdem auch 
die Krankenkassen eine Wiederanhandnahme der Krankenversicherung 
beschlossen hatten. 

An dieser \'ersammlung bezeichnete man als Hauptgründe, welche 
bei der Verwerfung der \^orlage massgebend gewesen waren: allzuweit 
gehende Ausdehnung der Bundesgewalt und Schaffung vieler neuer 
Bundesbeamten, zu geringe Mitwirkung der Berufskreise, namentlich 
bei der Unfallversicherung, zu hohe Bussen und, durch den kostspieligen 
Apparat veranlasst, zu hohe Auslagen; waren einerseits die Xicht- 
betriebsunfälle einbezogen, das Obligatorium ausgedehnt, so fluiden 



\ 



1 



- 185 - 

anderseits die Berufskrankheiten und die Taglöhner keine Aufnahme, 
ein Stück Haftpflicht bestand also weiter; auch die Finanzierung gab 
zu Bedenken Veranlassung. 

Die Deleoiertenversammlung des schweizerischen Gewerbevereins, 
die 1904 in Solothurn stattfand, stellte u. a. nachstehende Sätze auf: 
Die Wiederaufnahme der Vorberatungen zur Kranken- und Unfall- 
versicherung ist vom schweizerischen Gewerbevereine zu begrüssen. 
Fine \>rbindung beider W'rsicherLingen ist wünschbar. Sollte eine 
solche als nicht opportun betrachtet werden, so ist mindestens die 
Beratung über beide Versicherungen gemeinsam vorzunehmen und 
die Unfallversicherung vor der Krankenversicherung durchzuführen. 
Für die Neugestaltung wurden ferner folgende Wünsche in Ab- 
änderung der verworfenen Vorlage geäussert: Berufskrankheiten sollten 
mitversichert sein, Nichtbetriebsunfälle sind vom Obligatorium aus- 
zuschliessen ; nur fakultativ sind zu versichern : Landwirtschaft, kauf- 
männische Angestellte, Dienstboten, Hausindustrien ; das Lohnklassen- 
svstem ist zu verwerfen. Fndlich wurde grundsätzlich verlangt: Keine 
burcaukratische Finrichtung, sondern tunlichste Selbstverwaltung und 
billige, volkstümliche Grundlage; intensive Mitwirkung der Berufs- 
kreise. Garantie, dass nicht die weniger gefährdeten Berufsgruppen 
für andere zahlen müssen. Garantie für gerechte Gefahrenklassen- 
einteilung der einzelnen Betriebe; einfiiche, billige Rechtsprechung. 
Fs sei gestattet, hier einige Sätze aus einer Rede, gehalten an 
der Delegiertenversammlung der freisinnig-demokratischen Partei der 
Schweiz am 30. Januar 1904 in Bern vom Hauptverfasser jener 
Vorlage, dem jetzigen Bundesrat Forrer, anzuRigen ; sie erölTnen uns 
einen Finblick auf die Bahnen, in denen wahrscheinlich die zukünftigen 
Beratungen über die \'ersicherungsgesetze sich bewegen werden: 
((Wir wollen die Lehren vom 20. Mai 1900 beherzigen. Mit dem 
Gleichen können wir nicht mehr kommen, das steht fest. Wir 
müssen, wenn auch nicht etwas besseres, so doch etwas anderes 
bringen, insbesondere nach xMöglichkeit dasjenige vermeiden, was den 
Sturz der ersten Vorlage verursacht hat.» 

«Fine Hauptursache des Sturzes der ersten ^'orlage war nach 
meiner Überzeuo:ung das eidgenössische Obligatorium und der bundes- 



I 



— i86 - 

gesetzliche ausgesprochene Beitragszwang in der Krankenversicherung. 
Da müssen wir Wandel schaffen und zwar nach meiner Auflassung 
in der WVise, dass wir den lintschcid über diese doppelte T'rage, 
Obligatorium und Beitragszwang, in die Kantone verlegen. In den 
Kantonen können Parteien alsdann darüber kämpfen und das Beste 
linden; der l^und bleibt bei diesem Kampfe aus dem Spiele und 
niemand wird alsdann von einem Zwange von Bundes wegen sprechen 
können. — Es ist schwer, von einer Idee Abschied zu nehmen, von 
deren Richtigkeit man heute noch überzeugt ist. Allein auf der 
andern Seite muss man sich sagen : wir dürfen keinen zweiten Miss- 
ertolg riskieren; denn, wenn die Ausführung von Art. 34 h's der 
Bundesverfassung das zweitemal misslingt, so ist's damit für lange 
Zeit aus.« . . . 

. . . «Nun stehen wir vor der Frage: Können wir neuerdings 
die beiden Versicherungen zusammen behandeln.^ Die beiden Ver- 
sicherungsarten können nicht mehr, wie im verworfenen Gesetze, in 
einem organischen Zusammenhange zueinander stehen, sondern 
werden getrennt behandelt werden müssen. Wo aber die getrennte 
Behandlung notwendig ist, da muss auch notwendig eines dem andern, 
wenigstens in der Jk^ratung, vorausgehen. Ob dann beides gleich- 
zeitig dem \'olke vorzulegen sei, ist eine andere Fra<'e.)) 

«Was soll nun vorausgehen in der Beratung? Wenn wir die 
Entwicklung der Angelegenheit verfolgen, würde die Antwort lauten : 
die Unfallversicherung muss zuerst geordnet werden. Und dennoch 
neige ich mich zu der Ansicht, es solle vorerst die Krankenversicherung 
behandelt werden. Diese ist erstens das Wichtigere. Sie ist zweitens 
das Dringlichere, weil wir für die Unfallversicherung gegenwärtig 
immerhin ein Surrogat in der Haftpflichtgesetzgebung besitzen. Die 
Krankenversicherung ist drittens eher durchführbar als die Untall- 
versicherung.» 

«Um nun sofort von der Unfallversicherung zu sprechen, be- 
merke ich in erster Linie, dass wir nach meiner Überzeugung, wenn 
wir uns neuerdings an die Frage heranwagen, an dem Postulat einer 
einheitlichen Bundesanstalt, wie sie im verworfenen Gesetze vor- 
gesehen war, festhalten müssen. . . . Wenn wir daran denken, eine 



/ 



1 



- 187 - 

eidgenössische Unfallversicherungsanstalt zu gründen, so dürfen wir 
eines nicht übersehen : In dem früheren verworfenen Gesetze bestand 
ein organischer Zusammenhang zwischen der Unfall- und der Kranken- 
versicherung. Die Agenturen der schweizerischen Unfallversicherung 
in der Peripherie waren die Krankenkassen; sie hätten das kleine 
Geschäft im Lande draussen für die zentralisierte Anstalt in Bern 
besorgt. Das fallt jetzt selbstverständlich dahin; von einem organischen 
Zusammenhange kann nicht mehr die Rede sein, da wir das Kranken- 
versicherungswesen ganz anders ordnen müssen. Es muss das Geschäft 
der Unfallversicherungsanstalt im Lande draussen von anderen Organen 
besorgt werden. Da entsteht nun eine ungeheure Schwierigkeit, die 
auch den grossen privaten Unfallversicherungsanstalten Schmerzen 
bereitet. . . . Das ist eine grosse Schwierigkeit, die Frage der 
gehörigen Kontrolle und der Agenturen, und über diese Schwierigkeit 
ist man, oder bin wenigstens ich, bis zum heutigen Tage noch nicht 
hinweggekommen. Ich kenne heute noch das Abhilfsmittel nicht; 
doch wird, hofte ich, sich eines finden, und werden wir in vernünf- 
tiger und praktikabler Weise eine staatliche Unfallversicherungsanstalt 
sründen können.» 

13. Zollgesetzgebung. 

Die Gewerbe und die Kleinindustrie haben ein grosses Interesse 
an der Gestaltung des Zollwesens. Allerdings exportieren sie nicht 
viel, die übergrossen Zölle unserer Nachbarstaaten stehen einer solchen 
Ausdehnung entgegen; dagegen ist die Einfuhr gewerblicher Erzeugnisse 
gross und wächst von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in beängstigender Weise. 
Während der Handelsverträge stieg die Einfuhr um 52^,0, die Ausfuhr 
fiel um 17'* 0. Immer mehr werden uns fertige Produkte vom Auslande 
herübergeschickt, die wir ganz gut selber verfertigen könnten. 

Seit die Schweiz mit dem Auslande Handelsverträge abschliesst, 
wird immer das gleiche Verlangen vom Gewerbestand gestellt: Gebt 
uns billige Rohstofle und schützt unsere Arbeit! Dieser gewiss 
berechtigte Ruf wurde bei den jeweiligen Vertragsabschlüssen nicht 
in der Weise berücksichtigt, dass der Gewerbestand befriedigt sein 
könnte; es scheint, dass man immer zu viel an die Minderwertigkeit 



1 



— i88 — 

der GewLM-be glaubte und meinte, man müsse Handel und Industrie 
weit voranstellen. Im neuesten Generaltarif vom Jahre 1903 sind die 
gewerblichen Interessen erfreulicherweise besser berücksichtigt worden 
und von den Wirkungen desselben verspricht man sich deshalb auch 
(jutes für das Kleingewerbe. 

Wir machen nun einen raschen Gang durch das Zollsvstem in 
der Schweiz und berücksichtigen dabei hauptsächlich das Gewerbewesen. 

Die starken Zollschranken der uns umgebenden Staaten bestehen 
nicht etwa erst seit xirka 20-30 Jahren; schon in früheren Zeiten 
wurde der schweizerische Handel und Verkehr durch unsere Nach- 
barstaaten oft schwer geschädigt. So untersagte im jähre 1781 
Frankreich den Transit fremder Waren gänzlich.^ Auch das britische 
Reich verschloss damals unseren Manutakturwaren den I^ingang in 
seine Kolonien völli«:. 

Was aber noch mehr henmite und lähmte, waren die eigenen 
Schlagbäume, die Binnenzölle, Weg- und Brückengelder, die'^Ver- 
schiedenheit in Mass, Gewicht und Geld. Diese \^eVhältnisse waren 
mit anderem ein Hauptgrund, dass sich die Angehörigen der ver- 
schiedenen Kantone fremd blieben; sie trugen bei zur Schwächung der 
ohnehin nicht starken alten Hidgenossenschaft. Nachdem im Iahre'i798 
die französischen Machthaber die Schweiz in brutaler Weise umgestaltet 
hatten, fielen alle jene hemmenden Schranken und freiere, glücklichere 
Zeiten wurden verheissen. Leider sollten die Hoffnungen noch lange 
nicht in Hrfüllung gehen. Bald wurde ja unser Land der Schauphliz 
fremder Kriege und litt dabei grosse Not. Unsägliches Leid kam 
über unser Land und alle Geschäfte gerieten in völligen Stillstand. 
Dazu kamen innere Wirren, heftige Parteikämpfe zwisclien den Neuen 
und Aken. Hndlich gebot Napoleons gewaltige Hand Halt durch 
die Mediationsakte und stellte Ruhe und Ordnung wieder her. 

^ Bald genug musste die an Frankreich gekettete Schweiz ihre 
Unfreiheit bitter empfinden, Napoleon schuf immer grösser werdende 
französische Fingangszölle und 1810 wurde die Kontinentalsperre 
auf die Spitze getrieben. Alle Kolonialwaren wurden mit unerhörten 
Zollansätzen, die Baumwolle mit eigentlichen Prohibitivzöllen belastet. 
Auch die Bevölkerung der Schweiz kam vielerorts in grosse Not und 



Ä 



— 189 — 

die Regierungen sahen sich genötigt, ausserordentliche Massregeln 
zu ergreifen, damit die besten und fleissigsten Arbeiter nicht aus- 
wanderten und dadurch dem Lande Erwerb entzogen. 

Mit dem Falle Napoleons erfolgte 181 4 endlich die gänzliche 
.Aufhebung des eidgenössischen Grenzzollsystems. Während nun die 
Schweiz ihre Tore fremden Erzeugnissen weit öflnete, ging Frankreich 
nicht ab von dem Ausschlusssystem und die andern europäischen 
Grossmächte folgten bald nach. So waren die Zollverhältnisse für 
die schweizerische Industrie nicht besser geworden. Dieser Zustand 
dauerte an bis 1-848, bis zu der Zeit, da die wieder geeinigte Eidge- 
nossenschaft tahig war, für alle Kantone verbindliche Beschlüsse 

zu fassen. 

Indessen hatten sich trotz allen Zollschranken die Verhältnisse 
in Handel und Industrie sehr gebessert; der Handel hatte kühn die 
Nachbarstaaten übersprungen und war in lebhaften \>rkehr mit über- 
seeischen Ländern getreten, mit nord- und südamerikanischen Gebieten, 
mit der Levante, mit Indien. Zudem begann England, mit seinem 
Absperrungssystem zu brechen und seine Länder immer mehr fremden 
Gütern zu erschliessen. Aber auch im Innern selbst war eine Frucht 
endlich reif geworden, die vollständige Beseitigung der kantonalen 
Zölle und die Einheit in Gewicht, Mass und Münze. Dem Beispiele 
Englands folgten bald andere europäische Staaten; man machte sich 
mit dem Gedanken vertraut, das bisherige Ausschliessungssystem 
autzugeben und sich gegenseitig Konzessionen zu machen. So begann 
die Zeit der Tarifverträge. Mit 1860 kam die Zeit des Freihandels, 
dessen mächtigster Fürsprecher Napoleon III. war. 

So zutVieden seit den vierziger Jahren Grosshandel und Gross- 
industrie mit der allgemeinen Geschäftslage waren, die kleinen 
Gewerbetreibenden glaubten, eines Scluit/es durch bessere Zollver- 
hältnisse nicht entbehren zu können; sie verlangten schon 1848 in 
einer mit 45,397 Unterschriften versehenen Petition eine neu zu 
schaflende Zollordnung; der Standpunkt des Kleingewerbes war damals 
wie übrigens noch heute : Schutz der einheimischen Arbeit und Nicht- 
annahme des Freihandelsprinzipes. Vergeblich. Man hielt die Gewerbe 
für zu unbedeutend und sah ihr Wohlergehen, wie auch das der 



i 



— 190 — 

Landwirtschaft, nur in dem Aufblühen des Handels und der Gross- 
industric. Das ^'e^hältnis des Zolles auf einzuführende Roh- und 
Hilfsstoffe für das Gewerbe zu dem auf fertige Produkte war auf- 
fallend un(üinst!ij. 

Das iTeihandelsprinzip behielt die volle Herrschaft nicht einmal 
zwei Jahrzehnte lang; Hnde der siebziger und anAings der achtziger 
Jahre gingen alle unsere Nachbarstaaten wieder zum Schutzzoll üb^er. 
Mit Österreich wurde 1878 und mit Deutschland 1879 ein Vertrags- 
verhältnis der sogenannten Meistbegünstigung geschaffen, das die 
Schweiz aber in keiner Weise davor schützte, dass die grossen Zoll- 
erhöhungen auch sie in vollem Masse träfen. Mit Frankreich konnte 
1882 ein noch leidlich annehmbarer Vertrag, der sich in fast allen 
Hauptpositionen auf den bestehenden Zustand stützte, geschlossen 
werden. Die Unterhandlungen mit Italien führten zu keinem be- 
friedigenden Resultate. 

Da kam man endlich zum Bewusstsein, dass auch die Schweiz 
in ihrem Zolltarif eine Waffe besitze, von der sie wirksamen Gebrauch 
machen sollte. Zudem waren die Bundesausgaben gewaltig ange- 
wachsen; das Militärwesen erforderte grosse Mittel. Man fühlte sFch 
stark genug, den Zollkrieg aufzunehmen, um bei Verhandlungen über 
Vertragstarife Konzessionen auszuwirken oder einheimischen Industrien 
einen Ersatz zu bieten für Schädigung durch rücksichtslose Zoll- 
erhöhung. In den Jahren 1 884, 1887 und 1 89 1 traten neue schweizerische 
Zolltarife in Kraft. Der letztere bedeutete eine Abweichung von dem 
Freihandelssystem und den Übergang zu einer opportunistischen Zoll- 
politik auf Grund des Schutzes der nationalen Arbeit. 

Allein auch dieser Tarif befriedigte in der Folgezeit das Gewerbe 
nicht, obschon mancherlei Vorteile gegenüber Vüher eingeräumt 
worden waren. Der Zentralvorstand des schweizerischen Gewerbe- 
vereins sagt von diesem Tarif: « Die meisten RohstofTe sind zu 
schwer belastet; die Ausscheidungen zwischen Halb- und Ganzfabrikat 
sind nicht überall sachgemäss getroffen; überall ist das, was wir 
fabrizieren könnten, zu wenig belastet im Verhältnis zu dem, was 
wir als Rohmaterial beziehen müssen.» 

Der Zolltarif vom Jahre 1903 wurde sorgfiiltig vorbereitet und 



— 191 — 

hat im grossen und ganzen die Zustimmung der Gewerbetreibenden 
gefunden. Die Einteilung ist weit besser als beim früheren Tarif; 
die Roh- und Hilfsstoffe wurden entlastet. Zu hoffen ist, dass es 
unseren Unterhändlern gelingen werde, die uns so schwer schädigende 
ausländische Überproduktion durch entsprechende Zollansätze fern zu 
halten. Die Hauptgegner des neuen Tarifcs waren die Konsumvereine 
und sozialistische Kreise, die behaupteten, die Lebensmittel werden 
verteuert, namentlich der Fleischpreis schlage auf. Von anderer Seite 
wurde aber des bestimmtesten bestritten, dass eine Verteuerung der 
notwendii^en Lebensmittel eintrete und wenn erhöhte Gcneralzollansätze 
für Butter, Vieh und Wein aufgestellt worden seien, so habe das 
seinen Grund darin, dass die Schweiz eben auch Waffen in der Hand, 
Kampfzölle haben müsse. — Mit unerwartet grossem Mehr wurde 
der Tarif angenommen. Mögen die Hoffnungen, die auch der Ge- 
werbestand auf ihn setzte, sich zum grössern Teil erfüllen ! 




193 



m 




D. Schlusswort. 



\ i der kantonale Handwerker- und Gewerbeverein mit Be- 
J riedii^Hing auf seinen lünfzic,rjährigen Bestand zurückblicken? 
Darf er sieb sai]:en, dass er ein nützlicbes Glied im öffentlicben Leben 
gewesen sei? Wir beantworten die Fragen getrost mit Ja; den Beweis 
glauben wir gerade durcb diese Denkscbrift geleistet zu baben. Wenn 
man die verscbiedenen Gebiete überscbaut, in denen der \'erein täti<r 
war, wird man sieb sagen müssen : es ist viel gearbeitet und mancbes 
erreicbt worden zum geistigen und materiellen \'orteil des Hand- 
werkerstandes. 

Durcb die vielen Beratungen und Besprecbungen , durcb die 
zablreicben \'orträge, Scbriften und Referate wurde Belebrun<^ und 
Aufklärung in weitere Kreise der Gewerbetreibenden getragen; durcb 
die vielen Hingaben an die obersten Landesbebörden ist mancbes 
Interesse des Handwerkerstandes gewabrt worden. Ykl greifbaren 
Nutzen scbuf der Verein durcb Veranstaltung von Ausstellungen und 
Bescbickung von solcben durcb Berutsleute und im Anscblusse daran 
durcb die Ausstellungsbericbte mit ibren Nutzanwendungen. 

Di:n Scbäden aller Art, die das Handwerk zu ersticken droben, 
sucbte der \^erein zu webren durcb sorgfältige Ausarbeitung von 
Gesetzesentwürfen. Die Berufsbildung zu beben, war eines seiner 
vornebmsten Ziele; er fübrte dieLebrlingsprüfungen ein und unterstützte 
dieselben mit nambaften Beiträgen; er befürwortete die Anbandnabme 



von Meisterkursen zur vollkommeneren Ausbildung im Berufe — kurz, 
er tat alles, was in seiner Macbt lag, das Handwerk zu unterstützen. 

Sind denn alle diese Anstrengungen der Mübe wert ? oder gebt 
nicbt das Kleinbandwerk trotz allen Webrens und Sträubens dem 
Zertalle entire^en? Fast möcbte man es glauben, wenn man gewisse 
Leute sprecben bort, die da glauben, eine soziale Frage bestebe nur 
für die unselbständig Erwerbenden, nicbt aber aucb tur den arbeitenden 
Mittelstand der Handwerker, der Kleinbändler, der gedrückten Landwirte. 

Das Handwerk wird nicbt untergeben, wenn es mitunter aucb 
den Anscbein bat, als könnte es kaum mebr besteben. Zeiten des 
Zerfalles bat es aucb scbon durcbgemacbt und sieb docb wieder 
emporgearbeitet. So stand es recbt tief am Anfiuig des vorigen 
Jabrbunderts zur Zeit der Einfübrung der vollständigen Gewerbefreibeit; 
es bob sieb docb wieder und bracbte es in den zwanziger bis fünfziger 
]abren zu einer erfreulieben Entwicklung; aucb in den fünfziger und 
secbziger Jabren nimmt es nocb zu an Zabl der xMeister und Gebilten. 
Dann allerdings tritt die Grossindustrie immer mebr und mebr in 
den \^ordergrund und drückt so mancbe Existenz erbarmungslos an 
die Wand. Dafür sind gerade infolge der neuen Industrien eine 
Menge neuer bandwerksmässiger Betriebe entstanden, so dass die 
Zabl der Handwerker immer nocb zugenommen bat. 

Nicbt von der Grossindustrie droben dem Handwerk die grössten 
Gefabren. Scbon längst baben weitsicbtige Männer eingeseben, dass 
Handwerk und Grossindustrie ganz gut nebeneinander besteben können. 
In vielen Gebieten, auf denen ein Wettkampf zwiscben Handwerk 
und Grossindustrie bestebt, sind die beidseitigen Arbeitsgebiete be- 
reits abgegrenzt. . 

Die grössten Feinde unseres Handwerks sind die Übermacbt des 
Kapitals, das der mittleren und kleineren Betriebe sieb bemäcbtigt 
und deren Selbständigkeit unterdrückt, die Konkurrenz des Auslandes 
mit seinen billigern Robstoflen und zum Teil niedrigem Arbeitslöbnen 
und cäinstiireren ZoUverbältnissen, die unlautere Konkurrenz im eigenen 
Lande durcb die Warenlager, Warenbäuser, Abzablungsgescbäfte, 
Engros-Hausierer u. s. w. ; viel Scbaden ricbten aucb die Gewerbe- 



treibenden sieb an durcb das unsinnige Preisunterbieten. 



13 



— 194 - 

Wenn wir diese Feinde nennen, so wissen wir Jan,it .n-icici, 
wessen w,r uns y.u erwei,ren haben. Der Handwerkerstand bedarf 
.ur Bcseu.gung der Oberfläciilichkeit, der Pfuscherei und Gedanken- 
losen I re.sunterbietung Gesetze, die darauf abfielen, ihn' beruHich 
"nd n,oraMsch tüchtig zu machen, also Gesetze y.ur Regelung des 
I.ehrhngswesens und des beruflichen Fortbildungsschulwesens, ferner 
gesetzliche Bestinuuungen zurBek-unpfung des unlautern Wettbewerbes 
des überflüssigen Hausierwesens, des leichtsinnigen Schuldenmachens 
und Schutz gegen die Schädigungen durch den Bauschwindel- nicht 
.u,n uMudesten sind auch Massnahmen nötig zur Regelung des 
^LiDiiiissionswcscns. " 

Der Handwerker soll indessen nicht nur auf Hülfe von oben 
l^auen; ,edcr soll selber seinen Stand zu heben trachten durch 
rt,cht,gke,t und Solidität im eigenen Berufe, durch fleissige, gewissen- 
halte Arbeit und das unausgesetzte Streben nach \-ervollkominnun" 
Heutzutage ,st es jedoch unmöglich, dass die einzelnen für sid, 
gegen herrschende widrige Zeitströmungen mit Erfolg zu kämpfen 
vermögen. Aber noch ist bei vielen Handwerkern die Einsicht von 
der Notwendigkeit gemeinsamen Handelns nicht zum Durchbruch 
gekommei,, sie schliessen sich keiner X'ereinigung an. Sogar ganze 
Vereine sind dem U,W.. X'erbande fern gebliehen, obwohl die 
Mehrzahl der gewerblichen Streitfragen bis heute noch auf dem 
kantonalen Boden ausgefochten werden nuissten. Das zeugt von 
mangelndem Weitblick. M. ,/.,,/. ,,„ Znsa>un,e,ncirl.n verdnUr 
Krafe kann das Wohl des ein^ehu-n une der GesamiheU .eförderi 
norden. In der Einigkeil aller Slandesgenossen liegt die Macht, ' urlche 
eine bessere Znhinift ennöo^Uchl. 

Möge diese Wahrheit immer mehr zur Anerkennung gelan<.en 
und eine noch zahlreichere und geschlos.senere \'erei„igung der Be- 
nifsgenossen auch in unseren, Kanton herbeiführen \ Mit diesem 
Wunsche schliessen wir unsere Denkschrift. 




1 



{ 




Beilage 1. 



Anhang. 



Zuschrift an den Grossen Rat, datiert 12. Februar 1831 

(etwas gekürzt). 

Hochgeachteter Herr Amtsbürgermeister ! 
Hochgeachtete Herren und Obere! 

Der Handwerkerstand unseres Kantons hat unterm 6. Januar a. c. 
der hohen Verfassungskommission ein Memorial eingegeben, in dem 
er derselben die Versicherung erteilt, dass es in seinen aufrichtigsten 
Wünschen liege, die Verfassung der Innungen dem Geiste der Zeit 
anzupassen und auf alles, was mit demselben in Widerspruch stehen 
könnte, freiwillig zu verzichten. Dagegen bittet er, dass bestimmte 
Grundsätze in der neuen Verfassung möchten ausgesprochen werden, 
nach denen seine Existenz gesichert bleibe. Nur dieses glaubt er 
verlani^en zu müssen und zu dürfen, Vorrechte aber war er weit 
entfernt zu verlangen. . . . 

Von vielen und selbst von sehr achtbaren Seiten wird in unsern 
Tagen Aufhebung des Zunftzwanges verlangt. So vielfache Begriffe 
nun hie und da diesem Begehren unterliegen mögen, so glaubt der 
Handwerkerstand selbst, dasselbe dahin verstehen zu müssen, dass alles 
Stossende und Fortschritte der Industrie Hemmende aus den Hand- 
werksverordnungen wegfalle, und auch diese nur insoweit fort- 
bestehen sollen, als sie zur Handhabung der Ordnung und zur 
crecrenseitit^en wohltätic^en Unterstützung der Handwerker unter sich, 
nicht aber zur Ausübung von Privilegien beitragen können; und in 



i 



— 19^ — 

diesem Sinne verlangt anci, der Handwerkerstand die Anfhcbun.. 
dieses Zwanges und bietet, wo auch vielleicht noch das Privatinteresse 
dahci IcKJcn n.üsste, selbiges freiwillig zum Opfer dar. Jener Absicht 
aber, welche jede bestehende Hand Werksordnung, jeden flandwerks- 
verband, ,a selbst jede ausschliessliche Berechtigung der erprobten 
Me.ster als zwecklose und hemmende Bestimmung atisieht, muss er 
teierhch entgegentreten, da er in diesen Hinrichtungen allein den Fort- 
bestand semer Existenz, und selbst die moralischen und ökono- 
nnschen Stützen des \'aterlandes erblickt. 

Mit Überzeugung darf er die Behauptung aufstellen, und sie 
geht atrs der Erfahrung anderer Staaten hervor, dass eine unbedingte 
Gewerbelreiheit das Grab des IUirgertun,s, der Untergang jener ehr- 
baren Mittelklasse sent müsste, welche, besonders im Freistaate den 
Kern der Bevölkerung bilden soll Xie ist Ordnung eine Be- 
schrankung der Freiheit, an, wenigstens hier, sie ist vielmehr die 
Mütter der bleibenden Freiheit imd ein Segen der Bürger. 

Anf der andern Seite kann auch kein Billiger verlangen, dass 
■sie \orrechte schütze, sonst steht sie nicht mehr im Dienste der 
Freiheit. In dieser Beziehung sieht auch der Handwerkerstand ein 
dass die Finrichtungen seiner bisherigen Organisation, und ganz 
besonders die ,edem Handwerke zugeteilten Gesetze, denen sich .selbst' 
■ni Laufe der Zeit hie und da Missbrauche angeschlossen, in unseren 
lagen nicht mehr im .Sinne der Zeit liegen können. 

■ ■ . Diese Gesetze beziehen sich im allgemeinen auf die Ein- 
richtung des_ Verbandes der Meister und die Art ihres periodischen 
Aisammentrittes, sowie die Leitung und Besorgung der Geschäfte; auf 
die Bestimmungen, tinter denen in den verschiedenen Berufsarten das 
Meisterrecht eruorben werden musste; auf die Festsetzung von Wander- 
imd Wartejahren, die von der Beendigung der Lehrzeit an durchlaufen 
werden mussten, ehe das Meisterrecht erworben werden konnte; auf 
eine bestimmte Zahl von Lehrjahren, die von jedem angehenden 
Handwerker strenge erfüllt werden mussten; auf die Formen und 
clie damit verbundenen Gebühren zum Behufe der Erhaltung des 
Lehrlings-, Gesellen- und Meisterrechts; und endlich auf einige 
polizeiliche Verordnungen für besondere Handwerke, auf eine be- 



1 



— 197 — 

Stimmte oder unbestimmte Zahl von Lehrlingen, die ein Meister 
einstellen durfte. 

Vielfach möo:en hie und da in diesen Statuten sich Missbräuche 
angereiht haben, die nicht zu rechtfertigen sind, aber der Vorwurf 
kann uns nicht klar werden, dass im Verbände der Meister selber 
etwas Gehässiges und Drückendes liege. Wir müssen vielmehr be- 
haupten, dass 7^111)1 Behufe der geuaiieii Handhabung der Handiuerhs- 
ordnung dieser periodische Zusammenlritt der Meister nötig, soivie behufs 
oecrenseitioer Belehruno und Unterstützung in Berufsgegenständen nüt:^- 

lieh ist. 

Ein Hauptangriff gtgm unsere bestehenden \'erordnungen findet 
in Beziehung auf die festgesetzte Lehrzeit statt, und hier bemüht man 
sich, vorzüglich das Genie hervorzustellen, dessen Entwicklung an 
keine Jahre gebunden sein solle. So sehr wir unserseits überzeugt 
sind, dass jeder Beruf gelernt sein muss, wenn er betrieben werden 
will, so klar wir auch der Natur und dem Leben einen stufenweisen 
Gang entnehmen, so wenig will hier der Handwerker der freien Aus- 
bildung der Kräfte hemmend in den Weg treten und gibt freiwillig 
die bis dahin festgesetzte Zeit der Lehrjahre preis. Der Handzuerker- 
stand schläft jedoch eine Prüjung vor, die allein den Übertritt in den 
Gesellenstand bestimmen soll. 

Die Gesellen- und Wartezeit tritt auch hie und da lästig in den 
Weg, und auch in dieser Beziehung beharren wir keineswegs auf der 
frühern Einrichtung. 

So leicht das Meisterrecht in einigen Handwerken, ohne irgend 
einen Beweis von Fähigkeit, bloss auf die Ausweisung einer Zahl 
durchlaufener Berufsjahre erhältlich war, so schwer wurde dessen Er- 
werbung in anderen, und hie und da wird selbst nicht ohne Recht 
über unpassende Strenge und Willkür bei Abnahme des sogenannten 
Meisterstückes geklagt. /// dem Beiveise der Berufsfähigkeit aber muss 
die Garantie des Fortbestandes der Innungen, des Fortbestandes der 
inländischen Kunstfertigkeit liegen. Dass diese Prüfung stattfinde, ehe 
eine Berechtigung zum Betriebe erteilt werde, darauf dringt der 
Handwerkerstand mit aller Kraft. Das Recht, diese Prüfung selbst 
vorzunehmen, will er aber nicht mehr beanspruchen, um allem A'or- 



^ 



— 198 — 

wiirte von Parteilichkeit in diesem wichtiijen Geschäfte vorzubeuaen 
er übergibt es in die Hände seiner Re^ierunij, aber er übergibt es 
mit dem hiutesten Zurufe: In der zweckmässigen oder unzweck- 
mässigen Ausführung dieser Bestimmung liegt das Fleil des Staates, 
das Glück der Bürger, oder der Untergang, das ökonomische und 
moralische \'erderben von Tausenden! 

.... Das Ausscheiden der Handwerke selbst untereinander 
musste endlich noch vielfache Klagen veranlassen; um auch diesen 
vorzubeugen, ist der Handwerksstand geneigt und schlägt desweijen 
der hohen gesetzgebenden Behörde vor, die scharfen Abgrenzungen 
der Handwerker unter sich aufzuheben und zu bestimmende Neben- 
arbeiten verwandten Handwerken gemeinsam zu ii:estatten. 

In bezug auf einzelne Gebräuche der xMeister unter sich, wie 
festgesetzte Preisbestimmungen und ähnliche bindende Massreijeln, 
verzichtet er ebenfalls, und die früheren Gesellenordnungen will er 
ganz aut heben, sowie die Gerichtsbarkeit geringerer Kompetenz, die 
ihm noch zustand, den betreffenden Behörden überlassen. 

Der Geist der freien Kraftentwicklung hat sich seine Bahn <ze- 
brochen, und keine Innung wird ihn in seinen Fortschritten hemmen, 
unter welchen Formen sie bestellt werde; diesen zu unterstützen 
gebietet vielmehr die Iihre dem Handwerkerstande und er wird es 
tun, er wird es können bei einer Form, die >\^\\ Frwerb aller Staats- 
bürger sichert und dennoch der Gewerbstätigkeit den ncHiiJen Auf- 
Schwung zugesteht. 

Wir glauben nämlich die Erhaltung aller Klassen und die Förde- 
rung jedes Industriezweiges zu vereinigen, wenn wir Ihnen folgende 
\'erfassung der Flandwerke andeuten : 

Das Wesen des Innungsverbandes beruht auf dem Grundprinzipe 
einer möglichst gleichmässigen Verteilung der Arbeit und des Er- 
werbes, zum Behufe der Vervollkommnung der Produkte (Arbeit) 
selbst, und zur Sicherung der ökonomischen Existenz der Staatsbün^er. 
Aus diesem Grundprinzip ergeben sich hauptsächlich folgende 
Anwendungen : 

A, Ausschliesslich berechtigt zur Betreibung eines Handwerkes 
sind die Kunstfertigen (Meister). 



C) 



1 



B. Jedes Handwerk umfasst gewisse Hauptarbeiten und unter- 
scheidet sich dadurch von den übrigen. Zwischen verwandten Hand- 
werken dürfen aber keine scharfen Abgrenzungen bestehen und 
ize wisse Nebenarbeiten sollen mehreren ähnlichen Handwerken zugleich 
zustehen. 

C. Der Verkauf der von inländischen Meistern verarbeiteten 
Handwerksartikel gegenüber den eingebrachten Erzeugnissen des 
Auslandes soll möglichst erleichtert werden. 

Von solchen Gesichtspunkten ausgehend, bittet der Handwerks- 
stand des Kantons die hohe gesetzgebende Behörde für ein in diesem 
Sinne abgefasstes Gesetz, welches folgende Bestimmungen enthalten 
würde : 

1. Eine vom Regierungsrate gewählte Industriekommission, in 
welcher der Handwerksstand repräsentiert ist, hat die Oberautsicht 
über sämtliche Handwerke. 

2. Jeder Bezirk, in welchem wenigstens zwölf Meister desselben 
Handwerks wohnen, hat eine Bezirkslade für dieses Handwerk. (Die 
sämtlichen Bezirksladen eines Handwerks bilden zusammen eine 

Kantonslade.) 

^. Die Berechtigung, ein Handwerk zu treiben, ist an das Meister- 
recht geknüpft. Zu diesem Ende hat sich jeder, welcher dasselbe 
erwerben will, über seine Kunstfertigkeit vor der Industriekommission 
auszuweisen. 

Dieser Ausweis geschieht entweder durch Fertigung eines, von 
der Kommission, mit Zuzug von Berufsexperten, aufgegebenen und 
von ebendenselben beurteilten Meisterstückes, oder durch Prüfung oder 
sonstige Darlegung der zur kunstmässigen Betreibung eines Hand- 
werkes erforderlichen Eigenschaften. 

4. In der Regel darf niemand das Meisterrecht erwerben, bevor 
er das 20. Altersjahr angetreten hat. Jedoch sind aus besonderen 
Gründen Ausnahmen von dieser Regel zulässig. 

5. jeder Meister ist berechtigt, so viel Gesellen zu halten, als 
er für zweckdienlich erachtet. 

6. Durch schulgerechte Bearbeitung eines Gesellenstückes tritt 
der Lehrknabe in den Gesellenstand, insofern Privatverträgen zwischen 



— 200 



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Meister und Lehrknaben in bezug auf die Dauer der Lehrzeit ent- 
sprochen worden ist. 

7. Die Wanderschaft des Gesellen wird nicht durch das Gesetz 
gefordert, sondern freii^^estellt. 

8. Die Lehrzeit wird durch freiwillige W^-träge zwischen Meister 
und Lehrknaben bestimmt. Es steht jedem Meister frei, so viel 
Lehrknaben zu halten, als er will. 

9. Nach diesen Grundsätzen wird von jedem einzelnen Hand- 
werke eine besondere Handwerksordnung entworfen, welche der 
Sanktion des Gesetzgebers unterliegt. 

10. Die polizeiliche Aufsicht, welche einzelne Handwerke er- 
fordern, steht dem Kegierungsrate und seinen \'ollziehungsbeamten zu. 

Sie überzeugen sich, Tit., dass es sich hier keineswegs um Privi- 
legien oder \^orrechte handelt; die Opfer, die der Handwerkerstand der 
Zeit und dem Vaterlande bringt, sind unzweideutig; aber die angeführten 
Formen wünscht er durch den W^fassungsartikel garantiert^ 

. . . Dreissigtausend Menschen blicken mit gespannter Erwartung 
auf Ihren Entscheid hin; das Wohl des \^uerlandes, das Glück de^i*- 
Bürger ist dadurch bedin<:t. 

(Untorscbriftcn.) 



) 



Beilage II. 

Verzeichnis der Ehrenmitglieder von 1859—1904. 



Ge- 
wählt 



1859 

1859 

1859 

18G2 

1862 

1862 

1863 

1863 

1871 

1871 

1879 

1885 

1885 

1893 

1893 

1893 

1893 

1893 

1895 

1899 

1899 

1899 

1901 

1903 



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Huber 
Kappeier 
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Zeuner 
Marschall 
Sieber 
Walder 
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Rüegg 
Rieter 
Autenheimer 

* Abcgg 
*G. Hug 

Koller 
Wettstein 

* Pestalozzi 

* Peter 
♦Hablülzel 
*Lincke 

* Berchtold 
*Brändli 



Beruf 



Regierungsrat 

Professor am eidg. Polytechnikum 

Seminardirektor 

Regierungsrat 

Eidg. Schulratspräsident 

Professor am eidg. Polytechnikum 



Regierungsrat 



Buchdrucker 

Oberst 

Professor am Technikum 

Nationalrat 

Lehrer 

Stadtrat 

Sekundarlehrer 

Stadtpräsident 

Schmiedmeister 

Sattlermeister 

Ingenieur 

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Mechaniker 



Wohnort 



Zürich 

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Küsnacht 
Zürich 

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Wiuterthur 

Küsnacht 

Winterthur 

Zürich 



Pfäffikon 
Zürich 

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Beilage VI. 



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Jahr 



1877 
1878 
1879 
1880 
1881 
1882 
1883 
1S84 
1885 
188G 
1887 
1888 
1889 
1890 
1891 
1892 
1893 
1894 
1895 
1896 
1897 
1898 
1899 
1900 
1901 
1902 
1903 



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Gewerbehalle der Kantonalbank. 



Aussteller 



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welche 

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Käufer 



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Nummern 



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209 

195 
221 
199 
189 
188 
187 
201 
204 
180 
170 
181 
183 
181 
202 
183 
177 



167 
178 
177 
166 
162 
163 
167 
175 
153 
145 
149 
148 
156 
168 
167 
161 



189 



175 


164 


183 


171 


204 


190 


187 


171 


185 


156 


187 


157 


187 


159 


182 


150 



132 
136 
134 
121 
118 
116 
114 
121 
107 

98 
102 

99 
105 
120 
112 
110 
114 
125 
141 
121 
118 
117 
119 
109 



4,930 I 3,920 ; 2,809 



163,3 117,0 



35 
42 
43 
45 
44 
47 
53 
54 
46 
47 
47 
49 
51 
48 
55 
51 
50 
46 
49 
50 
38 
40 
40 
41 



2,054 
2,295 
2,558 
2,608 
2,766 
3,124 
3,382 
3,385 
3,045 
3,303 
3,513 
3,752 
3,667 
4,111 
4,598 
4,370 
4,160 
3,887 
3,709 
3,410 
3,021 
2,752 
3,120 



4,196 
5,631 
4,469 
4,471 
5,274 
6,316 
6,721 
7,827 
7,362 
7,844 
8,619 
8,006 
7,460 
8,070 
8,746 
9,248 
9,328 
10,270 
11,886 
10,789 
10,244 
9,997 
9,542 i 
8,708 \ 
7,408 
6,009 
5,287 \ 



Fr. 

129,880 

164,639 

161,196 

152,729 

167,345 

190,589 

195,471 

175,107 

194,539 

195,379 

249,088 

238,531 

236,675 

230,997 

260,049 

259,253 

281,073 

297,473 

325,435 

292,349 

273,494 

291,196 

262,097 I 

247,253 

225,959 

208,458 , 

194,305 



Fr. Fr. 

— 1,758 

— 1,467 

— 3,924 

— 2,349 

— 894 
158 — 

— I 1,541 

— 1 4,074 

— ! 2,551 

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3,455 

2,002 
785 

3,040 

2,479 

2,923 

969 

2,913 

924 

321 

946 
3,883 
3,885 
4,893 
2,515 



1,422 



405 



1,111 76,590 209,728 6,100,559 22,051 30,515 



46,3 3,330 



100 71,7 28,3 



7,767 1 225,946 



Im ganzen Rückschlag Fr. 14,464 



— 212 



Gewerbehalle der Kantonalbank. 

Aussteller von Sladt und Land. - Durchschnilllicher jährlicher Verkauf eines Ausstellers. 



Jahr 



1881 

J882 

1883 

1884 

1885 

1886 

1887 

188S 

3889 

1890 

1891 

1892 

1893 

1894 

1895 

1896 

1897 

1898 

1899 

1900 

1901 

1902 

1903 

Durchschnitt 



der Stadt 



Aussteller aus 

den Ausgemeinden den Landgemeinden 



Verkauft für Fr. 



Vei kauft für Fr. 



102G 

1333 

1245 

1053 

1158 

776 

1043 

947 

797 

739 

939 

1150 



1058 

1123 

1307 

1201 

1418 

1533 

2052 

2305 

2625 

2284 

2668 

2106 



1779 

2010 

2120 

1797 

1685 

1586 

1724 

1651 

1480 

1320 

1527 



1404 



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Verkauft für Fr. 



516 
651 
882 

889 
858 
985 
828 
913 
923 

1065 
981 

1081 

1307 

1203 

1514 

1313 

1266 

1284 

976 

1216 

1185 

907 

679 



1064 
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— 213 — 

Beilage VII. 

Entwurf des Handwerks- und Cewerbevereins des Kantons Zürich 

für ein 
Gesetz über das Lehrlingswesen und das berufliche Fortbildungsschulwesen. 



Erster Abschnitt. 
Lehrlingswesen. 



a) Pralclische Berufslehre. 

§ I. Als Lehrling im Sinne des Gesetzes gilt jede minderjährige männliche oder 
weibliche Person, welche in einem handwerksmässigen oder industriellen Betriebe, in einer 
Lehrwerkstätte oder in einem Handelsgeschäfte einen bestimmten Beruf erlernen will. 

Im Zweifelsfalle entscheidet die Direktion für das Volkswirtschaftswesen. 

§ 2. Der Eintritt in die Lehre bei einem Gewerbetreibenden mit handwerksmässigem 
oder industriellem Betriebe oder in ein Handelsgewerbe ist dem Lehrling nach Schluss 
des Schuljahres gestattet, in dem er das 14. Altersjahr zurückgelegt hat. 

§ 3, Personen, welche infolge einer straf rechdichen Verurteilung nicht im Besitze 
des Aktivbürgerrechts sind, dürfen während der Dauer der Einstellung keine Lehrlinge 
halten. 

§ 4. Wenn Geschäftsinhaber nicht durch eigene Kenntnis des Berufes oder durch 
Sorge für geeignete Stellvertretung die nötige Garantie für zweckmässige Heranbildung 
der ihnen anvertrauten Lehrlinge bieten, oder ihre Pflichten gegenüber Lehrlingen vernach- 
lässigen, so kann auf Antrag des Vaters oder des Vormundes des Lehrlings oder des In- 
habers der väterlichen Gewalt durch die kantonale Kommission für das Fabrik- und Ge- 
werbewesen, beziehungsweise durch diejenige für das Handelswesen, der Lehrvertrag 
aufgehoben werden. 

Bestreitet ein Lehrmeister, dass ein Grund hiefür vorhanden sei, so hat er dies inner- 
halb einer Woche von der Mitteilung des Beschlusses an der betreffenden Kommission 
schriftlich kund zu tun, und es hat alsdann diese letztere einen gerichtlichen Entscheid 
gemäss den Bestimmungen über den Bevormundungprozess herbeizuführen. 

§ 5. Der Regierungsrat ist befugt, eine wohlgeordnete Berufslehre bei tüchtigen 
Meistern mit angemessenen Staatsbeiträgen zu unterstützen. 

§ 6. Für jedes Lehrverhältnis ist ein schriftlicher Lehrvertrag in zwei Exemplaren 
auszufertigen ; je ein Exemplar fällt zu Händen der vertragschliessenden Parteien. 

§ 7. Der Lehrvertrag soll mindestens enthalten die Angabe des zu erlernenden Be- 
rufes beziehungsweise der Berufsspezialität, die Dauer der Lehrzeit, die gegenseitigen Ver- 
gütungen und die Bedingungen, unter welchen eine einseitige Aufhebung des Vertrages 
zulässig ist. 



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- 214 — 

Der Lehrvertrag ist vom Inhaber der väterlichen oder vornmndschaftlichen Gewalt, 
vom Lehrmeister und vom Lehrling elj^enhändig zu unterzeichnen. 

§ 8. Die ersten vier Wochen der Lehrzeit werden in dem Sinne als Probezeit be- 
trachtet, dass es bis zum Ablauf derselben jedem Teile freisteht, das Lehrverhältnis unter 
Einhaltung einer mindestens dreitägigen Kündigungsfrist aufzulösen. 

§ 9. Der Lehrmeister hat den Lehrling nach besten Kräften in der durch den Zweck 
der Ausbildung gebotenen Reihenfolge in allen Kenntnissen und Fertigkeiten seines Ge- 
werbebetriebes heranzubilden. Er muss entweder selbst oder durch einen geeigneten, aus- 
drücklich hiezu bestimmten Stellvertreter die Ausbildung des Lehrlings leiten. Zu andern 
als beruflichen Dienstleistungen darf der Lehrling nur insoweit verwendet werden, al* 
der Lehrvertrag es gestattet und die Erlernung des Berufes darunter nicht Schaden leidet, 

§ 10. Der Lehrmeister ist zu humaner Behandlung des Lehrlings verpflichtet. 

Auch ohne besondere Bestimmungen im Lehrvertrage ist jeder Lehrmeister ver- 
pflichtet, seine Lehrlinge den obligatorischen Schulunterricht und den Religionsunterricht 
nach den darüber bestehenden gesetzlichen und reglementarischen Vorschriften besuchen 
zu lassen und ihnen die hiefür erforderliche Zeit freizugeben. 

Wo öfifentliche oder von den Behörden unterstützte Fortbildungsschulen bestehen 
(§ 20 u. ff.), ist der Lehrmeister verpflichtet, den Lehrling zum Besuche derselben anzu- 
melden und anzuhalten und ihm die hiezu erforderliche Zeit einzuräumen, und zwar für 
den Unterricht, der in die Arbeitszeit fällt, bis auf vier Stunden wöchentlich. 

§ 1 1. Der Lehrling steht unter der väterlichen Aufsicht und Zucht des Lehrmeisters, 
soweit die direkte Aufsicht der Eltern oder des Vormundes fehlt. Er ist zu Fleiss und 
sittlichem Betragen verjiflichtet und hat seinem Lehrmeister, sowie dessen Stellvertreter 
Gehorsam zu leisten. 

Lehrlinge, welche erwiesenermassen ohne Grund aus der Lehre laufen, sind ver- 
pflichtet, auf Verlangen des Lehrmeisters wieder einzutreten, oder sie haben, beziehungs- 
weise der Vater oder Vormund, an den Meister eine Entschädigungssumme zu entrichten. 
Die Höhe derselben soll, sofern der Lehrvertrag darüber nichts enthält, von der kanto- 
nalen Kommission für das Fabrik- und Gewerbewesen bestimmt werden. Da wo gewerb- 
liche Schiedsgerichte bestehen, sind diese befugt, die Entschädigungssumme festzusetzen. 

§ 12. Erkrankt der Lehrling, so soll der Lehrmeister, sofern der Lehrling mit ihm 
in häuslicher Gemeinschaft lebt, dafür sorgen, dass unverzüglich die Eltern oder der Vor- 
mund in Kenntnis gesetzt und dem Kranken gehörige Pflege und ärztliche Behandlung zu 
teil werden. 

§ 13. Für eine dem Lehrvertrag gemäss bestandene Lehrzeit soll der Lehrmeister 
dem Lehrling eine Bescheinigung über Art und Dauer der Lehre ausstellen. 

§ 14. Der Regierungsrat hat im Einverständnis mit den kantonalen Handwerker- 
und Berufsverbänden auf dem Verordnungswege für einzelne Berufsarten nähere Bestim- 
mungen über das Lehrlingswesen, insbesondere über die Dauer der Lehrzeit in einem 
Gewerbebetrieb zu erlassen. 

h) Lehrlingsprüfungen. 

§ 15. Jeder Lehrling, der im letzten Sechstel seiner Lehrzeit steht, ist verpflichtet, 
sich einer Lehrlingsprüfung zu unterziehen. Der Lehrmeister hat ihn zur Teilnahme an- 
zumelden. 



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— 215 — 

Zur Lehrlingsprüfung sollen auch junge Arbeiter oder Arbeiterinnen zugelassen 
werden, die ihre Lehrzeit in der Schweiz bestanden haben und deren Lehrzeit seit nicht 
länger als einem Jahre, vom Datum der Prüfung an gerechnet, vollendet ist. 

Der Staat übernimmt die Kosten der Lehrlingsprüfung. 

§ 16. Die Anordnung von Lehrlingsprüfungen, sowie die Oberaufsicht über die- 
selben ist Sache der Direktion für das Volkswirtschaftswesen bezw. der ihr beigeordneten 
Kommission ; die Organisation und Leitung derselben, sowie die Wahl der Sachverstän- 
digen ist unter Mitwirkung der Handwerker-, Gewerbe- und kaufmännischen Vereine 
durchzuführen. 

Die für die Prüfungen angefertigten Arbeiten sind öffentlich auszustellen. 

§ 17. Die Wahl als Sachverständiger ist jedermann verpflichtet für drei aufeinander- 
folgende Jahre anzunehmen, ausgenommen wer infolge von Krankheit, hohem Alter u. s.w. 
zur Übernahme dieses Amtes unfähig ist. Über die Berechtigung der Ablehnung der 
Wahl entscheidet endgültig die Kommission für das Fabrik- und Ge werbe wesen bezw. 
diejenige für das Handelswesen. 

§ 18. Lehrlinge, welche die Prüfung nicht mit Erfolg bestanden haben, können sich 
frühestens nach Ablauf von 6 Monaten zu einer Nachprüfung anmelden. Sind seit der 
ersten Prüfung mehr als 12 Monate verflossen, so ist die Zulassung zu einer Nachprüfung 
ohne hinreichende Gründe nicht mehr statthaft. 

§ 19- Jedem Teilnehmer, welcher die Lehrlingsprüfung mit Erfolg bestanden hat, 
ist nach beendigter Lehrzeit ein Lehrbrief auszustellen. 



Zweiter Abschnitt. 
Gewerbliches und kaufmännisches Bildungswesen. 



§ 20. Der Staat errichtet an zentral gelegenen, gewerbereichen Orten, wo das Be- 
dürfnis es erfordert, berufliche Fortbildungsschulen für junge Handwerker und Kaufleute, 
insofern die Gemeinden, Bezirke oder Korporationen sich finanziell an der Errichtung und 
dem Unterhalt betätigen. 

§ 21. Wenn Bezirke, Gemeinden, berufliche Korporationen oder Private solche 
Fortbildungsschulen errichten, so haben sie Anspruch auf Staatsunterstützung, sofern sie 
den Anforderungen dieses Gesetzes entsprechen und die Genehmigung der Direktion für 
das Volkswirtschaftswesen erlangt haben. 

§ 22. In den Kreisen, wo solche Schulen bestehen, sind alle Lehrlinge während 
ihrer ganzen Lehrzeit zum Besuche derselben verpflichtet. Die Direktion für das Volks- 
wirtschaftswesen bestimmt auf Antrag der kantonalen Kommission für das Fabrik- und 
Gewerbewesen den Umfang dieser Kreise. Lehrlinge, die eine höhere, über die Stufe der 
achtklassigen Primarschule hinausgehende Schule besucht haben und sich über den Besitz 
der Kenntnisse ausweisen, die an einer beruflichen Fortbildungsschule erworben werden 
können, sind vom Besuch der Fortbildungsschule befreit, bezw. können sie in einen höhern 
Kurs eintreten. Die Aufnahme von Schülern, die noch die Volksschule besuchen, ist unter- 
sagt. Ausgelernten Arbeitern ist der Eintritt in die Fortbildungsschule gestattet. 



— 21 6 



217 



§ 23« Die beruflichen Fortbildungsschulen bezwecken: 
a) Die allgemeine Bildung ihrer Schüler auf Grundlage der Kenntnisse, die sie in der 

Primär- und Sekundärschule gewonnen haben, weiter auszubauen. 
h) Sie mit denjenigen theoretischen und praktischen Fachkenntnissen und Fertigkeiten 

auszurüsten, die zum richtigen Betrieb eines handweiksmässigen oder kaufmännischen 

Berufes nötig sind. 

Um dieses letztere Ziel zu erreichen, sollen, wo das Bedürfnis hiefür vorhanden ist, 
auch Werkstatt- und Bureauunterricht in beschränktem Umfang eingeführt werden. Immer- 
hin haben diese Schulen die W'erkstattlehre bei einem Meister nicht zu ersetzen, sondern 
blos zu ergänzen. 

§ 24. Der Eintritt in eine berufliche Fortbildungsschule verpflichtet zu regelmäs>igem 
Besuche derselben bis zum Schlüsse eines Kurses. 

Der Unterricht ist unentgeltlich. 

Über das Absenzenwesen werden auf dem Vorordnungswege die notwendigen Be- 
stimmungen aufgestellt. 

§ 25. Die Errichtung einer gewerblichen oder kaufmännischen Fortbildungsschule 
hat die Anmeldung von mindesens 12 Schülern zur Voraussetzung. Einer Klasse mit 
theoretischem Unterricht dürfen nicht mehr als 30, einer Klasse mit Zeichenunterricht 
oder praktischer Betätigung nicht mehr als 20 Schüler zugeteilt werden. 

§ 26. Der Lehrj)lan ist den beruflichen Bedürfnissen anzuj^assen und soll in der 
I^^?6l 3 Jahreskurse zu 2 Semestern umfassen. Die gesamte Unterrichtszeit darf im Jahre 
nicht weniger als 40 Wochen zu 6 Stunden betragen. Für einzelne Berufsarten, deren 
Lehrzeit durchschnittlich weniger als 3 Jahre beträgt und die auch ihrer Natur nach eine 
besondere Rücksichtnahme erfordern, können Ausnahmen gestattet werden. In allen Fällen 
unterliegt der Lehrplan der Genehmigung der Direktion für das Volkswirtschaftswesen. 

§ 27. Zum Eintritt in eine berufliche Fortbildungsschule ist das zurückgelegte 
14. Altersjahr und der Ausweis über einen achtjährigen Primarschulbesuch notwendig. 
Im Falle dieser nicht erbracht werden kann, hat der Schüler sich durch eine Aufnahme- 
prüfung über den Besitz der nötigen Kenntnisse für den Eintritt auszuweisen. Für Schüler, 
die den gestellten Anforderungen nicht genügen, werden besondere Vorbereitungsklassen 
errichtet. 

§ 28. Die Staatsunterstützung erstreckt sich auf die Ausgaben für Lehrkräfte und 
allgemeine Lehrmittel. Ferner kann der Staat Beiträge an Lokalmiete, Errichtung von 
besondern Schulgebäuden, Werkstattinstallationen u. dgl. verabreichen. 

§ 29. Unbemittelten, fleissigen Schülern können angemessene Stipendien verabfolgt 
werden. Die Stipendien werden auf Antrag oder Begutachtung der Aufsichtskommissionen 
der betrefifenden Schulen hin von der kantonalen Kommission für das Fabrik- und Ge- 
werbewesen, bezw. derjenigen für das Handelswesen vergeben. 

§ 30. Es können ferner vom Staate verabfolgt werden : 
a) Beiträge an die Veranstaltung von Fachkursen und Wandervorträgen, welche die 
Förderung des Gewerbes zum Zwecke haben. Solche Fachkurse und Wandervorträge 
werden, wo es das Bedürfnis erheischt, von der Direktion für das Volkswirtschafts- 
wesen von sich aus oder unter Berücksichtigung von Anregungen beruflicher Ver- 
einigungen eingerichtet. 



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b) Stipendien zu weiterer Ausbildung unbemittelter junger Handwerker und Kaufleute, 
welche ihre Lehrlingsprüfung mit Erfolg bestanden haben. 

c) Reisestipendien an Gewerbetreibende und Arbeiter zum Besuche auswärtiger Aus- 
stellungen oder gewerblicher Bildungsanstalten. 

Ebenso wird der Staat sich bei der Errichtung und dem Betriebe von Fachschulen 
oder von Lehrwerkstätten zur Förderung bestehender oder zur Einführung neuer In- 
dustrien und Gewerbe mit angemessenen Beiträgen beteiligen. 

§ 31. Der Staat unterhält oder unterstützt Gewerbemuseen. Ihre Hauptaufgabe 
ist die Förderung von Handwerk, Kleinindustrie und Kunstgewerbe. Als Mittel hiezu 
dienen hauptsächlich : 

a) Mustersammlungen von Rohprodukten, Halbfabrikaten, vorzüglichen Fabrikaten, 

Werkzeugen und Maschinen, zeitweilige Ausstellungen. 
ö) Versuchswerkstätten. 

Bei der Anlage der Sammlungen sind vorzugsweise Erzeugnisse der Neuzeit und 
der herrschenden Geschmacksrichtung in Berücksichtigung zu ziehen. In den Versuchs- 
werkstätten sollen neue Werkzeuge und Maschinen, sowie neue technische Verfahren ge- 
prüft werden. 

Die Museen haben ferner die Aufgabe, die Einführung neuer Industrien anzuregen. 

§ 32. Fachschulen und berufliche Fortbildungsschulen, sowie Koch- und Haus- 
haltungsschulen für Töchter können von Staates wegen eingerichtet und unterstützt werden, 
vorausgesetzt, dass ihre Organisation und ihre Lehrpläne durch die Direktion für das 
Volkswirtschaftswesen genehmigt sind. 

§ 33. Der Staat sorgt für die richtige Heranbildung von Lehrern für die gewerbliche 
und kaufmännische Fortbildungsschule. 

Aufsicht und VoUiielning. 

§ 34. Der Regierungsrat ist mit der Vollziehung dieses Gesetzes beauftragt. Er 
wird auf dem Verordnungswege die hiefür erforderlichen Bestimmungen aufstellen. 

§ 35. Die Oberaufsicht über das Lehrlingswesen sowohl als über die gewerblichen 
und kaufmännischen Fortbildungsschulen wird von der Direktion für das Volkswirtschafts- 
wesen ausgeübt. 

§ 36. Über die Leistungen der Lehrer und Schüler der beruflichen Fortbildungs- 
schulen, sowie über Gang und Erfolg des Unterrichtes ist durch besondere fachmännische 
Inspektoren Bericht zu erstatten. 

Die Inspektoren werden von der Direktion für das Volkswirtschaftswesen auf An- 
trag der Kommission für Fabrik-, Gewerbe- und Handelswesen ernannt. 

§ 37. Für jede berufliche Fortbildungsschule besteht eine lokale Aufsichtsbehörde, 
deren Miteliederzahl und Wahlart von der Direktion für das Volkswirtschaftswesen be- 
stimmt wird. Sie setzt sich zusammen aus Abordnungen der Gemeinden und Korpora- 
tionen, welche die Schule unterstützen und aus Vertretern des Gewerbestandes. Die Wahl 
dieser letztern kann den im Kreis bestehenden gewerblichen und kaufmännischen Vereinen 
übertragen werden. 

§ 38. Der Direktion für das Volkswirtschaftswesen sind folgende kantonale Kom- 
missionen beigegeben : 



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a) eine Kommission für das Handelswesen von 10 Mitgliedern: 

l>) eine Kommission für das Fabrik- und Gewerbewesen von 14 Mitgliedern. 

Durch Beschluss des Kantonsrates kann sowohl die Mitg;Iiederzahl dieser Kom- 
missionen erhöht, als die Zahl der Kommissionen vermehrt werden. 

§ 39. Der Regierungsrat wählt diese Kommissionen nach Einholung von Vor- 
schlägen kantonaler Berufsverbände auf den Antrag der Direktion für das Volkswirtschafts- 
wesen. Bei Bestellung derselben ist auf eine gleichmässige Vertretung der Interessen so- 
wohl der Gewerbeinhaber als der Arbeiter bezw. Angestellten Bedacht zu nehmen. 

Den Vorsitz in diesen Kommissionen führt der Vorsteher der zuständigen Direktion. 

§ 40. Die Kommissionen haben alle Fragen, die ihnen im Gebiete des Lehrlings- 
wesens, des gewerblichen und kaufmännischen Bildungswesens und mit diesen Gebieten 
in Verbindung Stehendes vjon der Direktion vorgelegt werden, zu begutachten. 

Es steht den Kommissionen oder einzelnen Mitgliedern derselben das Recht zu, bei 
der Direktion Behandlung von Fragen, die in diese Gebiete fallen, in Anregung zu bringen. 

Im übrigen erledigen sie alle durch Gesetze oder Verordnungen ihnen überwiesenen 
Aufgaben. 

§ 41. Der Vorsteher der Direktion für das Volkswirtschaftswesen hat das Gut- 
achten dieser Kommissionen für alle wichtigeren Verhandlungsgegcnstände, die das Lehr- 
lingswesen und das gewerbliche Bildungswesen beschlagen, einzuholen, bevor er bezügliche 
Verfügungen trifft oder beim Regierungsrate Anträge bezw. Berichterstattungen einbringt. 
§ 42. Der Kantonsrat nimmt alljährlich die gemäss diesem Gesetz erforderlichen 
Beiträge in den allgemeinen Voranschlag auf. 

Die auszurichtenden Staatsbeiträge werden vom Regierungsrat auf den Antrag der 
Direktion für das Volkswirtschaftswesen und in Würdigung der Eingaben der kantonalen 
beruflichen Organisationen festgesetzt. 



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Beilage VIII. 



Postulate betreffend Publikation ausgeschätzter Schuldner. 



Postulat I. 



Der Publikation unterliegen alle volljährigen Personen, gegen welche infolge frucht- 
loser Pfändung ein Verlustschein ausgestellt wird. Schuldner, welche den Beweis erbracht 
haben, dass sie ohne eigenes Verschulden zahlungsunfähig geworden sind, sollen durch 
Verfügung des Bezirksgerichtspräsidenten der Publikation enthoben werden. 

Postulat IL 

Die Publikation soll von Amtes wegen kostenfrei im Amtsblatt erfolgen, sechs Mo- 
nate nachdem der Verlustschein ausgestellt worden ist. Gelingt es dem Schuldner in diesen 
sechs Monaten, sich mit seinen Gläubigern abzufinden, so unterbleibt die Publikation. 

Postulat IIL 

Der Publikation unterliegen alle Schuldner, über welche ein Verlustschein ausge- 
stellt wird, gleichviel, ob die Gläubiger viel oder wenig verlieren; bei Beträgen von über 
100 Fr. ist die Verlustsumme in der Ausschreibung zu nennen. 

Postulat IV. 

Wenn die im Pfändungsverfahren zu Schaden gekommenen Gläubiger schriftlich 
erklären, dass sie von dem bereits publizierten Schuldner nachträglich befriedigt worden 
seien oder der Rehabilitation beistimmen, so ist die Publikation auf Wunsch des Schuldners 
im Amtsblatt zu widerrufen und die erfolgte Rehabilitation kostenfrei zu publizieren. 



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Beilage IX. 



— 220 — 



Jahresberichtformular. 



Handwerks- und Gewerbeverein des Kantons Zürich. 
Jahresbericht der Sektion 



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Woh 



nort 



ine Bibliothek? 



Vorname ram.i.enname Beruf 

1. Vorstand : f ^^Hdent: 

,^ ] Aktuar: 

Oenaue Adresse! _ 

[ Ouästor: 

2. Mitgliederzahi des Vereins- 

3. Tätigkeit des Vereins- a) ZahU v ' "°'""^^^ ^^^»^^^--«-^-^reibende: 

Vereins, a) Zahl der Vorstandssitzungon? 

, ... , , ^^ ^'■"'^^ '^"^^ ^'ereinsversammlungen? 

' !'"" '\ ' " durchschnittliche Besuch der Versa„,™,u,„en ^ 

b. Unterhalt der Verein einen Lesezirkel oder ei, 
Welcher Art ist der Lesestoff? 

S,„d^,n,t derselben ,.ra,<tische Kurse tUr Berufliche Porthiidun, ve^unde^-nnd 

''^::r!f::;:;:::':^!"^™'-"-"-^-vera„sta,tnn«s.:,ehe;^ 

' ": ■: i;: ■ "" ""^'-^ °^" - «-^^ — . -^ k.. rar dennin:.:,.: 

9. 'VV unsche und Anregungen. 



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Namens der Sektion : 



Der Präsident ; 
Der Aktuar: 



, den 



190.. 



werbe^L^tte:;!''^ ^""""'■' ^"'' ''"^'' ^ <'™ ^■-^ «'^ "atonalen Ge- 



— 221 — 



Beilage X. 



Statuten 

des 

Handwerks- und Qewerbevereins des Kantons Zürich. 



A. Zweck des Vereins. 

§ I. Der Verein bezweckt die Vereinigung des Handwerks- und Gewerbestandes 
zur Förderung seiner Interessen. 

§ 2. Um diesen Zweck zu erreichen, ergreift der kantonale Verein die Initiative zur 
Bildung von Lokal vereinen und gibt dadurch sämtlichen Handwerkern und Gewerbe- 
treibenden, sowie Freunden des Handwerks- und Gewerbewesens Gelegenheit, ihre An- 
sichten kund zu geben und Wünsche und Begehren an den kantonalen Verein gelangen 
zu lassen, der als Zentralorgan für die Lokalvereine dient und den geäusserten Wünschen 
möglichst Rechnung zu tragen sucht. 

B. MiU^lieder und Beiträcre. 

§ 3. Der Verein wird gebildet durch die Mitglieder derjenigen Handwerks- und 
Gewerbevereine des Kantons Zürich und durch die einzelstehenden, im Kantone wohn- 
haften Handwerker, Gewerbetreibenden und Freunde des Handwerks und Gewerbe- 
wesens, die sich zu einem jährlichen Beitrage von 50 Rp. per Mitglied an die Vereins- 
kassa verpflichten. 

Die Beiträge werden je weilen anfangs Januar per Nachnahme bezogen, Nicht- 
bezahlung dient als Austrittserklärung. 

Wer im Laufe des Jahres eintritt, hat gleichwohl den ganzen Beitrag für das 
laufende Jahr zu bezahlen. 

§ 4. Die Meldung zur Aufnahme geschieht schriftlich beim Präsidenten des Lokal- 
vereins oder, wo kein solcher besteht, beim Präsidenten des Kantonalvereins. 

Die Lokalvereine haben dem Quästor des Kantonalvereins jeweilen im Laufe des 
Monats Dezember das Verzeichnis, insbesondere des Vorstandes und der Mitglieder, 
welche dem Kantonalvereine angehören, zu übermachen. 

§ 5. Männer von anerkannter Gemeinnützigkeit und Tüchtigkeit in oder ausserhalb 
des Kantons, die sich um das Gewerbe- oder Vereinswesen verdient gemacht oder die das 
Interesse des Vereins kräftig fördern werden, können zu Ehrenmitgliedern ernannt werden. 

Als solche haben sie Sitz und Stimme in den Vereinsversammlungen, sind aber aller 
pekuniären Leistungen enthoben. 

C. Leitung und Verivaltung. 

§ 6. Die Leitung des Vereins und die Verwaltung seiner Mittel geschieht durch 
einen Vorstand von 15 Mitgliedern, die auf eine Amtsdauer von drei Jahren durch die Ab- 
geordnetenversammlung mittelst offenem, absolutem Stimmenmehr gewählt werden. 



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1 1 Mitglieder sollen, wenn möglich, Vertreter der Bezirke sein; die übrigen werden 
frei aus der Zahl der Mitglieder des kantonalen Vereins gewählt. 

Die Wahl des Präsidenten aus der Mitte des Vorstandes geschieht ebenfalls durch 
die Abgeordnetenversammlung; Vizepräsident, Aktuar und Quästor werden durch den 
Vorstand selbst bezeichnet. 

Die Verrichtungen des Vorstandes sind unentgeltlich mit Ausnahme der Baraus- 
lagen; bei Sitzungen und Abgeordnetenversammlungen wird den Vorstandsmitgliedern 
zudem eine Reiseentschädigung aus der Vereinskasse entrichtet, welche der wirklichen 
l'ahrtaxe entspricht. 

Dcnt Aktuar setzt der Vorstand für seine Bemühungen eine Entschädigung fest, 
ebenso dem Quästor. 

§ ;. Der Vorstand besorgt die Vereinsgeschäfte im Sinne der Beschlüsse der Ab- 
geordnetenversammlung, namentlich : 

a) Wahrung der Interessen des Vereins nach allen Richtungen, Vertretung des Ver- 
eins gegenüber den Staatsbehörden, den Gewerbemuseen, dem schweizerischen 
Gevverbeverein etc. 

b) Sorge für Herausgabe eines Gewerbeblattes, wobei eine Vereinbarung mit den 
Gewerbemuseen Zürich und Winterthur angestrebt werden soll. 

c) Vorschläge für Ehrenmitglieder. 

d) Anregung von Wanderausstellungen, Abordnung von Wanderlehrern und Sach- 
verständigen zu Vorträgen in Lokalvereinen und Bestellung von Referenten für 
Vorträge in den Abgeordnetenversammlungen. 

e) Vorlage der Jahresberichte und der Jahresrechnung an die Abgeordneten ver- 
Sammlung. 

f) Leitung und Beaufsichtigung der Lehrlingsprüfungen. 

g) Ausgabe von Fachberichteu, Ausschreibung von Preisaufgaben. 

Der Vorstand ist als solcher eine Sektion des schweizerischen Gewerbevereins. 

§ 8. Der Präsident leitet die Verhandlungen des Vorstandes und der Abgeordneten- 
versammlungen, im Verhinderungsfalle tritt der Vizepräsident an dessen Stelle. 

§ 9. Der Aktuar führt ein Protokoll über die Verhandlungen des Vorstandes und 
der Abgeordnetenversammlungen; er besorgt die nötigen Korrespondenzen und Ausferti- 
gungen, sowie die Eintragung wichtiger Aktenstücke. 

§ IG. Der Quästor besorgt die Kasse und stellt alljährlich Rechnung. Die wichtigen 
Wertschriften sind bei einer guten Bank zu deponieren. 

D. Ahgeordnetenver sammhing. 

§ 1 1. Die Abgeordnetenversammlung besteht aus: 

a) den Mitgliedern des Vorstandes und dessen Präsidenten ; 

b) den Abgeordneten der Lokalvereine. 

Diese wählen bei 20 oder weniger Mitgliedern des kantonalen Vereins zwei, bei 
2 1 bis 40 drei und bei über 40 vier Abgeordnete. 

§ 12. Der Abgeordnetenversammlung stehen zu: 

a) Wahl des Vorstandes. 

b) Wahl einer Rechnungsprüfungskommission von 3 Mitgliedern auf 3 Jahre. 
Alle diese Wahlen geschehen durch offenes Stimmenmehr. 






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— 223 — 

c) Ernennung von Ehrenmitgliedern auf Vorschlag des Vorstandes. 

d) Schlussnahmen bezüglich des Gewerbeblattes auf Antrag des Vorstandes. 

e) Bezeichnung des Ortes der nächsten Abgeordnetenversammlung. 

f) Abnahme der Rechnung und des schriftlichen Jahresberichtes. 

g) Beschlussfassung über Wünsche und Anregungen von Seite der Lokalvereine oder 
einzelner Mitglieder auf Grundlage eines begutachtenden Berichtes des Vorstandes. 

h) Anhörung von Vorträgen über spezielle Zweige von Handwerk und Gewerbe, Be- 
sprechung über die allgemeinen Interessen des Handwerks- und Gewerbestandes, 
und diesfällige Beschlüsse, 
i) Beschlüsse über allfällige Statutenänderung oder Aufhebung des Vereins. 
§ 13. Die Abgeordnetenversammlung tritt auf Einladung des Vorstandes je nach 
Erfordernis der Geschäfte zusammen, ordentlicherweise aber wenigstens einmal jährlich 
und zwar abwechselnd in den Bezirken, in denen Lokalvereine bestehen. Jedem Mitgliede 
eines Lokalvereins, sowie jedem einzelnen Mitgliede des Kantonalvereins, steht der Be- 
such der Abgeordnetenversammlung mit beratender Stimme frei. 

Ausserordentlicherweise soll die Abgeordnetenversammlung einberufen werden auf 
Verlangen von wenigstens drei Sektionen. 

E. Anssielliingen. 

§ 14. Mit den Abgeordnetenversammlungen können gewerbliche Ausstellungen 
grösserer oder kleinerer Kreise (Kanton, Bezirk oder Gemeinden) verbunden werden und 
zwar entweder allgemeine oder nur für einzelne Abteilungen des Handwerks und Ge- 
werbes. 

Der Vorstand kann auch sonstige Ausstellungen zu geeignet scheinender Zeit ver- 
anstalten. 

Die nähern Anordnungen bleiben den Komitees der betreffenden Lokalvereine in 
Verbindung mit dem Vorstande des Kantonalvereins überlassen. 

• F. Statutenrevision und Auflösung des Vereins. 

§ 15. Gegenwärtige Statuten können revidiert werden durch Beschluss der absoluten 
Mehrheit einer Abgeordnetenversammlung : 

a) Nachdem in einer frühern Abgeordnetenversammlung ein diesbezüglicher Antrag 

gestellt, :* ' .*''. : ; : :.,; ^., . ^ 

b) den Sektionen Gelegenheit geboten«- wofr-irerC i^i,''^i«h»übÄrjdi^ vorgeschlagene Sta- 
tutenänderung auszusprechen. . , , 

§ 16. Die Auflösung des Vereins fcahu cirCsftitt^ndenr Vaiifi die^solute Mehrheit 
einer Abgeordnetenversammlung sich dafür' aifs!?pri«ht,*b5iJd^r:Ä^'eBiig^en^.iwei Dritteile 
sämtlicher Lokal vereine repräsentiert sind, ^ 

§1;. Im Falle einer Auflösung kan^i der alUäUig*j I» ond des y«re\ns^nur zu gewerb- 
lichen Zwecken oder zur Gründung eines neued Vefen>sVetwtfldtt nverjfen. 



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